Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 10 (8.3.1907)
- Date
- 1907-03-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 168 Nr. Liocb's MloevenscdrM. Nr. 10 „Hebr. Bibliographie" und hielt seit 1859 Vorlesungen für Akademiker in der Veitel-Heine-Ephraimschen Stiftung. Die Vorlesungen, die Steinschneider hier gehalten hat, erstreckten sich über alle möglichen Gebiete seiner Disziplin. So über „Arabische und jüdische Religionsphilosophie", „Ueber Kunde hebräischer Handschriften, deren Sammlungen und Verzeichnisse", „Ueber die Geschichtsliteratur der Araber und Juden", letztere zwei jetzt auch gedruckt, und noch viele andere. Es ist jammerschade, daß namentlich die ein Semester Wenden Vorlesungen über Religionsphilosophie, die zu den schönsten und anregendsten Vorlesungen gehört haben, nicht druckfertig vorliegen. Auf meine diesbezügliche im Sommer an Steinschneider gerichtete Bitte versprach er mir, sobald die Zeit es ihm erlauben werde, dies vielleicht zu tun. Leider hat ihn der Tod daran verhindert, aber es steht zu hoffen, daß Malther diese Vorlesungen in die „Gesammelten Schriften" aufnehmen wird. Vom Jahre 1869 bis 1890 leitete er, wie bereits erwähnt, eine Töchterschule und war Hilfsarbeiter an der königlichen Bibliothek, bte) durch seine Vermittlung einen schönen Stock von Handschriften und Büchern besitzt. 1894 erhielt Steinschneider von der preußischen Unterrichtsverwaltung den Titel eines Proseffors. Außerdem war Steinschneider Mitglied mehrerer Akademien. Als Mensch war Steinschneider überaus edel, gut, vornehm in Gesinnung und Tat, selbstlos, bescheiden, ideal reinen Charakters und trotz oft sehr kärglichen Einkommens stets ein hilfreicher Freund und Förderer armer, notleidender Studenten, worin übrigens seine edle, vor 6 Jahren verstorbene Frau mit ihm wetteiferte. So ungemein gut und mild Steinschneider aber auch als Mensch war, so unendlich wohlwollend und zuvorkommend, namentlich jungen, strebsamen Jüngern gegenüber er sich gezeigt hat, so unendlich scharf, streng und unerbittlich war er aber der geborene Kritiker dort, wo er Charlatanerie, Hohlheit, mit einem Scheine von Wiffenschaftlichkeit sich umhüllende Oberflächlichkeit oder gar Unwahrheit gewahrte. Die 21 Bände der „Hebräischen Bibliographie" und die zahllosen Kritiken in der „Deutschen Literaturzeitung", deren ständiger Rezensent er gewesen, bieten Beispiele hierfür in Fülle. Wehe dem, der da von seinen scharfen, epigrammatisch zugespitzten Sätzen getroffen wurde! Namentlich drei Männer waren es, gegen die er die ganze Lauge seiner scharfen Kritik losließ: Eljahim Carmoly (St. 15. Februar 1875), von dem eine moderne Literaturgeschichte nichts anderes zu vermelden weiß, als daß er über das Verschiedenartigste oft mit Berufung auf handschriftliches Material geschrieben (Kayserling, die jüdische Literatur usw., Berlin, 1896, p. 140); Julius Fürst, der ein besserer Philologe als Bibliograph war, und der bekannte Historiker Heinrich Graetz, dessen namentlich im 5. bis 7. Bande seiner Geschichte enthaltene viele vage und haltlose Hypothesen er besonders scharf beleuchtet hat. Nicht wenig allerdings trug zur Abneigung gegen Graetz auch die Abneigung Steinschneiders gegen die Popularisierung der Wissenschaft überhaupt bei, über welche er am Schluffe seines Vorwortes zu seinen „Hebräischen Uebersetzungen" sagt: Ich lehne jede Verantwortlichkeit für etwaige Auszüge und Verarbeitungen ab, welche meine Forschungen „popularisieren" möchten; es gibt Gebiete, die nie volkstümlich werden, weil das Verständnis eine gewisse Vorbildung, das Jutereffe dafür eine besondere Geistesrichtung voraussetzt: Dazu gehört ein Teil der Literaturgeschichte: was man dem „Volke" vorsetzt, ist oft magerer Knochen mit Aufguß von Wasser. Gewiffe Erken ntniffe sind weder Naturgabe, noch Fabrikat; wer nicht selbst daran arbeitet, gewinnt nichts und verdient es auch nicht. Diese Abneigung gegen „Popularisierung" war auch zum großen Teile der Grund, daß