Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 6 (8.2.1907)
- Date
- 1907-02-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 6 Dr. Vlocb's Mocbenscbrlrr. Sette 93 dem jungen Bischof von Fano begangen, der an den Folgen yder aus Kränkung gestorben ist. Solche Untaten, die manche jetzt aus einer krankhaften Anlage erklären, die aber von den Gerichten mit Kerker bestraft werden, kamen im Mittelalter ziemlich häufig vor. obwohl sie mit dem Feuertod bestraft wurden. Dem Herzog ist indes nichts geschehen; es muß ihm aber eine Kirchenbuße auferlegt worden sein, denn sein Vater hat ihn absolviert. Auch Diana von Poitiers hat für ihre kleinen Sünden gebüßt, indem sie den König zum Verbrennen protestantischer Ketzer eifrig antrieb und sich zu größerer Buße das ihnen konfiszierte Vermögen schenken ließ. Es charakterisiert die Sitten jener ketzerverbrennenden Herrscher, daß. als Königin Eleonore von Frankreich im Jahre 1544 zum Besuch ihres Bruders Karl V. in Begleitung von achtzig Damen nach Brüssel reiste, die Maitresse des Königs im selben Wagen mit der Königin fuhr. Bei der Begrüßung des Kaisers fand ein großes Geküsse statt, und, berichtet ein Augenzeuge, nicht bloß die vornehmen Herren, sondern wer nur wollte, beteiligte sich dabei. Die Schwester der Maitresse Log sich, um den Kaiser zu küssen, so weit vor, daß fie aus dem Sattel fiel; der Kaiser half ihr wieder hinauf und „hat sie tüchtig abgeküßt". Wie bereits erwähnt wurde, haben fromme Männer, besonders in Konzilien versammelte Geistliche, über die Verderbtheit der christlichen Gesellschaft schon im vierten Jahrhundert geklagt, mit Mahnungen, Verfügungen und Drohungen nicht gespart. Und die Klagen hörten in den folgenden Jahrhunderten nicht aui, was unwiderleglich beweist, daß es nicht besser wurde, daß die Ermahnungen und Drohungen nichts halfen, vielleicht deshalb nicht, weil die Geistlichkeit selbst nicht mit gutem Beispiel voranging. So verbietet das Konzil von Nicäa im Jahre 787 unter anderem den Aufenthalt von Frauen in den Wohnungen von Bischöfen oder in Männerklöstern, den Bau von gemeinschaftlichen Klöstern für Männer und Frauen und befiehlt die Teilung der bestehenden Klöster dieser Art. Bitter klagt im elften Jahrhundert der heilige Peter Damianus über die Verderbtheit seiner Zeitgenossen und besonders jener geistlichen Standes, und welches Laster überwog, ersieht man schon aus dem Titel seiner Schrift „Gomorrhäus". Aber nicht lange nach Peters Tode wurde ein junger, hübscher Mensch zum Bischof von Orleans ernannt. Welcher Art seine Verdienste waren, die ihm die Protektion des Erzbischofs von Tours verschafften, kann man aus dem Spottnamen Flora, den man ihm gegeben, ersehen. Beinahe noch schlimmerer Vergehen wurde um die Mitte des elften Jahrhunderts der Bischof von Langres beim Konzil von Reims angeklagt. Klagen über die allgemeine Sittenverderbnis, besonders in sexueller Beziehung, wurden auch bei den großen Kirchenversammlungen in Pisa (1409) und Konstanz (1414 bis 1418) sehr laut. Aber zu letzterer sind auch 700, nach manchen Berichten sogar 1500 öffentliche Dirnen gekommen und haben gute Geschäfte gemacht. Und als Kaiser Sigismund zu diesem Konzil reiste, erwies sich die Stadt Bern besonders gastfreundlich. Der Rat befahl nämlich, den Herren von seiner Begleitung die Dienste der gefälligen Bewohnerinnen gewisser Häuser gratis zur Verfügung zu stellen, und bezahlte dann die darüber präsentierten Rechnungen. In Konstanz hat man dann, zum Beweis besonderer Frömmigkeit den Erzketzer Johannes Huß verbrannt. Merkwürdigerweise wurden die Menschen dadurch nicht gebessert, und beim lateranischen Konzil von 1512 jammerte wieder der General des Augustinerordens über die allgemeine Korruption, Unwissenheit, Schamlosigkeit, Ausschweifung „selbst an heiliger Stätte"! Ein Vierteljahrhundert später findet sich wieder das Provinzialkonzil von Köln veranlaßt, zu verfügen, daß Geistliche die Beichte von Nonnen nur in Gegenwart anderer Schwestern hören sollen und daß Fremden der freie Eintritt in Klöster nicht gestattet werden soll, „denn die Mönchsklöster sind schon zu Schenken geworden und die Frauenklöster betrachtet man als Freudenhäuser". Wieder nach einem Jahrzehnt erklären die päpstlichen Legaten beim Konzil von Trient: „Wir find zum Teile selbst mitschuldig am Aufkommen der neuen (lutherischen) Ketzerei. Und was die Sittenverderbnis betrifft, so weiß jedermann, daß die Geistlichen Verdorbene und Verderber