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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-03-01 · 9 (1.3.1907) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
9 (1.3.1907)
Date
1907-03-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 152 Dr. Lwcv s miocDenscDrm, Nr. 9 Unter seiner regen Betätigung wurde Tempel und Schule erbaut und im Jahre 1895 wurde ihm das Glück zuteil, den Monarchen im neuerbauten Gotteshause empsangen und segnen zu können. Er gründete den Israelitischen Frauenverein und den Verein für Armenbeteilung, welch letzterem er bis zu seinem Tode als Präsident Vorstand. So betätigte sich Dr. Mühsam an der Regelung des Armenwesens in der Kultusgemeinde. Als Priester benützte Dr. Mühsam jede Gelegenheit, um die Gemeindeangehörigen zur Nächstenliebe, zur Treue an das Vaterland und zur Anhänglichkeit an das Kaiserhaus anzueifern und ging er selbst darin mit leuchtendem Beispiele voran. Seine größte Tätigkeit entwickelte jedoch Dr. Mühsam als Religionslehrer, indem er den israelitischen Religionsunterricht sowohl in den Volks- und Bürgerschulen, als auch in den Mittelschulen in seine eigene Leitung übernahm. Auch bereiste er in jedem Jahre die der Grazer Kultusgemeinde zugewiesenen Ortschaften in Steiermark, Kärnten und Krain, um sich vom Resultate des Religionsunterrichtes bei den außerhalb Graz wohnenden israelitischen Schülern persönlich zu überzeugen. In seiner Eigenschaft als Rabbiner war Dr. Samuel Mühsam Matrikelführer der Israeliten in Steiermark, Kärnten und Krain, Religionsprofessor an den hiesigen Staatsgymnasien und Mitglied des Stadtschulrates. Rabbiner Dr. Samuel Mühsam entwickelte namentlich in den früheren Jahren eine große Tätigkeit auf literarischem Gebiete. Außer seinen vielen Arbeiten pädagogischen Inhaltes sind erschienen: „Juden und Judentum bei Altrömischen Schriftstellern." Prag 1864. „Ueber Essen und Trinken der alten Hebräer." Wien 1866. „Ueber die Magie bei den Alten." Wien 1867. ..Das Feuer in Bibel und Talmud." Wien 1869. Dr. Mühsam hinterläßt außer seiner schmerzgebeugten Gattin 4 Söhne, von denen der älteste in Graz seine ärztliche Praxis ar.5übt, und 4 Töchter, von denen je eine in Smyrna, Charkow, San Juan und Graz verheiratet ist. Welch ungeheure Popularität der Verblichene genoß, bewies die riesige Teilnahme an seinem Leichenbegängnisse Sonntag den 24. Februar. Unter außergewöhnlich zahlreicher Beteiligung (es sollen 40.000 Menschen Spalier gebildet haben) fand die Trauerfeier für den Rabbiner Dr. Samuel Mühsam statt. Im Trauergemache, wo Rabbiner Dr. Grunwald aus Wien am Sarge ein kurzes Gebet verrichtete, hatten sich cingefunden: Statthalter Gras C l a r y und A l d r i n g e n, die dem Sarg zu Fuß bis zur Synagoge folgten, Landeshauptmann Graf A t t e m s, Herrenhausmitglied Dr. Ignaz Graf Attems, die Hofräte Doktor König und Pokorny, Bürgermeister Dr. Graf als Obmann des Stadtschulrates mit Stadtrat Linner und mehreren Beamten des Stadtschulrates, Oberstaatsanwalt Amschl, Polizeidirektor Regierungsrat Ritter von Weyda, Polizeirat Papez. die Direktoren der drei Staatsgymnasien Regierungsrat Dr. Steinwenter, Dr. Adamek und Nagler, Ehrendomherr Professor Dr. Stary, Gymnasialprofefsor Günter, Landtagsabgeordneter Bürgermeister Daniel von Eggenberg, Oberst i. R. Zupan, die Advokaten Dr. Holzinger und Dr. R. v. Gabriel, Amtsdirektor i. R. Schmelzer, kais. Rat Selbacher, Arzt Troll, Postmeister Spediteur Freiheim, Hoftischlermeister Jrschick, der altkatholische Pfarrer Ferk, Papierhändler Braun, Vertreter des Grazer Bürgerkorps, eine Abordnung der Barmherzigen Brüder, der Präses der israelitischen Kultusgemeinde Biller mit sämtlichen Kultusräten, Ausschußmitgliedern und Kultusbeamten, Vertretungen des Vereines „Chewra-Kadischa", des Israelitischen Frauenvereines, des Vereines für Armenbeteilung, Abordnungen des Lehrervereines „Milde", des Lehrer-Privatpensionsinstitutes, des akademischen Vereines „Charitas", des Vereines „Zion" und des Turnvereines und noch viele andere Trauergäste. Den Leichenzug eröffneten die Schuljugend und die Mitglieder des Turnvereines. Neben dem Leichenwagen schritten Mitglieder des akademischen Vereines „Charitas". Im israelitischen Tempel erwarteten Rabbiner Ehrlich aus Körmend, der aus Baden bei Wien erschienene Vertreter der dortigen Kultusgemeinde R o s n e r, sowie die aus Leoben, Judenburg, Knittelfeld, Klagenfurt, Marburg, Cilli, Radkersburg anwesenden Abordnungen und viele Damen den Leichenzug. Die in dem Tempel angebrachten Gaslaternen waren umflort und brannten. Im Schulgebäude hatte die Rettungsabteilung eine Ambulanz