Steinschneider als Lehrer trotz seiner geistreichen, überaus anregenden und schönen Vorträge, die meiner Ansicht nach wie ein geistiges Stahlbad wirken mußten, eigentlich nie so recht populär geworden ist. Er verlangte eben zu viel, sehr viel von seinen Hörern, und wer nicht, wie er, seiner von ihm so hochgehaltenen Wiffeuschast um ihrer selbst dienen mochte, um den hat er sich nicht viel gekümmert, ja den wußte er so rasch als möglich von seinem Gebiete abzudrängen. Er hat dadurch ungemein purifizierend gewirkt, wie er durch seine Kritik eine gesunde Prophylaxis in seiner Disziplin geschaffen hat. Doch wenn auch nicht als unmittelbarer Lehrer, als mittelbarer war und bleibt er den strebsamen Jüngern seiner Disziplin durch seine bahnbrechenden Schriften Meister und Führer. Es war am Sonntag den 15. Juli v. I., da habe ich Steinschneider nach fünfjähriger Pause wieder besucht. Wie überrascht war ich, ihn noch frischer denn je und voll von großen, wissenschaftlichen schönen Plänen anzutreffen. Beim Abschiede bat er mich, ihn bald wieder zu besuchen. Leider sollte es nicht werden, denn, wie bereits erwähnt, hat kr am 23. Jänner d. I. seine Seele ausgehaucht.. Da drängte mich Pietät, Liebe und Verehrung für den geliebten Lehrer und Meister, seine hervorragende wissenschaftliche Bedeutung, nicht zuletzt Steinschneiders rührende, stets dank- und liebeerfüllte Rückerinnerung an unsere Universität, die, wie er so oft betonte, unverwischbaren Einfluß auf seine Tätigkeit geübt hat, ihm in diesen Hallen, die er gewiß oft aufgesucht hat, ein Wort des. Gedenkens nachzurufen. Korrespondenzen. Zionistische Kandidaturen in Galizien. Das „Lemberger Tagblatt", ein zionistisches Parteiorgan, meldet am 6. März: In der Konferenz der Vertrauensmänner vom Sonntag sind endgiltig folgende Kandidaturen beschlossen worden: Lemberg: III, Bezirk: Dr. M. Brande. — Brody: Dr. Adolf Stand. — Tarnopol: Dr. Isidor Schalit. — Drohobyez: Dr. G. Zipper — Buezaez: Dr. G. Schmelkes. — Kolomea: Dr. I. Thon. — Stryj: Dr. A. Salz. — Bobrka Zydaezow: Doktor A. Malz — Brzezany: Dr. S. Rappaport. Der Jüdische Kolonisationsverein in Wien hielt am 4. d. M. im Festsaale des Oesterreichischen Ingenieur- und Architektenvereines seinen zweiten Vortragsabend ab. Derselbe war außerordentlich zahlreich besucht, so daß bereits zu der für den Beginn festgesetzten Stunde der Saal und die Galerien überfüllt waren. Das Publikum rekrutierte sich aus den besten Gesellschaftskreisen. Unter anderen waren erschienen der Präsident des zionistischen Aktionskomitees David W o l f s o h n aus Köln, verschiedene Herren des Kultusvorstandes, Bethausvorsteher, sowie die Vertreter der bedeutendsten Korporationen und Vereine. Dieses lebhafte Interesse galt dem angekündigten Vortrage des bekannten Nationalökonomen Dr. Franz Oppenheimer aus Berlin über das Thema „Siedlungsgenossenschaftliche Kolonisation in Palästina". Der Vortragende verwies zuerst auf die Notwendigkeit, den auswandernden russischen und rumänischen Juden ein geeignetes Kolonisationsgebiet zu schaffen, und auf die Absperrungsmaßregeln, welche England und Amerika gegen die östlichen Proletariermassen systematisch treffen. Palästina erfülle durch seine Bodengestaltung und Bevölkerungsverhältnisse, durch seine kommerzielle Lage alle Vorbedingungen für eine erfolgreiche Ansiedlung dieser Juden. Die Ansiedlung verspreche nur auf Grundlage der genossenschaftlichen Organisation und durch Einführung von Genossenschaftseigentum dauernden Erfolg. Redner entwickelte in wissenschaftlicher und zugleich populärer Weise feine Theorie der siedlungsgenossenschaftlichen Kolonisation und erörterte besonders ausführlich die Vorteile landwirtschaftlicher Produktivgenossenschaften gegenüber den industriellen Genossenschaftssormen. Die Durchführung dieser siedlungsgenossenschaftlichen Kolonisierung in Palästina durch die Juden könne nicht nur zur Lösung der Judenfrage, sondern auch zur Entwirrung der allgemeinen sozialen Frage beitragen.