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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-02-01 · 5 (1.2.1907) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
5 (1.2.1907)
Date
1907-02-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. ö Dr. VLocb s Mocdenscvrirr. TeNc 75 Der Prozeß Decker t fand im September 1893 statt. Bis Oktober 1895 dauerte die geheime Arbeit, Dr. Bloch aus dem Abgeordnetenhaus zu entfernen. Nachdem Dr. B l o ch am 22. Oktober 1895 das Mandat zurückgelegt hatte, fingen die Bemühungen an, einen Ritualmordprozeß zu schaffen. Man versuchte, in verschiedenen Städten Mährens und Böhmens ein geeignetes Objekt zu finden, und in den ersten Monaten des Jahres 1899 glückt endlich das Unternehmen in Polna. Die Zusammenstellung dieser Daten sind nicht unwichtig für das Verständnis des historischen Werdeganges in der Affaire H i l s n e r. Wir bemerken bei dieser Gelegenheit, daß es geradezu eine Schande ist, die arme, alte und unglückliche Frau hungern zu lassen und richten an jeden größeren Frauenverein die Bitte, hier durch dringend notwendige regelmäßige Unterstützungen einzugreifen, was ein sehr großes Verdienst wäre. Frau Maria Himmelreich, geborene Hilsner, wohnt Groß-Meseritsch in Mähren, Judengasse 7. Die unglückliche Mutter Hilsners sendet uns nachstehendes, aus der Strafanstalt Stein ihr zugekommenes Schreiben: 8 t 6 ln au der Donau 16 Januar 1907 bei Krems Liebe theure. Mutter! Vor, Allen Grisse ich dich vielmals. Ich thu dabei, weinen, die Trenen fliessen, mir von die Augen, Ich bin, vor grosse Leiden, und Kummer sehr krank, die Sache ist sehr gezwungen, zum Kaiser kommen, wegen unsere, traurige, Elende Lage, Ich, muss, Unschuldig schmachten, Du muss, in bitere Noth leben Was ist das für ein, Strafprozess? eine arme Familie Unglücklich, zumachen, die Ere, hatt manu mir genommen, Wer wird mir sie wieder geben? Liebe, theuere Mutter, sei so gut und, schreibe, gleich an Hern Dr. Bloch nach Wien, ich bitte, Im Fussvelig, kniend, er soll unser, Vatter und Krone, vorstellen, und soll die Anzeige, richten bei der, Löbliche Kultusvorstande in Wien Sie sollen, zum Audienz, vortreten, vor semer. Majestet des Kaiser, und bitten, für mich um Gnade Er ist der Vatter, von Allen und Herscher, Bittere Tage, und bittere Nächte muss, ich dadurch verbringen ich kann es bei der heilige Tora beschwern, das ich muss, Unschuldig leiden, die Sache, muss kommen zum, unsern Vatter, seinem Kaiser, Majestet das sein Herz erweicht wierd, Ich befinde mich in selben Unglücksfall, wie die Dreifus. Affaria war, Liebe theuere, Mutter ich habe, mit dem Hern Dr. Rabb ner Diamant gesprochen, das du hitere Noth hast der mir sagte du solst bitten, den Hern Dr. Bloch er soll mein Brief, in der Wocheuschrieft geben, da jeder weiss das ein Jude Unschuldig schmachten, muss Der Her Dr. Bloch, soll, sich unser, Erbarmen und anehmen, unser Vatter, vorstellen für heute schliesse ich mein, schreiben, und verbleibe dein treuer Unglücklicher, Sohn, Leopold Hilsner, K. u. k. Strafanstalt Stein! Der Brief spricht in seinem unverkennbaren Tone der Glaubwürdigkeit und Verzweiflung für sich selber. Er wird gewiß jeden Leser aneifern, sein Möglichstes zu tun im Kampfe gegen die entmenschten Bestien, welche den kolossalen Justizmord an Hilsner herbeiführten. Polnische Juden. Vor kurzem ist der Briefwechsel von Franz Liszt mit der Gräfin Kalergi erschienen. Es ist das die Dame, die Heinrich Heine in seiner Romanze „Der weiße Elephant" besungen hat. Sie heiratete in zweiter Ehe Herrn Muchanow, der Polizeimeister von Warschau war. 1873, kurz vor ihrem Tode, schreibt sie aus Warschau: „In Warschau verkehre ich nur mit Juden und billige alles, was sie tun. Nur sie interessieren sich für die guten Sachen, üben Wohltätigkeit mit ihrem eigenen Gelde, finden Genuß an der Musik und unterstützen die Künstler. Wenn wir Slaven allein unter uns bleiben sollten, so würde man bald nur einen Haufen armer Faulenzer sehen, die sich untereinander auffreffen. ..." Gewiß ein sehr bezeichnendes Bekenntnis, denn Frau Kalergi-Muchanow