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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-02-22 · 8 (22.2.1907) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
8 (22.2.1907)
Date
1907-02-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 8 Dr. Llocb's MocbenscbrtN. Sette 127 Ich stelle daher für die Wahlkampagne unbedingt die These auf: In diesem Wahlkreis, in welchem die jüdische Bevölkerung die Majorität hat, muß ein jüdischer, bewußter, jüdisch-nationaler Mann als Kandidat aufgestellt werden. (Stürmischer Beifall.) Was heißt das, jüdisch-national sein? Wollen wir etwa zu all den nationalen Fragen, die Oesterreich durchbeben, noch eine neue hinzukommen lassen. Gewiß nicht! Wir werden hier keine Sprachenforderungen stellen, wir haben keine staatsrechtlichen Postulate, unsere Interessen find nicht staatszerstörend, wir wollen nur eine stramme Handhabung der Staatsgrundgesetze, wir werden jeden Eingriff in die Interessen der anderen vermeiden, wir werden uns in keine konfessionellen Fragen, in die Kirchenrechtsfragen nie einmengen und wir werden es stets verdammen, wenn sich ein Jude finden wird, der dies tun wird. Dieser jüdisch-nationale Vertreter wird jedoch beiweitem nicht alle anderen freiheitlichen Fragen aus den Augen lassen. Er wird sich nie dazu hergeben, ein Werkzeug zu sein zur Unterdrückung anderer Völker. Er wird auch in diesem Sinne erzieherisch auf die Massen, die hinter ihm stehen, wirken müssen. Und nun komme ich zur Personenfrage. Ich kann es absolut nicht annehmen, daß sich jüdisch bewußte Kandidaten gegenüberstehen werden. Das Interesse des jüdischen Volkes verlangt es unbedingt, daß eine Einigung erzielt wird. (Allseitiger Beifall.) Ich gebe die Hoffnung auf eine solche Einigung nicht auf und werden die kompetenten Wahlkomitees schon durch die jüdische Bevölkerung selbst zu einer Einigung gebracht werden. Anlangend Herrn Dr. Bloch, so find die Angriffe, die . gegen denselben gerichtet find, gewiß nicht begründet. Das innere jüdische Leben weist, wie das anderer Völker, gewisse Strömungen auf. Im Kampfe dieser Strömungen dürfte Herr Dr. Bloch gewiß viele Gegner gehabt haben. Aber im Verhältnis der Juden nach außen hat Dr. Bloch stets seine Pflicht voll und ganz erfüllt. Er ist immer warm für jüdische Interessen eingetreten. Er hat stets seiner jüdischen Ueberzeugung Ausdruck gegeben: Ich eriünere insbesondere an seine Reden, die er aus Anlaß der Angriffe auf unsere Religion vor dem versammelten Reichsrate gehalten hat. Hiebei vernachlässigte er auch die allgemeinen Pflichten nicht. (Stürmische Zustimmung. Rufe: Bravo Dr. Bloch!) Seine erste Rede galt dem allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrecht. Er spricht auch der Sonntagsruhe das Wort, wiewohl dies in seinem Wahlbezirk nicht populär war. Und wenn man ihm vorwirft, warum er in Wien kandidiere, so dürften gerade die Sozialdemokraten, welche in Eger den Dr. Verkauf und in Wien den Nemec aufftellen, ihm daraus keinen Vorwurf machen. (Zustimmung.) Und den Spitznamen „Rabbi Bloch", den hat er sich erworben im aufreibenden Kampfe gegen die blutigsten Feinde des Judentums, der Spitzname kann daher für ihn nur ehrenvoll sein. Haben wir den Mut, uns als Juden zu bekennen, so wird dies gewiß von Segen für unser Volk sein. Wir müssen als Juden siegen oder den Mut haben, als Juden zu fallen! (Langanhaltender Applaus.) Herr G o l d s ch m i d sagt, er sei mit Leib und Seele organisierter Zionist, werde aber doch die Kandidatur Doktor Blochs unterstützen. Ihm seien vor allem Verdienste und erwiesene Fähigkeiten für einen Parlamentsvertreter maßgebend. Herr Regenbogen benützt die Gelegenheit, um einen persönlichen Streitfall mit der Kultusgemeinde vorzutragen, die ihm keine geschäftliche Hilfe leisten wollte, weil sie angeblich für polnische Juden nichts täte. Herr kais. Rat Krüger weist diese Unrichtigkeiten mit Daten aus der Wohlfahrtspflege der Kultusgemeinde zurück. Er richtet einen warmen Appell an die Wähler des Bezirkes, für die Kandidatur Dr. B l o ch's mit Eifer und Hingebung einzutreten. Herr kais. Rat Dr. Krüger weist