Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 11 (15.3.1907)
- Date
- 1907-03-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 11 Dr. Blocb’s Wlocbenscbrtfr, Seite 189 hatte in einer Darlegung über „Völkerpsychologie" nur seiner armseligen Nachtreter, aber nicht des eigentlichen Begründers der Völkerpsychologie, des Prof. Lazarus gedacht. Er aber kümmerte sich nicht darum, daß andere ernteten, wo er gesäet, ja er freute sich, daß andere feine Ideen mit Erfolg und eigenem Nutzen propagierten, wie z. B. Ernest Renan. Was aber Lazarus gewesen, es wird nicht vergessen werden. Der Mensch und Gelehrte Lazarus, das ist etwas bleibendes . . . Noch einmal, knapp vor seinem Hinscheiden, sollte Lazarus erkennen, wie sehr er geschätzt und geliebt werde. Ehe er nach Meran als ein schwerkranker Mann ging, weilte er auf einige Tage in Wien, wo er einige von Herrn Doktor Hermann F i a l l a veranstaltete Vorträge hielt. Die Huldigungen, die man dem gefeierten Gelehrten damals in Wien erwies, es waren die letzten, deren er sich erfreuen durfte. Er hat sie nie vergessen und diese Wiener Tage zu den schönsten seines Lebens gezählt . . . Das zahlreiche gewählte Publikum lauschte den Worten der Vortragenden gespannt und mit Rührung. Der poefievolle Vortrag, die vollendete Rhetorik der Frau Geheimrat Lazarus machten tiefen Eindruck. Eine liebende Gattin, die Frau eines großen Gelehrten, selber eine bedeutende Intelligenz, will das ihr so teuere Andenken und die Erinnerung an einen großen und schöpferischen Gelehrten auch in anderen Herzen wecken. Und diese Ergriffenheit lag auch in den Worten der zwei Redner, die Frau Geheimrat Nahida R u t h im eigenen und im Namen aller den Dank abstatteten. Herr Baurat S t i a ß n y dankte namens der Veranstalter wie im eigenen Namen für den Genuß, die die verehrte Vortragende allen Teilnehmern geboten. Der Präsident der Kultusgemeinde Herr Dr. Alfred Stern sagte unter anderem: „Von den vielen schönen Erinnerungen meines Lebens wird mir das Glückwunschschreiben des unvergeßlichen Lazarus zu meinem 70. Geburtstage eine der kostbarsten sein. Ihnen aber, hochverehrte Frau, danke ich namens der Kultnsgemeinde, namens aller, ich danke Ihnen dafür, daß Sie das Andenken an Ihren Gatten, an den großen Lazarus, bewahren helfen." Reicher Beifall belohnte die schöne Ansprache. Die Ehren dieses Abends werden für Frau Nahida Lazarus gewiß eine schöne Erinnerung bleiben. Aber niemand wird uns ein deutlicheres und plastischeres Bild von dem schöpferischen Geist, von der Lebensweisheit des Lazarus entwerfen können. \ M. Sch. Nikolsburg. Das alte Kurienparlament ist nicht mehr, die heißen Wahlkämpfe in gemischtsprachigen Bezirken, in welchen die Juden ausschlaggebend waren, gehören in das Reich der Sagen, und Vertreter aller Nationen werden ins neue Haus einziehen, nur nicht die der Juden, denen die Nationalität abgesprochen wird. Die christlichsoziale Partei wird, sollen Prinz Liechtenstein und Geßmann Propheten sein, verstärkt ihre Beschimpfungen und Angriffe ertönen lassen und kein Abgeordneter wird seine Stimme erheben, um für die Menschenrechte der Juden einzustehen. Darum wäre es eine der heiligsten Pflichten, der hiezu berufenen Körperschaft des Mährisch-jüdischen Landesmassafondes, für die Interessen des Judentums bei Wahlen einzutreten, nicht aber gleichgiltig zuzuschauen. In unserem Wahlbezirke Nikolsburg, Pohrlitz, Lundenburg, Göding, Straßnitz, Wessely, Bisenz, Hradisch, Ung.-Brod, den größten jüdischen Gemeinden, hätte ein jüdischer hervorragender Kandidat gewiß Aussicht auf Erfolg und es ist noch heute nicht zu spät, einen solchen Kandidaten aufzustellen. Sollten jedoch die berufenen Körperschaften ihre Hände in den Schoß legen, dann kommen zwei Kandidaten in Betracht, erstens der konvertierte Professor Redlich und zweitens Schuldirektor Prinz. Deshalb die Frage, welchem Kandidaten sollen die Juden ihre Stimme geben? Professor Redlich, wohl ein reicher Mann, hat nur seines persönlichen Vorteiles wegen die jüdische Religion verleugnet und dadurch einen eklatanten Beweis seiner Charakterschwäche gegeben. Er kann unmöglich seine Stimme erheben, wenn es gilt, für die Interessen des Judentums einzustehen, weil er als