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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-02-22 · 8 (22.2.1907) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
8 (22.2.1907)
Date
1907-02-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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9L. 8 Dr. JBlocb s MocdenscdrtN. Geve 123 Am Scheitern der Asfimilationsbestrebungen waren die Juden nicht die Schuldtragenden, denn der Jude war affimilationssüchtig bis zum Fanatismus. Sein, bestes Selbst, die heiligsten Heiligtümer seiner Ahnen, die ruhmreichsten Traditionen seiner Geschichte hat er preisgegcben, um die Volksgunst einzutauschen, oder wie er sich ausdrückte, dem „Zeitgeist" zu huldigen. Seine Synagogen hat er in Tempel umgewandelt, seine Rabbinen sind Geistliche geworden, aus seinen Gebeten hat er die erhebendsten Erinnerungen an die Tage der Leiden und Drangsale ausgemerzt und er verschmähte selbst die gesellschaftlichen Untugenden nicht, nur um jede Besonderheit abzustreifen und eine Gleichförmigkeit mit den Sitten und Gewohnheiten der christlichen Bevölkerung herbeizuführen. Einem jüdischen Mädchen konnte man kein größeres Kompliment machen, als indem man ihm sagte, sein Gesicht habe gar kein jüdisches Aussehen, trage keine jüdischen Züge. Für die exceptionelle Anpassungsfähigkeit der Juden zeugen Heinrich Heine, der Schöpfer des deutschen Volksliedes, und Berthold Auerbach, der Schöpfer der deutschen Bauernnovelle. Das Verschulden der Juden ist es somit nicht, daß sie trotz alledem und alledem im Schoße einzelner Völker ein heterogenes Element geblieben sind. Was im Bereich ihrer Möglichkeit war, haben sie unternommen, um sich assimilieren zu lassen, d. h. national zu verschwinden. Allein zur Assimilation gehören nun einmal zwei, ein Volk, welches das andere aussaugt und in sich aufnimmt, und ein Volksstamm, der sich assimilieren lassen will. Allein die Verdauungsorgane des deutschen Volkes reichten hiezu nicht aus. Die Aufnahmsfähigkeit der Deutschen war sehr beschränkt. Ihr Organismus vertrug eben nicht viel Judentum. Was aber geschieht, wenn einem Organismus mehr von einem Stoff zugeführt wird, als er verträgt? Das ist der Antisemitismus. (Heiterkeit und lebhafter Beifall.) Die krankhaften Zuckungen des nationalen Körpers, welchen in jenen Jahrzehnten alle. Völker Europas unterworfen waren, haben ohnehin deren Verdauungsorgane geschwächt, den nationalen Hochmut, den Fremdenhaß gesteigert; je rapider also wir uns zu amalgamieren strebten, ein desto größeres Unbehagen empfanden jene Nationalitäten, in deren Rachen wir hineinspringen. Der Antisemitismus ist nichts anderes als eine Reaktion, eine Aeußerung des Unbehagens von Seiten derjenigen Völker, in deren Magen wir unverdaut liegen! Daher der Zuruf, daß wir ein heterogenes Element bilden im Völkerveröande! Unsere Schuld ist es nicht! Allein, je mehr wir den Prozeß der Assimilation beschleunigen wollen, desto illusorischer werden alle unsere Bestrebungen. Der Antisemitismus ist eine Völkerkrankheit. Nur insofern haben wir diese verschuldet, als wir der damaligen schwachen nationalen Verdauungskraft, die unter der nationalen Nervosität und Gereiztheit gelitten hat, zuviel zugemutet haben. Der Antisemitismus ist somit eine Folge unserer Liebedienerei, unserer Sucht nach Assimilation. Je mehr wir uns zum Anschluß hinzugedrängt haben, umso schärfer wies man uns zurück. Beweiskräftig dafür ist, daß der moderne Antisemitismus nicht in den niederen Schichten des Volkes zuerst auftauchte, sondern an den Universitäten, wo deutsche Sitten und Unsitten von den Juden bis zum Ueberdruß nachgeahmt wurden. Auerbach, der seinen Kindern keinen jüdischen Religionsunterricht geben ließ, ist aus Herzleid über antisemitische Exzesse gestorben. Je stärker wir uns in die christliche Gesellschaft drängten, desto schärfer der Widerstand. Für unsere vornehmen, stolzen und hohen Juden, die Fanatiker der Assimilation, war das eine traurige Offenbarung. Unser Stolz hätte uns vor solch unwürdiger Kriecherei, vor dieser heuchlerischen Fiktion der fremden „Stammesgenoffenschaft" bewahren sollen. Es ist wahr: dem semitischen Spiritualismus gilt das Blut — blutwenig. Wir find Pharisäer und haben den alten pharisäischen Lehrsatz noch Nicht preisgegeben» daß die Intelligenz, des Bastard höhere Geltung hat, als der alte Adel eines hohenpriesterlichen Idioten. Allein, wenn einmal