Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 12 (22.3.1907)
- Date
- 1907-03-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 12 Dr Llocb's Mocbenscbrirr Seite 2V7 das ganze Geld für Kleider, Näschereien und Vergnügungen hinauszuwerfen. Ach, eine solche Frau würde ihn beherrschen wollen, würde ihm das Leben zur Last machen! Nein, nein, das war nichts für ihn! Hanele, das liebe Hanele, war eine echte Tochter Israels. Sie wäre eine gute Hausfrau; sie würde ihm gewiß auch im Geschäft beistehen, würde ihn in die Synagoge begleiten, wäre ihm die beste Gefährtin. Und das war es, wessen ein Mann wie er bedarf. Eine englisch sprechende Frau müßte er „Darling" nennen und dieses Wort hatte keine Bedeutung für ihn. Zu Hanele könnte er sagen : „Meine Kreinele, mein Gold." Ach, wie wohlklingend deuchten ihm diese Worte, wie viel Glück schienen sie ihm zu verheißen! Die Vorstellung, mit Hanele in die Synagoge gehen zu können, mit Hanele, die einen Peluchemantel und einen großen Hut haben müßte und der er liebevolle Worte ins Ohr flüstern würde, entzückte ihn. Doch nein, es war voreilig, daran zu denken. Und das bezaubernde Bild verschwand und er sah sich wieder als jener Rouvke, der Pferdetränker in Röhrenstiefeln, Hanele, der einzigen Tochter von Reb Peretz, dem Branntweiner, ein Glas Thee reichend. O, das würde nie in Erfüllung gehen! Nur Feive, dieser Gelbschnabel, konnte eine solche Partie für möglich halten, dachte Rouvke voll Verzweiflung. Und von nun an suchte er in dem Gedanken Trost, daß ein New-Iorker Mädchen auch nicht schlecht sein müsse und daß es doch schließlich vorteilhafter für ihn wäre, eine zu heiraten, die Geld mitbrächte. Und wenn also Hanele ihn zurückweisen würde, desto besser! So machte Sie es ihm wenigstens unmöglich, die Dummheit zu begehen, 2000 Dollars zu verlieren. Und doch, und doch! Wenn er die Sache von dieser Seite betrachtete, meldete sich das Gefühl verletzten Stolzes. Feive, der Melamed, hatte wieder eine Unterredung mit Rouvke, ohne daß es ihm gelungen wäre, eine bestimmte Erklärung aus ihm herauszulocken. Doch das entmutigte Reb Feive keineswegs und er beeilte sich, an Reb Peretz einen Brief abgehen zu lassen. Er erging sich in begeisterten Schilderungen über Rouvkes Wohlstand über seine soziale Stellung in Amerika, seine Religiosität, seine Bildung. „Ihr müßt nicht an den früheren Rouvke denken", stand auf jeder Seite. ..Er ist ein Anderer geworden". Das bescheidene Ratengeschäft Rouvkes wurde als ein großes Möbel-, Juwelen- und Kleidergeschäft geschildert. Der Besitzer dieses blühenden Geschäftes war als für Hanele in Liebe entbrannt dargestellt und dieser letzte Umstand wurde von Feive als Beweis angeführt, daß diese Heirat eine von Gott bestimmte, ein Werk der Vorsehung sei. Das Antwortschreiben von Reb Peretz war noch nicht eingelangt, als zwei Ereignisse sich abspielten, die dem dreisten Heiratsvermittler zu Hilfe kamen. Die Tochter eines New-Iorker Gastwirtes hatte sich mit einem Hausierer verlobt und ihr Vater hatte ihr 1000 Dollars und die vollständige Einrichtung des Haushaltes als Mitgift versprochen. Doch als der Hochzeitstag näher heranrückte, wurde der Choson durch eine unangenehme Nachricht überrascht, daß seine Tochter und die Einrichtung genug für ihn wären und daß er auf das Bargeld füglich verzichten könnte. Der junge Mann brach den Verkehr mit der Wirtstochter sofort ab. Doch nach wenigen Tagen wurde er, dank einer Anzeige, die die Wirtstochter gegen ihn erstattete, ins Gefängnis gebracht. Wie sich die Geschichte verhalten, geht unsere Geschichte nichts an. Aber die Neuigkeit bildete alsbald das Hauptgespräch in der Hausiererhalle und kam auch Rouvke zu Ohren. Er war unangenehm berührt über dieses Vorgehen und die Sache war ganz danach angetan, um auch das letzte Argument gegen Feives Anerbieten zu zerstören. Einen noch mächtigeren Einfluß auf Rouvkes Entschlüsse übte folgender Zwischenfall aus: Rouvke ging eines Tages zu Feive auf Besuch. Als er