Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 9 (1.3.1907)
- Date
- 1907-03-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 158 Hr. JSloeb s Mocdenscbrltr. Nr. 9 soll' sich ein Geschäft einrichten, wir verpflichten uns, von ihr Mich oder Gänse oder Bänder zu kaufen, mag sie -nun mit dem oder jenem Handel treiben. Verlassen sollt Ihr nicht sein. Aber der neue Lehrer kommt zum Seman (Semester). Nach Peffah, zu Gesund und zu Leben, wird er in dieser Gemeinde einziehen. Wir waren mit Euch immer zufrieden, Ihr habt «Jom we lajloh (Tag und Nacht) gelernt, vielleicht zu viel gelernt und gelehrt. — Und nun, Froim, verzeihen wir Euch, daß Ihr uns gestört habt, und gehet jetzt Bescholem (in Frieden) zu Eurem Weibe nach Hause. Wir haben mit der Steuer zu tun." Eine solch lange Rede hat der Rosch-ha-Kohol seit Menschengedenken nicht gehalten. Er meinte, Froim besänftigt zu haben; er meinte dies aber nur. Denn Froim glühte und reckte sich zu seiner ganzen Höhe empor. Jetzt begann er: „Von Euren milden Gaben soll ich leben, wie ein Bettler, wie der Liberer (Totengräber), ich, der Lehrer Eurer Kinder. Ich will aber kein Rachmones (Barmherzigkeit), ich will mein Recht! Wem bin ich nahegetreten? War ich Euch bisher gut, warum sollte ich es nicht weiter sein? Zu eifrig habe ich gelernt und gelehrt, und das ist ein Fehler? Gerechtigkeit will ich und wenn ich sie nicht erhalte, dann werdet Ihr in meinen Augen sein, wie die Richter Sodoms. So höret mein Wort, Ihr Volk von Gomorah: Ein wahrer Jude muß vor allem in der Gerechtigkeit Gott nachahmen, sonst kommet die Gewalttätigkeit über ihn als Strafe für sein Unrecht. Nehmet Euch einen neuen Lehrer, aber Eure Gaben verachte ich. Vielleicht besinnet Ihr Euch doch und erkennet, wie schwer Ihr an mir gefrevelt.An mir und meinem Weibe." Und wieder stockte Froim. Abermals leuchtete es in seinem Auge.Und er wich der Gewalt. Allzu lange hatte er die Ratsversammlung aufgehalten. Zu Hause empfing ihn Gitl bebend. „Was ist geschehen?" ries sie -angstvoll aus, als sie ihren Froim erblickte, bleich mit verzerrten Zügen. „D a s Recht ist gebeugt worden," sprach der arme Mann. Nur an sein Recht dachte er in dieser Stunde, da doch andere von dem Verluste ihres Brotes gesprochen hätten. — Er war eben ein Idealist, ein Theoretiker, unser Froim, und kannte die Welt schlecht. Es war aber Einer im Kahal, dem die Worte Froims zu Herzen gingen, und der war der Schlichteste von allen. Dieser erhob sich, als der unglückliche Lehrer davongegangen, und sprach: „Ich meine doch, daß wir unsere Beratung über die Auflage des Maß ein wenig unterbrechen und darüber reden sollten, ob wir dem armen Manne nicht Unrecht getan haben. Ich weiß es, gekränktes Recht rächt sich. Bringen wir nicht Schuld auf die ganze Killah." — Doch diese Rede ging unter im Sturme der Entrüstung, der sich erhob. Zu lange schon währte die Beratung. Den Einen erwartete ein dringendes Geschäft, der Andere wollte das Mittageffen nicht versäumen, der Eine hatte eine dringende Reise zu unternehmen, der Andere bei Gericht zu tun. Und so ging man auseinander. In seinem Stübchen aber saß Froim und grübelte über das soeben Gehörte nach. — Man wollte ihn vor die Türe setzen. — Und er nahm von seinem Büchergestell das dickleibige Chümesch (Bibel) und schlug den Vers 20 auf im V. B. Mos. Kap: 16, der lautet: „Der Gerechtigkeit, der Gerechtigkeit sollst du .nachstreben, damit du lebest.Es erdröhnte sein höhnisches Lachen, so daß Gitl, sein Weib, erbebte. Das also war die von Gott geforderte Gerechtigkeit. Man wirft den Alten in die Rumpelkammer, auf daß für den Neuen Platz geschaffen werde und dieser sich mäste. Was aber nützte ihm sein Grübeln und sein Brüten?. Aus Froim wurde ein Menschenhasser. Der Haß ließ ihn nicht schlafen in der Nacht und war sein Begleiter am Tage. Er, der die Menschen geliebt hatte nach dem Worte Gottes, verwandelte sich in einen Menschenfeind. Wenn er betete zum Gotte der Gerechtigkeit, war sein Geist von feindseligen Gedanken erfüllt, der Tag der Ruhe und Heiligung wurde ihm zu einer Zeit der Unrast und Unstäte, für ihn gab es kein Fest mehr und kein Fasten. Wie kann man das Recht verletzen! Wie kann man