Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 8 (22.2.1907)
- Date
- 1907-02-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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©euc 122 Dr. JBlocbs WlocDcnscbrtrt, Nr. 8 vertrauen als Männern, die Blut von iyrem Blute, Fleisch von ihrem Fleische sind, die ihre Gefühle fühlen, ihre Sprache sprechen? Juden müssen die Vertreter sein, ohne Hmdernis, ihr Judentum zu zeigen und zu verteidigen. Unter Rücksichtnahme auf dieses grundlegende und erste Erforderuis habe man nun emen Kandidaten gefunden, den Redner auf das herzlichste begrüße, der gleich hervorragend ist als Mensch wie als Charakrer. Dieser Kandidat habe eme durch feine hervorragende Betätigung des Judentums berühmte Vergangenheit und eine durch fortgesetzte, mutige und kluge Anwaltschaft seines Stammes verdleustvoüe Gegenwart. Es sei notorisch, daß die „Oesterreichische Wochenschrift"' für die moralische Stärkung des fortwährend verfolgten und beschimpften Judentums Hervorragendes leiste. Redner glaube sohm, keinem Widerspruche bei der Versammlung zu begegnen, wenn er die Kandidatur des allbekannten jüdischen Parlamentariers und Publizisten Dr. Josef S. Bloch aufstelle. (Stürmischer Beifall.) Seine Verdienste find dokumentarisch, sein Charakter hervorragend. Ueber seine Ueberzeugungstreue, seme Liebe zum Volk müsse man wohl nicht erst sprechen. Vor allem maßgebend aoer seien die bewiesenen Fähigkeiten und die Vorbiloung des Kandidaten, die es ihm ermöglichen, die Stellung und Aufgabe eines jüdischen Parlamentariers in der allerbesten Art auszusüllen. Das, was wir von Dr. Bloch bereits kennen, genügt, daß wir seine Kandidatur mit großer Freude begrüßen dürfen. Wählen wir ihn also als den berufenen und bewährten Vorkämpfer des Judentums, als Vorkämpfer einer Garde, die sich trotz aller Verfolgung nicht ergibt und nicht ergeben wiro. (Beifall.) lieber Wunsch der Versammlung ergreift nun, beifällig begrüßt, der Kandidat Dr. I. S. Bloch das Wort: Er dankt vor allem dem Vorredner für seine liebenswürdige Einführung, seinen Freunden für die Unterstützung und nach einigen einleitenden Sätzen, die an die Adresse der Gegner gerichtet waren, unternimmt es der Redner, Rückschau auf die jüngste politische Geschichte zu werfen, und sagt: Wir haben uns m einem Neu-Oesterreich zurechtzufinden, das entstanden ist durch die Abschaffung des Kurienparlamentes, die Aufhebung der politischen Privilegien der großen Vermögen, des Grundbesitzes und der Handelskammern. Eine Epoche ist abgeschlossen, bei deren Eingang der deutsche Liberalismus als eine frohe Verheißung alle Hoffnungen und Begeisterung der österreichischen Juden auf sich gelenkt hat. Die ersten und vornehmsten Führer des Allliberalismus haben auch alles getan, um diese Hoffnungen zu rechtfertigen. Sie sind für die Gletchberechtigung der Juden mit Eifer und Hingebung eingetreten. Die Juden empfanden dies dankbar und betrachteten die Affimilation als stillschweigende Voraussetzung der liberalen Politik. Alle kulturellen Bestrebungen waren auf das Ziel der Affimilation gerichtet, gleichsam zur Förderung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden. Die Juden waren in allen Kronländern treue Bestandteile der demschliberalen Partei, die Juden Oesterreichs bildeten gewissermaßen ein Anhängsel des deutschösterreichischen Volkes, und manchmal schien es gar, als ob Judentum und Deutschtum völlig identische Begriffe wären. Aus dieser Zell her datiert noch jene politische Tradition, die noch heute in unserer Mitte hie und da Anhänger zähll, nämlich die Auffassung, es sei am besten, wenn Christen für unser Recht eintreten und unser Wort führen. Allerdings kann das nur geschehen, wenn man die betreffenden Christen zur Hand hat und sie sich diesem Dienste auch widmen wollen. Die liberale Partei ist indeß vollständig vom Schauplatz verschwunden und chre letzten Vertreter, man muß s agen nicht die schlechtesten, NoSke, Vogler undWrabetz, treten endgillig vom politischen Kampfplatz ab. Sie treten nicht etwa aus Furcht zurück, von den Juden fallen gelaffen zu werden, denn wir