Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 10 (8.3.1907)
- Date
- 1907-03-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. io Vr. Vwor"s WoaxentÄrrM< Seite 169 Der mit stürmischem Beifall aufgenommene Vortrag schloß mit dem Appell zur Zusammenarbeit aller mit jüdischer Emigration und Kolonisation sich befassenden Organisationen der Welt zwecks Durchführung eines größeren Versuches in dieser Richtung. Wir behalten uns vor, auf diesen in rhetorischer und sachlicher Beziehung gleich ausgezeichneten Bortrag, der demnächst im Selbstverläge des Jüdischen Kolonisationsvereines im Druck erscheinen wird, ausführlich zurückzukommen. Namens des Jüdischen Kolvnisationsvereines sprach der Präsident Herr k. k. Baurat Stiaßny dem Vortragenden den Dank und die Anerkennung der Versammlung für die geistvollen Ausführungen aus. Zu Ehren des Gastes fand im Anschluß an die Versammlung ein gemeinsames Abendessen statt, an dem die hervorragendsten Persönlichkeiten mit ihren Damen teilnahmen. Bortrag von Dr. F. Oppenheimer in Wien. In einem Vortrag über „Das Rassenvorurteil", veranstaltet vom Verein zur Abwehr des Antisemit i s m u s, führte Freitag den 1. März d. I. im großen Saale der Wiener Kaufmannschaft (Schwarzenbergplatz 16) der bekannte Forscher auf soziologischem Gebiete Herr Doktor Franz Oppenheimer aus Berlin die sogenannte „Rassentheorie" in glänzender Weise ad absurdum. Er bewies, wie die mehr „strebsamen" als tiefen Verfechter dieser neuen Heilslehre, voran der Katholik Gobineau und der Protestant Houston Chamberlain weit eher den Titel „ Klassen "- als „Rassen"-Theoretiker verdienen würden, da sie nur die für die herrschenden Klassen günstigen Eigenschaften herausgreifen oder auf sie zuschneiden, ohne zu bedenken, zu welchen Fehlschlüssen die vom Vorurteil und Egoismus diktierte Methode der Einseitigkeit unbedingt führen muß. So werden beispielsweise der Langschädel (do1i6hoc6pha1us) und die langen Beine als Merkmal der „edlen" — germanischen — Rasse durch C Hamb erlain bezeichnet. — Die exakte Forschung habe aber gezeigt, daß Neger noch mehr Dolichocephalen seien und noch längere Beine besitzen als die Germanen! Eine weitere Forschung förderte das überraschende Resultat zutage, daß sehr viele Adelsgeschlechter in Deutschland, Frankreich und Italien von einem gemeinsamen jüdischen Urahnen aus dem 17. Jahrhundert stammen. Wegen gänzlichem Mangel an Objektivität kann diesen modernen Hypothesen daher kein wissenschaftlicher Wert zuerkannt werden. Der Vortragende verstand es, durch seine von Geist und Humor sprühenden, wie nicht minder von umfangreichem Wissen zeugenden Ausführungen das überaus zahlreich versammelte Publikum bis zum Schluß in atemloser Spannung zu erhalten. Frenetischer Beifall lohnte denn auch den Redner, der ebenso korrekt wie elegant seinen Gegenstand beherrschte, und der Vorsitzende, Vizepräsident Oswald Hohensinner, vom Vereine zur Abwehr des Antisemitismus sprach den Zuhörern nun aus den Herzen, als er in begeisterten Worten auf den hohen Wert dieser Darlegungen hinwies. Er verband damit den speziellen Dank der Vereinsleitung. Unter den Anwesenden war Herr Hofrat v. G o m p e r z, Herr Gemeinderat Alex. R. v. Dorn, Herr Prof. Dr. S. E h r m a n n, Herr Maximilian Paul Schiff, Herr Dr. Landau und viele Andere zu bemerken. Wir werden auf diesen bedeutenden Vortrag noch zurückkommen. Jüdische Terrrtorial-Organisation. Anläßlich der kürzlich in Kiew abgehaltenen Jto-Konferenz wurde der geographischen „Jto"-Kommission ein Dankes¬ und Vertrauensvotum gewidmet. Bei derselben Konferenz wurde Herr Hillel Zeitlin in das Zentralkomitee gewählt und wird er von nun an die durch den Tod des Herrn Cbazan freie Stelle bekleioen. Ingenieur Lev tritt an die Spitze des Jto-Distriktes von Kiew. Es wurde auch ein Veröffentlichungskomitee gebildet, dessen Aufgabe es sein wird, Flugschriften in russischer Sprache und im Jargon herauszugeben, für welchen Zweck die Summe von 1000 Rubel votiert wurde. Das Komitee besteht aus den Herren M. Gipsiein, L. Paperin und N. Finkelstein. Im Laufe des Jahres hat das russische Jto-Zentralwahlkomitee folgende Publikationen herausgegeben. 