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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-01-25 · 4 (25.1.1907) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
4 (25.1.1907)
Date
1907-01-25
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 4 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 69 Sie wurde dies auch mit der Zeit. Jedem seiner Gedanken brachte sie ihr volles Verständnis entgegen. Alles beriet er mit ihr. Nur von seiner Mutter vermied er mit ihr zu sprechen, denn er ahnte, daß diese sie nicht liebte und damit hatte er recht. Rahel haßte seine Mutter, den finsteren Schatten, der zwischen ihr und dem Glücke stand. Und nun sollte er sterben in den Armen seiner Mutter. Seine Mutter, die ihn gepflegt, sollte ihm die Augen zudrücken? Wie gerne wäre sie als treue Pflegerin ihm hilfreich beigestanden. Doch sie konnte ja nicht sein Haus betreten, und wenn sie dies auch gedurft, so hätte sie dies auch nicht tun können, da es ihr unmöglich war, mit einer Frau zusammen zu treffen, die sie als ihre Todfeindin betrachtete. In tränenloser Verzweiflung irrte ihr Blick zu seinem Fenster hinüber, von wo er ihr so oft einen Gruß zngewinkt hatte. Doch jäh ließ ihre Hand den Vorhang fallen, Rubens Mutter stand drüben. Mit schmerzensstarrem Antlitz schaute die alte Frau sie an. Gegen ihren Willen fühlte Rahel sich in diesem Augenblicke mit ihr durch ein festes Band verbunden; auch sie liebte ihn heiß und stark und litt mit ihr um ihn. Doch Rahel wollte kein Mitleid mit ihr empfinden. Mit ihrem ganzen Hasse wehrte sie sich dagegen; seine Mutter verdiente ihr Mitleid nicht. Lange saß sie am Fenster in sich zusammengesunken, als der leise zitternde Ton der Hausklingel sie aufschreckte. Es graute ihr davor, jetzt ein gleichgiliiges Gesicht sehen zu müssen. Doch wie erschreckt fuhr sie zurück, wer draußen stand, war Frau Duschnitz, Rubens Mutter. Zum Erbarmen sah sie aus, mit ihren tränenlosen, brennend heißen Augen. Regungslos wartete sie, bis Rahel, von ihrer Bestürzung sich erholend, sie kühl und abweisend fragte: „Wünschen Sie mich zu sprechen, Frau Duschnitz?" Die alte Frau nickte schweigend und schritt an Rahel vorüber in's Zimmer, wo sie ganz erschöpft in einen Sessel sank. „Es trieb mich," begann sie, „aus dem Hause zu ihnen, Fräulein Rahel, dem einzigen Wesen, welches Rüben außer mir so innig liebt." „Sie wußten," schrie Rahel auf, „daß wir uns lieben und dennoch —„Ich wollte diese Liebe mit Niemandem teilen und war eifersüchtig darauf," antwortete diese. „Nicht des Geldes halber, wie so viele der Meinung waren, und sie nicht minder, habe ich mich einer ehelichen Verbindung widersetzt, sondern weil ich aus übertriebener Mutterliebe keine Andere neben mir dulden wollte. Jetzt, wo ich fürchte, ihm gänzlich zu verlieren, sehe ich es ein, wie unrecht ich gehandelt, als ich das Lebensglück zweier Liebender, deren Herzen sich schon seit Jahren gefunden, das Glück einer Doppelwaise zerstören wollte. Diese Sünde noch womöglich gut zu machen, bin ich gekommen, bevor es zu spät wird, indem ich hier feierlich erkläre, daß ich, wenn Gott meinen Rüben das Leben schenkt, meine volle Zustimmung zur Verwirklichung des Liebesbundes meines guten Sohnes mit Dir liebe Rahel (Du erlaubst mir doch das Duwort zu gebrauchen, denn ich betrachte mich jetzt schon als Deine Mutter) zu geben bereit bin. Hoffentlich wirst Du mir mein bisheriges Vorgehen verzeihen und mich an Euerem Glück teilnehmen lassen, indem ich bei Euch im Hause bleiben können werde. Ich bin gekommen, Dir dies zu sagen, bevor ich am Beth Chajim') auf den Gräbern meiner Eltern und meines seligen Mannes für die Erhaltung des Lebens meines teueren Sohnes beten gehe. Doch bevor ich dieses tue, wollte ich zuerst das an Dir und an meinen armen Rüben begangene Unrecht gut machen, wenn dies nur nicht zu spät ist." Tief erschüttert sank Rahel vor Frau Duschnitz nieder. Diese streichelte den Kopf der Knieenden. Mit beiden Armen umschlang Rahel die Mutter Rubens, die sich mütterlich zu ihr neigte. Mund an Mund fanden Beide unter stürmischen Küssen die ersten erlösenden Tränen. Einige Stunden später sah man Frau Duschnitz mit dem Gebetbuch in der Hand in Begleitung zweier Bne Thora') von der zum Beth Chajim führenden Straße Herabkommen. Ihr Gesicht hatte den finsteren Ausdruck verloren und eine hoffnungsvollere Miene angenommen. Sie fühlte sich so leicht, wie schon lange nicht, denn sie