Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 6 (8.2.1907)
- Date
- 1907-02-08
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr B Dr. Llocb's Mococnscvnn. Sette 101 Feuilleton. Russische Juden i« New-Uork. Nach englischen Quellen von M. SztLray. Vor Kurzem feierten die Juden in New-Iork die 250. Jahreswende ihrer ersten Ansiedlung auf der Insel Manhattan. Das war ein großes Ereignis in der bewegten Geschichte der jüdischen Rasse. Es wird daher vielleicht von einigem Interesse sein, einen.Vergleich zwischen der jetzigen und der früheren Lage der Juden in New-Iork zu ziehen. Sie feierten die in der Gesellschaft, in der Politik, in der Industrie und in dem Handel errungenen Siege. Sie feierten den Fortschritt einer energischen Rasse, welche sich aus der Armut zum Reichtum, aus der Unwissenheit zur Bildung, aus der politischen und gesellschaftlichen Jsolirung zür Selbständigkeit emporgerungen hat. Die größte der amerikanis.r,en Städte ist, was die Zahl der israelitischen Einwohner anbelangt, sehr semitisch. Die 27 portugiesischen Juden, welchen man im Jahre 1655 nur widerwillig einige Acker Land außerhalb des städtischen Rayons gönnte, bilden den Grundstock einer Kolonie von 800.000 Seelen. Das ist die größte jüdische Gemeinde, welche jemals in alter oder neuer Zeit an einem Orte versammelt war. In seiner Blütezeit beherbergte Jerusalem nicht einmal den sechsten Teil. Da in den Vereinigten Staaten 1,400.000 Juden leben, befinden sich in New-Iork drei Fünftel der Gesamtzahl. Durch Einwanderung vergrößert sich diese Zahl jährlich um zirka 70.000. Warschau, welche als die größte jüdische Stadt in Europa gilt, beherbergt nur 300.000 Juden. Wir befinden uns hier einem der größten modernen Phänomen gegenüber. New-Iork, die Königin der amerikanischen Städte, der Sammelplatz der Intelligenz und des Reichtums, scheint prädestiniert zu sein, ein semitischer Mittelpunkt zu werden. Noch erstaunlicher ist, daß die meisten dieser Juden nicht die aufgeklärtesten ihrer Rasse sind. Sie stammen nicht aus Deutschland, Frankreich, Oesterreich-Ungarn oder England, sondern aus Polen, Rumänien, Galizien, vor allem aber aus Rußland. Ehe die Flut der Russen sich über Amerika ergoß (1881), gab es in New-Aork etwa 50.000 Juden, fast alle Oesterreicher und Deutsche. Seither hat sich das Bild wesentlich verändert. Die Auswanderung aus Rußland hat jetzt durch den Krieg mit Japan und durch die Unruhen im Lande ihren Höhepunkt erreicht. Es besteht ein ebenso großer Unterschied zwischen dem deutschen und russisch-polnischen Juden, wie zwischen dem deutschen und russischen Christen. Ersterer ist in religiöser Hinsicht viel liberaler, als letzterer. Die deutschen Juden find das Produkt einer aufgeklärten Staatsform mit einer toleranten Zivilisation, während die Russen und Polen bekanntlich Opfer der religiösen und sozialen Verfolgungen find. In New-Iork haben sich die deutschen Juden seit jeher von den russischen abgesondert. Die Vermengung durch Heirat ist ebenso verpönt und selten wie zwischen Katholiken und Protestanten; und doch bildet das deutsche Element nicht einmal ein Sechstel der ganzen jüdischen Bevölkerung. Kein Volk kann eine mangelhaftere Vorbildung aufweisen als das russische. Die russischen Juden werden in ihrer Heimat von allem ausgeschlossen; die Stätten der Bildung: die Elementarschulen, die technischen Institute und Universitäten, nehmen sie nicht auf. Der Besitz oder die Pachtung von Land ist ihnen versagt, und es find ihnen bestimmte Städte als Wohnsitze angewiesen. Ihre ganze Habe wird besteuert, selbst ihre rituellen Nahrungsmittel, auch die Kerzen, welche jeden Freitag von der fürsorgenden Hausfrau angezündet werden. Der Staat behandelt sie als Parias der Gesellschaft; der Kastengeist der Russen stellt sie mit den halbzivilisierten Völkern in eine Reihe. Nun kann man sich vorstellen, in welch' geistigem und körperlichem Zustande dieses Volk auf Ellis Island landet. Sein einziges Kapital ist die Intelligenz, welche trotz der Jahrhunderte des Darbens nicht verkam, und ein Fleiß, der vor keiner Arbeit zurückschreckt. Es ist fast