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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-02-22 · 8 (22.2.1907) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
8 (22.2.1907)
Date
1907-02-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 124 Dr. Bloch's Wochrnschrrfl. Nr. 8 den Abfall, die Untreue gegen Gott, Volk und Familie fördert und prämiiert (lebhafter Beifall), wenn der Staat zum gewalttätigen Agenten der Missionsgesellschaft sich erniedrigt und als Arbeitsgeber von seinen Angestellten ein Dokument abverlangt, welches in diesem Falle die Bekundung des Meineides bedeutet, die der Staat erpreßt, ein Dokument, das dem Staat selber zur ewigen Schande gereicht. (Stürmischer Beifall.) Als Jude die Jnteresten seines Volkes vertreten, die Angriffe auf dasselbe mit aller Entschiedenheit zurückweisen, erfordert vor allem Kenntnis des Judentums, Vertrautheit mit seiner Geschichte, mit seiner Literatur, mit seinem Lehrinhalt, mit seiner gesamten Weltauffassung. Man braucht seine Phantasie nicht besonders anzustrengen, um sich ein ungefähres Bild zu schaffen von den parlamentarischen Verhandlungen in dem neuen Reichsrat des allgemeinen und gleichen Stimmrechtes. Die christlich-soziale Partei wird als die stärkste der deutschen Parteien in das Haus einziehen, aber nicht die Sorte der gemäßigten, sondern jene der radikaleren Elemente wird Verstärkung erfahren und das Wort führen. Auch aus den Reihen der Klerikalen werden die vornehmen Naturen, wie Kathrein, ausscheideü, um hetzerischen Jung-Klerikalen Platz zu machen. Wie soll gegen diese die sogenannte „fortschrittliche Partei" mit Respekt zu melden auftreten, (Heiterkeit), die sich mit K. H. Wolf verbündet? Wir kennen die Methode dieser Abgeordneten. Da werden ganz alte Broschüren voll Lügen und Verleumdungen mit einem geradezu haarsträubenden Inhalt entweder als Reden vorgelesen oder als Interpellationen schriftlich überreicht und so unter den Schutze der Immunität gebracht, in hunderttausenden Exemplaren verbreitet, um die Volksseele zu vergiften. Niemand ist im ganzen Hause, der in der Lage wäre, sofort die Unwahrheit nachzuweisen, die Lüge zu brandmarken, und die Verleumdungen gehen unwidersprochen hinaus.. Die verheerenden Wirkungen dieser antisemitischen Kampfmethode unserer Gegner, eines solchen Mißbrauchs der parlamentarischen Tribüne, haben wir schaudernd miterlebt bei dem Prozesse Hilsner. Als das Justizverbrechen gegen Hilsner initiiert wurde, habe ich dem österreichischen Abgeordnetenhause nicht mehr angehört. Unsere Abgeordneten werden wissenschaftliche Schlagfertigkeit wohl nötig haben. Ich will nicht an die D e ck e r t-Affäre erinnern, aber vom Hilsner-Prozeß werden Sie alle noch wissen, welcher kolossale Mißbrauch mit der parlamentarischen Tribüne getrieben wurde. Fälle, wo Wissenschaft des Judentums gebraucht wird, hat es sogar in liberalen Zeiten gegeben. Ich erinnere mich hier an das Auffehen, das es machte, als einst Kronawetter in der Budgetdebatte vorbrachte, das Vaterunser sei ein jüdisches Gebet. Kathrein, damaliger Präsident, war außer sich vor Aufregung. Es sollte zu einer Protestkundgebung kommen. Referent für das Budget war der Hoftat Beer. Er schickte nach mir und ich stMe ihm sofort das Material bei, daß er in seiner Schlußrede den Beweis beibringen konnte, Kronawetter habe tatsächlich Recht gehabt. (Zwischenruf.) Das ist Ihnen gleichgiltig! Mir scheint es ein glänzendes Ehrenzeugnis für das Judentum, wenn zur Kenntnis wichtiger Kreise gebracht wird, daß das erste und berühmteste Gebet der Christenheit in Wahrheit ein jüdisches Gebet ist. (Stürmischer Beifall, Zwischenruf: Was ist Ihr ökonomisches Programm?) Der Herr Zwischenrufer hat wirklich Recht, mich an mein ökonomisches Programm zu erinnern. Mein Programm lautet in jeder Beziehung: „ich bin Jude". Was bedeutet dieses Wort in wirtschaftlicher Hinsicht? Wir Juden, find hervorgegangen aus einer Masse von Proletariern. Wir sind ursprünglich bloß eine Sklavenhorde gewesen, geknechtet und entrechtet von Bedrückern. „Jude sein" heißt darum, für das Recht der notleidenden und unterdrückten Volksgruppen eintreten und das Wort führen. Seiner Genesis aus einer Sklavenhorde, seinem proletarischen Ursprünge dankt das Judentum den hohen, sittlichen sozialpolitischen Zug, der seine Geschichte und