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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-03-22 · 12 (22.3.1907) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
12 (22.3.1907)
Date
1907-03-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 12 Dr. J510CD 3 MocbenscbrM. Seite 199 Mensch eine tierische Abstammung habe, den Widerstand gegen diese Theorie aufgeben würde; die Seele des Menschen aber habe in jedem Falle einen besonderen, göttlichen Schöpfungsakt zur Ursache. Da nun die christliche Lehre über Weltschöpfung und Abstammung und Natur des Menschen ganz und gar auf der Schöpfungsgeschichte im ersten Kapitel der Genefis beruht, indem die Evangelien nichts in dieser Beziehung enthalten, so fallen eigentlich in d'iesem Punkte christliche und jüdische Lehre zusammen. Und doch hat sich das Judentum wegen neuaufgetauchter wissenschaftlicher Theorien, wenn wir von dem Streit über Maimunis Moreh-Nebuchim absehen, nie besonders ereifert. Keineswegs ist es durch solche aus seiner Ruhe und Sicherheit aufgestört worden. Das kam daher, weil es die Erzählungen der Thora nie in ihrem buchstäblichen Sinne zu Dogmen erhoben, sondern der individuellen Auffassung und Erklärung derselben den freiesten und weitesten Spielraum gelassen hat. Nur für die Gebote und Gesetze der Thora, welche zur tatsächlichen Ausübung gelangen und bestimmt sind, das praktische Leben des Juden in sittlicher und religiöser Beziehung zu regeln, hat es Traditionen und Auslegungsregeln aufgestellt, innerhalb welcher man sich bei Feststellung der religions-gesetzlichen Normen für die Praxis (Halachah) bewegen muß. Gleichwohl muß es uns wundern, die ersten Anläufe zur „modernen Evolutions- und Deszendenzlchre" schon bei einem jüdischen Religionsphilosophen des Mittelalters zu finden. Ich meine Josef A l b o, den Verfasser des berühmten und vielgelesenen religiousphilosophischen Werkes Jkkarin und Teilnehmer an der unter Vorsitz des Papstes Benedikt XIII. stattgehabten Religionsdisputation in Tortosa, die mehr als anderthalb Jahre, vom Feber 1413 bis November 1414, sich hingezogen hat. Im ersten Kapitel des dritten Abschnittes des genannten Werkes ist nämlich folgende Auseinandersetzung zu lesen: In der Natur weist alles auf Entwicklung hin, allenthalben bemerken wir ein graduelles Aufsteigen vom Niedrigen zum Höheren. Das Höhergeartete hat das Niedrigergeartete zur Vorstufe und Vorbedingung, jenes hat sich aus diesem entwickelt, die höhere Stufe hat die niedrigere Stufe zur Voraussetzung, die letztere bildet die Hyle, die Materie, das Stoffliche der elfteren, denn die Natur kennt und macht keine Sprünge. Zwischen den verschiedenen Gebilden in ihrem Bereiche, deren Gipfelpunkt und höchste Vollendung der Mensch ist, gibt es immer Binde- und Mittelglieder, die zwischen zwei Stufen stehen und diese mit einander verbinden; so steht die Koralle als Mittelglied zwischen Anorganischem und Organischem, zwischen Metall und Pflanze, der Meerschwamm, der Gefühl hat, als Mittelglied zwischen Pflanze und Tier und der Affe als Mittelglied zwischen Tier und Mensch. Mit dem Menschen hat die Entwicklung, die A u fw är t s b e w e g u n g ihr Ziel erreicht. Das Buch Jkkarin gehört zu denjenigen hebräischen Werken, die sehr früh gedruckt und infolgedessen allgemein verbreitet und viel studiert und gelesen worden sind. Es ist zum erstenmale in Soncino in Italien im Jahre 1485 und seitdem noch an vielen Orten in verschiedenen Ländern gedruckt worden. Auch streng orthodoxe Rabbiner — es hat ja bis etwa vor 100 Jahren nur solche gegeben — haben dasselbe eifrig studiert und hochgeschätzt und kein einziger hat an den dort aufgestellten Theorien Anstoß genommen. So etwas war eben nur im Judentum, das immer nur auf die Tat und nicht auf die Theorie Gewicht gelegt hat, möglich. Bon alten Büchern. Eine Anregung. Dumpfe staubschwangere Luft füllt den kleinen Raum des Trödlerladens, in welchem die Versteigerung des Nachlasses des alten, jedem im Kreisstädtchen bekannt gewesenen Juden Jfak Stein stattfindet. Jetzt denkt aber keiner von den 10 bis 15 Anwesenden an den alten braven Juden, der sich kümmerlich mit den Trödelhandel nährte und den ganzen Tag vor den Laden in der engen Gasse stand, kaufte, was ihm angeboten wurde, und an Sonn- und Feiertagen an die in die Stadt strömende Landbevölkerung die alten Kleider und Geräte, Silberuhren und Brillen zu verkaufen suchte. Vor zwei Wochen war er plötzlich gestorben, wohl an Altersschwäche, denn er war hoch in die achtzig gekommen. Die Erben, ein paar entfernte Verwandte in der Hauptstadt, hatten