Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 6 (8.2.1907)
- Date
- 1907-02-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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L-it, M Vr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 6 als er sich die Brust schlug und zu Gott aufschrie. Schreie, Jude, dein Gott hört dich! Knie unter der Gemeinde, schlage dich vor die Brust, reiße den Rock auf, entblöße allen deine Sünde! Alle in der Gemeinde sollen deine Sünde wissen! — Diese naive Leidenschaft der Frommheit, dieser primitiv originäre Gestus ist mehr als eine Erinnerung, er wird in die Hand übergeben und Form werden, der freUich andere Eigenschaften aufweisen muß, als die Bildungen einer feinen Md heiteren Lebenskunst. GlyceasteinS Kunst ist ferne, sehr ferne geblieben; Kultur hat der arme Judenknabe nicht eingesogen, und als er nach München kam, war eS für eine ErziehMg zu spät. ES ist ihm nichts angelernt worden, nicht einmal von seinem Meister und Wohltäter, dem großen Lehrer Rümann. Gleich von Anfang an wurde er wie der Mensch in seinem dunklen Drange hineingestellt in die Welt der Erscheinungen, ausgerüstet mit Augen, die sich festsogen, mit einem Herzen voller Geheimnisse, mtt einem zugleich unklaren und im Erkennen begriffenen Gemüte. ES war von vornherein ein großes Suchen, ein Abtasten des Menschlichen. Der Mensch tastete den Menschen ab, tastete an den Dingen als an einem Menschlichen. Alles wurde des Menschen unter diesen unsicher suchenden, dem Menschlichen nachforschenden Fingern. DaS ist an den frühesten Schülerkompositionen Glycensteins so fühlbar wie an seinen entscheidenden großen Schöpfungen; an den lieblichen, römischen Kleinbronzen, wie an der bei ihrer Kleinheit riesig wirkenden Sphinx, die ein junges Leben niedergeschlagen hat und eS aus tief eingelassenen, bläulich opalisierenden Augen wie mit einem rätselhaften Lächeln anglotzt, oder an der Gruppe der drei Vorläufer, den russischen Studenten in der Mitte gegen den Wind anMrmend, der den blind dahinstampfenden Muschik mit den geballten gefährlichen Fäusten zur Rechten über dem Handgelenk, und den einer unsichtbaren Gefolgschaft hinter sich winkenden und rufenden Arbeiter zur Linken, Hand und Arm ineinander geschlungen, mit sich fortreißt. Die Mschätzbarste Eigenschaft der Bronze ist, daß eS absolut keine statische Grenze für ihre Verwendbarkeit gibt. Einem Temperament, wie dem GlycenstemS mußte es besonders verlockend sein, den Körper im Sprunge und doch ruhend darzustellen, den unermeßbar kurzen Augenblick, in dem er gleichsam im Gestütztsein bereits schnellt, Md im Schnellen noch auf der einen Stütze ruht. Das ist der Vorwurf deS B a r k o ch b a. Das Thema stammt aus der jüdisch n Geschichte; Barkochba war eine Art falscher Messias zur Zeit Kaiser Hadrians. Die Stelle der Uebeclieferung, die das Motiv abgab, lautet: er springt auf eine Meile und schlägt auf eine Meile. Von der linken Fußspitze bis zum Haupt läuft ein schräger Wagebalken und ruht über dem rechten Schenkel. Der ganze Körper lastet in diesem Augenblick über der geschwellten Muskulatur dieser einen Stütze. Beide Hände liegen auf dem Knie, die eine über die andere g-ballt. Die Augen.fassen den Feind. Schon hat sich der vordere Fuß nach innen gedreht Md das linke Bein schnellt ab im Schwung. Er steht noch und springt bereits. In dem vordersten der Säle steht das Hauptwerk des jungen Meister Glycenstein, der schlafende Messias. Mit wenig über dreißig Jahren hat er eS geschaffen, den Entwurf brachte er schon zehn Jahre ftüher nach Rom, ein mit den ersten Preisen ermutigter Akademiker, kMm zur Wanderschaft gelangt. Indem er in Rom einzieht, trägt er den Traum deS Werkes im Herzen — vielleicht des einzigen Werkes das seinen Namen unsterblich machen wird. Denn wenigstens bei seinen Glaubensbrüdern gab eS ihm bereits Unsterblichkeit. Auf einem Grabe Jerusalems, daS durch eine vielleicht rührende Täuschung den Juden Rußlands und mancher ihrer avßerrussischen Brüder heilig ist, auf dem Grabe deS Begründers des Zionismus, Theodor Herzls. wird sich der MessiaS erheben. Und in gewissem Sinne mit Recht. Denn dieses Werk »st in der Tat ein national-jüdisches, das einzig existierende bildnerische Werk, das, aus jüdischem Blute hervorgegangen, den Wischen Typus verewigt, daS Denkmal des Judentums. Alle Erinnerungen der Kindheit, die Aufschreie und Ekstasen des Sühnegebetes und deS Flehens um die Heimkehr nach Zion sind in dem jungen Juden wach gewesen, als er diese Form aufbaute, diesen furchtbaren, fast abschreckend mächtigen Körper, mit dem schlafenden Riesenhaupt erdichtete. Zu diesem Werke diente kein Modell, biefür gab die Natur keine Beispiele. Nicht jedem gefällt ein solches Werk, vielleicht werden sich die Mehreren davor zurückziehen. DaS Ungeheure ist nur dem erträglich, für den er einen Inhalt bat. Schon als Bronzeguß ist dieser Messias ein Wunder. Solche kühnen Bewegungen. solche Beulen der Form darf der Marmorbildner nickt wagen. Aber der Erzfluß ist gehorsam und schmiegt sich dem Willen des MeilterS. Der Messias ist nach der Ueberlieferung in