Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 7 (15.2.1907)
- Date
- 1907-02-15
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 116 Dr. Blocb’s MlocvenscvrM. Nr. 7 Feuilleton. Weber die Grenze. Von Schalom Asch. Das Städtchen dehnt sich zur Hälfte auf der Anhöhe aus und senkt sich von da nach der Niederung zum Flusse hinab. Oben vom Berge verliert sich das Auge in dem Grün der Felder, die sich jenseits des Flusses hinziehen und weit in der Ferne im bläulichen Nebel entschwinden. Wenn die Schulbuben oben vor dem Bethaus stehen und auf die träg dahingleitenden Wogen des Flusses und die am jenseitigen Ufer grünenden Felder hinabschauen, möchten sie am liebsten die Arme ausbreiten und über das Wasser hinweg nach den fernen Fluren entschweben, um mit ihnen zugleich dort irgendwo in der Ferne — Gott allein weiß, wo — zu verschwinden. * * * Ein prächtiger, heiterer Sommertag ist's. Die lasurblaue Kuppel des Himmels wölbt sich über den abgeblühten Feldern und umfaßt die Welt Gottes mit mütterlicher Liebe, wie es der Herr bei der Erschaffung der Welt geboten hat. Gleich einem silbernen Bande zieht sich der Fluß in die Ferne, die Wellen jagen einander und vereinigen sich, wenn sie sich erhascht haben. Wie Boten aus dem fernen Lande erscheinen sie, die, ohne ihre Botschaft ausgerichtet zu haben, immer weiter und weiter eilen, in unbekannte Länder; und immer neue Boten folgen den ersten, ohne Zahl, ohne Ende . . . Seit Jahrhunderten eilen so diese Wogen in die Welt hinaus; einsam am Ufer aber liegt das Städtchen wie ihr Gebieter, den man in Fesseln'geschlagen, und seine niedrigen, verfallenen, moosbedeckten Häuser klettern den Berg empor und türmen sich da gleichsam übereinander. Und diese kleine Gotteswelt nimmt sich aus wie ein echtes, rechtes, trautes Heimatsnest, in dem alles in Liebe und Eintracht seinem Tagewerk nachgeht; der Mann näht auf der Maschine und singt sein trauriges Liedchen, und die Frau kocht das Essen am Herd und summt dazu gleichfalls ihre eigene Melodie . . . Donnerstag nachmittag. Die Kinder sind früh aus der Schule gekommen und eilen zum Fluffe hinab, dahin, wo am Ufer eine Jüdin ihre Kinder zum Sabbat wäscht. Ein sechsjähriges Mädchen entreißt sich den Händen der Mutter und läuft weinend davon. Die Knaben haben einen Kahn erwischt, sind vom Ufer abgestoßen und unter Freudengeschrei in ihm davongefchwommen. Als wenn sie überhaupt nicht im „Golus" (Fremde) wären, so baden hier Jakobs Kinder nackt im Wasser und fühlen sich so wohl darin wie im Schoß der eigenen Mutter . . . Ein Lastkahn naht von fern und schwebt still wie ein Schatten am Städtchen vorüber. Zwei Fischer, Juden aus dem Städtchen, nähern sich dem Ufer in einem kleinen Boote mit einem Netz voll Fische zum Sabbat, der Wind bläht die Segel des Lastkahns, zaust die Bärte der Fischer und schüttelt ihre Schläfenlocken. Dicht hinter dem Städtchen, wo weithin das Himmelszelt sich dehnt und die vom Sonnenlicht gesättigte Wasserfläche schlummert, hat auf der Wiese am Ufer ein Häuflein von Menschen, Männer, Frauen und Kinder, sich gelagert. Eine Partie von „Litauern" ists, von einem anderen Flusse hierher gewandert. Von weitem blinken in der Sonne die an den Bündeln befestigten Teekannen; den Kopf auf den Ellbogen gestützt, sitzt eine verhärmte Jüdin auf ihrer Kiste, ein weinendes Kind an der mageren Brust. Sie hebt den Kopf und die glanzlosen Augen empor und scheint zu Gott zu sprechen — nicht mehr im Ton der Bitte, sondern einfach und ohne Umschweife: „Willst du es so, o Herr und Gott, ist es so dein Wille, — wohl, dann mag's so geschehen". Weiter ab sitzen auf ihren Bündeln die Väter; einige in Nachdenken versunken,^ den Kopf auf die Hand gestützt, andere gleichgiltig und schweigsam, als wenn sie etwas erwarteten . . Neben einem der Väter sitzt die Mutter und verteilt unter ihre jüngeren Kinder kleine Stücke Brot und Gurke. Der Vater wendet den Kopf ab von der hungrigen