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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-03-01 · 9 (1.3.1907) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
9 (1.3.1907)
Date
1907-03-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. » Dr. Vlocb's MoüdensMrM. Sette 147 Bodleiana noch nicht gekannt hat, war dazumal im Jahre 1847 (denn schon damals war der Artikel fertig, vgl. I. L. p. 471/46), ein Wagestück. Sagt doch Steinschneider selbst (I. L. p, 357): Mannigfache Schwierigkeiten bietet die Encyklopädik einer so reichen, nach Inhalt und Form, Richtung und Sprache, Zeit und Raum, unter Einwirkung der Schicksale des gesamten Volkes und dem Einflüsse hervorragender Geister durch dritthalb Jahrtausende eigentümlich sich gestaltenden Literatur, die einerseits allen irgendwie zugänglichen literarischen Entwicklungen der Länder und Völker sich anschließt, andererseits eigentümliche Literaturkreise schafft, für die keine entsprechende Terminologie von anderswoher zu nehmen ist, z. B. Midras, Haggada, Talmud, Massora, Pijutim, Tosaphot. Eine äußerliche Schwierigkeit beruht in dem noch unvollkommenen Zustande der Forschungen über jüdische Literatur überhaupt; indem z. B. ganze Literaturkreise noch unbearbeitet sind und erst seit Kurzem einzelne Versuche einer Gliederung des Gesamtmaterials nach Fächern und Perioden gemacht wurden. Der gegenwärtige Versuch einer gedrängten, aber allumfassenden systematischen Uebersicht der jüdischen Literatur in ihren Haupterscheinungen mag als der erste dieser Art betrachtet und beurteilt werden. Nun das Urteil, das die Geschichte über diesen ersten Versuch gefällt hat, ist derart, daß die von Steinschneider getroffene Einteilung bis auf den heutigen Tag mustergültig geblieben ist und daß das Buch im Jahre 1857 von M. Spotteswoode ins Englische und noch in den Jahren 1897—99 von H. Maltber ins Hebräische übertragen worden ist. Diese encyklopädische, in vier Perioden geteilte Darstellung einer großen Literatur, sowie auch die Mitarbeit an einigen nicht unbedeutenden Bücher- und Handschriftenkatalogen zeigten Steinschneider, daß das vornehmlichste Werk einer objektiven wissenschaftlich mustergiltigen und einwandfreien Darstellung dieses tief in die allgemeine Wissenschaft einschneidenden Literaturgebietes vorerst eine sorgfältige Durchforschung der vorhandenen Handschrift sein müsse. Insbesondere erschloß sich ihm diese Erkenntnis, als er im Jahre 1850 das erstemal Gelegenheit hatte, durch Autopsie die reichen Schätze der Bodleiana kennen zu lernen. Da zeigte fich erst recht, welch' eine Riesenarbeit auf diesem Gebiete noch zu leisten vorlag. Es war darum ein glänzender Wurf für die Wissenschaft, als die Verwaltung der Oxlorder Bibliothek Steinschneider am Anfänge der Fünfziger-Jahre zur Katalogisierung ihrer kostbaren Sammlungen, namentlich der Oppenheimeriana, nach Oxford berufen hat. Denn das Juwel dieser Sammlungen bildete und bildet auch heute noch die von dem berühmten Prager Bibliophilen David Oppenheimer, geb. 1664, gest. 1736 (Graetz „Hdb., X5*, p. 313 schreibt Oppenheim, vgl. jedoch Steinschneider, Vorles. über die Kunde hebr. Hss. usw., p. 78) zum großen Teile in Prag gesammelte großartige Bibliothek, die aber der damals üblichen lästigen Zensur wegen in Hannover beim Schwiegervater Oppenheimers aufgestellt worden war. Jahrzehnte hindurch war diese aus 1000 überaus seltenen Hss. und 7000 Druckwerken, meist Inkunabeln bestehende einzigartige Sammlung in Folge mißlicher materieller Verhältnisse der Erben, zum Kaufe Fürsten, Bibliotheken und Privaten angeboten worden, aber merkwürdigerweise weder in Oesterreich noch in Deutschland fand fich für die inzwischen nach Hamburg gekommene Sammlung ein ernster Käufer, bis endlich im Jahre 1829 die Oxforder Bibliotheksverwaltung diese heute einen Millionenwert repräsentierende Bibliothek sage um rund — 9000 Thaler erworben hat. (Graetz a. a. O.) (In Paranthese will ich hier erwähnen, daß auch die ungemein kostbare, durch volle 70 Jahre äußerst rationell angelegte Bibliothek Steinschneiders noch bei seinen Lebzeiten von dem bekannten amerikanischen Millionär und Wohltäter Schiff anzekauft worden ist, und die demnächst, denn es war Verkaufsbedingung, daß