Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 9 (1.3.1907)
- Date
- 1907-03-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021710-3021720--16192-3040998- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 9 L>r. Zötoco s Mocvenscvrrrr. Generalversammlung des Wiener Kreditnnd Borschußvereines (II., Stefaniestraße 2). Am 25. Februar 1907 fand im Sitzungssaale der israelitischen Kultusgemeinde die Generalversammlung obgenannten Vereines statt. In Abwesenheit des erkrankten Präsidenten k. k. Hosrat S. T a u s s i k begrüßt Vizepräsident S. B r o d die anwesenden Inhaber von 130 Anteilen, indem er einen kurzen Rückblick auf die Entstehung dieser zur Förderung des jüdischen Kleingewerbes und Handels ins Leben getretenen Genossenschaft wirft. Er dankte der israelitischen Kultusgemeinde für ihre bisherige Förderung dieser Bestrebungen, den großmütigen Wohltätern, welche einen Sicherstellungsfond in der Höhe von K 33.060.— schufen, sowie den Censoren und sonstigen um den Verein hochverdienten Männern. Er konstatiert, daß die Genossenschaft nebst dem bereits erwähnten Sicherstellungsfonde per X 33.060,— auch noch Genossenschaftsanteile von K 11.474.— und einen Reservefond besitze. Hievon wurden die gesamten Gründungskosten per X 3959.— in Abschreibung gebracht. Bis Schluß des Vorjahres wurden angesucht Darlehen K 125.000.—, hievon abgelehnt oder reduziert K 88.643.—, bewilligt und zugezählt K 36.357.—. Die Versammlung erteilt dem Vorstande einstimmig das Absolutorium. Mit der gleichen Einstimmigkeit beschließt die Versammlung die vorgeschlagene Statutenänderung. Dieselbe bezweckt hauptsächlich die Herabsetzung eines Anteiles von K 100 auf K 50 und die Vermehrung der Vorstandsmitglieder auf 12. Es wurde in den Vorstand wiedergewählt Herr Dr. Maxm. Steiner, die Kooptierung des Herrn G. Bettelh e i m bestätigt und die Herren Ignaz Klein, Dr. Gustav L e i p e n und kais. Rat T a u s s i g neugewählt. Dem Vorstande wurde das Recht eingeräumt, sich im Falle einer Fusionierung auf 12 Vorstandsmitglieder zu ergänzen. Unter Hinweis auf die dem Vereine zu Gebote stehenden billigen Geldquellen schließt der Vorsitzende, indem er die Hoffnung ausspricht, der jüdische Handels- und Gewerbestand werde die Mittel der Genossenschaft zum beiderseitigen Vorteile oft in Anspruch nehmen, die Versammlung. Dr. Sigmund Zins. Am 22. Februar starb nach langem, schweren Leiden der Wiener Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Sigmund Zins, ein Mann, der im jüdischen Leben Wiens lange Zeit eine beachtenswerte Rolle gespielt hat. Aus einer vornehmen Brodyer Familie stammend, kam er in jungen Jahren in die Reichshauptstadt, wo der eben mächtig sich entwickelnde Antisemitismus seinem männlichen Selbstgefühl tiefe Wunden schlug. Angesichts der schwächlichen Abwehr dieser Bewegung durch die liberalen Parteien erkannte er die Notwendigkeit, die Juden selbst gegen ihre Feinde zu organisieren. Er war es, der im Vereine mit dem verstorbenen Landesgerichtsrate Dr. K o h n, dem gleichfalls schon dahingegangenen I. G. F i s ch l und dem damaligen Reichsratsabgeordneten Dr. Josef Bloch, den Plan und die Statuten eines jüdisch-politischen Vereines, der „Oesterreichisch- Jsralitischen Union", ausarbeitete. Die „Union" ist im Laufe der Zeit über ihr von den Gründern gezogenen Grenzen weit hinausgewachsen. Dr. Zins gehörte dieser Vereinigung lange Jahre als Vizepräsident und später als Vorstandsmitglied und Beirat an und hat durch die unentgeltliche Vertretung vieler Rechtsschutzagenden für seine galizischen Heimatsgenossen vor dem Obersten Gerichtshöfe dem Rechtsschutzbureau hervorragende Dienste geleistet. Aber auch zahlreichen anderen humanitären Instituten in Wien und in Galizien widmete er seine Hilfe und stets selbstlose Wirksamkeit. Am 24. Februar fand das Leichenbegängnis Dr. Sigmund Zins' statt. Im Trauerhause hatten sich