kleinen Schar und blickt zum Himmel auf, während die ältere Tochter am Fluß-, ufer steht, still weinend in die blauen Wogen starrt und mit den blauen Lippen irgend etwas vor sich hinmurmelt. . . . Schweigen herrscht in der „Partie". Ein junger Bursche bemüht sich, mit einem der Alten ein Gespräch zu beginnen; der Alte antwortete ihm nicht; der junge Mann spricht weiter und weiter, der Alte aber schweigt beharrlich. Ein kleiner Knabe entschlüpft der Obhut der Seinigen und eilt auf eine Gruppe Altersgenossen aus dem Städtchen zu, die sich in einem großen Boot am Ufer schaukeln. Behutsam läuft der kleine „Litauer" ein Stück vor, bleibt stehen, sieht sich ängstlich um, und läuft dann wieder weiter. Jetzt hat er das Boot erreicht und ist bereits mit einem Bein darin — da springt in der „Partie" eine hochgewachsene, magere Frau auf und ruft ängstlich dem Knaben zu: „Schlojmehn! Schlojmehn!" Der Knabe kehrt zu den Seinigen zurück, nimmt neben den Netteren Platz und blickt sehnsüchtig in resigniertem Schweigen auf das mutwillige Treiben der Altersgenossen. Stille herrscht ringsum. . . . Hinter der Windmühle, die die Wanderer beschattet, taucht ein unscheinbarer, magerer Mensch auf, in einem seltsamen Mantel von deutschem Schnitt und einer viereckigen Mütze. In der Hand hält er ein kleines Büchlein, in das er sich eifrig Notizen macht. Eine zweite Gestalt erscheint auf dem Plan und mustert die Wanderer aufmerksam, während der magere Jude in der viereckigen Mütze fortfährt, feine Notizen zu machen. Und noch ein dritter zeigt sich hinter ihnen: ein ungeschlachter junger Bursche, mit einem Tuche um den Kopf und einem Stock in der Hand, mit dem er keck und herausfordernd auf das Gras losschlägt. In der „Partie" ist es still . . . Die Wanderer sitzen wie stumm auf ihren Bündeln; nur ihre vergrämten Gesichter und traurig dreinschauenden Augen scheinen zu sprechen: „Wir sind nicht schuld — nein, nein, wir sind nimmer schuld! ..." * * Die Dämmerung senkt sich hinab . . . Der Wind streicht leise über die Wellen . . . Von weitem scheint es, als schwimme ein riesenhaftes Ungetüm mit feuchtem, zottigem Haar auf dem Wasser heran. Auf einem in der Ferne schwimmenden Floß winkt ein Licht und in der Wasserfläche spiegelt sich der vom Nebel verhangene Himmel. Von dem kleinen Bethause oben auf der Anhöhe zittern schmale blasse Lichtstreifen hernieder. Dunkelheit verhängt den Himmel und das Wasser, und das Städtchen hüllt sich in den Abendnebel und ruht aus. Die klagenden Töne des Abendgebetes hallen von dem kleinen Gotteshaus herüber, und das traurige Gebet pflanzt sich fort im Raume, schwebt über das Wasser, über die Felder und wiegt die entschlummernde Natur vollends in Schlaf. * :fc * Nacht. . . Stille ringsum . . . Schwarzer Dunst bedeckt das Wasser, und dort, irgendwo auf dem Floß, blitzt wie ein Brillant im Dunkel das kleine Licht. . . . Die Einwohner des Städtchens haben sich unter die Dächer ihrer Häuser zurückgezogen, die bereits ihre Vorfahren beherbergt haben. Die Nacht hüllt das Städtchen in ihre Schatten ein wie eine sorgende Mutter, die ihre Kinder vor dem bösen Blick behüten will. Nur der Mond, der einsam am Himmel daherzieht, schaut herab und erhellt mit seinem kalten Lichtstreif die friedlich schlummernden Fluten. Alles ist geflüchtet unter die Flügel der göttlichen Majestät und scheint leise zu flehen: „O Gott, erbarme dich unser!" Unten aber, auf der Wiese, wo die regungslose Wasserfläche mit dem Schatten der Nacht, mit Himmel und Erde und Gott in eins verschmolzen ist — dort liegen Menschen am Boden. . . Oder vielleicht sind's tote nächtliche Schatten.. . Die bleichen Gesichter blicken zum Mond empor und murmeln leise die Worte des Gebetes. . . Von fern hört man ein leichtes Plätsü-ern und Glucksen: das sind die Wellen, die ineinanderfließen und sich küssen und leise miteinander flüstern. . . Oder vielleicht sind's die Toten, die dort ihre Seelen baden. . .