Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 9 (1.3.1907)
- Date
- 1907-03-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 9 Dr. Llocd's Mlocdenscbrtn. Seite 153 So hat er gelebt, so steht sein Bild vor unserer Seele und so möge es fortleben in dieser Gemeinde als ein Palladium, ein Schutz- und Segenszeichen. In feurigem Glanze entschwand Elia seinem Jünger, doch des Meisters Mantel blieb zurück in Elisas Händen. Mit diesem Mäntel teilte er das Wasser, daß er es trockenen Fußes durchschreiten konnte. Und so lange diese Gemeinde in den leuchtenden Spuren ihres edlen Meisters wandeln wird, so lange bleibt auch sein Bild, mit unauslöschlichen Zügen ihr ins Herz gezeichnet, wie des Propheten Mantel ein Talisman, der sie sicheren Fußes durch alle Fährnisse führt und ihr eine Zukunft blühender Entfaltung erschließen wird. Möge der Geist, den der Edle hier an dieser gottgeweihten Stätte pflegte, in seiner Gemeinde lebendig bleiben als heiliges Erbe! Wie wir in dieser Stunde, so mögen späte Enkel sein Andenken segnen noch in den fernsten Tagen! Amen. Dann trat Rabbiner Dr. Brettholz aus Triest an die Bahre und widmete dem Verstorbenen in seinem und im Namen seiner Gemeinde folgenden Nachruf. Als der geistliche Vertreter der altehrwürdigen Gemeinde Triest entsandt, eilte ich hieher an diese Trauerbahre, um der aufstrebenden Religionsgemeinde Graz den Ausdruck tiefster Trauer zu vermitteln, jenes echtempfundenen Weh's, das meine Gemeinde schmerzlich empfand angesichts der Trauerbotschaft Ihres treuen und allverehrten Seelenhirten Dr. Samuel Mühsam, dessen Angedenken zum Segen werde. Meine Gemeinde ist meinem Herzenswünsche nach zwei Richtungen hin entgegengekommen. Meiner persönlichen Empfindung, geheiligt durch eine von der Zeiten Dauer festgefügte Freundschaft, die mich mit dem Verklärten so eng verband, und anderseits weben sich die Fäden verwandter Zusammengehörigkeit mit vielen geschätzten Häuptern im Schoße dieser vornehmen Gemeinde. Ward ich doch in der führerlosen Zeit zu Ihrem geistigen Oberhaupt auserwählt, als mein in Gott ruhender Oheim Fürst an der Spitze Ihrer Verwaltung stand. Bei dem schweren Verluste des Seelenhirten, dessen Freundschaft zu dem Alten hinanreichte und auf die heranreifende Jugend veredelnd und erziehlich eingewirkt — da senkt sich die düstere, große und schwere Trauer auf Alle, und es liegt eine Tröstung darin, sich nicht vereinsamt in der Trauer zu sehen, wenn alle Glaubensgenossen aus weiten Fernen eins sich wähnen in Eurem großen und gerechten Schmerz. Das Bild des verewigten Rabbis ist von berufener Seite in zündender Rede vor Euch noch einmal aufgerollt worden, und die kundige Meisterhand des Seelenhirten in der Großgemeinde Wien spannte den goldenen Rahmen um das volle Bild Eures Heimgegangenen Lehrers und führte es noch einmal verlebendigt Euch vor. Es sei mir nun noch vergönnt, die Züge des edlen Entschlummerten zu zeichnen. Als flammendes Zeugnis der bis zur sonnigen Höhe der klassischen Vollendung getragenen Bilduna Eures entschlummerten Rabbis sei ein Name genannt, bei dessen Nennung jedes Herz höher schlägt, deS letzten Meisterredners, des begeisterten Propheten jüdischen Volkes, I e l l i n e f, dessen Söhne, die heute alle auf hoher Warte stehen, zu Füßen Dr. Mühsams lauschend saßen. So lehnt sich das Gedenken an den toten Rabbi an die Lichtsäule Jellineks an, der mit allen Zweigen jüdischen Schrifttums im Leben unseres Volkes wurzelte, den Boden jüdischen Denkens mit dem goldenen Spaten seiner fruchtreichen Arbeit urbar machte. Den alten Geist mit der neuen Form siegreich verbindend, schloß