Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 7 (15.2.1907)
- Date
- 1907-02-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 10« Vr. Bloch's Wochrnschrifi. Nr. 1 die fernere Zukunft eine jüdische Politik machen wollen undl» machen müssen, um nicht ein Zeltalter von MassentaufenM infolge jämmerlichen wirtschaftlichen und moralischen Nieder-W ganges der österreichischen Juden heranreifen zu lassen. Ein^ solches Zeitalter steht drohend vor der Tür, und als sein Vorbote wütet ein eigentümlicher Streit in der antisemitischen Presse, den unzähligen Sprachrohren der zahlreichen, antisemitischen Parieren. Eine dieser Parteien holt gegen die andere die dickste ihrer Keulen hervor, den Vorwurf der mangelnden Judenfeindschaft. Das heißt natürlich sich gegenseitig den Lebensnerv abschneiden und gegen dieses Unglück wehrt man sich verzweifelt mit Wort und Tat, die gegen die Juden gerichtet sind. Den anrisemitischen Redakteuren war das Wiederkauen des geistigen Futters für den dumnien Kerl von Wien und auswärts selbst schon etwas fad. Aber jetzt nehmen sie ihre hauptsächliche Tätigkeit wieder auf, ihre Journale wimmeln wieder von Hetzartikeln, welche die ganze Bevölkerung mit Ausnahme der Staatsanwälte aufregeu. Sicher ist schon im „Deutschen Volksblatt" der Ritualmordartikel bis auf die Namen fertig, der in nächster Zeit erscheinen wird. Es wäre auch geradezu lächerlich, wenn sich gerade in jenen Ostern, welche der Wahl so nahe vorangeheu, kein Ritualmord ereignen würde. Da Pattai, wie sich gerade ans den Dementis deutlich erkennen läßt, demnächst Justizminister werden wird, so wird jeder Jude gut daran tun, sich sein Alibi täglich von drei Zeugen unterschreiben zu lassen — er wäre nicht der erste in Oesterreich, gegen den ein Justizverbrechen begangen wurde. Bei Pattai wird es Schneider gewiß nicht nötig haben, ihm erst Amtsbestechung vorzuwerfen, um ihn gefügig zu machen, wie bei Ruber. Vom erhofften Einschlafen der antisemitischen Presse und Agitation also keine Rede. Dagegen viel vom Gegenteil. Es gibt wohl nichts Deutlicheres für die Prophezeiung als das Verhalten der sogenannten Wiener Gewerbe- und Jndustrielleupartei, die bisher als freisinnig gegolten hat. Die Ratten verlassen das sinkende Schiff. Vor kurzem hat Kronawetter im „Hotel de France" gesagt, er habe von der abscheulichen Felonie gehört, daß Wiener Liberale mit den Christlich-Sozialen paktieren. Mit der größten Entrüstung hat man dementiert, heute aber pfeifen es schon die Spatzen vom Rathaus, daß die Denkpartei einen eifrigen Kuhhandel betreibt, um ihre Interessen zu wahren, wie der schöne Ausdruck lautet, um gegen ein bischen Gesinnung ein bischen Mandate einzutauschen. Man kennt die Geschichte von dem Hund, der das ihm auvertraute Fleisch so lange tapfer verteidigte, als es ihm aber die anderen Hunde schließlich doch entrissen, stürzte er sich unter sie — um mitzusressen. Eine Zeitlang haben die freisinnigen Bürger auf eine Wiedereroberung Wiens gewartet. Nun dauerts ihnen schon zu lauge und sie betreiben nur die Wiedereroberuug der Mandate. Die Juden werden auf sich allein angewiesen sein, weder die freisinnigen Bürger werden ihnen helfen, deren ganz freier Sinn ihnen Kompromisse mit den Reaknonären ermöglicht, noch die freisinnigen christlichen Arbeiter, deren Anhänglichkeit in der sozialdemokratischen Presse gar zu oft mit antisemitischen Brocken geködert wird. Die Juden werden allein gegenüberstehen einem Parlament, in welchem drei Sechstel erklärte und zwei Sechstel stille Antisemiten sind, einer Regierung, die drei Parterantisemiten zu Mitgliedern hat und deren Chef von den Christlich-Sozialen aus Ehrfurcht und Zuneigung im Rathausviertel kein Gegenkandidat gegenübergestellt wurde. Da heißt es natürlich das bischen Widerstandskraft gegen den drohenden Ansturm sorgfältig vorbereiten und hüten. Eine solche Widerstandskraft ist uns in ein paar Wahlkreisen gelassen und es wäre geradezu verbrecherffch, sie nicht so gut als möglich auszunützen. Das legt vor allem der Wählerschaft eine dringende Verpflichtung auf. Sie möge - sich nicht