Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 13 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 220 Dr. Dlocb's Mocdenscvrm. Nr. 13 Während die slavifierten Juden in Oesterreich den Wahn verbreiten, daß die Namen auf —eles nicht deutsche Namen find, hält das germanische Bokk an seiner uralten Vorliebe fiir Namen auf —eles fest. So erfuhr ich kürzlich, daß in Wien (wie in ganz Süddeutschland) eine aus Frankreich stammende Bergamotte-Winterbirne im Volke (d. h. bei den bajuvarischen Obstverkäufern) den Namen „W i r g el e s" führt. Meine Nachforschungen ergaben das merkwürdige Resultat, daß dieser Name eine volkstümlich e Umbildung des französischen Birnen-Namens „8 a Virgouleuse" ist (vgl. den Nomenclator Pomologicus von C. Mathieu, Berlin 1889, S. 301 und Rosenthal Pomologisches Handbuch für Niederssterreich 1893, S. 67 f.). Welche Vorliebe für die Endung — eles müssen daher die durch die Lektüre der Witzblätter noch nicht beeinflußten germanischen Volksschichten in Wien haben, wenn sie sich den Namen „Virgouleuse" in der Form von „Birgeles" mundgerecht machen! Aus Grund dieser Entdeckung, daß „Birgeles" und „La Birgouleuse" identische Namen sind, gab ich einem Freunde, der „Pi ne l es" heißt, den Rat, den Namen in „LaPinouleuse" zu modernisieren. Ich erhielt von ihm folgende Antwort: Mein guter deutscher Name „P i n e l e s" ist den Juden nicht mundgerecht; der Name „La Pinoul e u s e" wäre aber dem deutschen Volke nicht mundgerecht. Ich werde daher den Namen entweder in Pineloff russifizieren oder in Pinelescu rumänisieren oder in Pinelski polonifieren oder in Pinelka bezw. P i n e l e k tschechisieren bezw. magyarifieren. Dann wird der Name allen slavifierten Oesterreichern mundgerecht sein und „gut deutsch" klingen. De gustibus non est dispntandmn! In Göteborg (Schweden) teilte mir einmal ein Judenmädchen mit, daß ihr Vater bei seiner Einwanderung nach Schweden seinen häßlichen jüdischen Namen „S k u t s ch"* *) in einen schönen schwedischen Namen umgewandelt habe. Dieser Schwedenname lautete kurz und bündig: „S a m u e l s o n"?) München, März 1907. Jsaia van Arendal- Gm trauriges Peffachfest Unsere Brüder in Rumänien feiern ein trauriges Pessachsest. Die einen vertrieben vom häuslichen Herd, in der bittersten Not au der Grenze des Reiches; die wenigen, die in Rumänien geblieben, zitternd ums Leben, um ihr Hab und Gut. Die offiziösen Dementis Rumäniens, der uns telegraphisch übermittelte Schmerz Carmen Sylvas, das alles kann die Tatsache nicht wegleugnen, daß diese „agrarischen Unruhen" wohlinszenierte Judenhetzeu waren . . . Ein gar trauriges Peffachfest, traurige Parallelen. Im Vorjahre drang in die Stille der Pesiachwoche der Aufschrei unserer gequälten, gehetzten russischen Brüder. Diesmal ist es Rumänien... Und kein Ende ist abzusehen. Die Ruhe in Rußland wirkt nachgerade unheimlich, und wenn die Aufmerksamkeit von der neuen Duma erst etwas abgelenkt ist, wer weiß, was die Osterwoche den Juden in Rußland bescheeren kann! In Rumänien wüten die aufgestachelten Horden weiter. Die von Tag zu Tag eintreffenden Berichte erweisen die Unmöglichkeit, ein getreues Bild der Vorgänge zu geben, das Werk der Zerstörung läßt sich nicht schildern. Nach Burdnjenl, Bukusch, Botuschani und Bacestie erfährt man nun, daß auch Ciartasti, Papalia, Subestie und viele kleinere Ortschaften total ausgeplündert find . . . In dem tosenden Lärm dieser Ereignisse ist das Rascheln eines vergilbten Papieres kaum hörbar. Mit großem 0 Skucz ist ein flavischer Ortsname, der vielfach auch als Personenname verwendet wird. *) Derartige Zusammensetzungen von biblischen Namen mit „Sohn" sind io Skandinavien sehr häufig. Applomb wurden die Signatarmächte des Berliner Vertrages