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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-03-01 · 9 (1.3.1907) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
9 (1.3.1907)
Date
1907-03-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 148 Nr. 9 Dr. Llocb's Mocbenscbrltr. Freund und hebräische Lehrer des berühmten Pico de Mirandola. Wenn nun die Kenntnisse auch in anderen, als dogmatischen und talmudischen Dingen hinter den Ghetto-Mauern weiter gepflegt wurden, dann konnte ein oder der andere Alte, der die Vergangenheit, uud nicht nur die des eigenen Stammes, kannte, seinen Glaubens- und Schicksalsgenossen in der beschaulichen Ruhe des Sabbath-Abends, in der Rast- und Feierstunde des geplagten Volkes, erzählen, daß man hier in dem mißachteten Ghetto fich aus derselben Sätte befinde, wo das tempelgeschmückte Kapitol der römischen Florentia gestanden, und daß vielleicht dieser Boden noch jetzt die gestürzten Götterbilder der gestürzten Götter berge. Er konnte ihnen sagen, daß sich ihr Ghetto an dem „Königs-Forum" der. Longobardenzeit befinde, und er konnte vielleicht, indem er daran erinnerte, wie die Herrlichkeit jener Tempel und dieser Herrscher spurlos dahingegangen, sich selbst und seine Genossen in dem Gedanken aufrichten, daß vom Wechsel und Strome der Zeiten auch ihre Bedränger und auch ihre Bedrängniste fortgeschwemmt werden, und daß späteren Geschlechtern eine hellere Zukunft beschieden sein werde. lieber einem der Eingänge zu den elenden Wohnungen des Ghetto fand ich, fast verlöscht, die Worte Dante's eingekritzelt, die dem Tore dieser Hölle eingeschrieben find: „Lasciate ogni speranza. “ Aber aus welcher Zeit auch diese, an fich dem Orte gemäße Inschrift stammen mag — dies war niemals ein Merkwort der hinter den Ghetto-Mauern verschlostenen Juden. Ihr Glaube lehrt fie das Erwarten Eines, der da kommen soll, und sie haben niemals „die Hoffnung gelaffen". Die Geschichte der Juden von Florenz geht nicht so weit zurück, uud fie ist auch nicht so schicksalsreich, wie die ihrer Glaubensbrüder in der Tiberstadt. Die Florentiner „obre!" können fich auch gleich den römischen rühmen — wenn die Berufung auf eine zwei Jahrtausende des Leidens umfassende Geschichte Rühmen zu nennen ist — daß ihre Gemeinde auf die Zeit der Szipionen und Gracchen zurückreicht. (Denn aus dieser Periode find schon Maßnahmen der Bedrängung der römischen Juden bekannt. Sie können nicht vermelden, daß ein Abkömmling ihres Ghetto die Tiara getragen hat, wie jener Anaklet II., der Jahre hindurch über Rom herrschte, und den, obwohl er fteilich als nicht kanonischer Papst galt, der Heereszug eines deutschen Kaisers nicht zu stürzen vermochte. Dafür brauchten fie indeß auch nicht, wie ihre römischen Brüder, unter dem Hohn des Pöbels neugewählten Päpsten verachtungsvoll aufgenommene Huldigungen darzubringen, noch beim Carneval halb nackt zum Ergötzen des Volkes gleich Pferden und Eseln auf dem Corso wettzurennen. Die Geschichte der Florentiner Juden ist kürzer und weniger reich an Bedrängnisten. Sie wurden förmlich, und unter vielerlei Klauseln zuerst im Jahre 1430 in Florenz von der Signorie zugelasten. Neun Jahre später gab es schon zwei „Banken," die von Juden geführt wurden. (Unter einem „banco“ versteht man noch heute in Italien ein privates Bank- und Wechslergeschäst.) Ihre Zahl stieg, und ihre Geschäfte vermehrten fich in der prunkvollen, genußsüchtigen, leichtsinnigen, verschwenderischen, lebensfrischen Zeit, die man heute die der „Renaissance" nennt. Die ersten Medici, Cofimo wie Lorenzo, hatten sie geduldet, wenn nicht begünstigt; aber in der erregten Zeit der Büßpredigten Girolamo Savonarola's kehrte sich der Zorn des Volkes auch gegen fie. Sie wurden vertrieben, doch finden wir fie nach den Feuertode des Dominikaners von San Marco wieder in Florenz. Die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts war in allen Ländern für die Juden eine traurige Zeit. Der fanatische Neapolitaner Caraffa, Papst Paul IV., wütete gegett fie in Rom und seine Bulle bestimmte ihr Schicksal auch in der Ferne. Es lag im Zuge der Reaktions-Epochen aller Zeiten, auch gegen die Juden zu wüten. Nicht lange nach der Zeit jenes Paul IV. tat sich denn auch den Juden von Florenz dieses Ghetto auf, das jetzt für immer verschwunden ist. E§ war im Jahre 