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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-03-29 · 13 (29.3.1907) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
13 (29.3.1907)
Date
1907-03-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 13 Dr. Llocb's Mocdenscbrttt. Seite 215 mit dem Odium des Kirchenhasses belasten. Ist unsere Position in Oesterreich so günstig und in Europa sostark, daß wir auch solche Experimente wagen dürfen? Im kommenden Reichsrat wird eine überwältigende Majorität der rücksichtslosesten, kircheneifrigen Klerikalen aus allen Kronländern sich zusammenschließen, und der einzige Vertreter, den die schwer bedrängte, angefeindete, jüdische Minorität aus Westösterreich entsendet, sollte, belastet mit der Vergangenheit einer aggressiven, kirchenseindlichen Agitation, in das Haus einziehen! Vor einem solchen verhängnisvollen Fehler muß jeder Jude, der ehrlich und treu zu seinem Volke hält, eindringlich warnen! Nein, Herr Neustadtl. Nicht die Wahl Dr. B l o ch s, sondern die des Herrn Dr. Ofner muß und wird die antisemitischen Instinkte des christlichen Volkes gegen uns aufreizen und wecken. Männer von politischem Scharfblick und reicher Erfahrung — einer von ihnen, unstreitig der klügste politische Kopf in Oesterreich — haben das im vertraulichen Kreise offen einbekannt. Es ist eben die .Tatsache, daß Herr Dr. Ofner, vor dessen Wissen und Charakter ich mich gerne neige, in seinem öffentlichen Wirken den engen Jnteressenkreis der verfolgten kleinen jüdischen Minorität überhaupt nie in den Kreis seiner Erwägungen gezogen, oder wie Herr Hofrat Baron Hock rühmend von ihm gesagt hat, „über den engen Standpunkt des Judentums längst hinausgewachsen ist". Die jüdischen Wähler der Leopoldstadt haben aber ein Anrecht auf einen Vertreter, der mit ihnen und ihren Empfindungen und Interessen noch innig verwachsen und nicht über sie hinausgewachsen ist. in. Das ist die Tragik des jüdischen Volkes! Da wird einer seiner Söhne reich, sein Glück steigt in die Höhe, er erbaut sich einen Palast, eine kostbare Villa und er zeigt der ganzen Welt seinen immensen Reichtum. Die antisemitischen Blätter und die antisemitischen Agitatoren zählen morgens, mittags und^ abends die Anzahl der Millionen, welche dieser reiche Jude besitzt oder nach ihrer Phantasie besitzen soll und mit freigebiger Großmut verdoppeln und vervierfachen sie seinen Reichtum. Sie reden aber nicht von dem Juden, sondern von den Juden, von den jüdischen Ausbeutern, welche durch Volksbetrug Reichtümer erwerben, während das christliche Volk verarmt. Das Glück dieses einzelnen Juden entfacht den Haß und den Neid gegen das gesamte Judentum. Er selber aber — je höher er steigt — desto mehr entfernt er sich von seinen leidenden Brüdern, desto weniger zählt er sich zu dem Judentum, er bemüht sich, seine Abstammung zu vergeffen, in der Einbildung, dadurch sie anderen auch vergessen zu machen. Vor seinem Tode hinterläßt er Stiftungen für notleidende Menschen ohne Unterschied der Konfession und die Stiftungsverwaltung sorgt schon dafür, daß arme Juden von den Wohltaten der Stiftung ausgeschlossen bleiben. Alle diese Männer wachsen solcher Art allmählich „über den engen Standpunkt des Judentums" hinaus. Das geht nicht so nur mit dem reichgewordenen Juden, mit dem jüdischen Millionär, das geht auch häufig so mit dem jüdischen Gelehrten, der zu Rang und Stellung emporsteigt. Er wächst schnell über den engen Standpunkt des Judentums hinaus. Der Eine tritt aus dem Judentum aus, um die Professur zu erlangen, und der Andere verläßt es, weil er Professor geworden ist. Der Eine sucht als Arzt, der Andere als Advokat in der Untreue Zuflucht und Chancen. Und während sie gegen das Volk ihres Blutes und ihrer Abstammung schnöden Verrat üben, erwählen sie als Politiker die Spezialität der Gesinnungstüchtigkeit und treten auf als Vorkämpfer demokratischer und „sozialfortschrittlicher" Ideen. Das erinnert an jenen begeisterten Vorkämpfer für Frauenrecht und Frauenwürde, der zu Hause gar kein so zärtlicher Gatte, sondern ein gewalttätiger Tyrann ist. Wenn aber solche Männer, die sich öffentlich von unserer Gemeinschaft losgesagt und an unserem Geschick und unserem Leid keinen Anteil haben wollen, sich anmaßen, jüdischen Wählern, die treu das jüdische Martyrium tragen, politische