tnstm Schlafe. Der linke Arm ruht schwer und massig auf dem Schenkel, die kolossale Faust etwas nach innen, was den Eindruck deS LastenS erhöht. D»e Rechte umfaßt heravhängend das Horn Schofar. Sonst sind alle Embleme fortgelaffen, selbst der Schild ist verborgen und nur ornamental angedeutet. Am mächtigsten wirkt der Rücken, denn die Masse der Brust ist verdeckt von dem Bart und dem gesenkten Haupte, aber der Rücken ist wie ein Gebirge. Dafür ist das Haupt ganz Majestät, ganz Schlummer, tiefe Ruhe. Es liegt mit dem Kinn auf der Brust, das düstere, nationale Profil ist von einem Hauche antiker Schönheit xemildert. So schlummert das mächtige Bildwerk, und in ihm schlummern die Hoffnungen eines Volkes, in dessen Adern doch noch die letzten Tropfen adeligen Heldenblutes rollen müssen, da es vermochte, ein solches Werk zu erzeugen." Berner über Judentum und Christentum. Der kürzlich verstorbene berühmte Strafrechtslehrer Albert Friedrich Berner hat sich, wie wir der „Voss. Ztg." entnehmen, in einer nur engeren Kreisen bekannten Schrift in interessanter Weise über „Judentum und Christentum und ihre Zukunft" geäußert. Er geht in dieser Arbeit, einem Vortrag, den er 1891 im Berliner Unions-Verein gehalten hat, von den einschlägigen Schriften Renans aus. Der berühmte Gelehrte hatte sich in einem Aufsatze in der „Revue des deux Mondes" dahin geäußert, daß das Christentum keineswegs eine Fortsetzung des Judentums sei, sondern eine im Schoße des Judentums selbst vollzogene Reaktion gegen den herrschenden Geist des Judentums. Sokrates und Plato seien in weit höherem Maße unsere Vorfahren als die rohen Beduinen aus der Zeit Josuas und Davids. Etwa zwanzig Jahre später aber in seiner berühmten Abhandlung über „Judentum und Christentum" hat Renan diesen Standpunkt vollständig aufgegeben. Die ganze erste christliche Generation, sagt jetzt Renan, sei wesentlich jüdisch gewesen, und Paulus habe damals entschieden eine Ausnahmestellung eingenommen. Erst etwa hundert Jahre nach Christi Geburt setzte eine feindselige Strömung gegen das Judentum ein, die zur vollständigen Spaltung geführt habe, nachdem das Christentum unter Konstantin dem Großen im vierten Jahrhundert zur Staatsreligion geworden sei. Zuversichtlich erklärt jetzt Renan: „Das Judentum, welches in der Vergangenheit so Großes geleistet hat, wird auch noch für die Zukunft von Bedeutung sein. Die reine Religion, die die gesamte Menschheit vereinen kann, wird die Verwirklichung der Religion des Jesaias sein, die ideale, von ihren Schlacken gereinigte jüdische Religion." Soweit Renan. Daran anknüpfend führt nun Berner aus, daß das heutige Christentum wesentlich an zwei Schäden leide, an seinen polytheistischen Elementen, die durch die Berührung mit dem Heidentum entstanden seien, vor allem aber an seiner scholastischen Dogmatik. In dem gegenwärtigen Kampfe gegen den Unglauben könne das Judentum, in dem die stärksten Historischen Wurzeln des Monotheismus liegen, für die Neubildung des Christentums sehr wesentliche Dienste leisten. Das Judentum sei nicht mehr zu einer Weltreligion berufen, schon weil es sich nicht von dem Gedanken, eine nationale Religion zu sein, befreien könne. Andererseits sei eine Bekehrung der Juden zu einem noch polytheistisch gefärbten und durch scholastische Dogmatik verunstalteten Christentum durchaus nicht wünschenswert, bestehe doch seine historische Mission, wenn man einmal von allem Prophetismus absieht, in der entschiedenen Behauptung des reinen Monotheismus. Wenn nun aber einerseits das Christentum die Reinheit und Einfalt des Monotheismus zurückeroberte, wie groß würde doch auch andererseits der Gewinn für das Judentum sein, wenn es sich einem so geläuterten Christentum anschlösse! Es würde sich endlich herausretten aus seiner traurigen Isolierung, aus der historischen Sackgasse, in welcher es seit der talmudischen Reaktion festsitzt. Ein ernsthafter Gegensatz zwischen der christlichen und jüdischen Moral bestehe nicht; weit größere Schwierigkeiten bilde der Glaube an die Person Christi selbst. Bereits Lessing unterscheide zwischen der persönlichen Religion Christi und der christlichen Religion. „Jene ist die Religion, die Christus selbst als Mensch übte, die Religion der Frömmigkeit und der Menschenliebe; diese die Religion, welche Christus selbst als übermenschliches Wesen verehrt. Jene ist vollkommen klar und für alle Menschen, diese ist so ungewiß und zweideutig, so daß keine zwei Menschen darüber einig find." Bekanntlich wollen neuere moderne Strömungen einer freien Theologie, wie etwa Kalthoff sie vertrat, von der Person Christi vollständig absehen. Berner spricht sich entschieden dagegen aus. Er hält eine Loslösung des Christentums von der Person seines Begründers für unmöglich, verspricht sich aber nichts von den Resultaten der historischen Kritik, wie sie seit Strauß ausgeübt wird. Derjenige Christus, der wirklich in der christlichen Religion lebe, sei die Gestalt des ganzen Neuen Testaments; an dieses hätten wir uns zu halten, gleichviel, ob sein Christus den historischen Tatsachen^ entspreche oder nicht. Jedenfalls entziehe