Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 10 (8.3.1907)
- Date
- 1907-03-08
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021710-3021721--16217-3041024- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 10 ivr. J5iccö B MocvenscbrM. Seite 175 Götzen; denn das Bild zeigte ihr, daß ihr Rouven keine Seitenlöckchen mehr trug. Er hatte das Haar jetzt in der Mitte geteilt und zu beiden Seiten zurückgestrichen. Und er hatte einen steifen Hemdkragen an. Doch dieser Hemdkragen war so hoch, daß einem bei seinem Anblick unwillkürlich die Idee befiel, Rouvke hätte seine Fuhrmannspeitsche verschluckt, Als Rouven noch in Kropowetz war, hatte man ihn nie anders gesehen, als mit einem dicken Flanellhalstuch um den Hals; doch das Bild zeigte, daß dieses einer schmalen Kravatte platzgemacht hatte. Und statt des früheren Schafspelzes hatte er jetzt einen modernen Ueberzieher an. „Geschäft ist Geschäft" war Rouvkes beständige Redensart. Sonst war er aber ein guter Junge. Alljährlich am Vorabende des Versöhnungstages spendete Rouvke zwei Dollars für den Synagogenfond der Kropowetzer und es war auch schon vorgekommen, daß er einem neu eingewanderten Landsmann mit ein paar Dollars zur Errichtung eines Geschäftes verholsen. Allerdings nicht ohne sich vorher sicherzustellen. Jeden Samstag abends begibt sich Rouven mit großer Pünktlichkeit in die Botvery-Sparkossa. Seine Landsleute, die meist verheiratet und mit Kindern gesegnet sind, können sich solche Dinge nicht gestatten und sie beneiden Rouvke um sein „Bankkonto" und seinen Kredit in der Hausierer-Einkaufshalle. Aber wenn seine amerikanischen Bekannten von ihm sprechen, nennen sie ihn mit einer gewissen Absichtlichkeit Rouvke Arbel statt Robert Friedmann, wie seine neuen Geschäftskarten lauten, und öfter machte einer und der andere die Bemerkung, daß dieser Rouvke doch nur ein großes Glücksschwein sei. Wir wollen hoffen, daß diese boshaften Redensarten Rouvkes Ohr nicht erreichten, denn seine Empfindlichkeit war in dieser Richtung sehr groß, und wenn Rouvke überhaupt je eine Schwäche offenbart hat, so war es sein Hang zur Prahlerei und seine Sucht nach dem Beifall der Andern. Ach, was hätte er nicht darum gegeben, die Bekannten sagen zu hören: „Rouvke ist ein fescher Junge, er ist kein Gelbschnabel mehr in Amerika" oder „er ist ein Hüter Mensch". Diese Schwäche hatte ihn auch veranlaßt, seinen Namen zu anglisieren und sich Robert statt wie einstens Rouvke zu nennen. „Das erinnerte weniger an Kropowetz und klang so zivilisiert." Das weibliche Element hatte bisher in Rouvkes Leben keine große Rolle gespielt. Ehe er nach Amerika ausgewandert war, als er noch bei Peretz dem Branntweiner gedient, hatte er sich wohl hie und da eine Liebkosung auf Leikes, des Dienstmädchens, Wangen gestattet; aber das war nicht das gewisse, galante Kneifen, das die Kropowetzer Burschen mit einem zärtlichen Blick und den Ausruf: „Das ist ein Kapitalsmädel" begleiten. O nein, Rouvke haßte diese Leike, diesen lahmen Teufel, mit der ganzen Tiefe seiner Fuhrmannsseele, und wenn er sich ihr näherte, so geschah es, um sie zu reizen, um sich an ihrem Zorn zu weiden, „auf daß sie zerspringe, diese Krautscheuche!" Doch Leike zahlte es ihm heim mit dem großen Schöpflöffel und einer Flut von Schimpfreden und sie zauste ihn an seinen Haaren und heulte so jämmerlich, bis die Hausfrau herbeieilte und dem Streit ein Ende bereitete, indem sie jeder der beiden Parteien eine schallende Ohrfeige versetzte. Für Hanele, seines Herrn einzige Tochter, fühlte Rouvke anders wie für die übrigen Familienmitglieder Er hatte eine große Anhänglichkeit für das Mädchen, und wenn er ihr einen Dienst leistete, so geschah es mit weit mehr Eilfertigkeit wie für andere. Als Feive, der Heiratsvermittler, zum ersten Male im Hause des Reb Peretz erschien und bald darauf ein Freier um Hanele sich blicken ließ, war Rouvke mit einem Male ganz verändert und sein Appetit hatte sich auffallend verschlechtert. Nicht einmal Hausbrot und sauere Milch, bisher seine Lieblingsspeise, schmeckten ihm mehr. Er schlich im Hause herum wie geistesabwesend und neulich hatte er einen Befehl seines Herrn überhört und dafür eine Ohrfeige