Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 6 (8.2.1907)
- Date
- 1907-02-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Rr. 6 «eite 91 Vr. Bloch's WochrnfchrM. in allen Herzen. Rußland braucht nicht stolz zu sein über die Meinungen, die man auch in Egypten über seine ruchlose Wirtschaft hegt, und die Empfindungen, die man hier für die moskowitische Regierung hat, gereichen dem Zarentum gewiß nicht zur Ehre. Im Gegenteil, man beglückwünschte fich gegenseitig über die Einmütigkeit im Protest, über den selten einheitlichen und äußerst imposanten Elan humanitären Geistes, der sich da kundgab. Ein Zug von vielen Tausenden von Personen aus dem Handels- und Börsenstande hatte fich gleich gebildet, an der Spitze die angesehensten und reichsten Männer, die fich zum englischen Konsul und zum Gouverneur begaben, um lauten Protest gegen die Uebergriffe Rußlands in Egypten und gegen das verdammenswerte Einschreiten der egyptischen Polizei im Dienste der zarischen Regierung zu erheben. Unterwegs wuchs die Menge immer mehr an und ließ es sich nicht nehmen, eine starke Demonstration gegen das ruffische Konsulat durchzuführen. Man wollte das Amtsgebäude stürmen und die darin geglaubten Gefangenen befreien; doch die Polizei widersetzte sich und die Menge ließ ab, um sich zum Hafen zu begeben, wo ein russischer Dampfer vor der Abfahrt lag. Er wurde gestürmt und nach den Verhafteten durchsucht. Gutwillig führte der Kapitän selbst die Leute umher, um denselben zu zeigen, daß die armen Flüchtlinge fich noch auf dem Lande im Gefängnisse befinden. Ohne Krawall mit der Polizei ging es dabei doch nicht ab: die Spritzen der Feuerwehr sollten die Manifestanten auseinandertreiben oder wenigstens zurückhalten. Man stürzte sich jedoch wacker auf die Pumpen und zerschnitt die Schläuche und die schönen, teuren Löschapparate Wären bald alle auf dem Grunde des Meeres versenkt worden. Die Ruhe konnte jedoch wieder hergestellt werden. Die allgemeine Aufregung wuchs dagegen immer mehr an, denn die offiziell erteilten Auskünfte und Antworten waren nicht befriedigender Natur. Man wurde zu neuen Protestversammlungen eingeladen; überall wurden Anschläge geklebt und Flugzettel verteilt, in welchen Rußland mit Epithetas bedacht wurde, wie es solche vielleicht noch nie zu hören bekam. In den Theatern wurden abends Brandreden gegen Rußland gehalten, wobei der Zar und seine Henkerregierung arg wegkamen. Dazu applaudierte alles in einer Weise, daß der berühmte Tenor den revolutionären Redner hätte beneiden können. So verging der erste Protesttag, Samstag. Sonntag hatte die Bewegung schon etwas drohendere Formen angenommen, denn unterdeffen wurde die freiheitsliebende italienische Bevölkerung vom kläglichen Sachverhalte unterrichtet und sie ließ es sich in ihrer bekannten politischen Leidenschaftlichkeit nicht nehmen, die Angelegenheit in etwas schärfere Bahnen zu lenken. Tatsächlich wurde am Nachmittag das russische Konsulat wieder gestürmt, das Wappenschild heruntergerissen und mit Füßen getreten, trotz eines großen Aufgebotes von Polizei und Soldaten. Der Verkehr wurde natürlich an dieser Stelle gänzlich unterbrochen und bis in die späte Nacht hinein tobte die Menge, es war nunmehr Pöbel, um die bestgehaßte Stätte in Alexandrien. Noch nie hat unsere Stadt ein so belebtes Bild gezeigt und die Straßen im Zentrum wimmelten von Menschen, die nichts anderes taten, als über die ruffische Niedertracht schimpfen und über die egyptische Regierung wüten, die sich dazu herbeigelaffen, derselben verächtliche Helferdienste zu leisten. ES ist mir unmöglich, Ihnen über alle Einzelheiten der Angelegenheit, die viel böses Blut verursacht hat, zu berichten. Ich füge noch hinzu, daß fich die Bewegung nicht ohneweiters wird aus der Welt schaffen laffen und daß eS Leute gibt, die daran glauben, daß noch Blut fließen wird, sobald die öffentliche Meinung keine Satisfaktion erhalten haben wird. Mau spricht davon, das Gefängnis mit Gewalt zu erstürmen, um die drei ruffischen Flüchtlinge zu befreien. Hoffen wir, daß es Rußland zuliebe in Egypten keine politischen Opfer geben werde; das reine Freiheitsbanner