darauf hin, daß wir im künftigen Parlament allein auf uns selber angewiesen, eines solchen Mannes, wie Dr. B l och, dringend bedürfen werden, eines Mannes mit solchem Wissen und reicher Erfahrung und der ein tadelloser Charakter ist. Seine Feinde, die ihn schmähen, geben ihm das beste Zeugnis. Denn was sie an Tatsachen gegen seine Person vorzubringen haben, erweist sich stets als etwas, was ihm zur Ehre gereicht. Wir haben gesehen, mit welchem Haß der Mann verfolgt wird, und wir haben auch die Argumente gehört, welche seine Feinde gegen ihn geltend machen. Und diese Argumente der Gegner zeigen, daß Dr. Bloch kein Popularitätshascher ist, daß ihm in der Tat das Wohl und Wehe des Judentums warm am Herzen liegt und daß wir keinen besseren Mann des Vertrauens haben, als den Kandidaten Dr. Bloch. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Der Redner wird für diesen warmen Appell von allen Seiten beglückwünscht, worauf der Vorsitzende die bewegte Versammlung in vorgerückter Nachtstunde schließt. Alle Anwesenden hatten bis zum Schluffe ausgeharrt. * * * Sr. Ehrwürden Herr Rabbiner W. R e i ch in Baden schreibt aus Anlaß dieser eben abgehaltenen Wählerversammlung : „Ich kann nicht umhin, meiner tiefinnersten Empfindung dahin Ausdruck zu geben, daß die Durchführung Ihrer Wahl für das neue Abgeordnetenhaus die wichtigste Aufgabe der österreichischen Judenheit ist, die sie zu ihrem Schutze für die Zukunft durchzuführen hat. Genehmigen Sie den Ausdruck meiner ausgezeichneten Hochachtung W. Reich. Rabbiner." Deulschvollnsche und klerikale Taktik. In den liberalen deutschösterreichischen Zeitungen ist ein großes Jammergeschrei; sie weinen um eines ihrer liebsten Kinder, denn es ist nicht mehr — liberal, und darob wollen sie sich nicht trösten lassen. Graf Stürgkh soll zu den Klerikalen übergegangen sein und sich bei ihnen um ein Mandat für den nächsten Reichsrat bewerben. Die Liberalen betrachten ihn schon als einen für sie toten Mann und loben ihn, wie man eben in einer Grabrede lobt. Der unersetzliche Abgeordnete soll „einer der intelligentesten, gebildetsten und sachkundigsten Abgeordneten gewesen sein, der sich immer von einem warmen Nationalgefühl erfüllt zeigte" usw. Merkwürdig! Ein so hoch gepriesener freisinniger Parlamentarier findet keine freisinnigen Wähler und muß sich den Klerikalen in die Arme werfen, um den ihm unentbehrlichen Sitz im Parlament des allgemeinen Wahlrechtes zu erlangen. Ob er diesem ebenso unentbehrlich ist, möchten wir bezweifeln. Aber uns interessiert seine Person gar nicht. Er ist nur einer unter vielen. Andere find vor ihm von der freisinnigen Partei abgefallen und andere werden folgen. Die Bessern und Ehrlichern ziehen sich entmutigt und angeekelt von der Politik zurück, die anderen flüchten sich zur christlichsozialen oder klerikalen Krippe. Und es ist höchste Zeit. Denn, wenn das so fortgeht, so wird bald Futtermangel eintreten. Portefeuillehungrige und Stellenjäger werden schließlich nicht alle befriedigt werden können. Man tut zwar alles mögliche, um neue Stellen und Aemter zu schaffen, und wenn man die zahlreichen Verstadtlichungen und Verstaatlichungen industrieller Unternehmungen, wenn man manche neue Gesetze zur Beaufsichtigung, Bevormundung und Belästigung der „wahlberechtigten Staatsbürger" betrachtet, so könnte man auf den Verdacht geraten, der Zweck aller dieser Maßregeln sei nur, um neue Aemter zu schaffen und diese mit Anhängern der herrschenden Partei zu besetzen. Und diese nimmt einstweilen alle, die sich zu ihr wenden, mit offenen Armen auf. Um Schuster oder Schneider oder Gemischtwarenhändler zu werden, bedarf es nach dem jüngst verschärften Gewerbegesetz einer mehrjährigen Lernzeit, einer Prüfung und wer weiß was noch; klerikaler oder christlichsozialer Agitator, Vertrauensmann, wohlbesoldeter Angestellter kann man ohne besondere Vorbereitung werden; da bedarf es keiner Lehrlingsplage, keines Befähigungsnachweises, und daß selbst ein bemakeltes Vorleben nichts schadet, das haben manche Gerichtsverhandlungen in neuerer Zeit bewiesen.

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