er die Pforten der Erkenntnis auf, dem Gelehrten im Kaftan, wie den großen Lehrern an den hohen Schulen der Forschung und der Wissenschaft. Unter diesem Höhenglanze entfaltete sich die Gestalt des Heimgegangenen, und dieser Glanz des Meisters übertrug sich auf seinen Jünger Dr. Mühsam, der das Rüstzeug des Giganten mitgetragen, der da sprechen durfte woamale aussau mach elohim bechochmo ubiszwuno uwedaas uwechol melocho: Ich füllte seinen Geist aus in göttlichem Sinne mit frommem Denken, mit innigem Verständnis und mit aller Gedankenarbeit. Wer also in einer nengegründeten Gemeinde, gefügt aus den verschiedensten Elementen und den einander widersprechendsten Geistesrichtungen, gewirkt, wer allen Anforderungen genügte, die bald in den Seelsorger den Talmudheroen, bald den modernen Redner, dort den begeisterten Erzieher der Tugend und bald sich unabhängig wähnen, von geistlicher Führerschaft, wer also wie Euer entschlummerter Hirte jeder Richtung genug getan in langjähriger Priestersendung bis sein Vaterauge brach; — der war ein Führer, ein Lehrer, ein Priester von nicht zu unterschätzender Bedeutung, und dieser Sarg schließt eine große Gestalt ein, die in allen Brandungen das Steuer führte bis es den nimmermüden Händen für immer entglitt. Gleichwie die Gottheit den Seelenwunsch des Verblichenen den er auf der Mittagshöhe seines Lebens zu Gott dem Gnädigen entsandte, erfüllte, daß er hier den Tempel und die Schule erschaute, so hat eine gnadenreiche Vorsehung das stille Gebet erhört, das seinen Tiefen entfloß: Erhalte du mir Vater in den Höhen die Kraft geistigen Denkens, laffe mich nicht in langem schweren Siechtum, wie ein Schatten von einst untergehen. . . Und der Gott, den du anriefest, er hat die Frische deines Geistes erhalten, dein Sterben war ein Mauss Jeschorim, nach kurzem Leiden, sanft wie die Sonne zum Untergang sich rüstet, so hauchtest du deine reine gläubige Seele aus und dein brechend Auge blickte noch einmal zurück auf ein Leben gottgefälliger Arbeit und hoher Errungenschaften. Wir waren Zeugen der großzügigen Trauerkundgebung des Präsidenten Eurer Gemeinde, der in bewegten Worten das Priesterleben des Heimgegangenen niit ergreifender Wärme kennzeichnete, und wir hörten die große Zahl schmerzbewegter Zurufe ob des Verlustes, den Euere verwaiste Gemeinde erlitt. Doch der rauschendste Schwingenschlag der allgemeinen Trauer erhebt sich hier um die Trauerbahre; die Vertreter aller Bekenntnisse fühlen sich als Leidtragende und beweinen den Heimgang des lichtvollen Mannes, des wackeren Mitbürgers. Im großen Trauerzuge wandeln die Häupter der städtischen und der Landesbehörden, als Zeugen für die großen Verdienste des Toten, indem sie den Eigner reicher Bürgertugenden ehren, an dessen Grab die Scheidewand unter den Bekenntnissen fällt, denn man trägt einen großen Menschen, einen trefflichen Bürger zur ewigen Ruhestätte. Und dies Trauergeleite flicht das Jmmergrünn um die Erinnerung, an den edlen Seelsorger, denn auch Andersgläubige legen Cypressenzweige auf das frische Grab Dr Mühsams nieder. Dein verklärter Geist sieht nun auf der Lichtbahn zu dem Himmel diese Ehrungen, deine Seele vernimmt den Weckruf deiner Zeitgenossen, du hast nicht vergeblich gelebt!! So walte dein Genius segnend über diese Stadt, dein Gedenken erhebe deine Gemeinde, mit deren Werdegang dein Name unlöslich verknüpft bleibt, und in deren erhabenen Gedenken, wie man ihren Vater ehrte, finde die treue Lebensgefährtin, die Verwaisten deines Priesterhauses Tröstung und Erhebung, dein Angedenken. Rabbi Dr. Mühsam, sei zum Segen für kommende Tage und