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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-03-08 · 10 (8.3.1907) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
10 (8.3.1907)
Date
1907-03-08
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 176 Dr. LLocb s Mocvenscsrlrr. Nr. 10 Sehnsucht. Er konnte es sich nicht erklären, aber dieses Gesüh, überkam ihn meist, wenn er ein hübsches, junges Mädchen saht und da er nicht wagte, sie anzublicken, blieb er scheinbar vor einer Auslage stehen, um wenigstens auf diese Weise unter den Hutrand der Schönen zu schielen. Rouven änderte sich in Amerika noch sehr. Früher, wenn er die Torturen über sich ergehen lassen mußte, einer jungen Dame vorgestellt zu werden, ging die Feuerprobe nicht ohne heftiges Erröten und einem ein bis zwei Minuten währenden Räuspern vor sich. Wenn ihn jetzt so ein Schicksalsschlag traf, pflegte er, nachdem sich das Ungemach verzogen, schnell zu einem Spiegel zu eilen, um seiner Kravatte und seinen Blatternarben eine genaue Untersuchung zu widmen. Einstens hatte er kaum daran gedacht, daß sein Gesicht die Spuren von Blattern ausweise; doch jetzt quälte ihn dieser Gedanke so sehr, daß er neulich davon träumte. Er sah im Traum eine Melone, die gleichzeitig ein mit Blattern bedecktes Hundegesicht war. Als er am Morgen erwachte, war er so traurig, daß er sein Frühstück nicht essen konnte, und so zersteut, daß er einer Kundin statt eines bestellten Seidenstoffes einen Teppich sandte. Die Abende verbrachte Rouvke in der Emigrantenschule und als er im Lesen so weit hielt, daß er die Silben „cat, rat, mat" in der Lesefibel unterscheiden konnte, kaufte er sich eines Tages eine Zeitung, und zwar aus dem Grunde, um die Adresse eines Arztes im Annonzenteil zu suchen. Doch vergebliche Müh', die Buchstaben schwammen vor seinen Augen und Rouvke sah ein, daß man mit „cat, rat und mat" noch nicht lesen könne. Und sein Herz sehnte sich und sehnte sich. Es wäre jedoch ungerecht, anzunehmen, daß Rouvke nur deßhalb in die Abendschule ging, um ärztliche Adreffen in den Zeitungen finden zu können. Er hatte gewichtigere Gründe dafür: Erstens hätte er so gerne zu sich selbst gesagt: Robert nun bist Du wirklich nicht mehr Rouven. In ein bis zwei Jahren kannst Du Dir eine Trödlerbude aufmachen und dann würdest Du Gefahr laufen, von Deinem Buchhalter über's Ohr gehaut zu werden. Zweitens flüsterte sein Herz ihm zu: Lerne lesen und schreiben, denn die Damen lachen über die Burschen, die Zeitung nicht lesen können. Diejenigen Hausierer, die in Rußland, ihrem Vaterland, den Talmud gelernt haben, und infolge dessen doch einige Uebung im geistig Arbeiten besaßen, haschten ohne Schwierigkeit einige englische Worte auf. Rouvkes Kameraden lachten über seinen „eisernen" Kopf, in dem er die zahlreichen Adressen und Schulden seiner Kunden behalten müsse, da er nicht in der Lage war, etwas auffchreiben zu können. Solche Bemerkungen waren kränkend für Rouvke, und noch größer waren die moralischen Stiche, die ihm die Bemerkungen der Kameraden über seinen Verkehr mit Damen versetzten. Ost hatte ihn die eine oder die andere von Israels Töchtern in Gefahr gebracht und sehr oft gestatteten sich die Burschen den Spaß, ihn in die Mitte der Halle zu zerren, um ihn zu einen Walzer zu zwingen. Oder sie nahmen ein Metermaß und begannen seine Beine zu messen, um die Tanzgeschicklichkeit danach zu beurteilen. „Ach. Robert, kaufe Dir doch eine Eintrittskarte zu diesem Ball, Du mußt wissen, es ist ein feiner Ball. Wenn die Damen Dich erblicken, werden sie verstummen." Robert hätte schreien, wüten, kämpfen mögen und nachher lief er schnell zu einem Spiegel. Und in seinem Herzen wohnte noch immer die alte Sehnsucht nach etwas Unbestimmten. Wenn Rouvke von einer Hochzeit sprechen hörte, interessierte er sich und wollte alles Nähere über die Braut und den Bräutigam hören, wie viel er wöchentlich verdient, wo sie sich kennen gelernt, welche Spanne Zeit zwischen Verlobung und Hochzeit verstrichen sei. An