gerade im Begriffe war, in dessen Wohnung einzutreten, hörte er, wie die Wirtin mit ihrem Zimmerherrn eine laute Unterhaltung pflog. Als er aus dieser seinen eigenen Namen heraushörte, konnte er sich nicht enthalten, zu horchen. „Redet doch keinen solchen Unsinn zusammen. Reb Feive," ertönte es zu den Ohren unseres Horchers. „Peretz, der Branntweiner, wird doch seine bildschöne Hanele nicht diesem häßlichen Rouvke Arbel zur Frau geben, diesem blatternarbigen Scheusal. Dieses Mädchen würde sich nie und nimmer zu ihm entschließen." Rouvke war entsetzt, so über sich urteilen zu hören. Da er befürchtete, noch weitere, so wenig schmeichelhafte Bemerkungen zu vernehmen, hätte er sich am liebsten aus dem Staub gemacht, andererseits wollte er es verhindern, daß selbst außerhalb seiner Hörweite über ihn in dieser Weise gesprochen werde, und dem ein Ende zu bereiten, klopfte er an und trat ein. Als er mit dem Schadchen allein war, frug er zunächst: „Seid Ihr auch gewiß, Reb Feive, daß Reb Peretz damit einverstanden sein wird?" „Lass' das meine Sache sein," erwiderte der Heiratsvermittler. „Ich habe in meinem Leben größere Sachen ausgeführt. Es ist so gut wie ausgeschloffen." Als Rouvke die Wohnung des Schadchens verließ, begegnete er der Wirtin, die ftüher so häßlich über ihn gesprochen. „Warte, Du alte Hexe, Du wirst es schon sehen, daß ich doch Hanele zur Frau bekomme," dachte er sich. Laut sagte er aber höflich: „Guten Abend, Frau Cohen!" Als Reb Peretz Feiwes Brief zum ersten Male durchgelesen hatte, lächelte er zuerst und sagte: „Närrischer Melamed." Dann aber ärgerte er sich, daß der Schadchen es wagen konnte, ihm eine solche Partie anzutragen. Reb Peretz erinnerte sich jener Zeiten, wo Rouvke am Kutschbock saß, während er, Reb Peretz, damals der wohlhabendste Jude in der Gegend war; sein Herz blutete ihm. Jetzt fiel es ihm auch auf, daß man ihm seit einem Jahre keine Partie für Hanele mehr angetragen hatte, und er empfand den heftigen Schmerz gekränkten Stolzes, wie auch tiefe Reue, so viele gute Partien zurückgewiesen zu haben. Es fiel Reb Peretz auch schwer anf's Gewissen, daß Hanele nun schon im 25. Lebensjahre stehe und seine Einbildungskraft spiegelte sie ihm schon als altes grauhaariges Mädchen vor. Ein Schauer ging bei dieser Vision über seinen Körper und er suchte in geschäftlichen Angelegenheiten Zerstreuung von diesen quälenden Gedanken. Doch die Sache wollte ihm nicht aus dem Kopfe gehen. Die Zusammenstellung von Rouvke Arbel und seiner Hanele war eine Kränkung für ihn und er verlor zornige Worte über den frechen Schadchen. Nichtsdestoweniger nahm er den amerikanischen Brief wieder zur Hand. Diesmal machten die Lobpreisungen über Rouvkes Wohlstand mehr Eindruck auf ihn und er erwog den Gedanken, ob er nicht auch mit seiner Familie nach Amerika auswandern sollte. „Ach, Unsinn," schloß er, nachdem er den Brief Feives ein drittes und viertes Mal gelesen. „Amerika wirkt auf jeden jungen Menschen vorteilhaft ein. Was ist nicht aus dem armseligen Terke dort geworden. Neulich war er aus Amerika hier gewesen, er sah aus wie ein Prinz. Lasten wir Hanele nach Amerika ziehen! Möge sie dort Mutter zahlreicher Kinder werden, wie es sich für eine echte Tochter Israels schickt. Man muß Gott vertrauen und diese Heirat sieht sich an, wie eine von Gott bestimmte, wie ein Werk der Vorsehung." Reb Peretz schlich im Hause umher und wußte nicht recht, wie er Hanele die ganze Sache offenbaren solle. Endlich faßte er Mut und las Hanele den hebräischen Brief Reb Feives in jüdischer Uebertragung vor. Zu seinem Erstaunen stieß er auf weniger Widerstand bei ihr, wie er gefürchtet hatte. Hanele war eine Tochter Israels und das macht begreiflich. daß ihr ganzer Unterricht sich auf das Lesen einer Version der fünf Bücher Moses beschränkte und daß ihre Weltkenntnis nicht über die Grenzen von Kropowetz hinausging. Sie war ein schweigsames, gutherziges und nachgiebiges Mädchen, das ihre Zeit am liebsten mit Sticken und Träumen 1