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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-03-15 · 11 (15.3.1907) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
11 (15.3.1907)
Date
1907-03-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 184 Dr. Llocv's WlocoenscbrlN. Nr. 11 Wirtschaft unter den galizischen Juden, der Errichtung von Analphabetenschuleu rc. zugewendet war, so muß man bekennen, daß dieselbe geeignet ist, nicht nur das materielle, sondern auch das kulturelle Niveau der Juden in Galizien zu heben, und darum die Unterstützung und Förderung der weitesten Kreise des Judentums verdient. Uabt« Samnel Köm f. A. Verfasser des „Machäzith haschekel". (Zum hundertsten Jahrzeitstage, 28. Adar 5667.) Vor mir liegt die Einladung des Kultusvorstandes der ehrwürdigen Gemeinde Boskowitz zur feierlichen Abhaltung eines Trauergottesdienstes anläßlich des hundertsten Sterbetages des „weltberühmten Gelehrten Rabbi Samuel Löw". Ich erinnere mich bei dieser Gelegenheit des Ausspruches eines Talmudgelehrten, der mich seinerzeit in Nikolsburg besuchte, und den ich zu den Gräbern der großen Rabbiner geleitete, die in Nikolsburger Erde ruhen. Tief ergriffen stand er vor den halbverwitterten Grabsteinen und wir gedachten gemeinsam der Werke, die jene geschaffen hatten. Er aber bemerkte dann im Gehen : „Bei uns" — er war ein Russe — „find sie lebendig, hier aber sind sie begraben." Das gilt zum Teile wohl von allen Talmudgrößen der Vergangenheit, soweit sie in Westeuropa den Schlaf der Ewigkeit schlafen. — Rabbi Samuel Löw war ein großer Talmudist. Und er war fast ausschließlich Halachist, wenn auch seine Predigten und Erklärungen einzelner Teile der Heiligen Schrift für sein tiefes Verständnis der Haggadah und des Midrasch, sowie für die richtige Erfassung und Erklärung der heiligen Texte Zeugnis oblegen. Was hat die Gegenwart für ein Interesse an einem alten, längst vergeffenen, kaum mehr genannten Halachah-Heros, der durch 50 Jahre in einem mährischen Landstädtchen Hunderte Bachurim um sich gesammelt und als Privatmann — er war nie Rabbiner — so für Erhaltung und Verbreitung der Thora mit unermüdlicher Hingebung und eifervollem Fleiße gesorgt hat? Kaum kümmern sich die Rabbiner mehr um den „Machazith haschekel"; wer verlangt es von ihnen? Für das anspruchsvolle Gemeindeleben der Gegenwart ist „Machazith haschekel" in jeglicher Beziehung zu wenig, zu bescheiden. Aber ohne dieses große Halachahwerk kann man ja den „Mögen Abraham" des berühmten Kodifikators und Kommentators Rabbi Abraham Gumbinner nicht verstehen! Ja, muß man denn, so sagt wohl mancher, den „Mögen Abraham" verstehen? Wer fragt danach?! Und doch ist es ein schöner, pietätvoller Zug, daß die Gemeinde Boskowitz ihren großen Lehrer nicht vergessen hat. Ihr jetziger ehrwürdiger Rabbiner, selbst ein gewiegter Talmudgelehrter, hat sie wohl auch erinnert. Rabbi Samuel Löw stammte aus Kolin und war der Sohn des hochgelehrten Rabbi Nathan Rate halevi. Den größten Teil seines Lebens brachte er in der damals berühmten Gemeinde Boskowitz zu, woselbst er starb und auch begraben ist. Er war der Zeitgenosse des hochgerühmten Kabbalisten Rabbi Samuel Schmelke Horwitz in Nikolsburg, Bruders des Rabbi Pinchas Horwitz, dessen Werk „Haflaah" in Talmudistenkreisen geschätzt ist. — Man nennt ihn nach seinem Haupt- und Lebenswerke den „Maehazith haschekel". Das ist ein den ersten Teil des Schulchan Aruch erklärender Kodex, der insbesondere die Rätsel des oft dunkeln und schwer erklärbaren, durch seine Kürze und Präzision nicht immer deutlichen Kommentars „Mögen Abraham" mit Treffsicherheit und Verläßlichkeit löst. Sein Söhn ist der scharfsinnige Talmudkritiker Rabbi Wolf Boskowitz, dessen kritische Noten vielen Talmudeditionen beigegeben find. Rabbi Samuel Löw (Kolin) war kein weltftemder und dem Sehen gänzlich abgewandter Gelehrter. Er kümmerte