Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 4 (25.1.1907)
- Date
- 1907-01-25
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 68 Dr. Dlocb's MocbenscbrlN< Nr. 4 einen bleibenden und ehrenvollen Platz einnehmen wird. Die Rednerin forderte die anwesenden Damen auf, sich zur Ehrung der verklärten Präsidentin von ihren Sitzen zu erheben und die Trauerkundgebung ins Protokoll aufzunehmen. Hierauf erfolgte die Wahl der neuen Präsidentin. Zur allgemeinen Genugtuung fiel sie auf Frau Ernestine Rosenberg, die Tochter der Verewigten. Die Wahl wurde allgemein aufs Freudigste begrüßt. Teplitz. (Rabbinerverband in Böhmen.) Am 26. d. M. fand in Teplitz unter Vorsitz des Präsidenten Herrn Profossor Dr. Kurrein eine Ausschußsitzung statt. Es wurde beschlossen, Schritte an maßgebender Stelle einzuleiten, um die Lage der Rabbiner wie auch der israelitischen Religionslehrer an den Mittelschulen Böhmens hinsichtlich ihrer Anstellung und Sicherung der Zukunft in einer den modernen Verhältnissen entsprechenden Weise zu gestalten. Wiesba-en. Herrn Bezirksrabbiner Dr. M. Silberstein in Wiesbaden ist der Rote Adlerorden verliehen worden. Stuttgart. Aus den erstmals vorgenommenen Proporzwahlen für den württembergischen Landtag ist Herr Rechtsanwalt Dr. Elsaß hier, ein Sohn des verstorbenen Mitgliedes der Israelitischen Oberkirchenbehörde, im ersten Wahlkreis als Sieger hervorgegangen. Der Landtag zählt nunmehr drei Glaubensgenossen. — Herrn Kaufmann Heinrich Hirsch ist vom Präsidenten der französischen Republik der Orden der Ehrenlegion verliehen worden. Mühlhausen i. E. Der Bildhauer Friedrich Beer, der bekannte Schöpfer des hiesigen Monumentalbrunnens, wurde zum Ehrenmitgliede der Akademie der bildenden Künste in Mailand ernannt. „Gam su letauwo“*) Eine Skizze von Hermann L ö w i n g e r, Wien. In einem Zimmer des neben der Synagoge stehenden kleinen zweistöckigen Häuschens in der Judengafse zu N. — — stand Rahel, die Tochter des vor mehreren Jahren verstorbenen Kantors Wolfsohn, den heißen Kopf an den Fensterscheiben gedrückt, ihren Blick auf das stattliche und schöne Haus der reichen Witwe des Colonialwarenhändlers Duschnitz gerichtet. In der ersten Etage desselben waren die Gardinen an zwei Fenstern heruntergelassen, denn im Zimmer lag ein Sterbenskranker, und dies war Rüben, der Sohn der Hausbesitzerin und Eigentümer des großen noch von dessen Vater begründeten Geschäftshauses, welcher ihrem Herzen nahe stand, da Beide schon seit Jahren in inniger unwandelbarer Liebe mit einander verbunden waren. Doch durch den Starrsinn und Eigendünkel der Mutter Rubens, die dieser abgöttisch verehrte und deren Wille ihm Befehl gewesen, war diese Liebe eine hoffnungslose, da, wie allgemein bekannt, Frau Duschnitz niemals aus freiem Willen ihre Zustimmung zu einer ehelichen Verbindung ihres Sohnes mit der unbemittelten Kantorstochter geben werde, und gegen den Willen seiner Mutter zu handeln, dazu war Rüben ein zu guter Sohn. Rahel, ein älteres hübsches Mädchen von junonischer Gestalt, deren Gesichtszüge noch immer die Spuren von früherer großer Schönheit aufwiesen, war schrecklich aufgeregt. Ihr Bruder Adolf, der ein guter Freund und Schulkamerad Ruben's war und bereits zu Lebzeiten seines Vaters erster Buchhalter im Hause Duschnitz gewesen, hatte ihr am Abend bevor schlechte Nachrichten über das Befinden Rubens, der an Typhus schwer darniederlag, gebracht, und nun konnte sie kaum einen Bericht, wie dieser die Nacht verbracht, abwarten. Draußen vor dem Hause der Frau Duschnitz standen ein paar alte Weiber und plauderten, mit den Händen eifrig gestikulierend. Da sie wie in allen kleinen Gemeinden die Lebensgeschichte eines jeden jüdischen Einwohners in der Kehillo*) genau kannten, verfehlten fie nicht, bei gleichzeitigem Bedauern des hoffnungslos *) Auch dieses führt zum Guten. ') Gemeinde. Darniederliegenden, den lieben Gott auf die Fehler und Schattenseiten desselben aufmerksam zu