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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-03-01 · 9 (1.3.1907) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
9 (1.3.1907)
Date
1907-03-01
Page
– (sequence 17)
Language
German
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»«• 9 Dr. Blockes Wochrnfttzrift. «"te ib? Feuilleton. Gerechtigkeit. Ein Ghettobild aus halbvergangener Zeit. Von Moscheh den Ahron. In den Fünfziger-Jahren des vorigen Jahrhunderts lebte in der heiligen Gemeinde K. ein Mann, der den Kindern der Gasse in manchem Betracht merkwürdig, ja furcltbar zu sein schien. Wenn er durch die Gasse ging, besser gesagt rannte, denn ein Rennen war sein Gehen zu nennen, wichen ihm alle in scheuer Ehrfurcht aus. Und dann lachte er höhnisch. Sonst redete er immer für sich hin. Gebetworte und Verwünschungen kamen in raschem Wechsel, stoßartig aus seinem Munde und viele wollen gehört haben, wie er das Wort „Zedek" (Gerechtigkeit) immer und immer wiederholte. Dann ließ er wieder sein Lachen vernehmen, das Gesicht verzerrte sich und bekam einen Schrecken erregenden Ausdruck. Man nannte ihn nicht anders als den verrückten Ephroim, abgekürzt „Froim", manche bezeichneten ihn auch mit dem Namen „Doppel-Froim", weil er die Gewohnheit hatte, alle Gebetworte zu wiederholen. Am Sabbath ging er ruhigen, behäbigen Schrittes, an der Seite seines Weibes Gitl „in Schul". Er trug am heiligen Ruhetage ein sammtenes, schäbiges Mäntelchen, infolge Alters glänzende Kniehosen, schwarze Strümpfe, Schnallenschuhe und ein Brettl (Barette!) auf dem kahlen Haupte. Nur in diesem Aufzuge stattete Froim am Sabbathe seinem Gotte einen Besuch ab. In „Schul" saß Froim in seinen Tallis gehüllt und hörte mit besonderer Andacht der Vorlesung des Gotteswortes zu. Und wieder lächelte er spöttisch für sich, man wollte bemerkt haben, daß er öfter das Wort „Zedek" bald leise flüsternd, bald wieder laut hören ließ. Wenn der Rabbi seine Deraschah begann, lauschte er den Worten, vor sich hermurmelnd und wieder höhnisch auflachend. Manchmal bewegte er sich auch unruhig, mit den Händen den „Ständer" umfassend. Besonders, wenn der Rabbi von Gottes Gerechtigkeit sprach. Dann sprühten seine Augen ein unheimliches Feuer aus, er begann zu zittern und die Nachbarschaft rückte scheu von ihm weg. „Der „Sched" (böse Geist) ist wieder in Froim gefahren," hörte man die Leute flüstern. Er aber ließ die Worte vernehmen: „Er richtet die Welt in Gerechtigkeit; wird sie mir auch zuteil werden? ha, ha, ha," und eiligen Schrittes verließ er die „Schul". Die Leute atmeten auf. Froim aber eilte nach Hause, sein Weib ihm nach. Sie fand ihn dann über das Chumesch geneigt. „Schon wieder studiert er denselben Possek (Vers). Froim komm' zu Dir," also redete ihn Gitl an. Er aber sprach langsam, mit Bedacht seinen Possek: „Der Gerechtigkeit, der Gerechtigkeit sollst Du nachstreben, damit Du lebest." Und schaurig lachte er auf. Mir hat mein in Gott ruhender Vater die Geschichte „Doppel-Froims" erzählt. Der schlichte Mann wußte nicht, daß unser Froim eine Art Michael Kohlhaas der Gasse darstellte. Denn in der deutschen Literatur war er weniger bewandert. Froim verlangte Gerechtigkeit. Wie selten wird sie denen zuteil, die nach ihr schmachten? Und diese Versagung des Rechtes hat schon zu mancher Katastrophe geführt. Daß „das höchste Recht die höchste Ungerechtigkeit" sein könne, leuchtete wohl manchem Römerhirn ein, aber nicht Menschen vom Schlage Froims, dessen tragische Geschichte ich nun hier der Nachwelt überliefern will. Froim war der Lehrer in der Gaffe gewesen. Hunderte, ja Tausende verdankten ihm ihre Kenntnisse in Thora und Talmud. Wie Sokrates für seinen Unterricht keine Bezahlung annahm, ließ sich dieser Sokrates des Ghetto nur in kärglichster Weise entlohnen. Denn etwas verdienen mußte er doch, wovon hätte er sonst sein Weib und sich ernährt? Essen muß der Mensch, und wenn er auch nur vom Brote allein lebt. Der „Kahal" bewilligte ihm auch in besonderer Würdigung seiner Verdienste für die Verbreitung der heiligen Lehre ein Gehalt, das heutigen Tages nicht einmal einen Taglöhner zu befriedigen vermöchte. Man blieb ihm aber auch den Bettel regelmäßig schuldig. Nur manchmal, wenn