Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 13 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 216 Dr. Lwcb's MocbenscbrlN. Nr. 13 tan, um den kleinen rumänischen Staat an seine völkerrechtlich verbriefte« Verpflichtungen wirksam zu mahnen, solchen Greueln vorzubeugen? Es sind nahezu acht Jahre, daß in einer Generalversammlung der Wiener „Israelitischen Allianz" von mir der Antrag gestellt wurde: „Es möge der Präsident Herr David Ritter von Gut mann aufgefordert werden, bei den europäischen Finanzmännern dahin zu wirken, daß dem rumänischen Staate insolange das verlangte Anlehen nicht gewährt werde, als nicht der grausame Druck gemildert werde, welcher auf den armen rumänischen Juden lastet." Als im Jahre 1895 in der Kammer der Abgeordneten des Königreiches Italien ein Antrag vorgelegt worden, den bedrängten Rumänen in Siebenbürgen die Sympathien des italienischen Volkes auszusprechen, habe ich sämtlichen Kammermitgliederu Italiens eine von mir verfaßte Denkschrift über die traurige Behandlung, welche die Juden im Königreich Rumänien erfahren, übermittelt. Dieses „Schreiben des Reichsratsabgeordneteu Dr. Josef Bloch an die Mitglieder des Parlamentes im Königreich Italien" wurde bald in die italienische und englische Sprache übertragen. *) Der erwähnte rumänenfteundliche Antrag verschwand hierauf plötzlich von der Tagesordnung der Kammer und die führenden Organe der öffentlichen Meinung Italiens erMrten damals rund heraus, daß die öffentliche Mahnung des österreichischen Abgeordneten ihre volle Berechtigung habe und daß das italienische Volk mit seinen Sympathien für Rumänien zurückhaltett muß, insolange dieses Land seine völkerrechtlichen Verbindlichkeiten nicht einlöst. Im Juli 1902 tagte in Brüffel der Kongreß zugunsten der verfolgten Armenier in der Türkei. Den Mitgliedern dieses Kongresses habe ich auch über die verfolgten Juden in Rumänien eme Attensammlung vorgelegt unter dem Titel: „Die Judenfrage in Rumänien. Eine Aktensammluug, vorgelegt dem Brüsseler Kongreß „pro Armenia“ vom 17. und 18. Juli 1902". Leider stand ich immer vereinsamt und vereinzelt, ohne die geringste Förderung und Unterstützung seitens der hiezu berufenen und verpflichteten Faktoren der jüdischen Gemeinschaft in Oesterreich. V. Die mich als „jüdischen Klerikalen" anschwärzen zu können glauben, verweise ich auf die Tatsache, daß ein Mann, wie der unvergeßliche Adolf Fischhof mich gefördert, mir seine Anerkennung öffentlich ausgesprochen. Er schrieb mir einmal wörtlich: „Sie haben trotz der Jntriguen Ihrer zahlreichen Gegner glänzend gesiegt. Ich beglückwünsche Sie wärmstens und hege die Zuversicht, daß Sie Ihre Begabung, Ihre sittliche und geistige Kraft, mit der Sie Ihren Glaubensbrüdern bereits fo nützlich waren, fortan in den Dienst der gesamte» öffentlichen Wohlfahrt stellen." Einem klerikalen Juden hätte ein Adolf F i s ch h o f solche Worte nie geschrieben. Ich bin etwa so klerikal, wie der verstorbene Prediger Jsak Noe Mannheimer, den die Demokraten des Sturmjahres 1848 in den Kremfierer Reichsrat entsendet haben. VI. Einer der Wahlagitatoren, der mehr durch ungestüme Energie als durch Geist und Witz sich auszeichnet, hat in einer der letzten Wählerversammlungen das Schlagwort ausgegeben: „Wir brauchen keine» Talmud im Parlament". So wie das Wort gesprochen wurde, ist es gewiß richtig: Das Parlament ist keine Synode und die Religionsfragen gehören *) „Agli onorevoli colleghi della Camera italiana dei deputatL Lettera aperta di J, 8. Dr. Bloch, Deputate al Parlamento austriaco.“ „To mj Estemeed Collagues, The Memhers of the Italian Parliament. An Open Letter of Dr. J. 8. Bloch, Member of the Austrian Parliament. London: Wertheimer, Lea & Co. Circus Place, London Wall. 1895.