errichtet, die jedoch nicht in Anspruch genommen wurde. Vor dem Tempel war Feuerbereitschaft. Nachdem die Sänger einen Trauerpsalm vorgetragen hatten, hielt Rabbiner Dr. G r u n w a l d aus Wien nachstehende Ansprache: Eine traurige Aufgabe führt mich in diesen würdigen Kreis. In dieser Stadt, ob ihrer Schönheit weitgerübmt, steht eine Gemeinde, ihrer Zier beraubt, aus diesen Bergen, sanauwklungen, an flohen Sagen reich, dringt eine düstere Mär. ein trübes Lied, die alte Totenklage: bbn “pniäa by '2xn „Auf Deinen Bergen, Israel, ist Dir Dein Schmuck entschwunden." Nicht i h m gilt die Klage, der uns hier verläßt, sondern denen, die nun verlassen und verwaist an seiner Bahre trauern. Denn das höchste Glück, das wir Menschen uns wünschen und in dessen Erwartung wir selbst die schwerste Mühe, das bitterste Leid geduldig tragen, nach einem Leben voll segensreicher Arbeit ein milder Lebensabend. verklärt von treuer Liebe dankbarer Herzen, dieses seltene Menschenglück, er hat es bis auf den Grund geleert, und in seinem Sinne dürfte ich hier nicht kla gen, sondern danken müßte ich dem Allgütigen, daß er den Stern der Gnade ihm hat leuchten lassen bis in seine letzte Stunde. Doch im Namen seiner Gemeinde stehe ich hier, seiner Familie dürfte ich sagen. Schon daß Sie alle eine Trauer bekunden, wie nur ein Kind um den Vater trauert, das zeigt mir deutlich, Sie alle fühlen es selbst. Sie haben hier mehr als den verehrten und geliebten Führer und Freund, Sie haben im besten Sinne einen Vater verloren. Was uns des Vaters Bild so teuer macht, zum unverlierbaren Besitz unseres Herzens, das ist seine innige, unlösbare Verbindung mit all den Weihestunden, allen Höhepunkten unseres eigenen Lebens. Wo ist da eine Freude, die nicht des Vaters segnende Hand geweiht, wo eine Träne, in der sich nicht sein tröstender Blick gespiegelt! Und wo ist in dieser würdigen Gemeinde e i n Herz, das nicht, gedenkt es der eigenen Freuden und Leiden, sich dankbar auch seiner erinnern müßte, des teueren Mannes. Dreißig Jahre war er Ihr Führer. Mit den Aelteren ist er gereift und alt geworden. Die Jüngeren hat er erziehen helfen. Trat zum ersten Mal das Kind an den Altar Gottes, wurde ein häusliches Glück gegründet, galt es, an Gräbern den Schmerz zu mildern, Wehmut lindern, den vereinsamten Witwen und Waisen Helfer und Berater sein, zumal an den Stätten des Elends, wo Menschenleid nach Licht und Trost sich sehnt, überall steht sein trautes Bild, in Freud wie Leid der Freund, der Tröster, der Lehrer, der Gärtner, der mit liebevoller Hand Saaten des Segens in die Herzen streute und über dem Gedeihen der Saat mit väterlicher Sorgfalt wachte. Und diese ganze, so stattlich aufblühende Gemeinde, ist sie nicht im Wesen sein Kind zu nennen? Ihre wohltätigen Vereine, ja dieses herrliche Gotteshaus, für das er mühselig und unverdrossen, ich möchte sagen, Stück um Stück die Bausteine gesammelt hat, sind sie nicht seine Schöpfung? Und mit welcher Freude, welcher Hingebung verkündete er in diesen Hallen das Gotteswort, an flohen Festen Sie alle zu Preis und Lob des Höchsten begeisternd, in ernster Feierstunde zur Einkehr und Sammlung mahnend, stets lauter in seiner Gesinnung und edel in seiner Absicht, wie unser großer Lehrer Mose von Gott selbst genannt wird, 'N'2 d>22 „ein treuer Diener in meinem ganzen Hause". Und wenn die Herzen, die hier an heiliger Stätte das Echo seiner Worte fühlten, längst werden erkaltet sein, wie das seine hier unter diesem Trauertuch, diese Mauern, diese Pfeiler, s i e werden rühmend Zeugnis reden von diesem großen, edlen, treuen Vater der Gemeinde. Mit Elisa, als Elia, sein Meister, ihm entschwebte, darf Ihre Gemeinde an dieser Bahre klagen: vwiBl 221 '2» '28 „Mein Vater, mein Vater, Israels Stolz und Streiter für seine Ehre!" Ja, ein Stolz war er unseres Glaubens und eine Zierde seines Standes. Er, der schlichte, bescheidene Weise, der mustergiltige Gatte und Barer, der aufopfernde, gütige Führer der Gemeinde, er verschmähte es, in prahlender Selbstanpreisung die lärmende Bewunderung der Welt auf sich zu lenken. Die stumme, treue Tat, die sollte für ihn zeugen. Und wir in der Ferne, wir wußten sehr wohl, daß hier auf vorgeschobenem Posten einsam in weitem Umkreis unserer heiligen Sache ein würdiger Verfechter lebte, dem nicht umsonst, wie seine Gemeinde, jung wie alt, auch, wie uns diese Stunde wieder beweist, die Außenstehenden bis an die höchste Stelle in sichtbaren Zeichen ihre Hochachtung und Anerkennung zollten als dem edlen Menschen, dem treuen Bürger seiner Stadt und seines Vaterlandes.

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