Englands wäre dadurch für immer schändlich befleckt. Ivri. Adam in Sunde«. Von De. Mark»- Landau. „Fühlen Sie fich korrumpiert?" hat einmal ein nicht eben sehr gewissenhafter Minister sein Parlament gefragt. Wie die Antwort ausgefallen ist, kann ich mich nicht mehr erinnern; möchte man aber jetzt eine solche Frage an die europäische Gesellschaft richten, so würden fich die Frömmler und Heuchler mit der Antwort beeilen: „Sie ist durch und durch verdorben und unsittlich". Nach den Aeußerungen, vielleicht auch den wirklichen Anschauungen dieser Leute wird die sexuelle Korruption der modernen Gesellschaft unvermeidlich daS Schicksal von Sodom und Gomorrha bereiten, wenn nicht noch durch einen ganzen Kodex Heinze, ftomme Jünglingsvereine und Keuschheitskommisfionen daS drohende Unheil abgewendet wird. Auch über die Ursachen dieser Verderbnis ist man nicht im Unklaren. Hat doch vor einigen Jahren ein ultramontaner Doktor der Philosophie in einer „Geschichte der Keuschheitsideen", in der der Mangel an Wissen durch Ueberfluß an Tendenz ersetzt wird, für alle Verderbnis, besonders in der Literatur, die Protestanten und Juden verantwortlich gemacht. In der Tat liegt es ja nabe, den Stand der Ethik im weitesten Sinne als von der Religion abhängig z" betrachten. Aber eS ist hier nicht der Ort für solche Betrachtungsweise, die auch vielleicht manches fromme Gemüt verletzen würde. Ueberdies find in der Theorie die meisten Religionen sehr moralisch und fittenrein, für unS handelt es fich aber um die Praxis, um das zahlenmäßige Verhältnis der modernen sexuellen Moral zu der früherer Jahrhunderte. Leider ist die Statistik auf diesem Gebiete für die Gegenwart eine unvollkommene, und für die früheren Zeiten läßt sie unS fast ganz im Stich. Wir müffen unS eben mit dem begnügen, waS alte Chroniken, zeitgenössische Historiken, Beratungen und Beschlüffe geistlicher und weltlicher Körperschaften verraten. Dabei ist aber noch zu berücksichtigen, daß infolge der befferen Polizei und weiteren Verbreitung aller Nachrichten durch die Preffe jetzt sehr viele Verbrechen und Schandtaten entdeckt und allgemein bekannt werden, die in der „guten alten Zeit" unentdeckt oder nur innerhalb eines kleinen Kreises bekannt geblieben wären. Und trotz alledem stoßen wir in der Geschichte jener Zeit auf so viele Beispiele sexueller Korruption, daß ich hier nur einen kleinen Teil davon, gewissermaßen Stichproben, Mitteilen kann. Aber auch schon daraus wird fich ersehen laffen, daß unsere Zeit, wenn nicht besser als ihr Ruf, jedenfalls nicht schlimmer als daS ftomme, gläubige Mittelalter, ja als die ältesten christlichen Jahrhunderte ist. Schon in den ersten Jahren des vierten JqhrhundertS findet fich die Versammlung der Bischöfe zu Elvira veranlaßt, Verfügungen zu erlassen gegen Frauen, die ihre Sklaven zu Tode prügelten, gegen Nonnen, die einen unzüchtigen Lebenswandel führten, gegen ehebrecherische Bischöfe und sonstige Geistliche, sowie überhaupt gegen Kuppelei, Ehebruch und grobe geschlechtliche Sünden. ES verbot auch den Frauen, auf Kirchhöfen die Nächte zuzubringen, da sie unter dem Vorwand, dort zu beten, nur allerlei Schändliches begehen. Fast ein Jahrhundert später tadelte der heilige GregoriuS von Nyffa die Wallfahrten und Pilgerreise«, besonders die nach Jerusalem, und warnte die Frauen vor dieser heiligen Stadt, die er alein zweites Sodom oder noch Schlimmereschilderte, lieber- Haupt gaben die Pilgerfahrten und später die Kreuzzüge den frommen Frauen oft Gelegenheit zu galanten Abenteuern. Doch fehlte eS daran auch nicht in der Heimat. So verdammte der heilige Hieronymus in einem Schreiben an die Jungftau Eustochium daS Zusammenwohnen von Jungftauen und Witwen mit Geistlichen, die einander Bruder und Schwester nannten, und wenn sie auch nicht im Konkubinat lebten, doch dessen verdächtigt wurden. Andere junge Geistliche, sagte er in einem Schreiben an den jungen RusticuS, halten junge Dienerinnen im Hause, die zwar nicht Gattinnen genannt werden, eS aber in der Tat find. Auch warnte er ihn vor dem Umgang selbst mit älteren Frauen, die, mit geistiger mütterlicher Freundschaft