“ nicht in seine Verhandlungen! Allein tragen denn wir die Schuld, wenn sich die Gegner des Judentums im Parlament vermessen, die giftigsten Waffen gegen uns gerade aus unserer Religion schöpfen zu wollen, einer Religion, die an ethischem Wert gewiß hinter keiner anderen zurücksteht? Professor Sturm und der Dr. Scheicher fragen nicht, was der oder jener Herr aus der Leopoldstadt im Parlament sich wünscht. Während meiner zwölfjährigen parlamentarischen Wirksamkeit habe, ich noch nie eine Juden- oder Talmuddebatte angeschnitten, wohl aber stand ich bereit, jedermann Rede und Antwort zu stehen. In den späteren Jahren haben auch die antisemitischen Kampfhähne in meiner Anwesenheit es weislich vermieden, das religiöse Thema anzuschneiden, weil sie erfahrungsgemäß schlecht davongekommen waren. Daher kamen dann die energischen gemeinsamen Bemühungen aller antisemitischen Parteihäuptlinge, den einzigen unbequemen Juden aus den Hallen des Parlamentes zu entfernen. Wenn aber mit jenem Schlagwort die Tendenz zur Geltung ringt, wir möchten die Angriffe auf unsere Religion mit Stillschweigen hinnehmen, auf Beschimpfungen, die unser Schrifttum treffen, nicht reagieren, wie jener spaßige jüdische Parlamentarier, der sich entschuldigte, er habe den Talmud — nicht verfaßt, so offenbart sich darin die ganze Kurzsichtigkeit der Kleingeister. Die Gleichgültigkeit gegen Angriffe, die sich nicht gegen den einzelnen Juden, sondern gegen das Gesamtjudentum richten, zeigt von mangelnder Kenntnis des großen Einflusses, den die Welt der Ideen auf die Gestaltungen des realen praktischen Lebens ausübt. Die Aufzehrung des Kleinen durch das Große ist ein hartes, aber allgemeines Naturgesetz. Das Los der Minoritäten war immer ein gefährdetes, Verleumdung, Verfolgung, gänzliche Aufreibung und Vernichtung ihr stetes Geschick. Seit je war es ein großes Wagnis und es bedurfte großen Opfermutes, einer nationalen oder religiösen Minorität anzugehören. Die Majorität ist stets im Rechte, denn sie hat Macht; sie vertritt überall die „öffentliche Meinung", das „allgemeine Wohl", das ßeitiv unb Naturgemäße"; die Minoritätdagegenist-4m steten Unrecht, befindet sich im Widerspruch mit den anerkannten Autoritäten, mit den öffentlichen Gewalten und mit der Volksstimmung. Jeder kleinere Körper muß seine Sonderstellung aufgeben, sobald die Attraktion eines größeren auf ihn einwirkt. Gleich den kleineren Himmelskörpern, denen es nur vergönnt ist, ihre Bahn ruhig zu durchmeffen, wenn sie durch zwei entgegengesetzte Einwirkungen der Attraktion, die sich einander parallelisieren, in ihrer Bahn erhalten werden, so sind auch im Völkerleben die Minoritäten nur dann vor dem Untergange geschützt, wenn sie sich vor der Anziehungskraft der Majorität durch entgegengesetzte Kräfte in der Ferne zu schützen in der Lage sind. Die Judenheit bildet eine Minorität in allen Ländern und es fehlt ihr auch die schützende Kraft von Außen, denn nirgends, auch nicht in dem kleinsten Winkel der alten oder neuen Welt, hat sie Macht oder Herrschaft. Daß sie nicht längst der übermächtigen Gewalt erlegen, daß sie sich in Niedrigkeit und Verachtung, in Leiden und Bedrängnis und auch in der kurzen Zeit der freiheitlichen Gestaltung des Staatslebens aufrecht erhielt, dankt sie gewiß nicht der übermächtigen Lebenszähigkeit der Rasse oder ihrer überragenden politischen Klugheit und Einsicht, sondern lediglich der inneren Berechtigung des Judentums. „Nicht durch Kraft, nicht durch Stärke, sondern durch den Geist" lebt das Judentum. Das ist ein kulturhistorisches Zeugnis für unsere Mission im Dienste der Menschheit. Nur die exzeptionelle jüdische Idee, welche eine geschichtliche Notwendigkeit ist, hat die Judenheit vor dem Untergang bewahren können. Das Zentrum des Daseinskampfes für die Judenheit der modernen Zeit bildet die Idee der Gleichberechtigung, gegen welche der gesamte Heerbann des Antisemitismus aller Länder den Sturmlauf unternommen hat. Die Basis der Emanzipation, ihre allererste Voraussetzung ist die Existenzberechtigung des Judentums für die moderne Zeit. Nur wenn die Idee des Judentums daseinsberechtigt ist, nur wenn wir dieser Daseinsberechtigung Anerkennung erzwingen, können wir von unseren christlichenMitbürgernGleichberechtigungfordern.Mitdem Momente aber, wo die Judenheit selber die jüdische Idee verleugnet, ist