Juden find Christen gegenüber noch stets dankbar gewesen. Aber fie konnten es mtt ihrer Gesinnung nicht vereinen, in ein Parlament zu treten, wo alle deutschen Parteien einen Block unter Führung der Christlich-Sozialen und Deutschnationalen bilden werden. Sollen fie etwa mit Schneider und Geßmann oder K. H. Wolf und Genossen deutsche Bündnisse schließen? Die sogenannten Judenknechte oder Judenschützer im Parlamente, die aus Mitleid hie und da einmal auch für uns ein Wort der Fürsprache hatten, werden im künftigen Parlamente überhaupt nicht mehr anwesend sein. Was waren aber die inneren Ursachen des traurigen Niederganges, des grausigen Verfalles und Zerfalles der liberalen Partei? Für den Liberalismus war es eine große Meister- und Kraftprobe, ob er Staaten gemischter Nationalität in Bahnen friedlichen Fortschrittes zu lenken vermag, ob seine Freiheitsliebe anderer Natur als die, welche wir an den Helden des heidnischen Altertums bewundern, welche für ihre Freiheit, für die Freiheit und die Ehre ihres Volkes, ihres Standes,' an die sie die eigene geknüpft hatten, den Heldentod starben, aber nichtsdestoweniger die Sklaven züchtigten, die es für eines Mannes unwürdig hielten, Druck zu dulden, aber an dessen Ausübung sich wie an einer Befriedigung ihres Stolzes, eines nationalen Privilegiums labten; ob er sich durch alle Hindernisse des nationalen Egoismus hindurchgerungen har zu jener göttlichen Freiheitsliebe, die, erhaben über alle Gebiete der Persönlichkeit und des Volkstums, sich mit dem sittlichen Gefühle der Menschenwürde vermält hat, welche den Druck, den sie ausübt, nicht minder schmerzlich empfindet, als den, den fie duldet; die keine Rangstufen des Rechtes anerkennt, der Stände, der Stämme, der Nationalitäten, welche die Fessel abgestreift haben Es zeigte sich, daß ihm die Kraft gebricht, . den heidnischen Ueberrest des festgewurzelten, nationalen Egoismus zu überwinden: daran ist er gescheitert. Wie das Wachs in des Feuers Nähe, so zerschmolz in der nationalen Fieberglut die Herrlichkeit des Liberalismus, und die Parteien zögerten keinen Moment, die liberale Terminologie mll der nationalen Nomenklatur zu vertauschen. Dem Juden war der Liberalismus mehr als eine politische Doktrin, ein bequemes Prinzip und eine populäre Tagesmeinung; — er war sein geistiges Asyl, sein schützender Hort nach tausendjähriger Heimatslosigkeit, die endliche Erfüllung der vergeblichen Sehnsucht seiner Ahnen, sein Freihellsbrief nach einer Knechtschaft namenloser Härte und Schmach, seine Schutzgöttin, seine Herzenskönigin, welcher er diente mit der ganzen Glut seiner Seele, für die er stritt auf den Barrikaden und in den Volksversammlungen, in dem Parlament, in der Literatur und in der Tagespresse; ihretwegen ertrug er willig den Zorn der Mächtigen; selbst ihre tausend kleinen Launen und Fehltritte, ihre gelegentliche Untreue und das häufige verdächtige Liebäugeln mit seinen Feinden — verzieh er gern der schönen Sünderin. Eines Morgens erwachte er, schrille, gehässige Töne erschreckten sein Ohr, gleich dem Gebrüll wilder Bestien; er blickte um sich, und seine angebetete Schutzgöttin lag entseelt auf dem Boden. Der äußere Körper lag wohl noch da, aber die Seele war entflohen. Die Partei war eigentlich noch vorhanden, allein der sxiritus war verflogen. Bald aber und auch alle ihre Anhänger und Freunde von ehemals haben die Flucht ergriffen und waren in das nationale Lager übergetreten. Noch einmal ergriff ein Veteran des Liberalismus, ein bewährter Volks- und Freihellsfreund — Ad. Fischhof — die entsunkene Fahne und versuchte, die nach allen Richtungen zersprengten Anhänger und Freunde um das alte Panier zu sammeln, allein in dem allgemeinen Sturme der nationaltrunkenen Leidenschaften mußte die matte Stimme des edlen Greises echolos verhallen. Die Parteien des Parlamentes hörten allmählich aus, sich politisch zu organisieren und entfalteten eine nationale Fahne. Innerhalb der nationalen Parteien war kein Raum mehr für die Juden, man wollte unter sich, „judenrein" sein. Was aber war aus der vielgepriesenen, so hoch gefeierten Assimilation geworden?