Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 13 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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(©eite 214 Or. Llocb s Wocvenscvcttt. Ar. 13 meinerseits muß es lediglich den geehrten Wählern anheimgeben, ob sie mir wegen dieser Sünde die Absolution erteilen wollen! II. Es ist erstaunlich, welch tolle Gedanken die Siedehitze des Wahlkampfes in den Gehirnen mancher Leute ausbrütet, welch absonderliche Ideen von ^schlauen Wahlmachern ersonnen und von Gimpeln geglaubt werden! Um in den meiner Kandidatur freundlich gesinnten gutjüdischen Kreisen eine Stimmung gegen mich künstlich zu erzeugen und zu verbreiten, wird auf die angebliche Tatsache hingewiesen und in den Wählerversammlungen von der Rednertribüne herab mit weithin schallender Stimme verkündet, daß die antisemitischen Parlamentsexzesse, seitdem Dr. Bloch des Mandates entkleidet worden, allmählich „abgeflaut" haben! Wenn man Wählern in einem verschlagenen Dorfe derlei erzählen würde, so brauchte man sich nicht darob zu verwundern. Erstaunen muß man nur, in Wiener Wählerversammlungen solche Schlagworte zu vernehmen. Die größte antisemitische Untat, welche gegen das österreichische Judentum verübt worden, das Justizverbrechen gegen Hilsner, wurde zwei Jahre nach meinem Ausscheiden aus dem Parlament inszeniert und war nur, wie das klassische Werk Dr. Nußbaums dokumentarisch belegt, möglich durch fortgesetzten unbehinderten Mißbrauch der parlamentarischen Tribüne zur Einschüchterung und Vergewaltigung der Justizfaktoren. Deutschland hat sich solcher Anschläge in den Prozeflen Könitz und Xanten glücklich erwehrt und in Oesterreich habe ich während meiner parlamentarischen Tätigkeit die gleichen Versuche des verstorbenen Pfarrers Dr. Josef Deck er t in Wort und Schrift und mit Hilfe der Gerichte vereitelt. Allerdings hat durch mehrere Jahre der tobende Lärm der parlamentarischen Obstruktion auch die antisemitischen Redeexzefse übertönt und in den Hintergrund gedrängt. In Momenten aber, als die Obstruktion geruht hat, waren Juden und Judentum stets Ziel und Objekt der Anklagen und Beschimpfungen, die leider ohne nachdrückliche sachgemäße Erwiderung blieben, so daß der Oberrabbiner Herr Dr. Güdemann sich veranlaßt gesehen hat, in einer in der „Neuen Freien Presse" publizierten Zuschrift seinem Bedauern und seinem Erstaunen Ausdruck zu geben, daß bösartige Verleumdungen gegen das Judentum von der parlamentarischen Tribüne herab in alle Teile des Reiches verbreitet werden, ohne Abwehr und Erwiderung zu finden. Der Herr Oberrabbiner fügte damals hinzu: Man ist versucht, das alte Wort: „Ist kein Dalwig da?" zu variieren und auszurufen: „Ist kein Bloch mehr da?" Eine Wahlblüte verwandten Genres bildet das Schlagwort : „Dr. Bloch schasst und schürt eigentlich den Antisemitismus, vermehrt den Haß gegen uns und schadet mehr als er nützt." Demgegenüber darf ich wohl auf die Tatsache Hinweisen, daß ich während meiner zwölfjährigen parlamentarischen Tätigkeit nicht ei» einziges Mal von dem Präsidenten znr Ordnung gerufen worden bin, und nicht einziges Mal ist gegen mich der Mißbilligungsausschuß zusammenberufen worden. Wenn es auch wahr ist, daß ich die Sache des jüdischen Volkes mit der größten Leidenschaftlichkeit zu verfechten mich gedrängt fühle, so ist mir nie im Eifer der Rede auch nur ein einzig^ Wort entschlüpft, welches geeignet gewesen wäre, die religiöse» Empfindungen der christlichen Mitglieder des Abgeordnetenhauses zu verletzen; nicht ein einziges Wort ist durch den langen Zeitraum hindurch dem Gehege meiner Zähne entschlüpft, welches ich nachträglich zu bedauern gehabt hätte und welches dem Ansehen und den Interessen des Judentums zuwider gewesen wäre. Allerdings, wenn ich auf diese Zeugnisse der Vergangenheit verweise, antwortet man mir wiederum, „für das Gehabte gibt der Jude nichts". Ich soll nicht von der Vergangenheit reden und lieber von der Zukunft sprechen. Wie anders aber kann ich mich gegen derlei Vorwürfe wehren, als mit dem Hinweis gerade auf diese Vergangenheit! Allein gerade das mir gegenüber vielzitierte Sprichwort: „Für das Gehabte gibt der Jude nichts" enthalt wie so vieles Andere, was über Juden und Judentum verbreitet wird, eine historische Unwahrheit. Kein anderes Volk auf Erden zieht in solchem Maße seine Lebenskraft und seine zähe Lebensenergie aus den Erinnerungen der Vergangenheit, wie gerade das jüdische. Beinahe alle jetzt existierenden Völker haben im Laufe ihres historischen Lebens traurige und fröhliche Momente durchlebt. Ebenso wie wir von der egyptischen Knechtschaft, so befreiten sich auch die Germanen, Briten, Gallier von der Knechtschaft der Römer; — die Russen — vom Joche der Tartaren usw., dabei feiert aber kein einziges dieser Völker alljährlich die Gedenktage dieser längst vergangenen Ereignisse; nur wir Juden feiern jahraus jahrein den Gedenktag der uralten, vor Tausenden von Jahren stattgehabten Ereignisse, sogar solcher, die augenscheinlich bereits die große Bedeutung verloren haben, welche sie seinerzeit hatten. Die Lage unseres Volkes in Rumänien, Persien und Marokko ist nicht besser, sogar teilweise noch jetzt schlechter als die Lage unserer Ahnen in Egypten. Aber in Anbetracht der charakteristischen Eigentümlichkeiten unserer. Geschichte haben die Ereignisse der Vergangenheit und die mit ihnen verknüpften nationalen Erinnerungen für uns eine weit größere Bedeutung, als solche Erinnerungen bei anderen Völkern. Das erweist sich auch bei den gegen mich ersonnenen bauernfängerischen Lügen.' Als Moses, der große Volksführer, Freiheit und Erlösung den Brüdern verkündete, da waren viele, die in Jauchzen ausbrachen, „sie knieten nieder und verbeugten sich" (Exod. IV, 31), Andere aber waren unwillig, haben ihn als Ruhestörer angesehen. Sie sagten ihm ins Gesicht: „Laß ab von uns — wir wollen den Egyptern untertan sein." (Exod. XIV. 12.) Moses versammelte „die Aeltesten des Volkes" um sich, sie sollten ihn im Kampfe für die Freiheit und das Recht des Volkes unterstützen: Anfänglich stimmten sie - ihm bei und hörten seinen Reden zu. Als er aber sich aufmachte, zu Pharao zu gehen, vor dem Könige zu reden, da hatten sich diese Großen, einer nach dem anderen, sachte hinweggeschlichen, bevor sie noch an den Palast des Königs kamen, wie etwa die jüdischen Abgeordneten im österreichischen Parlament, wenn der Präsident verkündete: „Der Herr Abgeordnete Dr, Bloch hat das Wort." Und der große Volksführer, welcher vor Pharao und seinen Ministern von den unveräußerlichen Rechten des Volkes auf Freiheit und Erlösung redete und den Zorn des Tyrannen nicht scheute, mußte von seinen Volksgenossen die schwere Anklage vernehmen „Gott soll euch strafen, daß ihr «ns anschwärzt bei Pharao nnd seinen Dienern. Ihr drückt ihnen das Schwert in die Hand, uns zu töten." (II B. M., V. 21). Damals also, vor vier Jahrtausenden, hat es der Leute viele gegeben, welche Moses und Aron zugerufen haben, sie sind es, die den Antisemitismus schassen, die Feinde reizen, dadurch, weil sie für das Volk Freiheit und Recht kühn und unerschrocken forderten. „Die Dummen werden nicht alle" — sagt der Berliner. Allein die auf eine Irreführung der Wähler berechneten Ausstreuungen, zu deren Träger vornehmlich der Hauptwahlmacher des Herrn Dr. O f n e r sich hergegeben hat, nämlich, daß meine Wahl geeignet sei, den antisemitischen Instinkten der christlichen Volksschichten neue Nahrung zuzuführen, fordert eine nachdrückliche energische Zurückweisung. Kein unbefangener Christ wird dem Juden es verargen, daß er einem treuen Volks- und Glaubensgenossen seineStimme gibt. Wenn dagegen in diesem Wahlbezirke mit ausgesprochener jüdischer Majorität die Wahl eines Mannes erfolgt, der die spezifischen jüdischen Interessen nie als die seinigen angesehen und anerkannt, sie öffentlich zu vertreten sich niemals für berufen erachtet hat, der aber in vorderster Reihe der Kämpfer gegen die Kirche und ihre Institute seit je stand, in die inneren Angelegenheiten der Kirche wiederholt agitatorisch eingegriffen hat, so muß — ob wir wollen oder nicht — eine solche Wahl die gesamte österreichische Judenheit mit dem Kampf gegen die Kirche identifizieren, mit der vollen Verantwortlichkeit für diese Agitation