einem Menschen seinen Anspruch nehmen auf das Leben, auf seinen Platz in dieser Welt? So philosophierte Froim, während er zuhause saß, so sprach er für sich, während er „in Schul" ging und wenn er „in Schul" saß. Und Gitl nahm die kleinen Gaben, die mitleidige Seelen ihr spendeten, sie ging heimlich hausieren mit Bändern und anderem Tand, den die Menschen schwer entbehren. Froim dachte gar nicht darüber nach, wovon er lebte. Ihm war der ideale Traum seines Lebens zerstört worden von Leuten, die nach seiner Ansicht direkte Abkömmlinge der Sodomiter waren, in ihm das Heiligste zerstört und den Glauben an die Menschheit verwüstet hatten . . . . , Der Neue aber unterrichtete an Froims statt. „Er verdirbt das Beste, was wir haben, die Kinder", also redete er für sich hin. „Wie kann jemand Gutes stiften, der sich auf den Trümmern fremden Glückes sein Haus erbaut hat? Er bietet Glasperlen der Menge dar, ich gab ihr köstliches Geschmeide. Dafür haben sie mich abgesetzt und das Recht verletzt. Das kann der Richter oben nicht mitansehen." Immer mehr spann sich der Unglückliche in seine enge Welt ein. In der Gasse hielt man ihn für ganz verrückt.... Die Kinder fürchteten sich vor ihm, wie vor einem Gespenste.Und es kam der Tag des Gerichts. — In weiße Totengewänder gehüllt standen die Männer „in Schul". Auch Froim befand sich in der Versammlung. Im Kittl und Tallis sah er aus wie Einer, der nicht mehr Bürger ist dieser Welt. Sein Auge glühte, sein abgemagerter Körper wand sich in schrecklichen Zuckungen. Und jetzt begann der Vorbeter jenes erschütternde Gebet zu sprechen „vom Tage des Gerichts". Wie leise verhaltenes Weinen ging es durch die alte Schul. — Doch was ist das? Plötzlich sieht man Froim auf dem Almemor (Tribüne), und mit gewaltiger Stimme beginnt er, daß es wiederhallt in der Synagoge: „Rabboissim, unsere Propheten, seligen Angedenkens haben gesagt: Was soll mir die Menge Euerer Gebete, wenn Euere Hände des Blutes voll sind? Ihr habt schweres Unrecht an mir begangen, das muß der Richter oben strafen. Der ganze Kahal hat sich an mir versündigt, man hat mich von meinem Platze verdrängt, auf den mich Gott der Herr gestellt hat. Es gibt keine größere Sünde, als einem Menschen Unrecht tun. I ch kann Euch nicht verzeihen, aber der Herr auch nicht. Wie habe ich Euch, die Menschen und besonders die Kinder geliebt! Von dem Besten, was ich hatte, habe ich ihnen gegeben, und was war mein Lohn? Man hat mich verstoßen und mit Füßen getreten, man hat mein Recht verfinstert. Ihr alle habet mir den Glauben an die Menschen geraubt. In Euerer Mitte kann ich nicht länger leben. Aus einem Garten Gottes habt Ihr mir ein Sodom geschaffen. Jetzt wird der Schofar (Posaune) ertönen, er kündigt den Tag des Gerichtes an. Für jeden kommt eine Stunde des Gerichtes, eine Stunde der Verantwortung. Ich werde bald vor dem höchsten Richter stehen und Euch anklagen, daß Ihr Gottes Gerechtigkeit mit Füßen getreten. ..." Schaudernd hörte die Gemeinde diese Donnerworte des verrückten Froim. Jetzt stand Gitl, sein Weib, bei ihm, den Rasenden besänftigend. Furchtbar war die Verwirrung. Doch sollte es des Schreckens nicht genug sein an diesem Tage. Es blitzt auf, Froim hat Gitl von sich gestoßen — und jetzt, mit Grauen nehmen es alle wahr, ehe man dem Sinnlosen beispringen kann, hat er das Messer sich in die Herzseite gestoßen. Er hat sich nur zu gut getroffen.... „Gerechtigkeit, Gerechtigkeit", das waren seine letzten Worte, dann hauchte er seine Seele aus im Angesichte der heiligen Bundeslade..... „Er hat ausgerungen", spricht mit vorwurfsvollem Blicke jener schlichte Kahalsmann, der a l l e i n ein Wort der Fürsprache gefunden hatte für den Entrechteten. „Beten wir für seine Seele, beten wir, daß der Herr nicht an uns heimsuche, was wir an ihm gesündigt." Diese Worte wurden von Gitls Schluchzen unterbrochen. Draußen auf dem alten „guten Orte" ruht er, „der Kohlhaas des Ghettos". Ein einfacher Stein erhebt sich über seinem Grabhügel. Die meisten Worte auf der Mazewah find schon halbverwischt vom verwitternden Alter. Aber einige Worte können wir doch noch lesen, sie leuchten unzerstörbar und lauten: „Wer gerecht ist, der lebt in seinem Glauben."