Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 6 (8.2.1907)
- Date
- 1907-02-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 90 Nr 6 Dr. Llocb's Mocbenscbrlsr. auf die Führung des deutschen Volkes in das Parlament eiuziehen. Dann wird P a t t a i ins Justizministerium einziehen, vor dessen Schwelle er schon steht. Man hat ihn bis jetzt — obgleich Prinz Liechtenst e i u es eindringlich forderte — nur deßwegen nicht ernannt, weil man eine Aufreizung mancher Wählerschichten befürchtete. Sobald aber die Christlich-Sozialen durch ihre Menge Bedeutung für die Regierung erlangen werden, wird speziell unser Ministerpräsident mit Vergnügen die Konzession an den Parlamentarismus machen und Pättai das Ziel seiner Sehnsucht erfüllen. So verspricht uns die Zukunft als höchsten Schrecken, daß die Beschlüsse antisemitischer Abgeordneter von einem geschworuen und geprüften Antisemiten durchgeführt werden. Wir fragen nun im Namen der österreichischen Juden, denen es bei Gott diesmal nicht darauf ankommen kann, welche Partei im Judentum siegt, sond7rn ob das allgemeine Judentum vor seinen Feinden sich rettet; wir fragen unsere Führer, wie sie der kommenden Gefahr wirksam zu begegnen gedenken? Wir wollen den geleisteten Arbeiten volle Gerechtigkeit widerfahren lassen. Es wurde da eine jüdische Fahne aufgestcckt und dort ein Fähnchen — aber die Fahnenträger marschieren nicht alle in derselben Richtung, nicht gegen den wirklichen Feind, sondern gegen einander, als ob es nicht zwanzig Arten von Antisemiten gäbe, die stehlen gehen, wenn Juden sich raufen. Weg jetzt mit den Fahnen und Fähnchen, sie verwirren, sie zersplittern uns! Weg mit der dummen Eitelkeit, welche eine Verständigung verhindert; jetzt gehört nicht der Stolz zum edlen Charakter, sondern die selbstlose Liebe zum Volke. Wünschen die Herrschaften vielleicht die erste Seite der politischen Kinderfibel vorgelesen zu haben, auf welcher die Geschichte von der Einigkeit steht? Dreimal zum Teufel endlich der Schlendrian, die Halbheit und Faulheit, mit welcher die jetzt dringendste, jüdische Angelegenheit geradezu verbrecherisch in manchen Kreisen betrieben wird! Da wird , ein Statutylparagraph vorgeschoben, dort verzettelt man sich in kleinen Jntriguen und Formalien, Souderinteressen auf allen Seiten. Hier ist ein Bezirk, der nur einen Kaufmann zuläßt, dort muß man mit sozialem Oel gesalbt sein, bevor man gekrönt wird, die Löweustein-Partei will galizische Landesinteressen vertreten und dem Polenklub beitreten, ihre zionistischen Gegner entwickeln ein rein nationales Programm, kandidieren nur Parteigenossen und schließen sich keiner Partei au, mächtige Gruppen mit Mitteln und Einfluß aber haben das schlimmste Tell erwählt und tun gar nichts. Ist es so in der Ordnung, ist es klug, ist es gerecht gegen das leidende Volk, wird man so die vielgesuchte Begeisterung für das Judentum wecken und finden? Man kann die Wahlen verschlafen, den Antisemitismus nicht. Hören wir bei der Auswahl unserer hoffentlich einstimmig berufenen Vertreter auf die Stimmen aus dem Feindeslager! Als gegen die Kandidatur des Christlich- Sozialen Sturm Gewerbetreibende aus seinem Bezirke aus dem Grunde opponierten, weil er nur als Talmudkundiger in Betracht komme, empörte sich das „Deutsche Volksblatt" gegen diesen Krämergeist — im neuen Parlament würden Talmudkenntniffe sehr wichtig sein. Der Mann, der jetzt I u st iz m i n i st e r werden soll, hat es wiederholt versucht, bei Gelegenheit der Beratung eines neuen Strafgesetzes ein Reichsgesetz gegen das Schächten, die bekannte antisemitische Kraftprobe, durchzudrücken. Und er hat in der jüngsten Montagsversammlung des Vereines „Mittelstand" vertraulich mitgeteilt, daß er von der Regierung damit betraut sei, einen neuen Entwurf des Strafgesetzes zu prüfen und darüber ein Gutachten abzugeben. Das beleuchtet blitzartig die neue Situation. Im November 1894 erklärte Herr Dr. Pattai in einer Rede, daß das neue Strafgesetzbuch