Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 6 (8.2.1907)
- Date
- 1907-02-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 6 Vr. Bloch s WockrnsrkriN. Seite v? Der gesamte Vorstand hatte sich unter Führung des Vorsteher- Stellvertreters Herrn Bela Springer eingefunden, ferner das vollzählige Komitee des israelitischen Frauenvereines und der israelitischen Volksküche unter Führung ihrer Präsidentin Frau Friedericke Bauer, die Chewra-Kadischa unter Führung ihres Präses Herrn Samuel Kaestenbtinm. der Beamteiikörp.'r unter Führung des Gemeindesekretärs Nathan Schwarz, der Lehrkörper unter Führung des Lehrers Sigmund Sonnenschein, dann zahlreiche Freunde und Verehrer des Jubilars, die von der Feier indirekt Kenntnis erlangt hatten, da Einladungen infolge des intimen Charakters der Feier nicht ausgeschickt wurden. Die eigentliche Feier verlief folgendermaßen: Herr Vorsteher- Stellvertreter Bela Springer eröffnet die Festsitzung, teilt den Zweck der Zusammenkunft mit, verfügt mit Zustimmung sämtlicher Anwesenden die Ausnahme des heutigen Sitzungsberichtes zum ewigen Gedächtnisse in die Reihe der Protokolle und entsendet unter dem Beifall der Erschienenen eine Deputation, bestehend aus den Herren Josef Kunetz, Jonas Berger, Dr. Diamant. Alex. Justus und Jakob Wotitz, zur Einholung des Jubilars. Während, der Pause wurde die Festsitzung sistiert und als der Jubilar im Saale erschien, wurde er mit brausenden Ziviorufen begrüßt und von den Herren Oberrabbiner Dr. Simon Ungar und Bela Springer an seinen Platz geleitet. Hier begrüßte Herr Oberrabbiner Dr. Ungar den Jubilar in warmen Worten, dessen erfolgreiche Tätigkeit auf allen Gebieten des Kultus, der Wohltätigkeitspflege und Förderung der Schulangelegenheiten beredt würdigend. Herr Bela Springer zollte besonders der intensiven internen Tätigkeit des Jubilars Anerkennung, betonend dessen ruhige Objektivität, den sachlichen Ernst und die Respektierung des Majoritäts- Prinzips. Unter seiner Leitung gelangte die wahrhaft parlamentarische Erledigung aller Angelegenheiten zur Geltung. Zum Zeichen seiner Dankbarkeit habe der Vorstand durch die Hand einer heimischen Künstlerin (Frau Else Nechnitz) die Züge des Jubilars verewigen und das Bild im Sitzunqssaale anbringen lassen. Nach diesen mit lebhaften Ziviorufen begleiteten Worten erfolgte die Enthüllung des Bildnisses unter den Klängen eines Psalmcs, welchen Herr Oberkantor Schechter dirigierte. Die Gratulation des Chewravorstandes verdolmetschte Herr Samuel Kaestenbaum in herzlicher und gehaltvoller Rede, die des Frauenvereines und der Volksküche die Präsidentin Frau Friedericke Bauer, den Jubilar als den begeisterten Förderer aller Wohltätigkeitsbestrebungen preisend. Die Glückwünsche des Beamtenkörpers Lberbrachte der Gemeindesekretär Schwarz, welcher dem Jubilar den besonderen Dank der Beamtenschaft dafür aussprach, daß ihm die Initiative zu danken sei, wenn die Esieker Knltus'gemeinde als die Einzige in Kroatien und Slavonien und Eine der Wenigen in qanz Oesterreich-Ungarn im Besitze von Statuten ist, in welchen die Rechtsverhältnisse der Beamtenschaft auf eine sichere und unverrückbare gesetzliche Basis gestellt wurden. Dieses vom Jubilar schon vor neun Jahren ausgearbeitete und von der Gemeinde angenommene Statut regelt in humaner und gerechter Weise die definitive Anstellung der Beamten, die Alters-, Witwen- und Waisenversorgung. Die in diesen! Musterstatut festgelegten Prinzipien fanden ebenfalls durch die Mitwirkung des Jubilars Aufnahme in das Gesetz über die Regelung der jüdischen Religionsgemeinden. Die wohltuende Verbesserung der materiellen Lage der Beamten besteht ferner in der vom Jubilar angeregten und durchgkführten, sich automatisch regelnden Gehaltsaufbesserung durch die sogenannten Quinquennien. Nach ihm ergriff Lehrer Sonnenschein das Wort, um dem Jubilar für seine liebvolle Fürsorge für die Schule zu danken. Herr Kultusvorsteher Dr. Spitzer dankte hierauf in einer Kollektivansprache jedem einzelnen Redner, beziehungsweise jeder Körperschaft, indem er hervorhob, daß die ihm heute bereitete Ehrung und die ihm gezollten überaus schmeichelhaften Worte der Anerkennung weit über daß Maß der bescheidenen Verdienste hinausreichen, welche er sich in der kurzen Zeitspanne von zehn Jahren erworben habe und erwerben konnte. Dennoch nehme er diese Auszeichnung mit besonders tiefem Danke entgegen, weil sie ihm gerade unter den jetzigen Verhältniffen einen besonders wohltuenden und wertvollen Beweis dafür biete, daß er mit seinen An- und Absichten denn doch nicht so vereinsamt und isoliert dastehe, als man dies von verschiedenen Seiten gerne glauben machen möchte. Wenn während der abgelaufenen zehn Jahre etwas nützliches in der Gemeinde geschaffen wurde, was den Charakter des Bleibenden und Dauernden an sich trägt, so sei das Verdienst daran einerseits dem