seine Gesetzgebung durchzieht. Schon das Institut. des Sabbath, des wöchentlichen Ruhetages, konnte nur der Genius eines Proletariervolkes schaffen. Daher stammen auch alle jene Wohlfahrtsgesetze der Bibel für die Enterbten und Entrechteten, welche noch heute die Bewunderung der Historiker erregen. Die ersten Bücher der Bibel enthalten nichts als die Erzählung von dem Kampfe eines Proletariervolkes, einer entrechteten Sklavenhorde um Recht und Freiheit. (Beifall. Zwischenruf: Rothschild! Taussig!) Von Rothschild und Taussig steht in meiner Bibel nichts, wohl aber von einem Strafgericht für diejenigen, welche Vermögen sammeln und die Armen um ihr Recht verkürzen. (Beifall.) Ja selbst der vielberufene Talmud ist von Proletariern geschaffen, seine Lehrer und Verfasser waren, wie ich bereits vor 25 Jahren in einer Versammlung des sozialdemokratischen Eisen- und Metallarbeiterverbandes von Wien ausführlich geschildert habe, kleine Leute, Handwerker und Arbeiter. Der bänderreiche Talmud ist ein Ruhmesdenkmal des Arbeitergeistes. Freilich auch der kleine Händler und der arme Hausierer hat einen Rechtsanspruch auf Schutz und Vertretung gegen Unterdrückung und Rechtsverkürzung, ebenso der kleine öffentliche und Privatbeamte. Das ist jüdische Tradition. Die alten Römer haben einen berühmten jüdischen Talmudisten in den Kerker geworfen und vor Gericht geschleppt — warum? — weil er seinen eigenen Sklaven die Freiheit geschenkt hat. So geartet ist nach historischen Grundsätzen das ökonomische Programm eines Mannes, der sagt, „ich bin ein Jude". Vor den Reichsratswahlen erinnern sich manche ihrer jüdischen Abstammung, von der sie vorher keinen sonderlichen Gebrauch zu machen pflegten. Diese klugen Leute erinnern mich immer an eine köstliche Episode aus dem Stilleben einer kleinen Khille. Der Lehrerposten war frei und als Bewerber stellte sich beim Vorsteher ein Mann vor, der einen schlichten Eindruck machte. Er versicherte, sehr gut Siddur, Bibel und sogar Talmud unterrichten zu können. „Das ist sehr schön," sagte der Vorsteher, „aber können Sie auch singen, um eventuell vorzubeten, wenn es nottut und man das braucht? „Singen", fragte er erstaunt, „singen, nein . das kann ich nicht, ich war nie musikalisch." Der Bewerber wurde abgewiesen. Nach einer halben Stunde kehrte er zurück: „Herr Vorsteher, Sie sollen leben und gesund sein, ich habe es mir überlegt, jetzt erinnere ich mich, ich kann auch singen." (Heiterkeit.) So ergeht es manchen Reichsratskandidaten, die gegen Beruf und Neigung auf einen Wahlbezirk mit jüdischer Majorität sich angewiesen sehen. Sie überlegen es sich plötzlich und erinnern sich, sie können auch den Chasan vertreten. Meine Herren, im alten Israel gab es eine Kriegssitte, die einzig dasteht in der Geschichte der Völker. Vor Beginn der Schlacht durchzog ein Herold die Reihen der Krieger und rief mit lauter Stimme: „Wer furchtsam ist und zagenden Herzens, der kehre um und ziehe nachhause." Die Männer, von welchen ich sprach, die gelegentlich auch Juden sein wollen, würden gewiß in ruhigen Zeiten eine Zierde jeder Partei bilden. Allein in dem uns aufgedrungenen Verteidigungskrieg find sie die richtigen Männer einmal nicht. Ich habe manchen sachte aus dem Parlamentsräumen sich hinausschleichen gesehen, wenn es galt, dem Lästerer Israels von Antlitz zu Antlitz gegenüberzutreten. Meine Herren! Ich dachte über meine parlamentarische Vergangenheit zu berichten, ich bin nicht geschmacklos genug, darüber ein Langes und Breites zu reden. Auch meine persönlichen Gegner und Feinde pflegen zu erklären, an meinem parlamentarischen Wirken haben sie Tadelhastes nicht gefunden. Allein die Ursache und die Art meines Scheidens aus dem österreichischen Parlament bildet für mich einen besonderen Befähigungsnachweis. Um mich aus dem Parlamente auszuschließen, zur Niederlegung meines Mandates zu zwingen, hatte sich Prinz Liechtenstein mit dem damaligen Präsidenten des Polenklubs, Exzellenz Zalesky, verbunden; der Polenklub opferte mich während eines politischen Schachergeschäftes der Ungnade des Prinzen Liechten st ein. Und wenn dieser Prinz Liechtenstein auf meine Entfernung aus den Reihen der Abgeordneten ein gar so großes Gewicht gelegt hat, so kann mein Wirken für das Judentum und für die jüdischen

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