1571; auch schon zuvor hatte man den Männern jeues Barett, den Frauen den gelben Flecken auf den linken Acrmel als Abzeichen gegeben. Papst Paul IV. hatte solche Maßnahmen zuerst in Rom eingeführt, und sie erschienen offenbar den Machthabern der Zeit sehr nachahmenswert. Doch das Los der Florentiner Juden wurde durch die Fürbitte der schönen Venetianerin Bianca Capello bei ihrem Gemahl, dem Großherzog Francesco, gemildert. Bianca Capello setzte wichtige Erleichterungen für ihre Schützlinge durch, aber mit ihrer und ihres Gemahls Vergiftung endete auch zunächst die bessere Periode im Dasein der Ghetto-Bewohner. Freilich war ihre Bedrängung in dem milderen und freundlichen Toskana nicht nur niemals eine so harte, als inmitten der wilden und zuchtlosen römischen Bevölkerung, sondern nicht einmal so arg, wie in Venedig, Ferrara und Pisa. Die Mauern des Ghetto umschlossen fie zugleich als die eines Gefängnisses und eines Zufluchtortes, und es ist nicht bekannt, daß der Pöbel in Florenz, wie so häufig in anderen Städten diesseits Und jenseits der Alpen, das Ghe'to zu stürmen und zu plündern versuchte. Es wird sogar von Maßnahmen energischen Schutzes seitens der Behörden berichtet. So ließ die Signorie einmal einen Franziskaner, obwohl er aus dem Mailänder Fürstengeschlecht der Visconti stammte, weil er sich darauf verlegte, von der Kanzel das Volk gegen die Ghetto-Bewohner aufzuhetzen, als Ruhestörer in mitternächtiger Stunde aus der Stadt hinausführen mit der Weisung, binnen drei Tagen nicht mehr im Toskanischen Gebiet angetroffen zu werden. Doch solche Maßnahmen zur Ausrechterhaltung der Ruhe können nicht über den Druck und die Verachtung täuschen, die auf den, durch ihre Geschäfte meistenteils wohlhabenden und dennoch so elenden Bewohnern jenes düsteren Gebäude-Komplexes lasteten. Eine lateinische Inschrift, die der „große und erlauchteste" Großherzog Cosimo III. über dem nach Osten gelegenen Tore des Ghetto anb ringen ließ — sie enthielt in hochfahrenden Worten die Mahnung zur Bekehrung — gibt hinreichenden Aufschluß darüber. Solcher Art blieben die Zustände, bis Pietro Leopolds, dessen Andenken nocb heute in Toskana gesegnet wird, gleich seinem Bruder, dem Kaiser Josef II., die Bande mittelalterlicher Auffassungen sprengte. Er gestattete den Familien, die sich durch Bildung und Ansehen hervortaten, außerhalb des Ghetto zu wohnen doch erst die Stürme des Jahres 1849 haben den alten, Jahrhunderte langen Bann völlig gesprengt, und damals geschah es, daß man den vordersten Hof des Ghetto, gewissermaßen um eine alte Schuld zu sühnen, mit dem Namen „Piazza della fraternita" schmückte, den er noch heute führt und der erst mit diesem traurig-rr Gebäude selbst untergegangen ist. Wer die schönsten Plätze des modernen Florenz betrachtet, dem fallen nahe der Piazza Na38imo d’Azlegio die Kuppel und die ftemdartigen Wölbungen eines mächtigen Bauwerkes ins Auge. Dasselbe erhebt fich hinter einem Vorgärten, den das Grün von Palmen freundlich schmückt. Aus den Hallen des orientalischen Bauwerkes dringt fremdartiger Gesang hervor, und drinnen ruht das Auge bewundernd auf der reichen, bunten und dennoch nicht blendenden Pracht orientalischer Dekoration. Dies ist die Synagoge von Florenz, nicht eine der größten, aber wohl eine der schönsten, die jetzt vorhanden find. Wenn man dem Wandel der Zeiten, dem Schicksale und Ansichten, Gedanken und Vorurteile der Menschen unterworfen sind, nachsinnen will, dann brauchte man kaum an die verschwundene Pracht Zions und ihr Widerspiel, an die auf dem Forum Roms an Cäsars Leiche klagenden Juden, sondern man brauchte nur von dem alten, düsteren Ghetto von Florenz den Weg nach diesem strahlenden Gebäude zu lenken, an dessen Betpulten die Namen von „Baronen", „Cavalieri" und „Commendatori" angeschrieben sind und in dem neben den Angehörigen aller bürgerlichen Berufsarten, Offiziere und Stadtpolizisten zu dem Gotte ihrer Väter beten, der ihr Volk aus dem Ghetto in das Jahrhunderte hindurch ersehnte Land der bürgerlichen Gleichberechtigung geführt hat. _ Die Deutsche Konserenz-Gemeinschaft der Allianee Jsraelite Universelle hat am 19. v. M. unter dem Vorsitze des Geheimrates Goldberger, Berlin, und Charles L. Hallgarten, Frankfurt a. M., im Saale der Frankfurt-Loge

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