hatte, seitdem sie am Beth Chajim auf den *) Friedhof. *) Thoragelehrte. Gräbern ihrer Teueren gebetet, durch ein nochmaliges Gelöbnis, ihr an den beiden Liebenden begangenes Vergehen gut zu machen, ihr Gemüt entlastet. Voll der besten Hoffnungen kehrte sie nach Hause zurück, wo sie Rüben im tiefen Schlafe, der ihn lange gemieden, antraf. Die große Fieberhitze, die dem Kranken früher durchglühte und deffen Gesicht glührot gefärbt hatte, schien gewichen zu sein und hatte einer sanften Röte Platz gemacht. Auch Herr Dr. Stein, der noch morgens den Zustand Rubens als einen solch verzweifelten bezeichnete, war über die plötzliche Veränderung, die inzwischen eingetreten war, angenehm überrascht und sagte, daß, wenn die Nacht gut vorübergehen werde; sich noch Alles zum Guten wenden könne. Rüben verbrachte zwar die Nacht noch ein wenig unruhig und redete in seinen Fieberphantasien allerlei dummes Zeug zusammen, worunter man oft den Namen Rahel hören konnte; doch gegen den Morgen wurde er ruhiger, und es stellte sich bei ihm ein erquickender Schlaf ein, aus welchem er erst gegen 10 Uhr vormittagerwachte. Die Fieberhitze, welche sein Gesicht erglühen gemacht, war gewichen und hatte einer auffallenden Blässe Platz gemacht. Rüben, der die ganze Zeit her nicht recht bei Sinnen war und Niemanden, nicht einmal seine Mutter erkannte, ries plötzlich nach derselben; ihr einen liebevollen Blick zuwerfend und die Hände küssend, hauchte er kaum verständlich die Worte: „Mutter, gute Mutter, eine Bitte!" Auf deren Frage, „was wünschest Du, mein Sohn?" antwortete er leise: „Ich möchte gerne meine gute Fveundin Rahel Wolfsohn sehen und sprechen, wenn es Dir liebe Mutter recht ist". „Ich bin Deinem Wunsche bereits zuvorgekommen," erwiderte Frau Duschnitz. „Ich war gestern bei Rahel und wird sie, wenn es der Doktor erlaubt und Du Dich ein wenig stärker fühlst, Dich bestimmt besuchen." Ein dankbarer Blick Rubens, dessen Gesicht ganz verklärt gewesen, war dessen vielsagende Antwort. Ein weiteres Gespräch wurde durch das plötzliche Eintreten des Doktor Stein ins Krankenzimmer verhindert. Als dieser, einen Blick auf Rüben werfend, diesen untersuchte, sagte er: „Na, es geht ja ganz gut, Herr Duschnitz! Nur immer so weiter schön ruhig verhalten, nicht aufregen, die Diät einhalten und wir werden baldigst mit Gottes Hilfe ihr Genesungsfest feiern können." Zu Frau Duschnitz, die den Doktor bis zum Korridor begleitete, sagte derselbe beim Fortgehen: „Der Allgütige hat geholfen, Ihr Sohn hat die Krisis gut überstanden. Er braucht jetzt vor allem Ruhe, sorgfältige Pflege und eine strenge Einhaltung der Diät, so daß er, was Gott verhüten möge, keinen Rückfall erleide. Sie sollten sich aber auch eine Pflegerin als Beihilfe nehmen, denn sie find eine ältere Frau, die durch die vielen durchwachten Nächte, durch die großen Aufregungen, welche sie überstanden, sehr geschwächt und herabgekommen ist, und bedürfen dringend der Ruhe, damit sie nicht selbst krank werden." Frau Duschnitz erzählte dem Arzte von ihrem gestrigen Besuche bei Rahel Wolfsohn, von ihrer Aussöhnung mit ihr und auch, daß sich dieselbe mit Freuden bereit erklärte ihr in der Pflege Rubens Aushilfe zu leisten, welche Mitteilung Herr Dr. Stein mit sichtlicher Befriedigung zur Kenntnis nahm: Diesem war die Einwilligung der Frau Duschnitz zu einer ehelichen Verbindung ihres Sohnes mit Rahel, welche Nachricht sich in der Gemeinde wie ein Lauffeuer verbreitete, bereits bekannt, und er erwiderte: „Eine bessere Pflegerin hätten Sie wahrlich für Ihren Sohn nicht finden können; doch warten wir noch einige Tage, denn," meinte er malitiös: „die Freude des Wiedersehens nach so langer Zeit könnte den Kranken aufregen, und wir müssen jede Aufregung bei ihm, und sei es auch eine freudige, von ihm ferne halten." Einige Tage darauf konnte man Rahel Wolfsohn aitr Krankenbette Rubens abwechselnd mit dessen Mutter die schwierige Pflicht einer Pflegerin teilen sehen. Sie brachte nämlich ihre ganze freie Zeit bei Rüben zu, der unter Rahets sorgsamer und liebevoller Pflege täglich an Kräften zunahm und zusehends sich erholte. Sein erstes Wiedersehen mit Rahel, für welches man so gefürchtet hatte, war gut vorübergegangen. Wenn es auch Rüben auffallend erschien, welche Veränderung in dem Verhältnisse Rahels zu seiner Mutter, zwischen zwei Personen, die sich nicht weniger als sympathisch gegenüberge-

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