die Bibliothek bei Lebzeiten Steinschneiders ihm belassen bleibe, nach Amerika transportiert werden wird.) Man darf getrost sagen, daß mit dem Beginne dieser Katalogisierungsarbeiten Steinschneiders eine neue Epoche auf dem Gebiete der jüdischen, aber auch der arabischen Literaturgeschichte beginnt. Denn hier in Oxford gewann Steinschneider erst so recht einen erschöpfenden Einblick in die literarischen Denkmäler der vergangenen Jahrhunderte. Hunderte und abermals hunderte Rätsel wurden mit einem Schlage gelöst, Vergessene wurden zu neuem Leben erweckt, Gekannte in ein helleres Licht gerückt. Es entfaltete fich ein neues, buntes Leben vor Steinschneiders Augen. Die Resultate dieser seiner Forschungen und Entdeckungen, die auch ein hohes Maß physischer Arbeit erforderten, legte er in seinem wohl berühmtesten Werke, dem Catalogns librorum hebraeorum in Bibliotheca Bodleiana, Berolini 1852—60 (dazu der Conspeetus codicnm manusc. hebraic. in Bibi. Bodl., Berlin 1857) nieder. Dieses über 3300 Seiten starke, in lateinischer Sprache geschriebene zweibändige Werk kann als das Ideal eines wiffenschaftlich gearbeiteten Kataloges gelten. Denn nicht allein, daß die Hff. durchgehends äußerst sorgfältig und gründlich beschrieben werden, ist jeder einzelnen auch noch ein erschöpfender literarhistorischer Nachweis beigegeben, so daß der Bodleianische Katalog auch gleichzeitig die gründlichste und erschöpfendste Darstellung der hebräischen Literaturgeschichte überhaupt ist, ein Standard.Work, das bei den wissenschaftlichen Studien auf diesem Gebiete unbedingt zu Rate gezogen werden muß. Nach dieser gigantischen Leistung war es kein Wunder, daß auch andere hebräische Hss. besitzende Bibliotheken Steinschneiders die Katalogisierung ihrer Handschriftenbestände übertragen haben. So hat er neben vielen Privatbibliotheken auch die der Bibliothek zu Leyden, die namentlich an ungemein schwer geschriebenen karäischen Hss. sehr reich ist, München, deren Katalog — auf unserem Gebiete überhaupt etwas Seltenes — bereits in zweiter Auflage erschienen ist, Hamburg, Berlin (2 Bände) in ausgezeichneter Weise beschrieben, dabei enthalten diese Kataloge noch mehr als sonst derartige Arbeiten. So zum Beispiel gehört der Exkurs über die astrologischen Schriften des berühmten mittelalterlichen Exegeten ibn Esra, im zweiten Bande des Berlinlr Katalogs, zu den gelehrtesten und feinsinnigsten Abhandlungen auf diesem ungemein schwierigen Gebiete menschlicher Irrungen (Schluß folgt.) Vom Zabrrnurkt des Lebens. Das Ghetto von Florenz. In einem italienischen Blatte finden wir folgende Schilderung des Ghetto von Florenz, deffen im Jahre 1885 beschloffene Niederreißung längst vollendet ist. An Stelle des labyrinthischen Bauwerks, eines Gewirres von Dutzenden düsterer, hoher, lichtloser, halsbrecherischer Treppen, dunkler Gänge, übereinandergetürmter Stockwerke von schmutzigen Wohnräumen, zu denen Sonne und Luft wenig Zutritt hatten, an Stelle dieses in jeder Hinsicht monströsen Bauwerkes, in welches, gleichwie in ein Gefängnis, ehedem fast tausend Menschen ihres Bekenntnisses wegen eingesperrt waren, find neue, gesunde, luftige Quartiere entstanden. Das Ghetto war in Florenz selbst fast zur Legende geworden, denn nachdem die neue Zeit den Juden die Tore desselben geöffnet, hatte fich, ähnlich, aber in ärgerem Maße noch, als in Rom, der Abhub der Bevölkerung hier eingenistet. Das Florentiner Ghetto lag dem erzbischöflichen Palast gegenüber, kaum hundert Schritt vom Dom und dem marmornen Turm des Ghetto entfernt, völlig im Zentrum der Stadt, und die eine Seite desselben sah auf den »Nereato vecchio“ hinaus. Ob wohl unter den gebeugten Gestalten, die das Ghetto bevölkerten, Männer von antiquarischen Kenntniffen waren? Es kann kaum bezweifelt werden, daß die Mütze mit dem runden gelben Fleck, die sie als „segno“ tragen mußten, häufig Köpfe voll Scharfsinn und Gelehrsamkeit barg, denn — freilich, ehe die Barbarei aufkam und ehe fich in Florenz, wie in Rom, die Mauern deS Ghetto hinter den „giudei“ schloffen — in der Zeit der Renaissance begegnen uns in Florenz jüdische Schriftsteller von Ruf und Bedeutung, wie Elia del Medigo, der

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