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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-03-08 · 10 (8.3.1907) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
10 (8.3.1907)
Date
1907-03-08
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Bestreben, die Grundsätze des Vereins vollkommen zum Ausdruck zu bringen. Abg. Dr. Eickhoff bemerkt, daß nicht nur unter Freisinnigen, sondern auch unter Sozialdemokraten Antisemitismus herrsche. Täglich fast müsse er sich im Reichstage gegen antisemitische Jnvektiven, die aus den Reihen der Sozialdemokraten kommen, wehren. Noch heute habe ein sozialdemokratischer Abgeordneter, der einen Berliner Wahlkreis vertrete, eine antisemitische Beschimpfung ausgestoßen. An der weiteren Debatte beteiligten sich Bankkassierer Jaffe, Dr. Heimann, Dr. Friedmann. Zum Schluß bemerkte Dr. Barth, das Fazit der Besprechung sei jedenfalls, daß der Verein seine Grundsätze aufrechterhalten müsse. Die Regierung wolle ja dem Vernehmen nach liberale Bahnen wandeln. Der Reichskanzler soll sein liberales Herz entdeckt haben, nun möge er den Beweis liefern, daß das wahr ist, und die konfessionelle Gleichberechtigung mit vollem Nachdruck vertreten. Wenn dies geschehe, dann werde man sehen, daß bei der Regierung wirklich liberale Neigung vorhanden ist. Damit schloß die Generalversammlung. — Im Saale der Viktoria-Brauerei, Lützowstraße 111, fand am Sonntag, vormittags, die Generalversammlung des H i l f s v e r - eines der deutschen Juden statt. Herr James Simon gedachte zunächst der Verstorbenen und dankte der großen Zahl ehrenamtlicher Mitglieder, die im ganzen Deutschen Reich dem Hilfsverein ihre Dienste zur Verfügung stellen. Daran schloß sich die Erstattung des Geschäftsberichtes, lieber die Lage in Rußland sprach Dr. Nathan, der die Zukunft Rußlands sowohl in politischer als in finanzieller Hinsicht als eine außerordentlich trübe schilderte. Alsdann leitete Privatdozent Dr. Mittwoch mit einigen einführenden Worten über die Falaschas einen Vortrag des Herrn Dr. Faitlowitsch aus Paris über dasselbe Thema ein. Dr. F. ist 18 Monate in Abessynien gewesen und war daher in der Lage, auf Grund persönlicher Anschauungen über die Falaschas, diesen versprengten Stamm des Judentums. Bericht zu erstatten. Er schloß seinen interessanten Vortrag mit der Bitte, daß die Juden der zivilisierten Welt sich der Falaschas annehmen mögen. Herr James Simon konnte feststellen, daß seitens des Hilfsvereines der deutschen Juden bereits ein Betrag bewilligt worden ist, zu dem Zwecke, junge Falaschas in Jerusalem der Segnungen moderner Erziehung teilhaftig werden zu lassen. — Aus dem der Generalversammlung vorgelegten und von dieser genehmigten Geschäftsbericht ist folgendes hervorzuheben: Der Hilfsverein der deutschen Juden ist jetzt in sein sechstes Geschäftsjahr eingetreten. Die Zahl seiner Mitglieder ist im letzten Jahre von 9500 auf rund 14.000 gestiegen, die Mitgliederbeiträge und die Spenden für die allgemeinen Zwecke des Vereins haben sich entsprechend von 107.000 auf rund 140.000 Mk. erhöht. Hilfsverein der deutschen Juden. Berlin. Von den Arbeiten des letzten Jahres ist das Hilfswerk für Galizien zu nennen. Es sind bereits sieben Hausindustrien in Galizien neu eingeführt worden und über 2500 jüdische Arbeiter und Arbeiterinnen finden in diesen Industrien einen ehrlichen Erwerb. In den Ländern des Orients, in Rumänien. Bulgarien, der europäischen und asiatischen Türkei sorgt der Hilfsverein der deutschen Juden für die Hebung und Bildung der Juden und für die Förderung ihres wirtschaftlichen Fortkommens durch Schulgründungen in steigernder Zahl, wobei der Erteilung und Einführung des deutschen Unterrichts besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird. Die Bestrebungen für eine Besserstellung der marokkanischen Juden hatten den Erfolg, daß die Mächte auf der Konferenz von Algeciras einmütig eine Resolution zu Gunsten der marokkanischen Juden annahmen. Neben den 1,060.000 Mk., die der Hilfsverein vom Oktober bis zum Schluß des Jahres 1905 für Rußland überwiesen hat, hat er im Jahre 1906 weitere 1,476.000 Mk. aufgewendet, so daß er seit dem Ausbruch der Massenpogrome rund 2'/z Millionen für Rußland verausgabt hat. Es war