einer Bestimmung über die jüdische Schächtmethode nicht entbehren darf. Das sind deutliche Zeichen der kommenden Zeit und deutliche Hinweise auf die notwendige Art unserer zukünftigen Vertreter. Den 516 Mitgliedern des nächsten Parlamentes müssen unsererseits auch Männer gegenüberstehen, die in der jüdischen Geschichte und Literatur wohl bewandert sind, die ein Gutachten in jüdischen Fragen abgeben und die Wohlgesinnten informieren können. Dieses grundsätzliche Kriterium, die Fähigkeit, in Judendebatten nicht nur einzugreifen,. sondern auch durch Mut und Fachkenntnisse belehren zu können, muß trotz seiner Selbstverständlichkeit bei dem wilden Durcheinander der Kandidatenfrage als dringendes Bedürfnis noch besonders betont werden. Von der Tribüne des Parlamentes werden die giftigsten Lügen, die gefährlichsten Verleumdungen gegen uns in alle Kronländer des Reiches getragen und sie dringen in die armseligsten Hütten, aber Niemand — nicht ein einziger soll dort sein, der Lüge zuzurufen, wer sie ist! Die Frage ist, wer für ein gedeihliches Ende sorgen soll. Die Wählermaffen empfinden instinktiv die Wichtigkeit des Momentes und ahnen die Erfordernisse der Zeit. D i e Führer unserer größten Gemeinden sind es, welche die Verantwortung vor der Geschichte tragen. Mögen sie es nicht darauf ankommen lassen, daß man ihre Namen sich nicht zum Guten merkt, weil sie die Macht, den Einfluß auf Parteien und Körperschaften hatten und in einem wichtigen entscheidenden Moment nicht verwendeten. Die Geschichte der österreichischen Judenheit ist reich an so manchem verhängnisvollen Versäumnis. Wenn aber die berufenen Führer des jüdischen Volkes jetzt die Wichtigkeit des Momentes nicht erfassen, dann ist ihre Unterlassung mehr als Sünde, dann ist sie schweres Vergehen. Es ist selten, daß das Volk seine Führet ruft: jetzt geschieht dies und der Ruf ist ein Schrei der Not unserer schwer arbeitenden, schwer bedrohten Massen. Er muß von jedem gehört werden, der die Ehre des Führertums mit Ehre erfüllt. ->-■ - " Die Verhaftung rnffischer Flüchtlinge i« Alexandrien. Aus Alexandrien wird uns geschrieben: Schon lange war die europäische Bevölkerung in Alexandrien und Kairo nicht in solcher Aufregung, wie seit einigen Tagen. In diesem Falle handelt es sich aber nicht um eine innerpolitische Angelegenheit, um ein Aufeinanderplatzen der stets sich bedrohenden Gegensätze zwischen Eingeborenen und Fremden; ein Vorfall hat sich ereignet, der wegen seiner allgemein politischen Bedeutung sofort, nachdem er bekannt wurde, in allen Klassen ohne Ausnahme das peinlichste Aufsehen und zugleich die höchste Verbitterung .hervorgerufen hat. Es war ein wahrhaft impulsiver Ausbruch tiefster Entrüstung über die Verletzung der stets geschätzten egyptischen Gastfreundschaft, als man hörte, daß drei russische Flüchtlinge hier verhaftet wurden. Bis jetzt ist es trotz aller privaten Erhebungen noch immer nicht klar geworden, ob die Arretierung über Verlangen des hiesigen russischen Konsulates oder über eigenes Vorgehen der Polizei erfolgt sei. Doch beim hiesigen Publikum spielen die Beweggründe keine Rolle, alle Bedeutung besitzt allein das reine Faktum, daß im freien Egypten ein solch unerhörter Vorfall, wie es die Verhaftung politischer Flüchtlinge ist, stattfinden konnte. Ein gewaltiger Protest ließ sich darauf aus allen Kreisen vernehmen; alles, was durch Besitztum oder Stellung irgendwie Einfluß besitzt, bestürmte die Behörden um Aufklärung oder um sofortige Abstellung des Mißbrauchs. Lord Cromer wurde mit Depeschen überschüttet und persönlich um Abhilfe und Beruhigung der Allgemein sehr erhitzten Gemüter ersucht. Indessen wurde die Börsentätigkeit in ihrem vollsten Gange unterbrochen, um ein Protestmeeting zu ermöglichen. Es fanden sich gleich Redner, die in zündender Sprache der allgemeinen Empörung über schmählich verletztes Gastrecht Ausdruck gaben und ihre Worte vollster menschenfteundlicher Begeisterung fanden ein lautes Echo