Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 5 (1.2.1907)
- Date
- 1907-02-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 5 Vr. Bloches WortzenzchrM Beite 77 Da Kain durch Lemach getötet wurde, der in der siebenten Generation nach Adam lebte, so kann ihn, Lemach, welcher den Mord nicht wollte, erst im 77. Geschlechte die göttliche Rache treffen, weshalb die Frauen keinen Grund sm Befürchtung hätten. Die gewollte und durch die Da^wischenkunft eines Engels verhinderte Opferung Isaaks scheint ebenfalls dieser alten Quelle entnommen zu sein, wie. Genesis 6 von l bis 9 (nvnbx — — crb'äan). Die sprechende Eselin Bileams, die den Engel eher wahrttimint, als es das prophetische Auge ihres Herrn vermag, sowie die herrlichen Gedichte, welche die alte Sage dem Feinde unseres Volkes zuschreibt, sind, wie bereits erwähnt, dein "> mianbtt “20 entnommen und der Schrift einverleibt, um ihnen den Abglanz der Heiligkeit angedeihen zu lassen. Alle diese aus einer überreichen Volkspoesie herausgewachsenen Sagen und Dichtungen, deren Anfänge mit der Urgeschichte unseres Volkes zusammenfallen und mit dein Wachsen desselben sich fortgebildet haben, wurden in dem ” mönbö -iöd zu einer Zeit festgehalten, da das Schreiben nicht Jedermanns Sache war und noch als cvi'rx jrrsx verehrt und bewundert wurde. Jene späteren Führer des Volkes, die für sich das Recht abgeleitet haben, den Kanon einer Revision zu unterziehen, hätten nicht die verloren gegangenen Bücher als solche, als vielmehr in der Thora selbst so manches zu eliminieren gefunden, wenn sie nicht die höchste Ehrfurcht vor jedem Satze in derselben gehabt und das Verbot 1:eö man rby spn-sb V.'23. M. 31. 1., sie daran gehindert hätte. Ephraim war nicht mehr. Die Daviden waren Gegenstand höchster Lichtung, Hoffmng und Zuversicht der ans dem Exil zurückgekehrten Inden. Dennoch haben sie es nicht unternommen, die etwas abseits gelegene Erzählung Jehuda und Tamar, David und Bath- Seba, Amnan und Tamar zu unterdrücken. Als apokryph haben sie mit Recht Schöpfungen jener Dichterlinge erklärt, die näher der griechischen als der jüdischen Weltanschauung standen. Das Buch Tobias mit seiner damals bei den griechisch sprechenden und schreibenden Inden in Mode gewesenen Erzählnngsart, das Buch Judith usw. waren Nengebilde, die von der alten Art so sehr verschieden waren, daß es für den Glauben an die alten Wunder eine Gefahr gewesen wäre, wollte man jene in den Kanon aufnehmen. Was aber alt und in das Bewußtsein der Volksseele übergegangen ist, das wurde nicht nur nicht unterdrückt, sondern cs wurde für die Erhaltung desselben tunlichste Sorge getragen. Im Gegensätze zu „Israel", das sich dein Untergänge nicht entziehen konnte, hatte das Judentum die volle Eignung, nicht nur seine Eigenart, sondern auch seine geistigen Schätze trotz Drangsal und Ungemach für die Ewigkeit zu retten. Diese Eignung gab den Talmudrsten Veranlassung zur überzeugenden Behauptung, daß die Bnndeslade mit ihrem Inhalte rechtzeitig den rohen und räuberischen Händen der Eroberer entzogen und in Sicherheit gebracht wurde. Auch ist die lieber,zeugung lebendig, daß Moses zwölfmal die Thora geschrieben hat, für jeden Stamm je ein Exemplar und ein dreizehntes hat er zu den Steintafeln in die Bnndeslade gelegt, ("jbn “HD Tö) Die ins Exil gewanderten Juden haben nickt nur die nationalen Lieder, die sie r# genannt baben und die sie in Feindesland, an den Bächen Babylons nicht singen wollten, in und mit sich getragen, sondern sie verwahrten wie Kleinodien die Rollen, in welchen nationaler Geist von vielen Jahrhunderten anfgespeichert war, und haben diesen geistigen Schatz uns und der Welt bewahrt. Ein Volk, das cme so hohe Begabung besitzt, Ueberkommenes zu erhalten, von dem ist nicht anzunehmen, daß es mit Absicht das Erhaltene oder einen Teil desselben zerstört hat. Korrespondenzen. Aus der öffentlichen Sitzung des israelitischen Kultusvorstandes vom 27. Jänner 1907 unter dem Borfitze des Präsidenten Herrn Dr. Alfred Stern. Präsident Dr. Alfred Stern: Bevor wir in die heutige Tagesordnung eingehen, geziemt es sich, eines Mannes zu gedenken, durch dessen Hinscheiden das Judentum einen unersetzlichen Verlust erlitten hat, des vor wenigen Tagen dahingeschiedenen Dr. Moriz Steinschneider. Seine wissenschaftliche Bedeutung zu würdigen, muß ich Berufeneren