künftige Geschlechter. Amen. Mit Trauergesängen wurde die Feierlichkeit im Tempel beschlossen und wurde die Leiche zur Beisetzung nach dem israelitischen Friedhofe überführt. Auf dem Friedhof hatten sich mittlerweile tausende und abertausende Menschen eingefunden, um den großen Toten auf seinem letzten Gange noch zu begleiten. Oberkantor Horn rezitierte die rituellen Gebete und Rabbiner Dr. Grunwald ergriff abermals das Wort, um mit helltönendem Organe in wahrhaft zu Herzen gehenden Worten die Verdienste des Verblichenen in seinem engeren Wirkungskreise — der Familie — zu würdigen. Noch einmal scharen wir uns hier um diese Bahre, bevor sich kühle Erde schließt über diesem Herz, das einst für alles, was gut und edel, und für jeden Menschen, gleichviel welchen Glaubens und welchen politischen Bekenntnisses, so warm geschlagen hat. Hier, wo er so oft der einzig Aufrechte war unter Tiefgebeugten, den Trauerden ein Tröster, heut liegt er selbst vor uns, dahingestreckt von grimmem Feinde, und um i h n Trauernde ringen hier nach Fassung — die edle Gattin, die bis zum letzten Atemzug den Heißgeliebten gepflegt hat mit einem Opfermut, wie ihn nur ein Frauenherz fühlen kann; an ihrer Seite seine Kinder, sein Stolz, sein Trost in so mancher schweren Stunde, sein Gedanke in seiner letzten. Weit über das Weltmeer drang dieses letzte Sehnen des Vaters nach dem fernen Westen, nach dem Norden schweifte es und nach dem Osten, überallhin, wo ihm treue Kinderherzen schlagen. Und wie der vereinsamten Mutter Zion, da sie Ausschau hält nach ihren Kindern, die in alle Welt versprengt, so rief auch ihm die Stimme Gottes zu: „"[b iss iscsp: abs, sie alle scharen sich um dich im Geiste, sie alle find dir im Herzen nahe". Es war ein seltenes Glück, das hier zerstört ist, ein Glück, das uns alle und ganz besonders diese Gemeinde gegen die Familie des verklärten Führers zu warmem Dank verpflichtet. Denn, was er der Gemeinde war, was er für die Außenwelt geleistet, wie hätte er es sein, es leisten können ohne das friedliche, traute Heim, das seine Lieben ihm bereitet? Hier lag die Wurzel seiner Kraft, hier fand er die Ruhe, die Haltung, die Freundlichkeit seines Wesens wieder. wenn Unbilden des Berufes sie ihn: gefährdeten. Die Wärme, die von seinem Herzen ausging, in seinem Haus hat er sie eingesogen. Weil die Familie hm eine Welt bedeutete, eine Welt der Liebe und des Glückes, darum onnte ihm die Welt, die Gemeinde vor allem, zur Familie werden. Ein Muster uneigennütziger Hingebung verehrt das Judentum in dem Priester und Propheten, dessen Namen unser Freund so würdig getragen, in Samu-l, nam, „der auf der Höhe wohnte", wie er nach seinem Lieblingsaufenthalt genannt wird. Er war, erzählt die Schrift, überall zur Stelle, wo seine Brüder seiner Lehre, seines Rates bedurften. Doch dem entgegen heißt es einmal: In seinem Hause waltet Samuel seines Amtes. Unsere Weisen finden hier keinen Gegensatz. Denn, so sagen sie, iöp irvs bw *f?nw Q’pa baw wo immer Samuel weilen mochte, stets führte er sein Haus mit. In seinem Hause fand er alles, ja mehr als ihm die Welt geben konnte. Daher die Uneigennützigkeit Samuels, „der auf der Höhe wohnte." So hat auch dieser Samuel, der stets auf der Höhe der Gesinnung gestanden und auf dieser Höhe sein Haus geführt, wo immer er weilte, in Gedanken, mit seinem Herzen in seinem Hause geweilt. Sein Haus begleitete ihn auf seinem langen Lebenswege, es war ihm Quell des Trostes und der Kraft, alle Mühen und Gefahren der weiten Reise siegreich zu bestehen, Und so wie Samuel, der Prophet, nach einem glänzenden Siege einen Denkstein setzte, den er