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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-03-22 · 12 (22.3.1907) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
12 (22.3.1907)
Date
1907-03-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 196 Sr. Mocv s Mlocdenscvrttt. Nr. 13 Welche Massen müssen sich daher gegen sie in Bewegung gesetzt haben, daß tausende von ihnen in wilder Panik nach Jassy und den benachbarten Grenzorten geflüchtet sind, ohne Sorge, etwas anderes zu retten als das nackte Leben. Ihre Telegramme um Hilse flogen bereits in alle Welt hinaus, noch viel zu langsam für den Hunger, welcher dem Schrecken folgte. Und während die Brüder in Europa wieder ein Stück der Judenfrage in althergebrachter Weife lösen, indem sie Nämlich die Hand in die Tasche stecken, plündern die Bauern die Häuser und die Habe der Betroffenen, deren Erhaltung fremde Hilfe überflüssig machen würde. Keine Judenverfolgung kommt so schnell, als daß die Erklärung der Schuldtragenden, das heißt natürlich die Anklage gegen die Betroffenen nicht noch schneller da wäre. Man ist versucht, zu glauben, daß diese Erklärungen noch früher vorbereitet werden als die Pogrome. Unter den Entschuldigungen und Beschuldiguugen der rumänischen Offiziösen ist diesmal das töneudste Wort: Agrarunruhen. Der Landhunger, der Vorläufer des Hungers überhaupt, hätte die Bauern wie Wölfe vom flachen Land in die Märkte, in die Städte getrieben und sie wären gegen die Juden losgegaugen, welche so viel rumänischer Erde besäßen. Welch ein infamer Betrug! Als ob nicht die famose rumänische Fremdengesetzgebung in vielen Paragraphen die ausdrückliche Bestimmung hätte, daß die Juden keinen Bodenbesitz erwerben, auch nicht als Pächter auftreten dürfen. Und wenn schon ohnewetters zugegeben werden soll, daß die rumänischen antisemitischen Beamten genug Moral besitzen, um gegen gutes Geld den Gesetzen ein Schnippchen zu schlagen, so sind das doch nur seltene Ausnahmssälle; sonst sind die rumänischen Juden fast durchgeheuds gezwungen, sich beim Handwerk unter erdrückender Konkurrenz diesseits der Grenze zwischen Leben und Tod zu halten, weder ihr Grundbesitz noch ihr Besitz überhaupt wären imstande gewesen, die Gier einer fanatischen Menge zu.reizen. Nicht auf Landhöfen, in Scheuern und Scheunen wüten die rumänischen Hooligans, sondern in den Straßen der Städte, in Synagogen und Privathäusern. Dorthin hat sie nicht, die dumpfe Wut des Entrechteten geführt, sondern die gewissenlose Agitation verbrecherischer Demagogen. Der angebliche agrarische Hintergrund bleibt völlig unsichtbar. Möglich, daß er vorhanden ist. Aber den Scheu der rumänischen Landedelleute vermag die Regierung jenen Schutz zu geben, der an den Toren der überwiegend jüdischen Städte versagt. Dort werden auch jene Schüsse abgegeben, die schließlich mit einer Verdrehung des einfachsten Rechtsstaudpuuttes in solchen Fällen immer aus das Konto der Juden gesetzt werden. Wahr ist und bleibt, daß an den gegenwärtigen Verwüstungen in den Judenquartieren der moldauischen Städte der rumänischen Regierung die unmittelbare Schuld zufällt. Selbst wenn es richtig wäre, daß sie durch den Aufruhr des Antisemitismus überrascht worden wäre und nicht genug Widerstand hätte leisten können, was bei der langen Dauer der Plünderung sehr lächerlich ist, zu behaupten, so kann sie es doch nicht in Abrede stellen, daß sie das Wühlen des wildesten Antisemitismus nicht nur hat schrankenlos gewähren lassen, sondern es sogar nach Kräften gefördert hat. Folgen, wie die jetzt eiugetreteneu, waren bei der Art der judenfeiudlichen Agitation nur eine Frage der Zeit. Im Uebrigen ist es notorisch nachgewiesen, daß die Führer der Bauernbewegung nicht agrarische Bauernbündler mit dem Bundschuh auf der Fahne, sondern antisemitische Agitatoren waren. Es ist