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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-02-08 · 6 (8.2.1907) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
6 (8.2.1907)
Date
1907-02-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 92 Dt. Jälocb’s Mocbenscbctft. Nr. 6 beginnend, nach und nach die Schamhaftigkeit ablegen und zu intimen Verkehr gelangen. Ein derart getadelter Geistlicher antwortete freilich, Hieronymus habe am allerwenigsten das Recht, sie zu tadeln, denn er nehme seine Vorträge über die heilige Schrift nur zum Vorwand, um freier und häufiger mit Frauen verkehren zu können. Ein grelles Licht von der Verderbtheit der christlichen Gesellschaft im fünften Jahrhundert entwirft der Marseiller Presbyter Salvianus in seiner Schrift „Vs gubernatione Dei“. „Mit wenigen Ausnahmen", sagte er, „ist die ganze christliche Gesellschaft eine Kloake der Laster. Wie viele findet man denn unter den Geistlichen, die nicht Trunkenbolde, Schlemmer, Ehebrecher, Unzüchtige, Diebe oder Mörder find?"... Im vierten Buche desselb.'n Werkes schildert Salvianus wieder die sexuelle Korruption der höheren Stände, im fünften die Mißregierung und die Unterdrückung und Ausbeutung der Armen und Schwachen. Im sechsten Jahrhundert saß neben dem frommen Kaiser Justinian auf dem Thron von Byzanz die Kaiserin Theodora, von deren Produktionen auf der Bühne der Historiker Procepius eine Schilderung gibt. Zu jener Zeit regierten in Frankreich die Könige aus dem Geschlechte der Merowinger, von denen fast jeder seinen Harem hatte. Um die Mitte des zehnten Jahrhunderts verfügten zwei Dirnen, Marozia und Theodors, über den päpstlichen Stuhl. Nicht sittenreiner als die Merowinger war die ihnen folgende Dynastie der Karolinger. Karl der Große hatte mehr als ein halbes Dutzend unehelicher Kinder; recht arg trieben es seine Töchter und.selbst sein „der Fromme" genannter Sohn, Kaiser Ludwig, soll eine uneheliche Tochter gehabt haben. Am Ende des 9. Jahrhunderts gelangte sogar mit Arnulph der uneheliche Sohn des Königs Karlmann auf den Thron des deutsch-römischen Reiches. Er hinterließ wieder zwei außereheliche Söhne, deren einem er Lothringen vermachte. Ueberhaupt ist die Zahl der unehelichen Kinder in den höheren Ständen bis weit ins achtzehnte Jahrhundert eine sehr große, und wenn wir bedenken, daß die Chronisten und Geschichtsschreiber ftüherer Zeiten hauptsächlich für diese Stände und die Geistlichkeit fich interessierten und nur die Familienverhältnisse dieser Stände gut bekannt waren, so können wir daraus schließen, welch bedeutenden Teil der Bevölkerung die außer der Ehe Geborenen bildeten; höchstwahrscheinlich einen größeren als in der Gegenwart. Die Statistik weist zwar auch jetzt in manchen Ländern eine große Anzahl unehelich Geborener nach, aber in vielen Fällen sind es nicht unsittliche Motive sondern ökonomische Verhältnisse, die die Schließung einer rechtlich giltigen Ehe verhindern. Ferner sind manche Ehen, die der Staat nicht anerkennt, vom sittlichen Standpunkt und im Sinne der Gatten ganz echte, einwandfreie Ehen. So waren es zum Beispiel die Ehen mancher galizischer Juden, die ohne staatliche Erlaubnis geschlossen wurden. Wie manche Politcker jetzt das Wahlrecht nur denjenigen gewähren wollen, die lesen und schreiben können, so gestattete die österreichische Regierung nur solchen Juden, die Deutsch lesen und schreiben konnten, das Heiraten. Kinder, die in ohne solchen Befähigungsnachweis geschlossener Ehe geboren waren, galten als uneheliche. Ebenso wurden und werden zum Teil noch jetzt in Ländern, wo die obligatorische Zivilehe eingeführt ist, die bloß kirchlich geschloffenen Ehen vom Staate als Konkubinate behandelt. Die Kirche wieder betrachtet die bloß vor dem Standesamt geschloffenen Ehen als Konkubinate. Wenn auch in neuerer Zeit manche hochgeborene Herren zur Vermehrung der Unehelichen beitrugen, so haben fie doch eine Scheu vor der Oeffentlichkeit gehabt. Von den vielen unehelichen Kindern, die der Herzog von Berry neben dem ehelichen Grasen von Chambord erzeugte, sind doch die meisten spurlos im Dunkel verschwunden. Und für die moralische Auffassung bezeichnender als die Zahl ist. eben das Urteil der Gesellschaft. Man schämte fich in früheren Zeiten weder der Konkubinen noch der unehelichen Geburt, man