überlassen, und es sei mir deshalb gestattet, aus einem das Wirken des Verewigten in knappen Zügen zeichnenden Schreiben unseres verehrten Oberrabbiners Herrn Dr.G üd em ann einiges hervorzuheben. — Steinschneider, der am L0. März 1816 in Proßnitz geboren ist, war in bibliographischer Hinsicht unstreitig der größte Kenner der jüdischen Literatur, der seinesgleichen vorher nicht hatte und schwerlich finden wird. Er übersah nicht bloß die in hebräischer und arabischer Sprache von den Juden aller Zeiten verfaßten Werke, sowohl diejenigen religiösen und philosophischen Inhalts, wie auch die medizinischen, mathematischen, astronomischen und überhaupt naturwissenschaftlichen, sondern er hat auch zuerst ein umfassendes Bild von der erstaunlich ausgebreiteten Ueberletzungstätigkeit gegeben, wodurch die Juden der Gelehrtenwelt des Abendlandes zuerst die Bekanntschaft mit den wissenschafllichen Leistungen der Araber und durch diese mit denen der Griechen vermittelt haben. Steinschneiders Arbeiten sind für jeden Geschichtsschreiber der Juden eine unerschöpfliche Fundgrube. Tie äußere Laufbahn Steinschneiders bietet durch ihre lange Tauer und ihren Reichtum an Sorgen und Kümmerlichkeiten eine lehrreiche Illustration zu der planmäßigen Zurücksetzung und der hochmütigen Nichtachtung, welche die offiziellen Kreise der jüdischen Literatur, deren Resultate sie sich doch zunutze machen, noch immer angedeihen lassen. Ein Beweis hiesür ist auch die verhältnismäßig geringe Anzahl von Anerkennungen, deren sich Steinschneider trotz seines langen Lebens erfreuen durfte und die in keinem Verhältnisse zu der überragenden Bedeutung des Verewigten standen. Wir werden das Andenken Steinschneiders stets in Ehren halten. Es gezienlt sich weiters, eines Mannes zu gedenken, der zwar nicht dem Kreise unserer Glaubensgemeinschaft angehörte, sich jedoch um diese nicht genug zu rühmende Verdienste erworben hat, des vor kurzer Zeit verewigten Tr. Josef K o p p. Das Hinscheiden dieses Mannes erweckt die Erinnerung an eine Zeit, in welcher die so oft widerlegte, verleumderische Blntbeschuldigung gegen die Juden unter einem wissenschaftlichen Deckmantel wieder erhoben worden war. Damals stand Kopp in dem bekannten Prozesse Rohling-Bloch, der nicht ein Prozeß zweier Personen gegen einander, sondern ein Prozeß des Judentums gegen seine tückischen Verleumder war, mit allen seinen Kräften und Fähigkeiten, mit dem ganzen Aufgebote seines reichen Wissens und Könnens auf Seite des verleumdeten Judentums gegen seine Verleumder und mit welchem Erfolge, ist noch heute in unserer dankbaren Erinnerung. lieber die Prozeßakten hat dann Dr. Kopp ein hochinteressantes Buch „Prozeß Rohling-Bloch" veröffentlicht, welches eine Fundgrube von Wissen und Dialektik gegen die aus den finsteren Zeiten des Mittelalters herrührende Ritualmvrdbeschuldigung bildet und für alle Zeiten bilden wird. Auch in einem späteren Falle hat Dr. Kopp in ähnlicher Weise gewirkt. Heute nach so vielen Jahren mag es auch gesagt werden, daß in jenen schweren Zeiten, in jenem späteren Prozesse der Wiener Kultusvorftand nichts unversucht ließ, um der Wahrheit zu ihrem Rechte zu verhelfe» und mit allem Nachdrucke auf eine öffentliche, gerichtliche Klarstellung der Sache hinznwirken. Es wurden Eingaben und Anklagen und zwar durch mich als den damaligen Vizepräsidenten persönlich den kompetenten Faktoren überreicht; unsere Anklage und alle unsere Gesuche wurden mündlich abgelehnt: eine schriftliche Erledigung ist nicht erfolgt, auch bis heute nicht. Es drängt mich, Ihnen dies zur Kenntnis zu bringen, heute, wo wieder ein ähnlicher Fall unsere Gemüter auf das Tiefste erschüttert, ein Fall, den wir nie und nimmer ans dem Auge verlieren werden, bis auch in dieser Sache der Gerechtigkeit zum Siege verholfen werden wird. (Lebhafte Zustimmung.) Bezeichnend ist, daß der Verewigte trotz der vielfachen, ausgezeichneten Wirksamkeit auf anderen Gebieten gerade dieser Angelegenheit eine besondere Bedeutung beimaß, was aus den Worten hervorging, die er wiederholt unter anderem auch an mich richtete. „Wenn alles das, was ich geleistet habe, vergessen und versunken sein wird, dieses Buch wird nicht versinken, wird ein lebendiges Zeugnis für alle Zeiten sein/' — Mit diesem Buche wird auch das Andenken seines Verfassers stets in dankbarer Erinnerung erhalten bleiben.