uachgewiesen, daß die edle Universitätsjugend von Jassy und Bukarest, stets entflammt für die Kulturblüte des Antisemitismus, den Bauernkreuzzug gegen die Juden mit Wort und Tat auf das Eifrigste unterstützte und daß die Regierung kaum den Versuch machte, diesen Zierden und Stützen der Nation eutgegenzutreten. Da kann nun auf rumänisch behauptet, auf europäisch gelogen werden was da will. In Rumänien findet dasselbe statt wie in Rußland: Verbrecher sind die Richter über die Taten, die sie selbst begangen haben, und wahrscheinlich werden auch hier die Opfer verurteilt werden. Ohne Widerspruch darf nach wie vor Rumänien Europa besudeln. Als dies Rußland tat, wies man auf die Kraft und Bosheit des Bären hin und rührte sich nicht. Rumänien ist aber den Großmächten gegenüber Vasall und hat als Lehensbedingung die Emanzipation der Juden. Wird der Leheusherr nicht wenigstens einen Teil seiner Versprechungen halten, wo er doch für Mazedonien ganze Armeen erhält und Flotten ausschickt unter der Flagge der Menschlichkeit? Wir haben das Zweifeln aus unserer traurigen Geschichte gelernt. Wir wissen, daß vielleicht, wenn alles vorüber ist, ein sanftes Stimmchen in Bukarest fragen und eine nichtssagende Antwort bekommen wird. Daß nach wie vor die antisemitischen Hetzer in Rumänien freie Hand haben und bald den Mob der Städte, bald die Hooligans vom Lande mobilisieren werden. Wirklich und ernsthaft abzuhelfen, bleibt uns Juden Vorbehalten: Indem wir unseren Feinden keinen Groschen mehr bewilligen, wenn sie mit gleißnerischen Versprechungen borgen kommen. Und indem wir für alle Juden, die es brauchen und verlangen, die Heimat schaffen helfen abseits von Furcht und Gnade. Vom Aabrmarkt des Lebens. . Das Programm der jüdischen Volkspartei. Eingesendet. Verehrliche Redaktion! Ich finde im Morgenblatte der „Neuen Freien Presse" vom 15. d. M. eine von Herrn Dr. Schallt gezeichnete Berichtigung, in der unter anderem der Satz vorkommt: „Vor Allem sei konstatiert, daß die Jüdisch-Nationalen zur Beteiligung an der Feier geladen wurden und dieser Einladung gerne Folge geleistet haben rc. Als langjähriger Vertreter der jüdischnationalen Gruppe lege ich im Einverständnisse mit meinen Parteifreunden ■ Wert darauf, festzustellen, daß die jüdisch- Nationale Gruppe sich an dieser Feier nicht beteiligt hat. Unter „jüdisch-nationaler" Richtung wurde immer jene verstanden, welche ihren Konzentrationspunkt im u i* „Jüdischen Volksverein" gefunden hat und deren politische Tätigkeit auf dem am 10. Jänner 1907 publizierten Programm der jüdischen Volkspartei fußt. An dieser Tatsache ändert nichts der Umstand, daß sich Andere dieses Namens, den wir durch unsere Arbeit zu einem Ehrennamen gemacht, und dieses Programms, das heute Gemeingut aller jüdisch volksbewußten Kreise ist, ohne Quellenangabe bedienen. Wir aber legen Wert darauf, Verwechslungen und hiemit Verantwortlichkeiten für Andere zu vermeiden. Hochachtend Richard Rappaport. Die Evolutions- und Deszendenztheorie und die jüdische Religionsphilosophie. Von Rabbiner Stark» Prag-Weinberge. Vor Kurzem war in den Tagesblättern ein Bericht über Vorträge zu lesen, die der durch seine Untersuchungen über die Ameisen bekannte Jesuitenpater P. Wasmann in Berlin im Beisein vieler hervorragender Naturforscher gehalten hat, um darzutun, daß zwischen dem Dogma der christlichen Lehre und der modernen Deszendenztheorie kein Widerspruch bestehe. An jeden Vortrag knüpfte sich eine Diskussion, an der die anwesenden Gelehrten sich beteiligten und die besonders nach dem dritten und letzten Vortrage sich sehr interessant gestaltete. In seinem Schlußwort gab P. Wasmann zu, daß der Mensch mit dem Tiere in starker verwandtschaftlicher Beziehung stehe und die Theologie, falls die Wissenschaft beweisen könnte, daß der

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