sich um Handel und Wandel seiner Glaubensbrüder, für die er in Zeiten der Not — und wann hätte es solche nicht gegeben? — ein kräftiges Wort fand. Im ersten Teile der jüngst durch meine und meines Freundes Dr. Funk in Boskowitz Vermittlung von Herrn Jsak Horodner herausgegebenen Predigten des R. Samuel findet sich auch ein ernstes Schreiben, das die Hilfe und Fürsprache Rabbi Nathan Adlers gegen drohendes Verhängnis anruft, das die Juden Mährens in Angst versetzte. So hat der ebenso große, als bescheidene Gelehrte zum. > Heil und zum Segen in seiner zweiten Heimat Boskowitz gewirkt. Und wenn auch sein Werk nur wenigen wertvoll erscheinen mag in dieser ganz anderen Fragen und Dingen geneigten Zeit, so haben wir doch die Pflicht, das Andenken des Rabbi Samuel Löw (Kolin) in hohen Ehren zu halten. Ist uns doch — vielleicht nicht immer mit Fug und Recht — jeder Name und jedes Datum unserer Vergangenheit von Wert und Bedeutung. Die alten Talmudisten standen noch im alleinigen Dienste der ungetrübten Religion und des ihr geweihten Thorastudiums. Ihnen gebührt ein Ehrenplatz. Dr. D. Feuchtwan g, Ungleiches Mnß. Von Dr. Albert Wagner, Hof- und Gerichtsadvokat. Im Jahre 1882 ist von Wcllhausen unter dem Titel „Prolegomena zur Geschichte Israels" ein Buch erschienen, welches großes Aufsehen gemacht und seither mehrere Auflagen erlebt hat. Wenig beachtet wurde hingegen ein von einem galizischen Juden verfaßtes und im Jahre a^-inn, das ist 1873, unter dem Titel "irüirrui nmp erschienenes Buch, dessen Verfasser sich vn' n'Vrc nennt. Der erstere, ein deutscher Universitätsprofessor, hat sein Buch, welches daher einer großen Zahl von Lesern zugänglich ist, in einer Weltsprache geschrieben. Der letztere ist ein galizischer Jude, ohne Rang und Stellung, der seine Gedanken in ein wenig fließendes Hebräisch kleidet, eine Sprache, die nur Wenigen verständlich ist und von Wenigen gelesen wird. . - Während der christliche Theologe, wie er selbst sagt, „beim Dache angefangen statt beim Fundamente", indem er zuerst die Propheten und dann erst das Gesetz gelesen hat, beherrscht der galizisch-jüdische Verfasser, wie es selbstverständlich ist, die hebräisch-talmudische Literatur vollkommen. Jener zitiert die ganze, von christlichen Gelehrten ans dem 19. Jahrhundert stammende Literatur: der jüdische Verfasser, dem diese Literatur bekannt ist, bezieht auch Talmud- und Midrasch-Stellen, soweit sie ihm geeignet erscheinen, seinem Zwecke zu dienen. Der christliche Theologe versteigt sich zu dem Satze: „Für unsere Zwecke genügt das negative Resultat, das wir gewonnen haben", und leugnet hiemit rundweg ab, daß aus den Steiutafeln überhaupt etwas geschrieben war, der jüdische Gelehrte, der mit einem Stoßseufzer die Worte des Propheten ».tu' ’ö dk" sich zu eigen macht, geht nicht so weit. Er läßt die Steintafeln mit einem Inhalte gnädig bestehen, d. h. sie werden nicht hinweg negiert und er begnügt sich mit der Behauptung, daß es Moses physisch unmöglich war, ein so umfangreiches Gesetz zu schreiben, zumal das Volk für ein solches Gesetz gar kein Verständnis gehabt hätte. Hierin aber stimmen der Jude und der Christ überein, daß während der Wüstenwanderung nichts geschrieben und nichts gelehrt wurde, sondern erst in späterer Zeit. Nach des jüdischen Autors Auffassung wurde ein guter Teil von Josua, den er für den Verfasser des Deuteronomiums und des Buches Josua hält, geschrieben und vermutet in Jecheskiahu einen fleißigen Sammler von Gesetzen, ohne anzugeben, woher sie eigentlich herrühren sollen. Der christliche Theologe hält daran fest, daß im alten Israel ein geschriebenes Gesetz nicht vorhanden war und das Schreiben erst der nachexilischen Zeit Vorbehalten blieb, mit der alleinigen Ausnahme des Deuteronomiums, dessen Autorschaft aber er dem Hohenpriester Jecheskiahu zuschreibt.

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