Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 13 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 218 Wr. SSiocb s Mocdenscvrm. Nr. 13 in den Reichsrat akzentuiert, gar keinen Teil. Ich für mich hatte dieselbe als antizionistisch im Prinzipe und schädlich in der Taktik. Im Prinzipe aus dem Grunde, weil der Zionismus als Ausdruck der aus den bisherigen Erfahrungen und der langen Leidensgeschichte unseres Volkes geschöpften und geklärten Idee das Axiom aufstellte, daß es in den Galuthländern keine V o l k s erlösung gibt, und notwendig als Aufgabe die Konzentrierung der jüdischen Kräfte und deren unentwegtes Hinarbeiten auf die Entziehung aus dem Galuth und Begründung einer autonomen Gemeinschaft mit einer jüdischen Majorität in unserem historischen Territorium aufgestellt hat. Wer also sich selbst einredet oder anderen emreden möchte, daß es den Juden möglich ist, in der Diaspora ein gleiches mit autonomen Rechten ausgestattetes Volk zu werden, wie die anderen Völker der Umgebung, deren Macht und Recht übrigens naturgemäß in deren Territorialität wurzelt, woran es den Juden überall fehlt, — der verfällt in den Fehler der Assimilation, die auch immer und immer wieder hoffte, daß es in der Diaspora eine volle Gleichstellung der Juden mit den anderen geben kann, und nicht wahrnahm, daß dies mit dem Aufgeben des Judentums, mit der nationalen Apostasie eng verknüpft sein muß und nur bei einzelnen Juden zutreffen kann, welche sich aber mit der Entnationalisierung abgefunden haben. Ich kann es begreifen, wenn es Anhänger der Dubnowschen Theorie gibt, die sich zwar als Nationaljuden bekennen, aber den antizionistischen Standpunkt einnehmen, daß die Judenfrage in den Galuthländern einzeln und als Nation gelöst werden könne und müffe. Diese appellieren an taube Ohren im Namen der Geschichte, der Philosophie und der ewig werdenden, doch für die Juden niemals ausreifenden Gerechtigkeit. Aus Achtung vor jeder ehrlichen Ueberzeugung könnte ich diesen Nationaljuden keinen Vorwurf aus ihrem folgerichtigen Benehmen machen, wenn sie sich in den einzelnen Ländern der -Diaspora organisieren und nebst allgemeinen menschlichen auch volkliche Rechte zu erringen suchen. In Rußland, wo unser Volksstamm am meisten ausgebreitet und der größten Rechtlosigkeit preisgegeben ist, wo aber die Erfahrungen mit der Emanzipation in den Westländern fehlen, ist sich nicht zu verwundern, daß derlei Theorien und Doktrinen nicht nur bei den Juden, sondern auch bei der gerechten, nach Freiheit durstenden Auslese der anderen Nationen aufkommen, ja quasi in der Atmosphäre der frischen Freiheitsströmung liegen. Bedauerlich ist nur, daß sich auch dort ein Teil der Zionisten als solche, um den Vorwürfen der Bundisten zu begegnen, um nicht als im Lande untätig und reaktionär zu erscheinen, von der allgemeinen normalen und zugleich abnormalen Strömung zu einer innerpolitischen Tätigkeit verleiten ließe«, die ganz außerhalb der Sphäre und jenseits der Tendenzen deS Zionismus gelegen erscheinen muß. Aber auch dort ist schon ein besonders hervortretendes Abflauen in der Betätigung dieser in Rußland gewiß nicht ungefährlichen Diversionen wahrnehmbar und an Stelle von zwölf jüdischen Abgeordneten, darunter fünf Zionisten, in der ersten Duma finden sich in der zweiten nur noch drei, darunter ein Zionist. Geradezu rührend war es, wahrzunehmen, wie unsere Zionisten in Helfingfors, vom Gefühle des Dilemmas übermannt, in welchem sie sich befanden, indem sie einerseits hinter sich die antreibende Peitsche der Revolutionäre und in sich den Widerspruch mit ihrem zionistischen Lebensprinzipe fühlten, diese Kluft damit zu überbrücken suchten, daß sie das System der sogenannten „Plattform" erfanden. Man wäre geneigt, sich an den Goethe'schen Ausspruch zu erinnern und denselben zu variieren: „Wo Begriffe sich widerstreiten, stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein." Bei uns in Oesterreich lag hiezu gar keine Nötigung vor, wenn es auch da Dubnowisten geben kann. Die Verquickung innerpolitischer Tätigkeit mit dem Zionismus ist aber