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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-02-01 · 5 (1.2.1907) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
5 (1.2.1907)
Date
1907-02-01
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 86 Dr. Dlocb's Mocbenscbr^ Nr. 5 schüft gegen die schurkischen „Japs", die Rußland unterwerfen wollten, wie man den Rekruten sagte. Es war ein wilder Kampf gegen die gelben Teufel. Schaudernd ziehen blutige Bilder an der Seele des Heimkehrenden vorüber. Er gedenkt der furchtbaren Kämpfe, des Mordens und Wütens, der Schlacht bei Liaojang, die ihm den linken Arm kostete. Jetzt kehrt er heim, ein Krüppel, ein Jüngling und ein Krüppel. Was werden die Eltern sagen, was das Schwesterchen? Tränen verdunkeln den Blick des Invaliden. Wochenlang ist er schon unterwegs. Lange war der Krieg zu Ende. Mit nichtigen Gründen hielt man die Truppen zurück. Verworrene Gerüchte aus der Heimat drangen ihnen zu Ohren. Sie forderten drohend die Heimkehr. Da gab man dem Drängen nach und ließ zuerst die Kranken und zum weiteren Dienst Untauglichen die Reise antreten. Die Reise war eine furchtbare Qual, schlechte Nahrung, elende Wohnstätten. Doch jetzt sollte es bald anders sein. Jetzt war er daheim, nur wenige Minuten noch, dann grüßte ihn das elterliche Haus. Er hatte lange nichts gehört von Eltern und Schwester. Ihre Briefe mochten verloren gegangen sein im kriegerischen Trubel. Er fragte den Bauer nach ihnen, der ihm gegen geringes Entgelt den Platz auf dem Strohbund überlassen hatte. Der wußte nichts und brummte nur mürrisch etwas zwischen den Zähnen. Der Wagen raffelte über die Straßen der kleinen Stadt. Am Marktplatz trennte sich der Soldat von seinem Fuhrherrn. Erstaunt blickte er umher. Es kam ihm alles so fremd vor. Uebc-rall türmte sich Gerümpel auf in den engen Straßen. Die Fensterhöhlen gähnten ihn leer an. Die Haustüren waren zerschmettert. Selten ließ sich jemand auf der Straße erblicken. Dem Invaliden wurde unheimlich zu Mute. Er schritt die Gasse herunter zum elterlichen Hause. Ueberall dieselbe Zerstörung und ängstliche Stille. Jetzt stand er vor dem altbekannten lieben Hause. Er schaute starr hin. Die Fenster waren herausgcrissen, ihm wohlbekannte Möbelstücke lagen auf der Straße, die Haustür war halb verkohlt. Von Entsetzen erfaßt trat er ins Innere. Die Zeichen wilder Zerstörung an allen Orten, Trümmer und Schutt überall, keine lebende Seele. Er wankte und griff nach einem Türpfosten. Dumpfes Gemurmel scholl aus einer Ecke des Flures an fein Ohr. Er tappte dahin. Ein halbblinder alter Anverwandter kauerte dort und murmelte Gebete. Er beachtete den Herantretenden kaum. „Wo ist der Vater?" stammelte der Soldat. „Tot" erhielt er zur Antwort-„Die Mutter, die Schwester?" — „Tot. tot — alles tot" murmelte der Alte. „Tot?", schrie der Heimgekehrte auf, „tot? warum — tot?" — „Weiß nicht", knurrte der Greis weltentrückt — „Väterchen hats befohlen — Kosaken — Soldaten kamen — und jetzt ist alles tot — alles tot." Ein Aechzen hallte durch den Raum, dann brach der Heimgekehrte zusammen. Schwer schlug sein Haupt gegen den Türpfosten. Der Alte betete weiter. „Die Auge« fiir Amerika." Skizze von Abraham Reisen. In dem kleinen Städtchen, wo er seine ganze Kindheit und ein Stück seiner Jugend verbrachte, fühlt sich Gerschon jetzt so einsam, so verlassen, und ein unstillbares Sehnen erfüllt ihn nach einer neuen Heimat, nach Amerika. Es zieht ihn dorthin, zu Vater und Mutter, zu Brüdern und Schwestern, zu den Oheimen und Muhmen, die nach und nach einzeln, paar- und gruppenweise allesamt nach Amerika hinübergefahren sind, einander mit Schiffskarten aushelfend. Er allein ist zurückgeblieben. Keineswegs etwa, weil die Seinen ihn nicht gern hatten, auch nicht weil sein Name zufällig in der Schiffskarte fehlte; nein, wie die der übrigen, war auch sein Name auf der Karte vermerkt. und man hatte ihn gleich den anderen Kindern lieb; dennoch konnte er nicht mit den Anderen mitgenommen werden. Die Verwandten, die aus New-Aork das Paffage-Billet geschickt hatten, warnten aufs Eindringlichste, daß, wer kranke Augen hat, sich nicht nach Amerika wage. „Hierzulande„ — so schrieben sie — „sind die Augen die Hauptsache. Ans die Augen gibt man mehr acht, als wie auf den Kopf, wenn schon auch der sauber fein muß. Mit den Augen aber ist es noch schlimmer." So begannen die Eltern denn die Augen ihrer Kinder zu mustern, und dabei wurden sie zu ihrem Schrecken gewahr, daß der älteste Sohn Gerschon wirklich schlechte Aenglein hat . . . „Weh' mir, was sollen wir mit ihm tun?", jammerte die Mutter und rang die