unentwegten Vertrauen zuzuschreiben, von welchem er während dieser ganzen Zeit getragen wurde, andererseits aber der seltenen Einmütigkeit, mit welcher ihm der gesamte Vorstand und alle Faktoren in der Kultusgemeinde stets hilfreich zur Seite gestanden haben. Durch die zielbewußte Sammlung aller brauchbaren Kräfte in der Kultusgemeinde, durch das harmonische Zusammenwirken von Oberrabbinat und Vorstand war es ihm ermöglicht, den friedlichen Eroberungszng nützlicher kultureller und sozialer Arbeit vorzubereilen und durchzuführen. Nach diesen beifällig aufgenommenen Worten des Jubilars schloß der Vorsitzende Bela Springer die Festsitzung,, die mit der Absingung der kroatischen Hymne ihren würdigen Abschluß fand. Dem Jubilar kamen von Nah und Fern zahlreiche Begrüßungsschreiben und Telegramme zu. N. Sch. Breslau. Pastor Dr. Menzl von der Barbarakirche hielt mit dem verstorbenen Hauptlehrer Alexander lange Jahre hindurch Freundschaft. Am Montag vor der Beerdigung erschien er im Ornat im Trauerhanse und überreichte der Tochter des Verstorbenen ein Kästchen mit Erde vom Tempel zu Jerusalem. Er hatte die Erde gelegentlich seiner Palästinareise vom Heiligen Lande mitgebracht und sie für sein eigenes Grab bestimmt. Nun wollte er dieselbe mit seinem unvergeßlichen Freunde teilen. Mit Tränen der Rührung bat er darum, fie dem Freunde ins Grab zu legen. Berlin. Die Beisetzung der Aschenreste von Professor Dr. Moritz Steinschneider fand auf dem Friedhof der jüdischen Gemeinde in Weißensee unter großer Beteiligung statt. Bei der Trauerseier, die um 3 Uhr nachmittags in der Leichenhalle des Friedhofes begann, war der Akademische Verein für jüdische Geschichte, Literatur und Wiffenschast durch Chargierte mit umflorter Fahne vertreten. Zahlreich waren auch die Repräsentanten der Jüdischen Gemeinde und der Lehrkörper der jüdischen Schulen, der Bibliothek und vor allem der jüdischen Mädchenschule erschienen, deren langjähriger Leiter der Dahingeschiedene war. Die Aschenreste des durch Feuer bestatteten Gelehrten waren wie bei einer Erdbestattung von einem Sarge umschlossen. Rabbiner Dr. Weiße hielt die Gedenkrede. Dann widmeten Professor Geiser und Dr. Guttmann dem Dahingeschiedenen warme Worte der Anerkennung namens des Schulvorstandes, der Bibliothek und der Lehrerschaft. Die konfiszierten Papiere der Pariser Nuntiatur. Durch den Mailänder „Secolo" erfährt man nun einige Details über den Inhalt der bei Monsignore Montagnini beschlagnahmten Papiere. Aus denselben ergibt sich, daß die Korrespondenz des Vatikans mit dem Pariser Nuntius nicht immer religiösen Fragen gegolten, sondern daß sich darin die Spuren der päpstlichen Einflußnahme auf die internationale Politik und auf den Kampf der monarchistischen Opposition gegen die Republik finden. Auch für die Einflußnahme der Nuntiatur auf die Affaire Dreyfus finden sich in den offiziellen Papieren der Nuntiatur unwiderlegliche Beweise. Als ein sehr charakteristisches Dokument erscheint die Einwirkung des Nuntius während jener Epoche, in der jüdische Offiziere zum Duell gezwungen worden sind und in der eine systematische Verfolgung der jüdischen Offiziere eintrat, die in der Affaire Dreyfus ihre höchste Ausbildung gefunden hatte. Ein klerikaler Offizier hatte einen jüdischen Kameraden tötlich verwundet. Der sehr reiche aristokratische Offizier wendete fich an den Papst um Absolution gegen die Kirchenstrafen, die auf Duell gesetzt find, der Nuntius überschickte ihm die Absolution mit der beigefügten Bemerkung, er freue sich, daß ein christliches Schwert den Sieg über ein jüdisches Schwert davongetragen. Amsterdam. Nach erreichter Altersgrenze ist Doktor H. O o r t, Pvofessor der hebräischen Literatur und der jüdischen Altertümer an der Universität Leiden, in den Ruhestand getreten. Er war ursprünglich (christlicher) Theologe, wirkte als Prediger in verschiedenen Gemeinden, wobei er fich als warmer Anhänger der freisinnigen Richtung bekannte, erwarb 1860 die theologische Doktorwürde und wurde 1873 an das Amsterdamer Athenäum berufen, nachdem er fich durch verschiedene Schriften einen angesehenen Namen gemacht hatte. Von Amsterdam kam er an die Universität Leiden, wo er nicht der theologischen, sondern der philosophischen Fakultät zugeteilt wurde. Seine Spezialität war die Erforschung des Judentums in den letzten vier Jahrhunderten vor Christus. Er ist einer der wenigen niederländischen Nichtjuden, die eingehende und gründliche Talmudstudien gemacht haben, und veröffentlichte zahlreiche Abhandlungen über das nachexilische Judentum, über die jüdffchen Gemeinden in der griechischen und römischen Zeit, über das Judentum in der Diaspora, über die jüdische alexandrinische Theologie und über den Talmud. Auch mit den Anfängen des Judentums hat er fich beschäftigt, wie seine 1864 und 1866 erschienenen Schriften: »Der Dienst der Baalim in Israel" und ..Jeremias