Ratschläge zu erteilen, so ist kein Ausdruck scharf genug, eine solche Ungehörigkeit zu brandmarken. Einer aus dem Kreise dieser „schmaddsüchtigen" Gesellschaft hat sich unlängst in einer Versammlung mit dem charakteristischen Worte: „Ich bin zufällig als Jude geboren", präsentiert. In der Welt des Geistes gibt es aber keine Zufälle. Die Vorsehung hat uns als Juden geboren werden laffen, die erste Forderung an jeden Ehrenmann ist, bei der Fahne zu bleiben! Bei einer Fahne, die 3000 Jahre getragen worden ist, und es haftet kein Makel an dieser Fahne; Blut genug, aber unser eigenes! Das Blut unserer Märtyrer, die ihre Ueberzeugung um schnöden Vorteil nicht verleugnen mochten. Wenn wir also Juden sind, so hat die Vorsehung uns als Juden geboren werden lassen. Und wenn es wäre, wenn es Zufall wäre, daß wir als Juden geboren sind — was von Natur ein Zufall ist, das ist durch das Sittengesetz Notwendigkeit, das wird durch das Sittengesetz zur inneren Bestimmung; wo einer geboren ist, da wird ihm auch eine bestimmte Wirksamkeit angewiesen. Das Sittengesetz ist allgemein, aber es beziehen sich die sittlichen Forderungen auf die gegebenen Verhältniffe, in denen ein Mensch geboren wird. Ganz spezifische, ganz bestimmte Forderungen kommen für jeden Menschen aus dem Ort her, wo er geboren ist, aus der Familie, dem Stamme, dem Staate, und weil er das Sittengesetz erfüllen muß, kann er die bestimmten Forderungen nicht nach seinem Belieben abweisen. Patriotismus ist eine allgemeine sittliche Pflicht, aber wenn ich als Franzose oder Oesterreicher geboren bin, dann ist nicht der Patriotismus überhaupt, sondern gegen mein spezielles Vaterland meine Pflicht. Es war immer schwer, ein Jude zu sein. Die Charakterlosigkeit hatte aber nie gewagt, in den Mantel der Tugend sich zu hüllen und als öffentlicher Sittenprediger aufzutreten! IV. „Nehmt doch", so sprach einmal ein jüdischer Patriot, „nehmt doch allen Jammer zusammen, den weltliche und geistliche Despotie mit ihren Henkersknechten Einzelnen und Nationen zugefügt haben, meßt, wenn ihr es könnt, die Tränenströme, welche Menschen je über verkümmerte Existenz, über zertretenes Glück über fehlgeschlagene Hoffnung vergossen haben; vergegenwärtigt euch die Marter, welche eine überreizte Phantasie in den tausend Heiligenlegenden zum Seelenschauer der Gläubigen ausgemalt hat, ihr erreicht noch nicht den ganzen Umfang des Elends, welches das Märtyrervolk Jahrhunderte hindurch still mit flehentlicher Duldermine erfahren hat. Als wenn sich alle Mächte der Erde verschworen hätten — und sie hatten sich wirklich dazu verschworen — den jüdischen Stamm aus dem Kreise der Menschen zu vertilgen oder ihn in eine vertierte Horde zu verwandeln, so haben sie ihm zugesetzt. Zu den Wunden, den Faustschlägen, den Fußtritten den Scheiterhaufen kam noch der Hohn dazu. Und dieselben, welche Schmach und Hohn über Israel verhängten und es so in den Straßenkot schleiften, erkannten seinen Ursprung an, verherrlichten seine Vergangenheit, stellten seine Propheten und Gottesmänner neben ihre „Heiligen", sangen seine Lieder in ihren Gotteshäusern, schöpften aus seiner Lehre Erfrischung und Trost, eigneten sich aber alle diese Herrlichkeiten an, als wenn es ihr Eigentum wäre. Sie rissen dem jüdischen Volke die Krone vom Haupte, setzten sie sich auf und beerbten den Lebendigen. Diese Jammerszenen darf die Geschichte nicht verschweigen, muß sie vielmehr vorführen und veranschaulichen, nicht um den Enkeln der gehetzten Schlachtopfer einen Stachel in die Brust zu senken und die Rachegeister wachzurusen, sondern für die Duldergröße dieses Volkes Bewunderung zu erwirken und die Tatsache zu bezeugen, daß es, wie sein Urahn, mit Göttern und Menschen kämpfte und Sieger blieb". Die Schauerszenen, welche sich hart an unserer Grenze abspielen, die Greuel, die wiederum einmal gegen unsere Brüder in Rumänien verübt werden, erfüllen uns mit Ehrfurcht und Bewunderung vor dem Heldentum, der Leidensstärke, dem Opfermut unseres Stammes, der inmitten aller entsetzlichen Verfolgungen in seiner Treue nicht wankt! Die Entrüstung über die unter den Augen der rumänischen Behörden begangenen Verbrechen kleidet sich in Form von mehr oder minder gut stilisierten Protesten. Was aber haben unsere Führer und Politikr ge-

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