Hände. „Vielleicht mit Bleiwasser waschen," rief der Vater. „Was Bleiwasser^? Weh' mir!" stöhnte die Mutter. „Man muß mit ihm zum Doktor." Der Doktor untersuchte Gerschons Augen und stellte Trachom fest. „Die Ausheilung muß lange dauern", fügte er hinzu. „Lange dauern?", jammerte die Mutter. „Die Schiffskarte läuft ja bald ab." Der Arzt war unerbittlich und erwiderte so kaltblütig wie ein Mörder: „Ihr werdet ihn zurücklaffeu müssen; man läßt ihn drüben nicht hinein." Gerschon schluchzte laut auf. „Weine nicht! Weh' mir!" mahnte die Mutter; „Du verdirbst sie Dir ja noch mehr." „Gewiß darf er nicht weinen," bekräftigte der Arzt. So mußte denn Gerschon zusehen, wie Vater und Mutter, Brüder und Schwestern ihre Sachen packten; mit Entsetzen empfand er den Gedanken, daß er allein, ganz allein bleiben würde; aber er würgte die aufquellenden Tränen nieder — er durfte ja nicht weinen. Auch nicht als alle weggefahren waren und er ganz allein blieb bei einer weitläufigen Verwandten, die gleichfalls auf eine Schiffskarte wartete und ihm mitnehmen sollte, nachdem seine Augen ausgeheilt waren. Wenn die Tränen ihn zum Ersticken würgten, begann er auf Amerika zu schimpfen. Böses Land, schlechtes Land! Was geht es sie dorten an, daß ich erkrankte Augen habe? Tut es etwa ihnen weh? Mir tut's ja weh, nicht ihnen." Aber alsbald berichtigte er sich selbst: „Es ist ja nicht wahr, es tut mir ja gar nicht weh ... Ich Hab' ganz gesunde Augen: ich seh' doch einen jeden Buchstaben im Siddur." In solchen Momenten erfaßte ihn die Lust, sich über die Dächer zu erheben, nach dem Lande feiner heißen Sehnsucht zu fliegen, nach Amerika, um dort Allen seine Augen zu zeigen, wie gut er sieht. „Man läßt mich nicht herein," schrie er dann auf und wurde zornig, wie einst auf den Schammes, der ihn nicht in die Synagoge hineinlaffen wollte, als ein fremder Chasen zur Probe vorbetete. Fluchen wollte er auf Amerika. Ueber das Land, in deni seine Eltern und Geschwister, seine Oheime und Muhmen wohnten? . . Nein, er wird nicht fluchen auf Amerika; weinen, weinen möchte er — aber er darf ja nicht weinen. Indessen, als der erste Brief von den Seinen eintraf, als er die ersten Worte: „Mein lieber Sohn" gelesen hatte, da hielt es ihn nicht länger; die lange zurückgedrängten Tränen rollten über seine Wangen, und jede Träne schien ihn weiter, immer weiter von Amerika zu entfernen. Darüber weinte er erst recht wieder und noch heftiger . . . Literatur. Judenlieder. Es kennzeichnet die moderne, dichterische Literatur, daß sie, die Anschauungen und Umstürze unserer Zeit wiederspiegelnd, mit Vorliebe Probleme behandelt, die abschreckend, ja grauenerregend wirken. Das Goethesche Wort: „Der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an", könnte zum Motto mancher Dichtung oder Sammlung von Gedichten dienen, die jüngst das Licht der Welt erblickten und auf den Büchermarkt geworfen wurden. Die Nerven der Menschheit sind überreizt, die Menschen verlangen Gesalzenes und Gepfeffertes, auch in der Literatur, selbst in lyrischen und epischen Gedichten. Schrecken und Grauen, das Uebermenschliche, das Nervenerschütternde zieht uns heran. — Nur das Krankhafte, das Pathologische findet bei dem dekadenten Gefchlechte unserer Zeit Anklong, und es besingen die Dichter das schwere Leid der Menschheit so, daß es das Innerste ergreift und erschüttert. Manche dieser modernen Dichtungen weisen auf sehr begabte Poeten hin und wir bedauern, daß diese ihre nicht zu verkennende Begabung Stoffen zuwendeten, die in der dichterischen Behandlung, welche sie gefunden haben, einen bitteren Nachgeschmack erzeugt. Schade um so viel Begabung, die nicht vermag, eine Freude hervorzubringen. Dies gilt auch von einem unleugbar sehr begabten Dichter, von dem soeben ein Band von „Liedern" erschienen ist. Sie nennen sich „W e l t l i ch e L i e d e r e i n e s G e i st l i ch e n" ') und schon der Bnchumschlag, der eine nichts weniger als keusch zu nennende Zeichnung bringt, sagt, „was für Arbeit unser Held gemacht", um mit dem alten Uhland zu sprechen. Es ist gleichsam symbolisch für diesen unseren Dichter, daß er für die einzelnen Teile seiner Dichtungen, meist Lieder und Balladen, denen em Kapitel von Aphorismen, „Ketzergedanken", folgt, Sinnsprüche aus den Werken Lenaus wählt, des großen österreichischen Dichters, dessen Genie sich meist in jenen seiner Dichtungen offenbart, die wir nicht anders als Produkte einer schwer kranken Dichterseele bezeichnen können. Sonst hat allerdings dieser allzuweltliche „Geistliche" wenig mit Lenau ge- *) Verlag „Harmonie" Berlin.

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