das Blut und die Raffe zum entscheidenden Momente erhoben werden soll in der Beurteilung des Stammes und des Einzelnen, dann beugen wir uns nicht vor dem ältesten Adel der Christenheit. In unseren Adern rollt das Blut der Dichter, Propheten, Gesetzgeber und Helden der Hebräer, der vornehmsten Verkünder des Evangelismus. Luther hat bereits seinen Zeitgenossen zugerufen: „Wenn man sich des Blutes und Fleisches rühmen sollt', so gehören ja die Juden Christo näher an, denn wir. Wie auch der heilige Paulus Röm. I X. ausdrücklich bestätigt. Wir sind dann Schwäger und Frenidlinge, fie find Blutssreunde, Vettern und Brüder unseres Herrn." Der Apostel Paulus rechnet es fich doch zum Ruhme an, im Hinblick auf seine bisherigen Volksgenossen sagen zu können: „Sie find Hebräer, ich auch." Und wenn ich heute vor Ihnen stehe und Sie mich fragen, wer bist du und was willst du, so finde ich zur Antwort kein besseres und treffenderes Wort, als wenn ich Ihnen den zitierten Satz wiederhole: „Sie meine Herren find Hebräer, ich auch." Ich stehe vor Ihnen als Jude ohne jegliches Adjektiv, ohne ein anderes Attribut. Da ruft man mir zu: „politisches Programm". Das will wohl sagen — Jude sein, kann doch nicht den Inhalt eines ganzen politischen Programmes darstellen? oder, wie mir ein Freund sagte, wenn man nichts mehr ist als „Jude", ist man noch sehr wenig. Es kommt darauf an, den Inhalt des Wortes recht zu erfassen und zu würdigen. Jude sein, heißt vor Allem für Ideen der Freiheit und des Fortschrittes mit Begeisterung eintreten, Licht und Bildung und Wissenschaft fördern. Es ist der Ruhm des jüdischen Volkes, daß seine Söhne durch Jahrtausende für Gedankenfreiheit und Aufklärung auf allen Schlachtfeldern des Geistes geblutet haben. Die jüdische Schule stand nie unter Vormundschaft einer Geistlichkeit. — Als Jude also, sage ich, werde ich gegen alle Bedränger des Volkes wirken, Feudale, wie Klerikal?. (Zwischenruf: Jüdischen Klerikalismus betreiben Sie!) Gestatten Sie, daß ich Ihnen für diesen Zwischenruf eine alte Tatsache auftische: Vor 25 Jahren wurde ich vom Deutschen Schulverein zu einem Vortrag aufgefordert. Ich sprach über di? Schule zur Zeit Jesu. Das Erstaunen war sehr groß, als ich den arischen Zuhörern erzählte, daß die Schule, welche der Stifter des Christentums frequentierte, keine konfessionelle Schule war. Die alten Juden kannten eine solche nicht. Der Kohen hatte seine Macht im Tempel, in der Schule hatte er nichts dreinzureden. Sie sehen, daß ich gegen den Klerikalismus in jeder Form bin. Es wird mir wohl nie einfallen, mich in die Verhältnisse der katholischen Kirche einzumischen (Beifall), aber im politischen Leben werde ich gegen jede Reaktion ankämpfen. Die Politik des Juden kann somit nur eine freiheitliche und fortschrittliche sein. „Jude sein" heißt ferner im politischen Sinn für die Einheit und Brüderlichkeit aller Völker Oesterreichs eintreten. Mit einem doppelten Gedanken ist Juda auf den Kampfplatz der Kultur getreten: Es gibt nur einen Gott und eine Menschheit. Der Kampf der Nationalitäten unter einander ist ein Bruderkrieg. Der jüdische Politiker darf schon darum keinem Volksstamm Henkerdienste leisten zur Unterdrückung eines anderen. Wir dürfen keinem nationalen Gewaltakt zuhilfe kommen, das Ziel unseres Strebens muß sein, daß die Völker friedlichen Wetteifer treiben unter dem Schutze des gleichen Rechtes. Die Not der Zeiten hat uns die Erkenntnis gebracht, daß die Freiheit kein Privilegium sein darf, fie ist ein Recht, aber kein Vorrecht. So wenig verträgt fich die eigene Freiheit mit der Unterdrückung anderer, als wieLicht und Finsternis in einem und demselben Raume. Aber auch für uns selber fordern wir keine Extrawurst, keine besonderen Vorrechte, keine Privilegien, sondern das gleiche Recht mit den übrigen Staatsbürgern, nicht ein solches auf dem Papier, um das wir durch Ränke, Tücken und Kniffe betrogen werden, sondern ein lebendiges, echtes und ungefälschtes Recht. Vor allem muß mit starkem Nachdrucke und mit aller Kraft der Seele immer wieder dagegen, protestiert werden, daß für den jüdischen Staatsbürger die Erlangung irgend eines Staatsamtes mit der Vorlage des Taufscheines, mit der Bekundung einer befleckten Seele» mit der Verübung eines Meineides verknüpft ist. Es ist Wohl die traurigste und verächtlichste Korruption» die der Staat selber betreibt, wenn et

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