waren." Gewiß, das Konzil von Trient hat in mancher Beziehung die Sitten verbeffert, wenigstens die ärgsten Skandale aus der Welt geschafft. Aber nicht lange danach trat wieder ein Rückfall ein, und auch die zweite Hälfte des sechzehnten und das siebzehnte Jahrhundert find, wenn nicht schlechter, jedenfalls nicht besser gewesen als das neunzehnte. Als der Vizekönig Herzog von Ossuma im Jahre 1616 die Absicht äußerte, die öffentlichen Dirnen in Neapel in einem besonderen Quartier einzuschließen, antwortete man ihm: da müßte man ihnen mehr als die Hälfte der so frommen Stadt einräumen. Aehnliches hat man später auch von anderen Städten gesagt, was beweist, daß es auch anderswo nicht besser war. Beim Konzil von Trient hat man sich auch mit der Literatur beschäftigt nnd über Maßregeln gegen die „schlechte Presse" beraten, schließlich die Entscheidung dem Papste überlassen. Ueber die päpstlichen Bücherverbote (lüäieeg) ist schon viel geschrieben worden; hier wollen wir uns begnügen, hervorzuheben, daß die kirchliche Zensur hauptsächlich den Schutz der Religion und Geistlichkeit, weniger den der sexuellen Moral bezweckte. Doch ein Vergleich der Handhabung des Index in früheren Zeiten mit der Gegenwart würde ein besonderes Kapitel für sich beanspruchen. vom Zabrmarkt des Lebens. Henryk Glyeenstein Bei Schulte (Unter den Linden) findet augenblicklich eine Ausstellung von 17 Plastiken des in Rom lebenden russisch-polnisch-jüdischen Bildhauers Henryk Glyeenstein statt. — In einem Artikel der „Nation" schreibt Ludwig Beer von dieser Darbietung: „Glyeenstein stammt aus dem Chaos. Jude, aus einem winzigen Landort, im sogenannten Ansiedlungsrayon geboren, wo die Juden wie die Herde im Pferch zusammengedrängt leben, der Jude nur am Juden den Bruder, keine andere Nationalität hat als sein Judentum, aus dem Halbokzidentalen in das Orientalische, zum reinen Rassenjudentum zurückgezüchtet — Rassenjuden nach Blut und Bildung oder Unbildung, Weisheit aus verstaubten und verspinnwebten Blättern saugend, die vollgestopft sind mit längst vergreisten Gedankenverknüpfungen, scholastisch-mystischen Beziehungen zwischen Wort und Wirklichkeit, Gegenstand und Bedeutung — so wächst der Knabe heran, bildet sich der Jüngling vor: ohne Volksschule, ohne Berührung mit einer verfeinerten Kultur — unter Lärm. Schmutz, den täglichen Sorgen eines zaghaften, gedrückten, jeder Gewalt schutzlos ausgesetzten Volkes; die einzige Tröstung für die kunstbedürftige Seele die einfachen Schönheiten einer ländlichen Natur, die einzige Nahrung des Geistes das Studium des Talmud, die einzige Erhebung der Singsang des Tempeldienstes. Und doch, diese scheinbar so armseligen Gelegenheiten der Freudspenden die goldensten Reichtümer. Denn wenn wir selbst von dem Talmud absehen, der doch das vollkommene Eigentum an den heiligen Schriften gibt mit ihren heroischen und dämonischen Charakteren, ihren Idyllen, Hirteugeschichten, Erntegesängen, Braut- und Hochzeitsliedern, dies alles in geheimnisvolle Zusammenhänge gebracht zu dem gesamten jüdischen Wirtschaftsleben, allen Begebenheiten des täglichen Daseins, wie der jüdischen Geschichte bis über die Tage Kaiser Hadrians — auch abgesehen von dieser bildlich und phantastisch lehrsamen Nahrung von früh aus eines schon an sich zu Form und Bedeutung begabten Kindes, gibt es eine Partie des Lebens, des täglichen wie des periodisch sich wiederholenden, auf die sich die ganze Gemütsenergie konzentriert. Wir Okzidentalen, auch die strenggläubigen Juden unter uns, haben doch nur eine schwache Vorstellung von der Bedeutung, die der Tempeldienst für ein Volk hat, das sich an ihm allein als Ganzes erkennt; das in die alte Frömmigkeit geflüchtet, sich an der gemeinsamen, heiligen Uebung, im lebenden Besitz der alten, heiligen Symbole rein und unverbraucht erhält. In Polen wird noch heute vor der Bundeslade getanzt wie zu weiland König Davids Zeiten.. Der Tempelwein wird nicht symbolisch genoffen, er wird leibhaft getrunken, und das Völkchen holt sich einen ganz wirklichen Rausch, freilich keinen zänkischen und lauten, sondern einen, der sich in Umarmungen, Küssen und in leidenschaftlich, fröhlich heiligen Tänzen Luft macht. Ja, die Männer trinken und tanzen im Gotteshaus, und es wird nicht dadurch entweiht! Und wie die Ekstasen der Trunkenheit, ) •> ausdrucksvoll find die Kasteiungen und Verzückungen der Buße. Der reife Mann wird es nicht vergessen, wie er den Vater laut betend auf den Knien liegen sab.