gehörte selber zur Creme der russischen Gesellschaft. Nun ist es sehr interessant, daß ihr Richard Wagner sein giftiges Pamphlet „Das Judentum in der Musik" gewidmet hat. Noch interessanter aber ist, daß ihr Enkel der Graf Heinrich Coudenhove war, der ein vortreffliches großes Buch — gegen den Antisemitismus geschrieben hat! Sabbath- und Sonntagsruhe. Eine Ministerial-Entschließung in Bayern. Die bayerischen Rabbiner richteten an das Ministerium des Aeußern (dem die Gewerbe und der Handel unterstehen) eine Eingabe mit der Bitte, bei weiterer Verschärfung der Sonntagsruhe oder der vollständigen Durchführung derselben den Israeliten, welche den Sabbath heiligen, am Sonntag mehrere Stunden Bureauarbeiten seitens der jüdischen Angestellten zu gestatten. Der Schluß des Gesuches lautete: „Für solche Geschäfte von Israeliten, welche die Sabbathruhe streng beobachten, möge die Bestimmung getroffen werden, daß sie an Sonntagen mehrere Stunden lang solche Komptoir- und Lagerarbeiten erledigen dürfen, welche die Sonntagsruhe ihrer Mitbürger nicht stören, und zwar durch solche jüdische Angestellte, welche ihrerseits die Sabbathruhe beobachten." Hierauf ging, wie die „D. I. Zeitung" meldet, folgende Antwort ein: München, den 14. Dezember 1906. Kgl. Bayer. Staatsministerium des Känigl. Hauses und des Aeußern. „Auf die Eingabe der Rabbiner Bayerns vom 16. Juli 1906 wird auf den 8 105 d Abs. 2 der Gewerbeordnung und auf die Entschließung des Königl. Staatsministeriums des Innern vom 18. April 1892, die Sonntagsruhe im Handelsgewerbe betreffend (Amtsblatt des Königl. Staatsministeriums des Innern Nr. 16) mit dem Bemerken hingewiesen, daß das Königl. Staatsministerium des Königl. Hauses und des Aeußern nicht in der Lage ist, eine allgemeine Anordnung im Sinne der Eingabe vom 16. Juli 1906 zu treffen. Nach § 105 b Abs. 2 der Gewerbeordnung kann die für Gehilfen rc. an Sonn- und Festtagen zugelassene Beschästigungszeit von fünf Stunden durch statutarische Bestimmung einer Gemeinde oder eines weiteren Kommunalverbandes für alle oder einzelne Zweige des Handelsgewerbes aus kürzere Zeit eingeschränkt oder ganz untersagt werden. Hiernach liegt es in der Hand der Gemeindebehörden, die etwaige Einschränkung oder Untersagung der Beschäftigung, um die es sich bei der Petition der Rabbiner ja handelt, den örtlichen und bezw. konfessionellen Verhältnissen anzupassen und die von den Petenten gefürchteten Härten und Mißstände hintanzuhalten. Das Königl. Staatsministerium des Königl. Hauses und des Aeußern ist nun nicht abgeneigt, jenen Gemeindebehörden, welche durch statutarische Bestimmung die Beschäftigung von Gehilfen, Lehrlingen und Arbeitern an Sonn- und Festtagen einschränken oder gänzlich untersagen, zu empfehlen, auf die in der Eingabe der Rabbiner geschilderten Verhältnisse tunlichst Rücksicht zu nehmen. Sache der Rabbiner wird es sein, jene Gemeindebehörden, die in Betracht kommen, hierher namhaft zu machen. Bezüglich des weiter gestellten Petitums, bei allsallfiger gesetzlicher Einführung der vollständigen Sonntagsruhe für die Wünsche der Petenten einzutreten, behält sich das Kön. Staatsministerium des Kön. Hauses und des Aeußern seine Stellungnahme vor. gez. P o d e w i l s." Moritz Steinschneider. Der bedeutendste Vertreter der hebräischen Linguistik und gleichzeitig der Nestor der ganzen Sprachwissenschaft, Profeffor Moritz Steinschneider, ist vergangene Woche in Berlin im Alter von 91 Jahren dahingeschieden. Der greise Gelehrte, dessen Name seit Jahrzehnten weit über die Grenzen Deutschlands hinaus hohe Bedeutung auf dem Gebiete der orientalischen Sprachforschung gewonnen hat, beschloß ein tatenreiches, von vielen Erfolgen gekröntes Leben. Seine ganze Wirksamkeit war von jenem vornehm-wissenschaftlichen und freiheitlichen Geiste erfüllt, der die ganze vergangene Gelehrtengeneration auszeichnete und alle ihre Vertreter im edelsten Sinne zu Kulturbildnern machte. Am 30. März 1816 zu Proßnitz in Mähren geboren, wo sein Vater als Rabbiner tätig war, trieb Steinschneider

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