Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 10 (8.3.1907)
- Date
- 1907-03-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Aufnahme in die Kultusgenossenschaft, sondern bilde nur das Substrat für eine Entscheidung, die auch ablehnend ausfallen könne. Ob man jemanden aufnehmen wolle oder nicht, sei eine ganz interne Angelegenheit der betreffenden Kultusgemeinde. Das Ministerium hat die Auffaffung des Kultusvorstehers akzeptiert, indem es vor einigen Tagen den Auftrag zur Genehmigung der in diesem Sinne abgeänderten Statuten der Leipniker jüdischen Kultusgemeinde erteilte. Troppau. (Chewra-Kadischa-Feier.) Die hiesige Chewra-Kadischa, gleichzeitig Beerdigungs- und Krankenunterstützungs-Verein, feierte am 21. Februar (7. Adar) ihr 25-jähriges Gründungsfest und wurde die Feier nach folgendem Programme begangen. Im festlich beleuchteten Tempel wurde um 5 Uhr das Minchagebet abgehalten, nach dessen Beendigung Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Blüh die Kanzel bestieg, um die Bedeutung des Tages und die wichtige, heilige Institution der Chewra-Kadischa zu besprechen. In ergreifender Weise trug hierauf Herr Oberkantor Singermann das „LI mole rachomim" für die verstorbenen Chewra-Mitglieder vor. Nach Beendigung der Tempelfeier versammelten sich die Teilnehmer im Sitzungssaale der israelitischen Kultusgemeinde, wo Herr F. Donath, Obmann der Chewra-Kadischa, die Festversammlung eröffnete und die Erschienenen begrüßte. Es hatten sich ein gefunden : Der Gesamtvorstand der Kultusgemeinde mit dem Vorsteher Herrn Dr. Sonnenschein an der Spitze, eine Deputation der Kultusgemeindc und Chewra-Kadischa aus Jägerndorf, sowie viele Mitglieder. Nach der Begrüßung hielt Herr Dr. L. Buchbinder Vereinsarzt, die Festrede und entledigte sich seiner Aufgabe in einfacher aber gediegener Weise. Es sei hier besonders lobend heroorgehoben, daß Herr Dr. Buchbinder der Chewra-Kadischa anläßlich der Gründungsfeier, einen namhaften Betrag für Erholungsbedürftige als Fond überwies. Hierauf sprach, für den Kultusvorstand, Herr Dr. Th. Sonnenschein in treffenden Worten der Chewra-Kadischa für die entwickelte Tätigkeit, sowie die großen, nützlichen und menschenfteundlichen Arbeiten den besten Dank aus. Seitens des Vorstandes der Chewra-Kadischa erwiderte der derzeitige Schriftführer und Kontrollor Herr Moritz Spiegel und dankte dem jetzigen Obmanne Herrn F. Donath für seine langjährigen, treuen Dienste in kernigen, anerkennenden Worten und überreichte ihm als Zeichen dauernder Anerkennung ein hübsch ausgestaltetes Diplom. Herr Spiegel brachte dann die eingelaufenen Gratulationsschreiben und Telegramme von den Nachbar- und Heimatsgemeinden, von Privaten und Gönnern zur Verlesung, die mit Beifall zur Kenntnis genommen wurden. Der Obmann Herr Donath, von der ihm gewordenen Auszeichnung höchst überrascht, dankte warm für die Anerkennung und schloß hierauf die von ihm tadellos geleitete Festsitzung. Um 8 Uhr abends fand im schönen, glänzend illuminierten, in einen Paffagier-Dampfer umgewandelten Trei- Hahnen-Saale eine groß angelegte Unterhaltung statt. Da die Beteiligung eine sehr große war, entwickelte sich bald ein reges, fröhliches Treiben, das ein anziehendes, fesselndes Bild bot, da sämtliche Gäste, respektive Passagiere bunte Matrosen und Kapitäns-Kappen in den verschiedensten Ausführungen trugen. Reizende Schiffschöre, von Herrn Oberkantor Singermann in gewohnt vorzüglicher Weise dirigiert, fanden reichen Beifall, ebenso die humoristischen Vorträge, die Herrn Finzi stürmischen Applaus für die gelungene Wiedergabe derselben einbrachten und die heitere Stimmung noch erhöhten. Der sich anschließende Tanz, dem die hiesige Militärkapelle die schönsten Weisen spielte, hielt die Teilnehmer bis zum nächsten Morgen fest und bot Herrn Meisel Gelegenheit, reiche wohlverdiente Lorbeeren als vorzüglicher Ballarrangeur zu ernten. Das schöne Fest vereinigte alle Stände der jüdischen Bevölkerung und wird seinen Teilnehmern durch den überaus animierten Verlauf noch lange in angenehmster Erinnerung bleiben. II. Sp. Berlin. Eine interessante Urkunde über die Judenkolonie im egyptischen Arsinoö hat Professor Dr. Wessely jüngst in den Akten des XIV. Internationalen Orientalisten- Kongreffes einer besonderen Untersuchung