unglaublich, daß der Fortschritt der russischen Juden im Vergleiche mit den anderen Eingewanderten der bedeutendste ist. Was den raschen Erwerb und die geistige Ausbildung betrifft, so bleiben die Irländer, Italiener, Deutschen, ja auch die deutschen Juden weit hinter den Juden aus Rußland zurück. Wie sie das fertig brachten? Durch ihre unglaublich zähe Ausdauer und Sparsamkeit. Man ist von der Ansicht abgekommen, daß die Juden sich nur für einzelne Fächer des Handels eignen; sie find in alle Berufe eingedrungen und haben sich überall ihren Weg gebahnt. Ihren größten Stolz bildet aber der ausschließliche Besitz der Bekleidungsbranche, welche jährlich ein Ergebnis von 300 Millionen Dollars aufweisen kann. Vor fünfzig Jahren waren alle Schneider eingeborene. Amerikaner, jetzt find sie fast alle russische Juden, welche ihrerseits Italiener beschäftigen und auch hier die deutschen Juden an die Wand drücken. Es entspricht der Ambition und dem Individualismus der Raffe, einen Beruf zu wählen, bei dem sie nicht nur zu vorgeschriebenen Stunden, sondern eventuell Tag und Nacht, im Geschäft und zuhause arbeiten können. In welchem Maße die russischen Juden die Glaubensgenossen anderer Länder überholt haben, können die Schilder auf Broadway, der größten Geschäftsstraße New-Uorks, beweisen. Vor zehn Jahren waren sie alle mit den Namen Oppenheimer. Rothschild, Adler und Rosenthal bedeckt; jetzt herrschen die Rabinowitz, Horowitz, Welinsky und Finkelstein vor. Da man immer von der Armut des Ghettos zu hören bekommt, wollen wir auch einmal die vielen wohlhabenden und reichen Juden in Betracht ziehen. All die jetzt stadt-, ja teilweise weltbekannten Juden mußten vor zehn, fünfzehn und fünfundzwanzig Jahren ihre Karriere in Tenementhäusern (Massenquartieren) beginnen. Man behauptet, es seien im elegantesten Stadtviertel von New- Z)ork 500 russische und polnische Juden, deren Vermögen von 100.000 bis 1,000.000 Dollars reicht. Da ist z. B. Harry Fischl, der unter anderem auch eines der größten Theater besitzt. Herr Fischl stammt aus Wilna und kam im Jahre 1884 mit 60 Cents in der Tasche in Amerika an. Er war in Rußland Tischler gewesen und verbrachte die Zeit mit Herumwandern aus einem Tenement in das andere, wartete mit seiner Säge an den Straßenecken auf Arbeit. Endlich fand er einen Posten für drei Dollars die Woche, von denen er noch etwas an seine hungernden Eltern senden mußte. Heute, da er Baumeister ist, kann man ihn auf 800.000 Dollars schätzen; sein Palais steht nicht weit von Carnegie's Residenz. Ein anderer ist Harris Mandelbaum, den die Judenverfolgungen der Achtziger Jahre vertrieben. Er begann als Hausierer und besitzt jetzt Gründe und Häuser im Werte von 400.000 Dollars. Abraham und Julius Cohen kamen vor dreißig Jahren aus Warschau. Sie handelten mit abgetragenen Kleidern und können heute noch, da sie die Million längst überschritten haben, nur mangelhaft lesen und schreiben. Man könnte diese Liste noch weiter ausdehnen, doch genügen ja einige Beispiele. Den Gewinn ihrer kommerziellen Unternehmungen legen diese Juden in Gründen und Häusern an. Aktien und Wertpapiere kaufen sie nie und das Prinzip der Dividende ist ihnen unbekannt. Wie in allem, so find die Juden auch hier Individualisten und können ihren Besitz nicht mit anderen teilen Die armen Eingewanderten mieten mehrere größere Wohnungen, vermieten sie teilweise wieder per Woche und erscheinen pünktlich, um ihren Zins einzukasfieren. Sie selber verziehen sich mit ihrer Familie in den elendsten Winkel, verrichten alle, auch die gröbsten Arbeiten eigenhändig und vermindern so die Ausgaben auf ein Minimum. Durch diesen steten Fleiß und die Genügsamkeit können sie am Ende des Jahres einige Hundert Dollars beiseite legen und mit der Zeit erwerben sie genug, um selber Zinshausbefitzer zu werden. Der schnelle Zuwachs der Bevölkerung und die Eröffnung neuer Verkehrsmittel — der Untergrundbahn, der Brücken und unter Wasser gebauten Tunnels — haben außergewöhnliche Gelegenheit zur Grundspekulation geboten. Tausende bisher unerreichbare Ländereien wurden angekauft, deren Wert beständig