Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 4 (25.1.1907)
- Date
- 1907-01-25
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 7» Dr. Lloev s Mlocvenscbrlrr. Nr. 4 standen, vor sich gegangen, so forschte er doch nicht nach der Ursache derselben, sondern begnügte sich mit der erfreulichen Tatsache, Rahe! im guten Einvernehmen mit seiner Mutter zu sehen, und war er mit dem Einverständnisse derselben, Rahel an seiner Seite als Pflegerin zu sehen, vollkommen befriedigt. Sein fragender bittender Blick heftete sich wohl auf Rahel, doch wollte diese, auS Furcht, daß eine Erzählung über den Besuch seiner Mutter bei ihr und von dem Inhalt der mit dieser gepflogenen Unterredung ihn aufregen könnte, jede Aussprache mit ihm vermeiden. Sie versuchte es nur, ihn mit einem stummen Händedruck zu beruhigen. Doch als Rüben tags daraus mit seiner Mutter allein war, konnte er nicht länger an sich halten und beftagte er sie um den Grund ihrer plötzlichen Umwandlung in ihrem Verhältnisse zu Rahel. Frau Duschnitz erwiderte: „Gerade heute wollte ich Dir, lieber Rüben, über Alles Aufklärung gÄben, da ich Dich Gott sei lob und dank für genug kräftig halte, den ganzen Sachverhalt anzuhören, ohne befürchten zu müssen, daß dies Dir, sei es auch eine fteudige Auflegung, schaden könnte. So erzählte sie denn Rüben die Ursache ihres Besuches bei Rahel und schließlich von ihrem Gelöbnisse, chm ihre Einwilligung zur Schließung eines Ehebundes mit Rahel zu geben, wenn Gott ihr Gebet erhören werde und ihn wieder genesen laste. „Nun", schloß sie ihre Erzählung, „hat Gott mein Gebet erhört und kannst Du lieber Rüben schon jetzt Rahel als Deine Braut betrachten. Hoffentlich wirst Du, wenn Du Deine Rahel heiratest, auch für mich noch ein wenig Liebe übrig haben. Nur meine übergroße Mutterliebe war der Grund, baß ich immer gegen Deine eheliche Verbindung mit Rahel gewesen, da ich befürchtete, daß diese Deiner Kindesliebe Abbruch tun könnte, doch als die Gefahr nahe gewesen, Dich gänzlich zu verlieren, entschloß ich mich, meine Mutterliebe mit einer Anderen zu teilen, und wie ich mich überzeugt, mit keiner Unwürdigen. Der Allgütige hat mein Opfer gnädig angenommen und hat Dich geliebter Sohn wieder gesunden lassen. Seid glücklich miteinander und Gottes Segen begleite Euch auf allen Lebenswegen." Rüben fühlte sich überglücklich und fand keine Worte, die Freudengefühle, die sein Herz bewegten, seiner Mutter auszudrücken. Ein Tränenstrom erleichterte sein übervolles Herz und konnte er nur die Worte: „Danke, danke, gute Mutter!" hervorbringen. Als Rahel nach kurzer Zeit das Zimmer Rubens betrat, verkündigte ihr schon das von Glück und Freude strahlende Gesicht Rubens die vorteilhafte Veränderung, die mit ihm vorgegangeu war. Sie merkte es sogleich, daß seine Mutter ihm bereits von ihrem Glücke, dem nun kein Hindernis mehr im Wege stand, Mitteilung gemacht hatte. Kaum war Rahel an sein Bett getreten, da umarmte er und küßte sie mit den Worten: „Rahel, meine geliebte Braut, jetzt steht nichts mehr unserem Glücke entgegen! Gott hat unseren innigen Wunsch erfüllt. Meine Mutterweiter konnte er vor Aufregung nicht sprechen. Rahel, selbst aufs tieffte erregt, welche seine Küste stürmisch erwiderte, hatte Mühe, ihn zu beruhigen, indem sie ihm zurief: „Nicht wahr, geliebter Rüben, wir haben doch wacker ausgcharrt, bis der Allgütige unsere sehnsuchtsvollen Wünsche erfüllt. Es war wohl eine lange und harte Probe, doch haben wir diese gut überstanden." Unter der sorgsamen Pflege Rahels und seiner Mutter hatte fich Rüben bald von seiner schweren Krankheit, die er zu überstehen hatte, erholt und war er in kurzer Zeit gänzlich wiedergenesen. Bald darauf wurde Hochzeit gefeiert und es gab in weitem Umkreise kein glücklicheres Paar als Rüben und Rahel. Rüben bestrebte fich, als Armenvorsteher seiner Gemeinde de« lieben Gott durch viele Wohltaten an den Armen für seine Wiedergenesung und für die dadurch ermöglichte Vereinigung mit Rahel zu danken. An beiden Liebenden hatten sich die Worte Nachmn Jsch gam su’s *) „gam an letaawo“-4) bewährt. Die schwere Krankheit Rubens bildete den Grundstein zu ihrem Glücke, an welchem Rubens Mutter, die Frau Duschnitz, innig teilnahm. ') Auch dieses führt zum Glücke. 