Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-02-15 · 7 (15.2.1907) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
7 (15.2.1907)
Date
1907-02-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021710-3021718--16146-3040950
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

9i r. 1 Dx. Blöd]5'*» Mar Kamnel als Arzt. Von vr. nieä. Joseph Mayer in Frankfurt a. M. Es gibt wohl kein zweites, ebenso hervorragendes literarisches Erzeugnis in der ganzen Welt, welches so sehr den ganzen großen geistigen Niederschlag einer sehr langen Zeitperiode in sich ausgenommen hat, als dies der Talmud ist. Der Talmud ist als ein vielbändiges Protokollbuch aufzufassen, in welchem sich alle in den Lehrhäusern geäußerten Meinungen und Ansichten der jüdischen Gesetzeslehrer protokolliert vorfinden. An der Hand der Mischna, welche als ein kurzer Abriß der mündlichen Ueberlieferung anzusehen ist, wurde über die durch die schriftliche Lehre (Tauroh) fixierten Religionsgesetze eingehend diskutiert. Dabei wurden jedoch, wie dies ja auch im gewöhnlichen Leben der Fall ist, auch andere nicht streng zum Thema gehörende Dinge in den Bereich der Diskussion gezogen. So kommt es, daß wir im Talmud zahlreiche philosophische, juristische und nicht zum wenigsten auch medizinische Lehren finden, welche jedoch, wie gesagt, nicht in einem systematischen Zusammenhang, sondern vielmehr zerstreut und nur gelegentlich wiedergegeben werden. Zu denjenigen Talmudlehrern nun, welche sich insbesondere durch gute medizinische Kenntnisse auszeichneten, gehört in erster Reihe Mar Samuel, das um das Jahr 200 der gewöhnlichen Zeitrechnung lebende Oberhaupt der jüdischen Hochschule in Nahardäa, ein Mann, der, abgesehen von seiner hervorragenden jüdischen Gesetzeskunde, gerade wegen seiner allgemein großen profanen Gelehrsamkeit von seinen Zeitgenossen hochgeschätzt wurde. Hierfür sprechen auch die zahlreichen ehrenden Beinamen, welche ihm der Talmud beilegt. So wird er in Baba Kama 96d Schabur Malka genannt (s. auch Pesachim 54a) nach dem zu seiner Zeit lebenden Perserkönig Schabur (Berachoth 56a). weil seine rechtlichen Anordnungen denselben großen Wert hatten, wie diejenigen eines Königs. Das gleiche bedeutet der Beinamen Arjoch (Chulin 76b). Ferner hieß er Jarchinaah, der Mondkundige, weil er in Bezug auf die Bestimmung des Neumonds außerordentlich kundig war (Mezia 85b, Rosch haschanah 20b), wie er ja überhaupt ein großer Astronom war (Berachoth 58b'. Auch hieß er Schakud, der Fleißige, Genaue, weil er sehr emsig bedacht war, seine Rechtsnormen mit peinlicher Genauigkeit abzufassen (Kesuboth 43b). In Chulin 76a wird er „ein großer Mann" und in Sabbath 129a „der weiseste" unter den Juden genannt. Ferner sind hier noch Stellen in Kesuboth 23a und Mezia 86a heranzuziehen. Aus Megilla 22a geht hervor, daß er dem Priestergeschlcchte angehörte. Schon sein Vater Abba (s. Raschi zu Jarchinaah Mezia 85b) muß in Narhadäa eine führende Stellung eingenommen haben, denn in Beza 16b wird erzählt, daß der Vater Samuels für alle jüdischen Einwohner von Nahardäa Eruf tafschilin zu machen pflegte. Was nun die äußeren Eigenschaften Saniucls betrifft, so scheint er nicht besonders schön gewesen zu sein (Nedarim 50b). Um so größer waren aber seine geistigen Vorzüge, die selbst von Rav in so hervorragender Weise gewürdigt wurden, daß er auf ihn den Vers in Daniel 4, 6 anwendete: Kein Geheimnis ist dir verhüllt (Chulin 59a). Besonders berühmt war aber Samuel als Naturforscher und Arzt. An der oben erwähnten Stelle in Mezia 85b wird erzählt, daß er der Leibarzt des Rabbi Jehudah hanafi war und daß er sich in d:r Behandlung desselben als geschickter Praktiker bewährte. Rabbi Jehuda hatte nämlich ein Augenleiden, welches Samuel durch Einträufelung behandeln wollte. Aber Rabbi weigerte sich dessen. Da schlug ihm Samuel vor, ihm nur leise mit dem Medikament die Augen zu bestreichen. Aber auch dieses wollte Rabbi nicht. Da brachte Samuel das Medikament in eine Tube und legte diese zum Kopfe des Patienten, so daß die Dämpfe bis zu den Augen dringen konnten, und der Patient wurde geheilt. Wie sehr er bemüht war, seine Kenntnisse in der Naturkunde zu erweitern, geht aus Sabbath 90a hervor, wo es heißt, daß er eine große Umfrage gehalten habe, um die Natur einer bestimmten Substanz kennen zu lernen. In Nedarim 50b wird i!)