um den öffentlichen Verkauf des Nachlaffes angesucht und mein Beruf nötigte mich, bei diesen Verlaufe zu intervenieren. Da wurden nmr die Waren an den Meistbietenden losgeschlagen. Fast der ganze Laden war schon leer, die alten Hosen und Westen, Pendeluhren, Sessel, Eisenwaren, Flaschen waren bis auf wenige Ueberbleibsel verkauft, als der Auktionator mich auf eine Ecke wies und fragte. „Was fangen wir denn mit dem alten Gelumpe dort an". Das kaust ja kein Mensch. Ich trat näher und fand ein kleines Regale, in welchem Bücher standen, große Folianten und kleine in zerfetzte Einbände gebundene Büchelchen, staubbedeckt. Vorsichtig zog ich einen Band heraus — es war ein hebräisches Buch. Das wird wohl keiner kaufen, dachte ich! Herrgott! was der Jnd' für große Gebetbücher hatte, meinte der Gerichtsdiener — denn ein hebräisches Buch scheint ihm, wie wohl vielen Inden, selbst nur ein Gebetbuch fein zu können. Ich weiß jetzt nicht, was mir da eingefallen war. Aber ich sagte den Gerichtsdiener: Wissen Sie was, die Bücher kaufe ich selbst, ich weiß jemanden, einen alten Gelehrten, dem ich damit eine Freude machen kann". sJch glaubte nämlich diese plötzliche seltsame Idee irgendwie motivieren zu müssen.) Und' jetzt stehen die Bücher in meinem Zimmer. Ich habe in meiner Jugend nicht viel hebräisch gelernt und das Wenige auch zum Teil vergessen. Mit Mühe bekomme ich heraus, daß ich einige Bände des Talmuds samt Kommentaren da habe, ein paar Gebetbücher, Bibeln. Und wie ich diese Bücher betrachtend sitze, kommen mir allerlei Gedanken, Erinnerungen an vergangene Zeiten. Das Haus meiner Eltern steigt in meiner Erinnerung auf, sein größtes Heiligtum, meines Vaters Studierzimmer. Und es ist merkwürdig, von allen den Folianten, größeren und kleineren Büchern ist mir eines besonders im Gedächtnis geblieben. Ein kleines in.einem schlichten braunen Einband, aus dem den Kindern der Vater am Freitag Abend vorzulesen pflegte. Lang, lang ist es her. Aber noch denke ich daran, wie wir atemlos lauschten, wenn hier alle die Geschichten der Bibel, in einer anderen, breiteren, viel wunderbareren Weise wieder erzählt wurden. Die wunderbarste Romantik umschlang da die schlicht einfache biblische Erzählung. Eine Phantastik, wie sie nur in dem Märchen von Tausend und eine Nacht und durch deren Einfluß in die deutsche Heldensage gekommen ist. Da war z. B. die Geschichte von Josef und seinen Brüdern. Die wenigen Worte, die die Bibel zur Charakteristik der einzelnen Brüder bringt, waren da ausgeftaltet zu kühnen Heldentaten, zu Aeußerungen der Kraft, und im Vordergründe stand der Löwe Juda, so wie Dittrich von Bern alle seine Helden überragte. Und vom großen Führer des Volkes, Moses, dessen Jugendgeschichte im II. Buche Moses nur flüchtig angedeutet wird, wurden seltsame Dinge aus Kindheit und Jugend berichtet und eine Erzählung war schöner als die andere. Atemlos lauschten die Kinder. . . . Nun ist aber viel Zeit dahin geschwunden und nur durch mühevolle Jdeenassoziation gelmgt es, sich fragmentarisch an das Alles zu erinnern. Ich kann nicht hebräisch und darum ist es mir nicht möglich, selbst an die Quelle znrückzukehren. In die blühende Hagada, Wo die schönen allen Sagen Engelmärchen und Legenden Stille Märtyrerhistorien Festgesänge, Weisheitssprüche. Auch Hyperbeln gar possierlich. . . . Aber ich möchte mich wieder ergreifen lassen: Abenteuerlichen von der wilden Süße Von der wundersamen Schmerzlust Und den fabelhaften Schauern . ■"> Jener seligen Geheimwelt, ■ Jener größten Offenbarung, Die wir nennen Poesie. Und darum möchte ich hier einen Wunsch aussprechen. Vor einigen Wochen las ich in den Blättern ein Buch angekündigt: „Geschichten des Rabbi Nachmann" und bewundernd standen die Rezensenten vor den tiefsinnigen wunderbaren Geschichten dieses polnischen Rabbiners aus der Zeit vor 100 Jahren. Wie aber würden sie erst Augen und Ohren öffnen, wenn die Zauberpracht der alten jüdischen Sagen und Märchen, die Wunderwerke der Rabbinen vor 1800 Jahren vor ihnen aussteigen würden, wenn die alten „Midraschim", von eines Dichters Hand in ein neues Gewand gekleidet, Zeugen würden von dem unerschöpflichen Fond von Phantasie, glühendster seeligster Phantasie, die in den alten, Judenköpfen und Judenherzen lebte und webte und di^. durch Jahrhunderte lang ihr Leben in des Volkes Mitte, gehütet von den Schriftgelehrten, weiter lebte und niemals ausgestorben ist. Ich glaube, daß ein Buch, in welchem die nachbiblische Poesie, das Wunderland der Hagada, von einem Menschen, der sich einzu-

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