auch möglich, eine Anzahl von Christen, darunter in Rußland ansässige Deutsche, die während der Judenmetzeleien die Juden zu verteidigen suchten .. i und dabei Schädigungen erlitten hatten, zu unterstützen. Von den 1650 Kindern, die durch die Judenmetzeleien verwaist wurden, konnte der größte Teil in Rußland versorgt werden. Im Anschluß an das Hilfswerk für Rußland vollzog sich die Fürsorge für jüdische Auswanderer durch das Zentraldureau für jüdische Auswanderungsangelegenheiten. Der Strom der 132.000 jüdischen Auswanderer, zum größten Teil russische, der sich durch Deutschland ergoß, ist so gelenkt worden, daß die Durchwanderung durch Deutschland sich glatt und ohne Störung vollzog. 60.751 Auswanderern hat der Hilfsverein in dieser Weise seine Fürsorge zuwenden können. Dank der opferwilligen Unterstützung durch die deutschen Glaubensgenoffen ist es dem Hilfsverein der deutschen Juden möglich geworden, in den ersten fünf Jahren seines Bestehens für seine humanitären Zwecke 3,081.874 Mk. aufwenden zu können. Rumänische Jugend. Die Zöglinge des Lhceums in Verlad haben sich schon wieder eine Reihe von Gewalttätigkeiten und Ausschreitungen zu Schulden kommen lassen, die ein trauriges Licht auf den Geist, der unter diesen jungen Leuten herrscht, sowie aus die Verwaltungs- und Sickerheitszustände in diesem Teile der Moldau werfen. Vor einigen Tagen hatten die Schüler ohne jeden Anlaß auf der Straße zwei jüdische junge Leute überfallen und mißhandelt und diese empörende Roheit hatte die Lyceumsleitung veranlaßt, über einige der schuldigen Schüler Disziplinarstrafen zu verhängen. Diese Maßregel erzeugte große Aufregung unter den Schülern, die sich daraufhin hinter dem Friedhofe „Eternitatea" unter freiem Himmel in aller Stille versammelten und dann gegen halb 10 Uhr nachts unter Lärmen und Schreien in die Stadt zogen. Die noch offen stehenden jüdischen Geschäfte wurden geschlossen, das aber hinderte die Schüler nicht, ihr geplantes Zerstörungswerk in geradezu vandalischer Weise durchzuführen. In den Straßen Carol, Strimba, Palada und Stefancel-Mare wurden unter tobendem Geschrei alle Scheiben und Türen an den von Juden bewohnten Häusern eingeschlagen, die Firmentafeln heruntergerissen und die Magazine und Wohnungen der Juden devastiert. Die Behörden waren von den Ereignissen vollkommen überrascht und erwiesen sich den aufrührerischen Burschen gegenüber vollkommen machtlos, b's es schließlich der Intervention des Staatsanwaltes, der den ganzen Polizeiapparat in Bewegnng setzte, gelang, die Manifestanten auseinanderzutreiben und gegen Mitternacht die Ruhe wicderherzustellen. Während der restlichen Stunden der Nacht sorgten Militärpatrouillen dafür, daß die Ruhe nicht weiter gestört werde. Diese Ausschreitungen hatten nämlich unter der jüdischen Bevölkerung große Panik hervorgerufen und sie war entschlossen, tags darauf die Geschäfte nicht zu öffnen. Erst auf die Versicherung des Präfekten Herrn Juvara, der sich persönlich für die Aufrechthaltung der Ruhe verbürgte, kamen sie von diesem Entschlüsse ab und dank der umfassenden behördlichen Sicherheitsvorkehrungen wurden tatsächlich weitere Exzeffe verhindert. Die Juden bewahrten die ganze Zeit über eine reservierte und versöhnliche Haltung. — Die von den Schülern devastierten Stadtteile bieten einen trostlosen Anblick dar. Mehr als 60 jüdische Familien haben großen Schaden erlitten und die Schadensziffer dürfte eine sehr große sein. Dieser Tage wurde der Unterricht an den oberen Klassen des Lyccums suspendiert. Die Schüler scheinen sich des schweren Vergehens, das sie sich haben zu Schulden kommen lassen, gar nicht bewußt zu sein, da sie die Kühnheit hatten, an die Lyceumsdircktion eine Abordnung zu entsenden, „um ihre Forderungen zum Ausdrucke zu bringen." Dann begaben sie sich zur Polizei, wo sie das Vorgefallene in ihrem Sinne erzählten. — Der Generalprokurvr des Jaffyer Appellhofes Herr Tataru ist in Verlad eingetroffen, um persönlich die Untersuchung zu leiten, die in erster Reihe den Zweck hat, die Schuldigen und ihre Anstifter festzustellen. So offenbart sich die rumänische Rasse schon in dem Heranwachsenden Geschlecht als Kulturträger ersten Ranges.

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