/ erzählt, daß Samuel die beza tormita als diagnostisches Hilfsmittel verwendete. Samuel sagt dort: Die Arbeit, die man mit der Zubereitung der beza tormita hat, ist 1000 Denare wert. Man bringt das Ei 1000mal in heißes und lOOOmal in kaltes Waffer, bis es sich so verkleinert, daß inan es ganz verschlucken kann. Wenn nun eine Krankheit da ist, so hastet fie an dem Ei, und der Arzt weiß, wenn das Ei abgeht, welches Medikament für den Kranken erforderlich ist. An derselben Stelle heißt es weiter, daß Samuel ein so gefährliches medizinisches Experiment an sich selbst mit einer Substanz Kulcha gemacht habe, daß sich deswegen seine Hausleute die Haare ausrauften. Auch sonst muß er vivisektvrische Versuche gemacht haben. So wird in Bechvrot 37b folgendes erzählt: R. Chisda wollte wissen, welches die Größe des Knochenstückes sei, welches losgelöst vom Schädel das Leben des Individuums gefährden könne. Da sagte N. Tachlifa, Sohn des Abdimi, zu ihm: Nach der Lehre Samuels muß dasselbe mindestens so groß wie ein Sela sein. Aus Nidda 25b geht hervor, daß Samuel imstande war, das Alter von Mißgeburten, die man ihm Vvrlegte, genau anzugeben, so genau, daß er sogar den Tag der Konzeption mit Sicherheit feststellen konnte. Dabei wird auch erzählt, daß Samuel in medizinischem Wissen eine hervorragende Ausnahmestellung einnahm. Von solchen Mißgeburten ist auch Nidda 24a die Rede, und zwar von einer fötalen Doppelmißbildung, bei der Rücken und Wirbelsäule doppelt angelegt seien. Indem hierbei die Unterscheidung zwischen einer menschlichen und tierischen Mißbildung dieser Art gemacht wird, lehrt Rab, daß beim Menschen eine solche fötale Abnormität nicht als Fötus zu betrachten ist und beim Tiere dieselbe zum Genüsse nicht erlaubt werden darf. Samuel ist aber gerade entgegengesetzter Ansicht. Die beiden Gelehrten diskutieren hier nur über die Interpretation, welche R. Chanan, Sohn des Abba (nach Chulin Sohn des Rowo) über den in Dewvrim 14 vorkommender Ausdruck „Schefua" gibt, von dem derselbe meint, daß er obige Doppelmißbildung bezeichne. Rab glaubt nun. eine solche komme lebend niemals vor und Gott habe mit Moses nur von der embryologischen Abnormität gesprochen, aber Samuel behauptete, daß diese Abnormität auch später öfters vorkomme, daß für Gott sonst kein Grund vorhanden gewesen sei, dieselbe unter den verbotenen Speisen aufzuzählen. Man vergleiche übrigens auch Chulin 60, 6. Auch vergleichend anatomische Studien wurden von ihnt gemacht. R. Juda sagte im Namen des Samuel, daß die Grenze des Rückenmarks bis zur Verzweigungsstelle der Nerven lim Lendenteil, Vers.) gehe. R. Dimi verlangte nun von R. Juda, daß er ihm diese Stelle zeige. Da ließ R. Juda einen Ziegenbock herbeibringen, der jedoch so fett war, daß die Nerven nicht gut demonstriert werden konnten. Ein anderer Bock war wieder so mager, daß die Nerven zu verborgen (zu klein) waren usw. (Chulin 45b.) Etwas schwerer verständlich ist folgende Stelle in Sabbath 151b. Samuel sagt: Bis zum 40. Lebensjahre erneuern sich die Tränen, nachher nicht mehr. Die Stelle ist wohl so aufzufassen, daß bei gewissen Affektionen der Tränendrüse in Bezug auf die Tränensekretion vor dem 40. Jahre eine Regeneration möglich ist, später aber nicht mehr. Sehr interessant ist auch folgende Kontroverse zwischen Rab und Samuel in Mezia 107b. Rab befand sich einmal aus einem Friedhof und meinte, daß 99 Perzent, d. h. die meisten der Verschiedenen Opfer eines ungünstigen Geschickes seien und nur einer, d. h. nur wenige, eines natürlichen Todes sterben. Aber Samuel war gerade entgegengesetzter Meinung. In der Tat kann man hier der Ansicht Rabs beipflichten, wenn man unter einem unnatürlichen Tod auch das versteht, daß jemand durch unzweckmäßiges Verhalten oder Nichtbeachtung der einfachsten hygienischen Regeln sein Leben vor der Zeit abkürzen kann. Viele erklären die Stelle auch so, daß Samuel den „bösen Blick" (die „Jettatore") als Krankheitsursache in Abrede stellte, während Rab wohl daran glaubte. Aus derselben Stelle geht auch hervor, daß Samuel den schädlichen Einfluß der Infektion bei Verwundungen und ferner ein heilsames Kraut kannte, welches, auf die Wunde gelegt, die Vernarbung herbeiführen konnte.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.