der Magen in besonders knurrender Tonart seine Rechte geltend machte, wandte sich der stolze Froim an die ehrwürdige Ratsversammlung mit der ernsten Lebensfrage: „Raboissai, wovon soll ich leben?" Die „Raboissim" anerkannten die Berechtigung dieser Frage, denn auch sie wollten leben, aber Froim gegenüber litten sie an einer argen Vergeßlichkeit und — blieben ihm den Ehrensold weiter schuldig. „Gott wird Helsen," sagte dann Gitl mit starker Zuverficht und trug den Tops Kaffee auf, das Mittagessen dieser frommen Leute. Und Froim trank seinen Kaffee mit Todesverachtung. Es kam aber ein Tag, an dem sich Froims Geschick erfüllte. Zuerst sprach man davon flüsternd, dann immer lauter: Ein „neuer" Lehrer sollte in die Killah kommen. Froim wollte daran anfangs nicht glauben. „Ein „neuer" Lehrer," sagte er zu seinem Weibe, „wozu ist der nötig? Tue ich meine Pflicht nicht mehr? Lernen die Kinder bei mir etwa weniger, als sie bei dem „Neuen" lernen werden? Man wird mich doch nicht absetzen wollen?" „Wem sollte dies auch beifallen," erwiderte auf diese Worte schüchtern Gitl. aber man hörte es ihr an, ne zweifelte nicht ganz an der Möglichkeit einer Absetzung Froims. Frauen haben in solchen Dingen einen schärferen Blick als Männer, besonders wenn fie von der Gemütsart Froims find. Dieser hatte nämlich in allen weltlichen Dingen die naive Anschauung eines Kindes. Er erklärte die Thora und den Talmud seinen Schülern in der scharfsinnigsten Weise, war ein Charis (scharfsinniger Gelehrter), von dessen Talmudauslegungen man sagte: Sie seien „Messer und Schwert". Und dieser Theoretiker war in allen Angelegenheiten der Welt und Praxis ein Kind geblieben, ein Idealist, ein Schwärmer. Man höre nur, warum Froim seine Absetzung für unmöglich hielt. Er meinte, Gerechtigkeit müsse siegen und kein Mensch könne sich über das göttliche Recht hinwegsetzen. So urteilte dieser Thorakenner, der, wie man sieht, kein Menschenkenner war. Und nun begab er sich in den Kahal, der gerade tagte, um die wichtige Besteuerungsfrage zu regeln. Man stelle sich das Erstaunen der wohlbeleibten Kahalsmänner vor, als sich plötzlich die Türe der Gemeindestube öffnete — Und Froim eintrat. Nicht demütig stellte er sich vor den allgewaltigen Rosch-ha-Kohol und die übrigen Ratsmänner; stolzen Blickes maß er die erstaunten Kahalsleute, die sich von ihrem Schrecken über den frechen Eindringling kaum erholen konnten. Tiefes Schweigen trat ein. Jetzt erhob sich das Haupt der Gemeinde, ein reicher Wollhändler, und mit starkem Tone herrschte er Froim an, wie er es wagen konnte, in dieses Heiligtum der Gemeinde einzudringen, während deren Vertreter so hochwichtige Fragen, wie die Auflegung des Maß (Steuer) beraten. Doch Froim ließ sich nicht einschüchtern und begann: „Rabboiffai, mich hat das verletzte Rechtsgefühl hierhergeführt. Aus der Thora und ihren Mephorschim (Erklärern) kann ich Euch Nachweisen, daß Gott der Herr seine Welt auf Liebe und Gerechtigkeit aufbaute. So heißt es in den Psalmen Davids, des Königs: Gerechtigkeit und Recht find die Stützen seines Thrones, Liebe und Wahrheit gehen seinem Antlitze voran. Was aber wollt Ihr tun? Ihr lasset es mir gegenüber an Gerechtigkeit und Liebe fehlen. Was ist meine Sünde, was mein Vergehen, daß Ihr mich von Eurem Angesichte verstoßet? Einen neuen Lehrer wollt Ihr anstellen. Habe ich nicht bis auf den heutigen Tag meine Pflicht getan? Habe ich nicht Eure Jugend in der Wahrheit unterrichtet? Ist das der Lohn der Thora? Ich hoffe aber, Ihr werdet es Euch überlegen, das Recht zu beugen. Das tat man in Sodom — in dieser heiligen Gemeinde aber wird es nicht geschehen. Ihr werdet mich nicht von Eurer Türe wegweisen; wiffet, ich habe auch ein Weib zu ernähren." Jetzt stockte Froim, es erglänzte in seinem Auge. Ein Räuspern ging durch die Versammlung. Und der Rosch-ha-Kohol, sonst kein Redner, raffte sich zur folgenden Erwiderung auf: „Froim, Euch soll kein Unrecht, geschehen; zu den Regolim (drei Festen) möget Ihr milde Gaben erhalten; aber den neuen Lehrer müffen wir haben, die Zeiten werden andere, auch der Unterricht muß ein anderer werden. Ihr sollt auch eine Abfertigung empfangen. Euer Weib aber

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