unterzogen. Es handelt sich um eine große Liste, die alle Steuerpflichtigen der Straße „Lager des Apollonios" der genannten griechisch-egyptischen Stadt aufführt und die den Behörden als Unterlage für die Steuererhebung diente. Eine besondere Rubrik wird in dieser Urkunde von den Juden gebildet. Es sind ihrer im Ganzen fünfzehn, nämlich fünf erwachsene Männer, sechs erwachsene Frauen und vier Kinder. Sie alle sind der Judensteuer unterworfen, die auf den Kopf acht Drachmen und zwei Obolen ausmacht. Außerdem wurde noch von jedem eine Zusatzsteuer von einer Drachme unter dem Titel „Aparche" eingetrieben. Daß diese Steuer eine besondere Härte war, ersieht man daraus, daß bei ihr nicht einmal die sonst bei der Kopfsteuer üblichen Vergünstigungen gewährt wurden. Während gewöhnlich die Kinder und Greise steuerfrei sind, müssen sie bei den Juden zahlen. Die Urkunde stammt aus dem Jahre 72 n. Chr., aus der Zeit Vespasions, und bestätigt die Nachricht des Josephus, daß dieser Kaiser den Juden acht Drachmen und zwei Obolen als Steuer auferlegte. Unter Domitian wurde die Eintreibung immer härter und sie führt endlich zu großen Aufständen, von denen ebenfalls in den Papyrusurkunden Spuren zurückgeblieben sind. Berlin. Am Sonntag fand die ordentliche Generalversammlung des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus unter dem Vorsitze des Dr. Theodor Barth statt. Der Geschäftsführer des Vereines, Schriftsteller Kurt Bürger, bemerkte alsdann bei Erstattung des Geschäftsberichtes, die Tätigkeit des Vereines seiin der Hauptsache eine publizistische, und zwar durch Herausgabe der „Mitteilungen", von Flugblättern und eines Kalenders, um den Antisemitismus in jeder Form, auch den sogenannten Gesellschaftsantisemitismus zu bekämpfen. Außerdem sei eine Broschüre „Der politische Antisemitismus von 1903—1907" herausgegeben worden. Es seien l'/^ Millionen Kalender verbreitet worden. Rentier Salinger berichtete über die Kasfenverhältnisse des Vereines. Dr. Barth sprach alsdann über „Unsere Stellung zum Antisemitismus in und nach den Reichstagswahlen". Der Verein habe keine bestimmte politische Richtung, er könne auch und wolle auch nicht eigene Kandidaten für die Parlamente aufstellen. Sein Grundsatz sei, diejenigen Kandidaten ohne Rücksicht auf ihre Parteirichtung nach Kräften zu unterstützen, die die Garantie geben, daß sie vollständig frei vom antisemitischen Bazillus sind und daß er den Grundgedanken der konfessionellen Gleichberechtigung zur Wahrheit machen wolle. Der Kandidat, den der Verein unterstützen solle, müsse auch die Garantie geben, daß er im Falle einer Stichwahl zwischen einem Antisemiten und einem Nichtantisemiten, auch wenn dieser ein Sozialdemokrat sei, rund und klar gegen den Antisemitismus Stellung nehme und in diesem Falle den Sozialdemokraten als das kleinere Uebel ansehe und wähle. (Lebhafter Beifall.) Ungemein bedauerlich sei es, daß bei den letzten Wahlen selbst von freisinniger Seite bei den Stichwahlen dem Antisemitismus zum Siege verholfen wurde. Ja, es haben selbst zwei Herren, die dem weiteren Vorstand des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus angehören, offen aufgefordert, bei der Stichwahl für den Antisemiten zu stimmen. Die Herren haben sich entschuldigt, daß sie das aus Parteiinteresse getan haben, eine solche Entschuldigung könne selbstverständlich nicht gelten. Er habe in seiner Eigenschaft als Vorsitzender die Herren aufgefordert, aus dem Vorstand auszutreten, dies sei geschehen. Wenn auch der sogenannte Radauantisemitismus anscheinend abgewirtschaftet habe, so bestehe doch der Antisemitismus in viel gefährlicherer Form, der das öffentliche Leben durchdringe. Die konservativen Parteien und der Bund der Landwirte seien durch und durch antisemitisch. Direktor Stern äußerte sein Bedauern, daß bei den Wahlen die Freisinnigen, ganz besonders die freisinnige Volkspartei, Antisemiten zum Siege verholfen haben. Dr. Barth: Er müsse bemerken, daß leider auch seitens der Freisinnigen Vereinigung antisemitische Kandidaten unterstützt worden seien. Rentier Charles Hallgarten- Frankfurt a. M.: In Süddeutschland habe der Verein auch einen sehr schweren Kampf gehabt. Die Mitglieder in Süddeutschland haben jedoch keinerlei Konzessionen gemacht, sie haben das ernste