2) Ein frommer Mann, der fich bei jedem Unglück, das ihm betroffen, mit den Worten „Gam an letaawo“ tröstete. Literatur. Ueber Jakob Wassermann plaudert Gabriele Reuter in einem Feuilleton des „Tag". Es heißt dort bei der Besprechung der jüngst erschienenen Novellen des jüdischen Autors: „Nicht die Tat und auch nicht das Aufsteigen zur Klarheit ist das Stoffgebiet von Wassermanns Kunst. Wo sie Krankheit, Leiden, dumpfen Trieb und wahnsinnige Ekstase schildert, da werden die Farben seiner Bilder glühend wie die Sonnenuntergänge im Orient oder schillernd in den zartesten Nuancen der Perlmutterschale. Es bebt orientalische Wollust in seinem Stil und orientalische Begierde nach dem überladenen Punkt des Ausdrucks. Subtilste Gemütsregungen schmückt er mit den Perlengehängen und den gleißenden Juwelen seiner Worte. Seine höchsten Reize schöpft dieser Dichter aus seinem Judentum. Und er schöpft sie bewußt. Sein Geist hat die Verfeinerung sehr alter, entarteter Rassen — so würde er selbst sich ausdrücken. Glaubt man an Mächte der Vererbung, so fühlt man hier: die Füße seiner Vorfahren sind vom Blute ihrer Leiden benetzt, ihre Träume wurden vergiftet durch die Erinnerung an Folterqualen. Die Augen seiner Ahnenmütter schimmerten feucht und dunkel in der Glut uralter Schmerzen, die über das Persönliche hinweg vertieft sind, aus den Schmerzen eines Volkes, und dieser wollüstige Schmerz glänzt wieder in den Blicken seiner poetischen Töchter. Das Haupt geheimnisvoll umschleiert, die Brust entblößt, daß man den Schlag ihrer Herzen zucken sieht, so wandeln sie traumbefangen über die Bühne ihres Daseins. Ob er sie Renate Fuchs oder Johanna von Spanien, Clarisse Mirabel oder Sarah Malcolm nennt.. . das find nur Namen. Ihre Schicksale sind nur verschiedenfarbige Kleider, in die der Dichter seine Träume vom Weibe vermummt. Und er empfindet in jedem Weibe nur das Weib seiner Rasse. Es gibt aber doch feine Linien, welche die jüdische Hysterische von der germanischen und diese wieder von der slavischen unterscheiden. Sie sind mehr zu fühlen als in Worten auszudrücken. Wassermann ist uns im Kreise seiner Frauen noch die russisch-jüdische Revolutionärin schuldig. Keiner versteht so wie er das Handeln unter Zwangsvorstellungen glaubhaft zu machen und das Ergriffensein einer Menge vom fiebertollen Wahn — den hysterischen Massentaumel, der ihm das Bild des Menschenlebens als Symbol am tiefsten zu spiegeln scheint. Immer zieht es ihn zu solchen Zeiten in der Kulturgeschichte wie in kleinen menschlichen Gemeinschaften, wo derartige Phänomene sich an die Oberfläche drängen. Das beste Stück in seinem Roman „Die Juden von Zirndorf" ist das Vorspiel: als es in den jüdischen Niederlassungen in Franken lebendig wird und die Menschen sich aufmachen, um in einem Rausch religiöser Exaltation den sagenhaften neuen Erlöser aus dem Morgenlande zu suchen. Man denke hier an die Schilderung des Aufbruchs der dalekarlischen Bauern nach dem heiligen Lande in Selma Lagerlöffs „Jerusalem". Man vergleiche ihre Gertrud und deren verzücktes Warten auf den Heiland mit der Verzückung und Hingegebenheit der Wassermannschen Mädchen, um ganz den so unendlich starken und lehrreichen Unterschied der Spielung ähnlicher Erscheinungen im orientalischen und im germanischen Künstlertemperament zu empfinden." Neue Bücher. Hermann Rosenthal. Spätherb st nebel, Reime. Geheftet M. 2.50, gebunden M. 3.50. Verlag von Strecker & Schröder, Stuttgart. Saul Raphael Landau. Der Polenklub und seine Hausjuden. Verlag von C. W. Stern, Wien. 1907. Dr. Ignaz Ziegler, Rabbiner in Karlsbad. Der Kampf zwischen Judentum und Christentum in den ersten drei christlichen Jahrhunderten. Verlag von M. P o p p e l a u e r, Berlin, 1907.