einem Samstagmorgen sah Rouvke beim Heruntergehen des Stiegenhauses durch die geöffnete Tür einer Nachbarwohnung, wie eine hübsche, junge Frau ihres Mannes Hemd einknöpfelte. Da dachte er mit einem gewiffen Neid an den Mann, der es so gut habe. Wer es wohl ist, dachte er, als er sein kleines Zimmerchen erreichte, das ihm nun einsam und verlaffen vorkam. Er erfuhr, daß ein armer Arbeiter in jener Wohnung hause. „Wenn ich einmal verheiratet bin, werde ich in einem schöneren Hause wohnen." Und bei dieser Vorstellung sah er ein Bild vor sich, das ihm reizend dünkte: ein Besuchszimmer mit einer Bronzeuhr am Kamin, einen Spiegel zwischen den beiden, mit weißen Spitzenvorhängen geschmückten Fenstern. Beim Tisch sah er eine dunkeläugige Frau sitzen. Und ein roter Teppich bedeckte den Boden. Er glaubte auch, seine Frau zu hören: „Halt, Robert, komm doch zum Mittagessen." So hatte er es kürzlich, beobachtet bei einem jungen Hausiererehepaar. Eines Tages traf Robert zu seiner Ueberraschung in der Synagoge einen Bekannten aus Kropowetz. Es war Feive, der Melamed, der erst kürzlich eingewandert war. Dieser große, starkknochige Mann mit dem Gesichte eines Märtyrers hatte in Kropowetz die Schule geleitet, in der die jüdischen Knaben den Tag verbringen, um Gottes Lehren zu hören. Wie die Melameds öfter zu tun Pflegen, war auch Feive bemüht, sein Einkommen dadurch zu erhöhen, daß er seine freien Stunden dem Schadchenberufe weihte. Sein Sinn für das Vermitteln von Heiraten war so entwickelt, daß er auch in New-Iork nach Schidechs zu schnüffeln begann, kaum daß er sich von der Uebersahrt erholt hatte. „Ah, Reb Feive," rief Rouvke den Landsmann an. „Wie kommt Ihr nach Amerika? Wie geht es Euch hier? Wann seid Ihr angelangt?" Und nun fragte er nach seiner Mutter und nach verschiedenen Personen in Kropowetz und kam schließlich auf seinen ehemaligen Dienstherrn zu sprechen. „Reb Peretz?" echote Reb Feive Rouvkes Frage. Der Allmächtige möge sich seiner erbarmen! Habet Ihr gehört, daß er jetzt in sehr ärmlichen Verhältnissen lebt. Sein Branntweinladcn wurde geschlossen." „Ist es möglich?" „Ja, es geht ihm sehr schlecht," fuhr Reb Feive fort, indem er seine grauen Seitenlöckchen ringelte. „Ihr wißt ja, was für harte Zeiten die JudHl in Rußland jetzt haben. Es geht ihnen immer schlechter — möge Er, dessen Name ich nicht auszusprechen wage, uns beschützen. — Aber ein Jude kann heutzutage schwer ein Geschäft anfangen und die Branntweinbranche liegt arg darnieder. Der arme Peretz, er ist gramgebeugt." (Forts, folgt.) Literatur. Ein jüdischer Theosoph. Die fortschreitende Erforschung der jüdischen Mystik sieht immer klarer, daß in diesem zum großen Teil apokryphen, zu nicht geringem noch unedierten Schrifttum so manches uralte Geistesgut vorliegt. Weite Strecken unseres Wanderzuges durch die Geschichte, von rein pragmatischer Auffaffung als literarisches Brachfeld markiert, wird ein von tiefer dringender Sachkenntnis zur Vorsicht gemahntes Urteil als „torra incognita“ erneuter Prüfung unterwerfen. Dem auf liebevolles Verstehen eingestellten Auge offenbart sich leicht unter wüster Oberschicht urkräftiges Drängen zur Gestaltung, — allem rationalisierenden Filter trotzender Bodensatz der Volksseele. Mit elementarer Wucht brach sie in blendend sengendem Feuergischt zutage im Sabbatianismus. Den Weg des Schwärmers von Smyrna und seiner Apostel durch die Ghetti von Ost nach West bezeichnen die Aschenspuren dieses Lavastromes. Von den geheimen Gluten still fortbrodelnder Este zeugt, wie üppige Tropenpracht auf vulkanischem Herd, im Zaubergarten chaffidischer Sagen- und Sangeswelt manch verwunschenes Märchenkind jüdischer Volkskunst. Sie summt ihr leises Lied in den „Geschichten des Rabbi Nachmann", eines Zeitgenossen des ersten Napoleon, dieMartinBuber (Frankfurt a. M., Rütten L Löning) uns entdeckt hat und in einer Form verdolmetscht, deren meisterhafte Kunst dem Perlengehalt des Stoffes tausend spielende Lichter

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