der erste Vizepräsident der Kultusgemeinde Dr. Gustav K o h n mit dem ersten Sekretär, kaiserl. Rat Dr. Lieben, der Präsident der „Oesterreichisch- Jsraelitischen Union" Sigmund Mayer mit dem Sekretär Siegfried Fleischer, die Präsidentin des „Kaiser Franz-Josefs- Ferienheim" Frau Sofie Grünfeld mit mehreren Vorstandsdamen, Dr. Julius Ofner als Vertreter der Advokaienkammer, kaiserl. Rat S ch e f f t e l, Dr. Nierenstein, Dr. Bloch und zahlreicheTrauergäste aus den besten Gesellschaftsklassen eingefunden. In der Leichenhalle des Zentralfriedhofes widmete nach Exekutierung der rituellen Gesänge durch Oberkantor Kläger Herr Rabbiner Dr. G e l b h a u s dem Dahingeschiedenen einen tief empfundenen Nachruf, in welchem er das edle Wirken des Verstorbenen, sein, warm pulsierendes, jüdisches Herz rühmte und insbesondere auf die großen Verdienste hinwies, die sich Dr. Zins um die Gründung und Entwicklung des mächtigen Schutzvereines, der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union", erworben hat. In schwungvollen Worten wies der ehrwürdige Redner aus die Pflicht der Reichen und Wohldabenden hin, die Leiden der Armen zu erleichtern, den Verfolgten und Entrechteten zu ihren Rechten zu verhelfen, und er schloß mit den Worten, „daß das Andenken des Mannes, der einen solchen Hort des Rechtes geschaffen habe, in den Herzen aller treuen und guten Juden fortleben werde". — Im Namen der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" nahm Sekretär Siegfried Fleischer von dem Verblichenen Abschied. Der Redner bezeichnet als den edlen Kern im Wesen Dr. Zins' ein unendliches Mitleid mit den Unterdrückten und Verfolgten und einen unbeugsamen, männlichen Stolz. Dieser Stolz war es, der ihn dazu trieb, gegen die tief empfundene Schmach, ob seines Glaubens und ob seiner Abstammung geächtet zu sein, die Juden zur Selbstverteidigung aufzurufen. So gründete er die „Union", der er mit jeder Faser, mit jedem Zuge und mit jedem Schlage seines Herzens angehörte und in deren Dienst er selbstlos seine reichen, juristischen Kenntnisse stellte. Der Redner schloß mit den Worten: „Wir werden die Ehre des Judentums schützen und Hochhalten bis zum letzten Atemzuge, wie der edle Tote sie geschützt und hochgehalten hat bis zu seinem letzten Atemzuge." Unter tiefer Bewegung der Teilnehmer tvurden sodann die sterblichen Ueberreste Dr. Sigmund Zins' der Erde übergeben. Rabbiner Dr. Samuel Mühsam. Die israelitische Kultusgemeinde in Graz, das Judentum überhaupt hat einen schweren Schlag erlitten. Rabbiner Doktor Samuel Mühsam ist gestorben. Ganz Graz, ohne Unterschied der Konfession, kannte und schätzte den edlen Seelenhirten, diesen wahren Priester. Rabbiner Dr. Samuel Mühsam wurde in Landsberg. Preußisch-Schlefien, am 22. März 1837 als Sohn eines Brauers geboren. In Oppeln absolvierte er seine Gymnasialstudien. Da er aus einem armen Hause war und die Kosten des Studiums nicht zu bestreiten vermochte, sah er sich gezwungen, im Jahre 1857 die Lehramtsprüfung für Volksschulen abzulegen und erhielt den Befähigungsnachweis vom katholischen Lehrerseminar in Breslau. Drei Jahre wirkte er als Lehrer. Im Jahre 1860 bezog er die Universität Breslau, wo er klassische Philologie studierte. Im April 1862 überfiedelte er nach Wien und wurde 1864 an der Universität Leipzig zum äootor et mallster bonorum artium promoviert. Im Jahre 1862 predigte der erst 25jährige junge Mann zum ersten Male im Ottakringer Tempel zu Wien. Das Jahr 1865 brachte ihn nach Postelberg, Böhmen, woselbst er zum Rabbiner' ernannt wurde. 1870 wurde er nach Znaim als Rabbiner berufen und wirkte dort auch als Professor des Französischen an der Landesoberrealschule bis 1872. Von 1872 bis 1877 wirkte er als Rabbiner in Bisenz, Mähren. Im Jahre 1877 wurde Dr. Mühsam nach Graz berufen. Hier entwickelte er als Rabbiner von Steiermark, Kärnten und Krain eine segensvolle Tätigkeit.