tat mitunter noch groß damit. Wilhelm der Eroberer von England unterschrieb manchmal Briese mit „Ich .Wilhelm, genannt der Bastard". Im fünfzehnten Jahrhundert war Graf Dunois, der Bastard von Orleans, berühmt, und im selben Jahrhundert titulierte sich ein unehelicher Sohn des Herzogs Philipp II. von Savoyen: Lastardim sabandiae comes de Villariis etc., in der Gesellschaft nannte man ihn 1e grand bätard de Savoie. Sehr zahlreich waren die Bastarde in den italienischen Fürstenfamilien; aber auch Boccaccio schämte sich nicht seiner unehelichen Geburt, und Petrarca besaß neben seinen kirchlichen Pfründen auch zwei uneheliche Kinder. In Kastilien bestieg 1368 der Bastard Heinrich von Trastamare den Königsthron, nachdem er seinen ehelich geborenen Bruder Peter besiegt und getötet hatte. Die in Portugal regierende Familie der Braganza stammt von einem natürlichen Sohne König Johanns I. In Spanien soll es sogar ein besonderes Nonnenkloster für uneheliche Sprößlinge der königlichen Familie gegeben haben, jedenfalls hat König Ferdinand der Katholische seine natürliche Tochter zur Priorin des Klosters von Madrigal und einen natürlichen Sohn im Alter von sechs Jahren zum Erzbischof von Saragossa gemacht. Als der angesehenere Stuhl von Toledo erledigt ward, wollte Ferdinand ihn dahin befördern, aber Toledo liegt in Kastilien, wo er als König von Aragon ien nichts zu sagen hatte, und seine Gemahlin, die fromme Jsabella von Kastilien, „haßte alle natürlichen Söhne des Königs", sagt der Biograph des Kardinal Ximenes. So erwirkte sie hinter dem Rücken des Königs die Zustimmung des Papstes zur Ernennung des Mmenes, ihres Beichtvaters, zum Erzbischof von Toledo. Von Ferdinands Enkel, Karl V., sind zwei uneheliche Kinder berühmt geworden: Margarete Herzogin von Parma und Don Juan, der Sieger von Lepanto. Aber auch König Philipp IV. hatte einen unehelichen Sohn Don Juan. Berühmter ist freilich Mozarts Don Juan geworden. Mit Vorliebe verlieh man unehelichen Kindern aus regierenden oder hochadeligen Familien einträgliche Kirchenämter, manchmal schon in ihrer frühesten Jugend. Andererseits beschenkte wieder der Klerus, infolge des Zölibats, die Welt mit vielen unehelichen Kindern. Im Jahre 1215 ermächtigte Papst Innozenz III. den Erzbischof von Toledo, an dreihundert Bastarde Dispense zur Erlangung geistlicher Weihen und kirchlicher Aemter zu erteilen. Wie sehr man in vornehmen Familien auf uneheliche Kinder rechnete, kann man auch aus dem Breve des Papstes Urban VIII. vom 1. Mai 1627 ersehen, mit dem er die Erbfolge im Hause seines Bruders, des Herzogs Karl Barberini, regelte. Danach sollten in erster Linie selbstverständlich die männlichen ehelichen Nachkommen erben, die ehelichen Töchter aber den unehelichen Söhnen nachstehen, selbst wenn diese in Ehebruch oder Blutschande „aus menschlicher Schwäche" gezeugt wurden. Als Papst Julius III. den Herzog Cosmos Medici zum Bündnis mit Frankreich gegen Spanien bewegen wollte, versprach er ihm die Vermählung seines Sohnes mit einer legitimen französischen Prinzessin; wolle er darauf nicht eingehen, so möge er wenigstens neutral bleiben, wodann er fich aber mit einer unehelichen Prinzessin werde begnügen müssen. So berichtet ein Zeitgenosse, Scipio Ammirato, in seiner Geschichte von Florenz. Nach anderen Historikern soll der mit der Unterhandlung betraute Kardinal, ein Sohn der Lucrezia Borgia, nur von einer Tochter des Königs von Frankreich gesprochen und Cosmos erst von anderer Seite erfahren haben, daß es fich um Tdana, die uneheliche Tochter König Heinrichs II., handle, die eben durch den Tod ihres Gatten, Herzogs Horaz Farnese, Witwe geworden war. Ob sie die Tochter der berühmten Diana von Poitiers oder einer anderen Maitreffe des Königs war, ist nicht festgestellt. Der Vater dieses Horaz war Peter Ludwig Farnese, ein Sohn Papst Pauls 111.*), der ihn zum Herzog von Parma und Piacenza gemacht hatte. Dieser hatte ein Verbrechen an *) Nach katholischen Autoren war er heimlich verheiratet, bevor er Papst wurde (als Kardinal?). Ranke sagt: „Einen natürlichen Sohn und eine natürliche Tochter erkannte er an. Trotz alledem ward er bei ziemlich jungen Jahren — denn in jenen Zeiten nahm man an solchen Dingen nicht viel Anstoß —"zum Kardinal befördert.-

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