1. Eine russische und eine jüdische Uebersetzung von Zangwills „Der Territorialismus und seine Gegner", 2. „Konstitution und Territorialismus" von Chazan, ins Jüdische übertragen. 3. „Liberia von Paperin (russisch), 4. „Zionismus" von Litakov (jüdisch) und 5) „Territorialismus" von Zug «jüdisch). Am 6. Februar d. I. hielt Herr Jacques Jäger vor Wiener Territorialisten einen Vortrag mit Skioptikonbildern über Auswanderung und Kolonisation. Diesem Vortrag folgt.' eine Aussprache des Dr. Isidor Samuely, welcher allen Anwesenden das traurige Problem der Auswanderung ans Herz legte und damit schloß, daß die Betrachtung derselben zu der Ueberzeugung führen müsse, jede jüdische Bewegung sei gezwungen, die Lösung dieses Problems sofort in Angriff zu nehmen. Herr G. Gurewitsch, der dänische Konsul in Kiew, wurde zum Mitgliede des Jto-Auswanderungsregelungs-Bureaus ernannt das in dieser Stadt gegründet wurde. Am 23. Februar d. I. wurde im „Diamant-Klub" zu Antwerpen die jährliche Generalversammlung des Antwerpener Zweiges der Jto abgehalten. Die Agenden betrafen: 1. Bericht über die finanzielle Lage; 2. Bestätigung der Konstituierung: 3. Wahl des Komitees: 4. Eventuelles. Die Versammlung telegraphierte an Herrn Zangwill, daß sie ihm in dankbarer Anerkennung seiner aufopfernden, selbstlosen Tätigkeit für seine unterdrückten Brüder ihre aufrichtige und achtungsvolle Würdigung auszusprechen wünsche. In der ersten Jahresversammlung des Zweigvereines von Newcastle am 3. Februar wurde beschlossen, daß die Versammlung Herrn Zangwill, dem Führer der Bewegung, ihr Vertrauen ausspreche und ihr Einverständnis mit dem von ihm ins Werk gesetzten Plan, die jüdische Auswanderung nach den Bereinigten Staaten von Nordamerika zu regeln. * h Am 21. Februar nachmittags wurde ein Meeting zu dem Zwecke abgehalten, die bisher in einer informellen Weise durchgeführten Arbeiten des Auswanderungs-Regelungs-Departements der Jto in eine feste Form zu bringen. Da es sich hauptsächlich um eine Formsache handelte, waren die kontinentalen Mitglieder nicht erschienen. Herr O. E. D'Avigdor Goldsand, der nach Kanada abgereist war, hatte sein Fernbleiben entschuldigt. Anwesend waren die Herren H. M. Kisch, Leopold von Rothschild, Clement I. Salaman, Karl Srettauer, A. I. Waley, Lucien Wolf, I. Zangwill. Auf Antrag des Herrn Waley, der von Herrn Wolf unterstützt wurde, beschloß man, daß der offizielle Titel des Departements „Auswanderungs-Regulierungs-Departement der Jto" heißen soll. Infolge der Aufforderung des Herrn Kisch, dem Herr Leopold von Rothschild sekundierte, wurde Herr Zangwill zum Präsidenten dieses Departements der Jto gewählt; Herr Leopold von Rothschild zum Schatzmeister und Herr Salaman zum Ehrensekretär bestellt. Die in Amerika und Kiew getroffenen Verfügungen werden provisorisch mit der Klausel bestätigt, daß das Komitee die Auswanderung weder anregen noch befürworten dürfe. Verschiedene Maßregeln wurden festgesetzt, um der Auswanderung die neue Richtung zu geben. Es wurde ein aus den Herren Kisch, Salaman und Wolf bestehendes Komitee gebildet, um detaillierte Statuten über die Beziehungen des Komitees zu England, Amerika, Deutschland und Rußland herzustellen. Der Eintritt in eine Religionsgenossenschaft. Brünn. Wie seinerzeit gemeldet wurde, haben die Bezirkshauptmannschaft in Mährisch-Weißkirchen und die mährische Statthalterei anläßlich eines speziellen Falles die Ansicht ausgesprochen, daß zum Eintritt in eine Religionsgenoffenschaft die Anmeldung bei dem Vorsteher oder dem Seelsorger genüge. Der jüdische Kultusvorsteher von Leipnik vertrat demgegenüber den Standpunkt, eine solche Anmeldung bedinge noch keineswegs die