auch taktisch verfehlt und kann für denselben von heillosen Folgen werden. Nicht nur bei den Christen, sondern auch bei den Juden werden hiedurch falsche Auffassungen über den Zionismus erweckt und die Uebelwollenden würden dann mit einem Scheine von Recht behaupten können, daß das Streben nach Zion nur Maske sei, um die Juden in den einzelnen Ländern zu dem Zwecke zu organisieren, in diesen Ländern selbst einen Teil der Macht an sich zu ziehen. — Gönnt man dies kaum den einzelnen geistig überragenden Juden, so wird man das den Juden als Nation gewiß nicht gewähren. Alle christlichen Mächte und Völker würden sich viel leichter dazu verstehen, uns das ihnen nicht gehörige Palästina zu überlassen oder doch dem Streben der Territorialisten, sich sympathisch zu erweisen, als daß sie es zugeben, daß die Juden als Nation sich an der staatlichen Macht der Regierung und Verwaltung beteiligen. Wer sich darüber täuscht, bekundet einen Mangel an Auffassung der realen Verhältnisse und an politischem Feingefühl. Ich möchte gerne ein falscher Prophet sein, wenn ich der Befürchtung Ausdruck gebe, daß die an politischer Vorsicht und Voraussicht viel zu wünschen übrig lassenden Berührungen mit dem Polenklub zu einer Vermehrung des Hasses und Vervielfältigung der Unterdrückung der armen, ja der ärmsten Juden in Galizien führen könnten, daß das Einmischen in den Streit zwischen Polen und Ruthenen das Schicksal jenes Intervenienten herausbeschwören könnte, demgegenüber sich die zwei Kämpfer vereinigen, um über ihn herzufallen. Es hätte nicht vergessen werden dürfen, daß sich der Polenklub, Motiv und Absicht mögen welche immer gewesen sein, doch in einzelnen Fällen der Juden angenommen hat. Ich würde mich sehr freuen, wenn diese Exkursion unserer Gesinnungsgenossen aus das inländische politische Gebiet, dem ich doch nur die Lebensdauer der Eintagsfliege prognostiziere, ohne weitere schwere Folgen für den Zionismus verlaufen würde. Schon hat derselbe durch die intensive Beschäftigung mit innerer Politik, Erregung der Gemüter und Ablenkung derselben von der zionistischen Arbeit und Propaganda stark gelitten und dürften trotz des erwarteten Zuflusses von Leuten, die glauben, daß durch diese Tätigkeit 1>er Zionisten ^etwas für den eigenen Vorteil zu erreichen ist, die Scheckeleingänge auch bei uns in Oesterreich ein starkes Minus aufweisen. Was die Kandidatur des Herrn Dr. Bloch in der Leopoldstadt I anbetrifft, so bin ich, verehrter Freund, nicht in der Lage, Ihrem Wunsche zu willfahren, nämlich dieselbe kräftig zu fördern. Ich bin schon über sechs Jahre vom zweiten Bezirke weg. Aber ich sehe die Kandidatur sehr gerne und wünsche derselbendenbestenErfolg imJnteresse unseres Volkes. Ich habe persönlich nie eine Differenz mit Herrn Dr. Bloch gehabt und, wenngleich mir sein seinerzeitiger Kampf gegen unseren verewigten Führer und den politischen Zionismus durchaus nicht sympathisch war, so bin ich objektiv genug, Ihnen zuzugestehen, daß sein Auftreten gegen Rohling allein schon eine um das Judentum hochverdiente Tat war. Auch sein wiederholtes Eingreifen in Momenten, als ein Schneider und Gregorig, von getauften gottverlassenen Juden inspiriert, Verdrehungen von Talmud- und Midraschstellen vorbrachten, daß er ihnen immer sofort das Falsche und Lügenhafte nachwies, waren Handlungen, wofür wir ihm umsomehr Dank und Anerkennung schuldig sind, als die anderen jüdischen Abgeordneten aus Mangel an Kenntnis ihres nationalen Schrifttums sich in die Ecke verkrochen und nicht den Mund aufmachten. In unserem Parlamente ist es geradezu eine Notwendigkeit, daß wenigstens ein jüdischer Abgeordneter da sei, der die hebräische Sprache beherrscht, und, mit unserer mehrtausendjährigen Literatur vollständig vertraut, mit dem Rüstzeug aus diesem Arsenale der Offenbarung der Menschenliebe und der höchsten Morallehre ausgestattet, den Lügnern und Verleumdern des jüdischen Volkes entgegentreten kann. Ich halte Herrn Dr. Bloch für diesen Mann und habe es wiederholt Freunden und maßgebenden Wählern gegenüber betont, da ich in Fragen von so weittragen-