Konvertierter sich noch größeren Beschimpfungen aussetzt. Darum ist es die heiligste Pflicht eines jeden jüdischen Wählers, nicht nur ihm seine Stimme zu versagen, sondern seine Wahl mit allen möglichen Mitteln zu bekämpfen. Da es nicht zu spät ist, mögen die berufenen Gemeinden einen passenden jüdischen Kandidaten ausstellen, wenn aber nicht, sich von Direktor Prinz Bürgschaften und Garantien geben zu lassen, für die Interessen der Juden, wo es nötig, einzustehen, und Direktor Prinz, der das Vertrauen seiner jüdischen Wähler in Nikolsburg vollauf genießt, wird als bewährter Ehrenmann sein Wort gewiß halten, während ein konvertierter Jude, wenn er auch wollte, für die Jntereffen des Judentums nie eintreten kann oder könnte. Prag. (Zentralverein zur Pflege jüdischer Angelegenheiten.) Zu Gunsten der Handwerker-Institution und des Lehrlingsheimes des Zentralvereines hielt Dr. Franz Oppenheimer aus Berlin, einer Einladung der Vereinsleitung trotz mehrfacher Hindernisse folgend, am 3. d. M. einen Vortrag: „Der Staat in soziologischer Beleuchtung". Der ebenso gelehrte als liebenswürdige und sofort für sich einnehmende Redner, deffen wissenschaftlich hochstehende Schriften bereits Gemeingut der Gebildeten geworden, begann sein, wie er humoristisch meinte, „staatsgefährliches" Thema mit der Verfechtung seiner von den hergebrachten Begriffen durchaus abweichenden These von der Staatenentstehung. Nicht der „Contrat social" Rousseaus, nicht der aus Kants Theorien fußende Vertrag, nicht die Fortentwicklung der aus die Familienordnung sich stützenden gesellschaftlichen Gruppierung, sondern das Werk einer erobernden Gewalt ist es, die, eine schwächere Gruppe von Zusammenlebenden siegreich bezwingend, — zunächst Hirten gegenüber Ackerbautreibenden — an die wirtschaftliche Nutzbarmachung der Unterdrückten schreitet, bis He tributpflichtig macht, Residenten in ihre Anfiedlungen hinsetzt, beiderseitiger Vorteil und Gebote der Klugheit ein wechselseitiges zunächst leidliches Verhältnis anbahnen, aus dem sich dann im Wege fortschreitenden friedlichen und durch gleiche Jntereffen gebundenen Zusammenlebens — aus zwangweiser Angliederung eine geregelte Vereinigung — im Laufe der Zeiten der Staat herausbildet. Der Vortragende zeigt hiebei die treibende Kraft des bei der Staatenbildung in Betracht kommenden, einerseits „ökonomischen", andererseits „politischen" Mittels auf und erinnert daran, daß „Hunger und Liebe" auf die Schaffung der Gesellschaftsordnung bis auf den heutigen Tag den vordersten Anteil genommen. An einem köstlichen Vergleiche aus dem Wissensbereiche der Physiologie weist sodann Redner den naturgemäßen Aufbau des Staatengebildes in seiner rudimentären Gestalt auf. In weiterer Folge, nach Besprechung der einschlägigen philosophischen und nationalökonomischen Theorien, insbesondere Spencers und Marx', und einer Auseinandersetzung mit der aä adsuräum geführten Mahltufischen Lehre kommt Redner auf die Entstehung des heutigen kapitalistischen Staates zu sprechen, gibt eine scharf umgrenzte Definition des Kapitalsbegriffes und weist mit zwingender Logik nach, daß das mächtige Anwachsen des Großgrundeigentums und die dadurch bedingte „Landflucht", nicht aber die ungeahnte Entwicklung des Maschinenwesens der eigentliche Grund für das Ueberhandnehmen des Arbeitsangebotes sei. Die Zeiten aber, wo das Grundeigentum in gerechterer Aufteilung wieder weiteren Volksschichten zugute kommen werde, hält der Vortragende für nicht mehr fern und dann werden auch die vom sozialpolitischen Standpunkte allein richtigen und wünschenswerten Voraussetzungen für die Verbefferung der wirtschaftlichen Lage und des menschlichen Loses der Arbeiterklaffe gegeben sein, „wenn nicht zwei Arbeiter einem Meister, sondern zwei Meister einem Arbeiter werden nachlaufen müssen". Dann werde aber auch, wenn schon menschliches Unglück niemals ganz zu verhüten sein werde, doch unnötiges Unglück aus der Menschheit zu bannen und auch den wirtschaftlich Schwachen vergönnt sein, sich ihres menschlichen Daseins zu freuen. Dem Vortrage, der weit über eine Stunde das gespannteste Jntereffe des den vornehmen Festsaal im Colloredo-MannZfelsschcn Palais dicht gedrängt Menden distinguierten Auditoriums — darunter