erhalten. Aber auch diese hatte ihn nicht zur Besinnung gebracht. Rouvke konnte sich selbst nicht erklären, warum er so niedergeschlagen sei. Wie yätte auch ein Zusammenhang bestehen können zwischen der Vorliebe eines Fuhrmannes für sauere Milch und der reizenden Tochter des Reb Peretz, des Branntweiners, des Sohnes von Rabbi Berele, des angesehensten Mannes in Kropowetz? Doch die Verhandlungen, deren Gegenstand Hanele bildete, verliefen immer wieder resultatlos und Rouvkes Appetit kehrte wieder und er bediente sie mit noch größerer Ergebenheit wie früher. Mehrere Freier waren nun schon um Hanele gekommen, als für Rouvke der Zeitpunkt herangenaht war, wo er hätte zum Miliär einrücken müssen. Da entschloß er sich, nach Amerika auszuwandern.- In der neuen Welt verbrachte Rouvke die ersten vier Jahre in der Hausiererschule, wo er zu den eifrigsten und talentiertesten Schülern gehörte; er hatte für nichts anderes in der Welt Interesse. Nur in den ersten Monaten quälte ihn das Heimweh und er sehnte sich nach Kropowetz zurück, nach seiner Mutter, nach der Familie seines Dienstgebers, nach dem Apfelbaum, von dem er so manchen Apfel heruntergeholt hatte. Er erinnerte sich des Hauses und der Rasenbank, wo er am Freitagabend so gerne geseffen, auf seine riesigen Röhrenstiefel schauend, die dem Sabbat zu Ehren mit einem frischen Teeranstrich versehen waren. Aber von den Erinnerungen, die ihn am Anfang seines Newyorker Aufenthaltes schmerzlich bewegten, waren die an Hanele die am öftersten wiederkehrenden. Im Laufe der Zeiten schwemmten die Eindrücke der Großstadt seine alten Erinnerungen fort und Hanele und der Apfelbaum und die Synagoge von Kropowetz entschwanden seinem Gedächtnisse. Doch von Zeit zu Zeit geschah es, daß er einem neu eingewanderten Landsmann begegnete. Und dann bestürmte er diesen mit Fragen über den Ort, wo er feine Jugend verbracht hatte. Aber wie das Verhör über den Gesundheitszustand seiner Mutter und die Familie seines früheren Dienstherrn im Allgemeinen beendet war, zog Rouvke über Hanele die genauesten Erkundigungen ein und dann kehrten seine schmerzlichen Gefühle für eine Weile wieder. Ansonsten verfolgte Rouvke die normale Hausiererlaufbahn mit großem Eifer. Zuerst war er Taschentücher-Haufierer, dann hatte er es dazu gebracht, sich ein kleines Lager der verschiedensten Waren anzuschaffen, groß genug, um in einem Kasten untergebracht zu werden, den er mit sich herumtrug. Später ließ er sich auf den Treppen eines großen Durchgangshauses nieder und eröffnete dort sein Warenlager. Gar oft passierte es, daß er alle Treppen hinuntergeworfen wurde. Doch kaum wieder aufgestanden, raffte er sein? Ware wieder zusammen und weiter gings; und wieder klopfte er an eine andere Tür und wieder begegneten ihm neue Ungelegenheiten. Endlich war er auf der obersten Stufe feines Berufes angelangt und nahm nun den Titel „Raten-Haufierer" in Anspruch. Um diese Zeit ließ er sich folgende Karten drucken : Robert Friedmann, Händler in Möbeln, Teppichen, Juwelen, Wäsche, Kleider auf wöchentliche Abzahlung." Wie schon erwähnt, stand Rouvke dem weiblichen Geschlechte fremd gegenüber. Wenn er mit Frauen oder Mädchen zusammenkam, so war es nur in Gefchäftsangelegenheiten. Die anderen Hausierer sah er oft auf der Straße mit jungen Mädchen sprechen, auch hörte er, daß sie Bälle und allerlei Unterhaltungen mitmachten, aber für Rouvke waren diese Dinge eine terra incognito. Und manchmal, wenn Rouvke in die Wohnung eines Landsmannes kam, um etwaige geschäftliche Angelegenheiten mit ihm zu besprechen und hier eine Dame traf, stellte der Gastgeber vor: „Miß Goldberg — Mister Friedmann". Mister Friedmann hätte nun, das wußte er schon, sagen müssen, „freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen", doch er hätte diese Phrase nicht herausgebracht, das Wort blieb ihm in der Kehle stecken. Zum Glück waren diese Begegnungen sehr selten, er vermied sie. Auf keinen Fall hätte er sich mit derlei lange abgegeben. Nach einiger Zeit, als die Hausierer und seine Landsleute sein Kapital schon auf 5000 Dollars schätzten und er tatsächlich über 3000 im Bankdepot besaß, er auch bereits 25 Lenze zählte, empfand er manchmal eine eigentümliche