machen. „Du lieber Gott", begann die Eine mit einem Seufzer, „es ist schrecklich, wenn Einer sich so jung zum Sterben hinlegen muß"! „Und dabei so angesehen und in solch' guten Verhältnissen" meinte die Andere. Die Dritte erwiderte darauf: Hätte er geheiratet, so hätte er noch leben können. Ich kenne Eine, die ihn unendlich liebt und ihn gerne geheiratet hätte", dabei schaute sie bedeutungsvoll zu den Fenstern Rahel's hinauf, doch sie war ihm nicht reich genug. Die Arme hat lange genug auf ihn gewartet; jetzt ist sie verblüht und bleibt sitzen. Der liebe Gott möge es ihm verzeihen, wenn er es auch nicht verdient." Ein frommer Blick zum Himmel begleitete diesen Nachsatz. „Ja, Siehaben Recht, er hat sich an dem armen Mädchen versündigt und dies muß er jetzt büßen." Diese Sünde hätte eigentlich dessen Mutter, die Frau Duschnitz, von rechtswegen büßen sollen," meinte eine andere, „denn die war schuld an allem, sie hat's nicht gelitten, daß er die Kantorstochter zur Frau genommen, und ihr Sohn, aufs Wort hat er ihr gehorchen müssen, trotz seiner 35 Jahre, seiner Stellung und Würde in der Gemeinde als Armenvorsteher." In diesem Gespräch wurden die Weiber plötzlich gestört. Erschreckt wandten sich ihre Blicke einer Schar Männer von der Chewra-Kadischa') zu, die gerade das Haus der Witwe Duschnitz mit ernsten Mienen verließen. Trotzdem deren Gesichter nichts Gutes ahnen ließen, konnte es sich doch eine der tratschsüchtigen Weiber nicht versagen, einen von den Chewraleuten zu befragen, wie es Rüben Duschnitz gehe, worauf dieser die vielsagende Antwort gab: „Bachem jisboroch2) soll ihm helfen. So lange noch Link nnescheino3) beisammen sind, darf man nicht verzagen." Rahel, welche während dieses Gespräches die Fenster geöffnet, hatte die wenig Trost bietenden Worte der Chewraleute noch gehört. -Mit ersticktem Stöhnen faltete sie die Hände, sie dann an ihr wundes Herz drückend, für sich die Worte murmelnd: „Eine schwache Hoffnung!" Als dann einige Minuten später der bekannte Arzt Dr. Stein, von dem Onkel Rubens begleitet, das Haus verließ und sie den Doktor beim Verabschieden mit dem letzteren die Worte sprechen hörte: „Lieber Herr Duschnitz! So leid es mir tut, kann ich ihnen als nächsten Anverwandten des Herrn Duschnitz es nicht verhehlen, 'daß die Hoffnung auf eine Besserung eine sehr schwache ist. Wir müssen uns leider auf das Aergste gefaßt machen," da geberdete sich Rahel wie eine Verzweifelte: „Also sterben," rief sie, „und mit ihm alle Hoffnungen, all mein Glück," obwohl sie doch nichts zu hoffen gehabt, gar nichts. Hatte doch Rüben ihr selbst gesagt, daß er, da er sie nicht heiraten könne, nie heiraten, sondern bei seiner Mutter bleiben werde. Ja, seine Mutter war zwischen ihnen gestanden, die hatte sie um ihr Glück gebracht. Kaltherzig, egoistisch nannten sie die Leute, die alte Frau Duschnitz mit den starren, verbitterten Zügen, die, seitdem ihr Mann gestorben, jahraus, jahrein Trauer trug und nie lachte. Nur ihr Sohn liebte sie, wie solche strenge Frauen von ihren Kindern geliebt werden, voller Ehrfurcht, Demut und Gehorsam. Rüben Duschnitz wäre für seine Mutter ins Feuer gegangen, hätte ihr die Sterne vom Himmel geholt, wenn er dies vermocht hätte. Alles für seine Mutter, nur für sich selbst nichts! Freundschaft bot er Rahel an und sie hatte seine Liebe ersehnt. Um ihn nicht ganz zu verlieren, entschloß sie sich, seine Freundin, sein guter Kamerad zu sein. Da Rüben, wie bereits früher erwähnt, der Freund ihres Bruders war, dem sie seit dem Tode ihrer Mutter den Haushalt geführt, so kam er oft ins Haus. Es war ein anregender Verkehr und immer ihr Bruder im Bunde der Dritte. Da Rüben es geflissentlich vermied, mit Rahel allein zu sein, so konnte niemals ein warmes Wort fallen, welches zwischen Beider Herzen eine Brücke geschlagen hätte. Es verlangte ihm gewiß nicht danach; sie war ja nur sein Kamerad, y Heilige Bruderschaft. a) Der Ewige, gelobt sei Er. ') Körper und Seele.