angerufen, und man glaubte für die Juden Rumäniens zumindest soviel Beistand erlangen zu können, als einstmals für ein Häuflein von Bosniaken. Ueber die Ausfüllung von etlichen Zeitungsspalten reichte die. Entrüstung und Intervention nicht hinaus . . . Nur die Haltung unseres Ministers des Aeußern, Freiherrn von Aehrenthal, wich von der sonstigen Gepflogenheit etwas ab. Wenn er offiziell auch nur der Pflicht genügen durfte, für die österreichisch-ungarischen Untertanen zu intervenieren, so ist uns doch wohl bekannt, daß Freiherr v. Aehrenthal bei der rumänischen Regierung wegen Beschützung aller Betroffenen vorstellig wurde. Wie wohlinformiert der Minister über die Vorgänge war, erhellt daraus, daß er bereits acht Tage vor Ausbruch der Unruhen dem Präsidenten der „Israelitischen Allianz", Herrn David Ritter v. Gut mann, von der bevorstehenden „Agrarbewegung" Mitteilung machte und sogar die Namen der bedrohten jüdischen Pächter nannte. Der Umfang des angerichteten Schadens ist vorläufig nicht abzusehen. Der Sekretär der „Israelitischen Allianz", der, wie bereits gemeldet, sich an Ort und Stelle begab, schreibt, daß die Verwüstungen in den einzelnen Rayons ärger seien, als seinerzeit in Kischenew blutigen Angedenkens. Der einzige Lichtpunkt in diesem trostlosen Dunkel ist die Tätigkeit der jüdischen Hilfskomitees, 'die in Czernowitz, Jtzkany, Suczawa unentwegt an der Arbeit sind, um den armen Flüchtlingen die erste Hilfe zu leisten. Das mag vielleicht für die momentane Not genügen, aber späterhin werden die armen Flüchtlinge, jetzt noch von der Schwere dieses Elends betäubt, vor der Zukunftsfrage stehen, und große Geldmittel werden notwendig sein, um nur etwas Hilfe zu bringen. Nun ist das Ministerium Cantacuzene gefallen und der angeblich liberale Sturdza ans Ruder gekommen. Es wäre optimistisch, anzunehmen, daß dieser Umstand schon die Unterdrückung der Judenhetzen bedeute, denn auch unter Sturdza hat es solche gegeben. Immerhin mag es ein Beweis für den ernstlichen Willen König Carols sein, endlich energisch einzugreifen. Heute läßt sich noch nicht denken, was die nächsten Tage bringen . . . Und unsere armen fliehenden Brüder feiern heimatlos den Auszug aus Egypten.... Ein trauriges Peffachfest . . . Max Schach erl. Protestkundgebungen und Hilfsaktionen. In dem Verein „Osten", der, hauptsächlich aus Kaufleuten bestehend, die Unterstützung von Armen aus dem östlichen Teile der Monarchie zum Zwecke hat und am letzten Donnerstag seine Generalversammlung hielt, ergriff nach dem Referat des Oberfinanzrates Rappaport der gewesene Abgeordnete Dr. I. S. Bloch das Wort. Stündlich, sagte der Redner, bringt der Telegraph neue erschütternde Kunde von Plünderungen und Brandstiftungen, sowie von tätlichen Mißhandlungen, die an unseren rumänischen Glaubensbrüdern verübt werden. Tausende und Abertausende flüchten über die Grenze unter den Schutz Oesterreichs. Vor einigen Jahren lagen zu hunderten in Wien aus dem Handelsquai die armen Flüchtlinge, Frauen, Kinder und Greise, ohne Kleider und ohne Brot, und die rumänische Regierung wußte angesichts der Entrüstung Europa nichts Besseres, als die Schrecken, die sich hier vor unseren Augen zeigten, überhaupt zu leugnen. Während die Flüchtlinge schon in Wien waren, wurde von Seite Rumäniens die Flucht noch geleugnet. Einen Appell kann man also nicht an Rumänien, man muß ihn an die europäischen Signatarmächte richten. Wir appellieren laut an die führenden Mächte der Zivilisation, die durch die stillschweigende Duldung dieser Greuel sich zu Mitschuldigen an ihnen machen, weil die Staatsverträge ihnen die gesetzlichen Mittel geben, durch Anwendung der Bestimmungen des Berliner Vertrages diese Behandlung der „Fremden" zu hindern. (Stür-