von noch so klingenden Schlagworten der Menschiheitsverbrüderung betäuben und Verführer! lassen, die bis jetzt klingendes Blech waren. Sie möge nicht Parteien auf 'den Leim gehen, welche zur Zeit der Wahl Gimpelfang betreiben, aber gleich darauf die Lockpfeife wieder einstecken. Sie möge sich nicht bestimmen lassen zu einer gefühlvollen Dankbarkeit für altersschwache Programme und Vertreter, welche den richtigen Moment für ihren endgiltigen Abgang versäumt haben. Denn das österreichische Judentum hat viel zu wenig, um großmütig sein zu können. Es kann andere nicht versorgen, bevor es nicht selbst versorgt ist, versorgt mit unabhängigen, unverzagten, mltMut und Kenntnissen versehenen parlamentarischen Vorkämpfern. Dieses Bedürfnis müßte der erste Leitsatz der jüdischen Wahlkomitees enthalten, welche an die Lösung der Kandidatenfrage gehen. Von einer Mehrzahl solcher Komitees sprechen zu müssen, tut uns und jedem anderen jüdischen Patrioten leid. Wir haben geglaubt, es werde ein Leichtes sein, eine gemeinsame jüdische Angelegenheit gemeinsam zu betreiben. Vielleicht findet die jüdische Reichskonferenz doch noch statt, wegen welcher wir an die Führer der jüdischen Gemeinden und Parteien appellierten und in welcher bte großen Mittel zu beschaffen, die besten Erfolge herbeizuführen am besten gelingen würde. Da nun doch der Wille oder die Kraft zu dieser Konferenz nicht vorhanden zu sein scheinen, sondern nach wie vor einzelne Gruppen die Geschäfte der Judeuheit betreiben, richten wir an diese den Appell, sich nur vom peinlichsten Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber der Oefferrtlichkeit und der näheren und ferneren Zukunft unseres Volkes bestimmen zu lassen. Dazu müßte sie schon der Egoismus bewegen. Wenn jüdische Korporationen den Juden Lebensmut und jüdisches Interesse einflößen wollen, müssen sie ihnen vor allem das Bewußtsein der Kraft geben, jetzt also für die mögllchst beste, möglichst stärkste parlamentarische Vertretung sorgen. Dazu ist vor-allem-ein .Ausgleich, eine Einigung m gemeinschaftlichen Interessengebieten notwendig. Mehr aber noch die sorgfältige Auswahl der Kandidaten, damit man nicht gegenüber der Wählerschaft, welche jüdische Politik betreiben soll und muß, dieselbe Erfahrung macht wie die Prager Kasiuoten mit ihrem Liberalismus. Jetzt ist es nicht Zeit für Gefühle, deren Kosten die Allgemeinheit tragen muß. Jetzt heißt es, mit einem aufrichtigen Herzen und einem klaren Kopf nichts anderes auzuftreben, als das Wohl des Volkes. Die Methode des Prager Kasinos würde sich furchtbar rächen: wenn auch bei uns persönliche Beziehungen und Jntrigueu bei den Wahlkomitees genügen würden, um als Kandidat aufgestellt zu werden. Gesetzt selbst den Fall, daß durch das Auftreten Ehrgeiziger ohne Wert sich oie Juden nicht zu allen anderen Parteien verlaufen würden und ohne jede eigentliche Vertretung blieben, so würde dieser Akt der Politik einmal gelingen und nichts wieder, mau würde die Verfolgten kein zweitesmal mehr sammeln können. Es wird sich auch jeder um Ansehen und Gefolgschaft bringen, der Protektionskinder, nicht berufene Männer empfiehlt, Männer, wie sie für die Zeit von Bedrängnis und Kampf beschaffen sem müssen. Wir brauchen Vertreter, deren Judentum keine Konzession aus Feigheit oder Vorurteil kennt. Die aber auch dem Streu der Argumente gewachsen sind und bei jedem Angriff die Stimme der Wahrheit und Aufklärung erheben können. Wenn es auch an Zahl nur Wenige sein können gegenüber dem großen Heerbann der Antisemiten, so wird doch die Macht der Kenntnisse und der Ueberzeugung immer das Aergste verhüten können. Wer uns solche Vertreter schafft, wird des aufrichtigen Dankes der Judenheit' immer sicher sein, die sich unter richtiger Führung zu einer mutigen Kampfreihe zusammenschlreßen wird. Schicken wir in die jüdischen Wahlkreise nicht die Männer, die nur den Wahlkomitees gefallen; geben wir ihnen die richtigen Kandidaten für die Wählerschaft, damit sie uns einstimmig die richtigen Vertreter für das Judentum geben, die wir so dringend brauchen für die Zeit der Gefahr. I. UprimnY.