Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 4 (25.1.1907)
- Date
- 1907-01-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 68 Dr Blocb’s Mlocvenscbrttr. Nr. 4 der Entrüstung weggefegt werden. — Gehen wir nun in unserer Betrachtung auf die zwei klassischen Länder des Chassidismus über, so wurde bereits davon gesprochen, wie die Zeitschrift „Hechaluz" mit seltener Schärfe gegen dessen Auswüchse in Galizien, Ungarn und Mähren ankämpste. In Galizien hatte die Regierung die Absicht, Schulen zu errichten, die wohl für dieses Land von der größten Wichtigkeit noch heute sind, aber von der Absicht zur Verwirklichung war auch vor 50 Jahren ein großer Schritt zurückzulegen. In Ungarn geschah in dieser Beziehung mehr, wenn es auch dort, wie der Korrespondent klagt, „noch eine ganze Masse kleiner Orte gibt, wo man wie vor Olims (sie.!) Zeiten lebt". Unser Berichterstatter war ein weitaussehender Mann und erwartete sich viel von dem — neuen Eisenbahnnetze. Er hat hier einen Punkt berührt, auf dem wir uns heute, 1907, mit ihm einer Meinung fühlen. — Aus einer Korrespondenz vom Juni 1857 erfahren wir, daß der Prediger in Lemberg „den Arm der weltlichen Macht zu Hilfe rufen will, um die Sabbathfeier aufrecht zu erhalten". Man sieht hier ein Parallelstück zu Horic. Der Prediger selbst wird nicht mit Namen genannt. Es scheint Simon L. Schwabacher gewesen zu sein, der am 11. Dezember 1888 zu Odessa starb. Gegen den polizeigewaltigen „jungen Prediger" wird der „Hechaluz" angerufen, jene Zeitschrift, die seit 1852 in unregelmäßigen Zeiträumen erschien und in der O s i a s H. Sch o r r (gest. 1. September 1895 zu Brody) mit seltener Schärfe den Kampf für die freisinnige religiöse Anschauung führte. In Pest starb am 3. April 1857 Löb Schwab, dem seine talmudische Gelehrsamkeit nachgerühmt wird; er war einer der besten Prediger seiner Zeit. Unser freisinniger Gewährsmann freut sich, daß diese talmudische Koryphäe trotzdem die Einführung der Orgel gestattete. Freilich -hat auch er. in dunklen Stunden, die „Reformgenossenschuft" durch Polizeigewalt verfolgen lassen. Während nun unser Berichterstatter am Ende des Jahres 1857 klagt, es sei über Galizien nichts zu berichten; „es ist, als wenn da die Welt mit Brettern verschlagen wäre" hören wir schon im Oktober 1857 über eine neubegründete jüdische Schule z u P e st. Er bezweifelt allerdings, ob die Aufsicht in dieser Schule die weltliche Behörde oder das katholische Konsistorium führen werde. „Jedenfalls," sagt er, „ist es eine besondere Anomalie, daß jüdische Schulen von Seiten katholischer Geistlicher überwacht werden." Es war dies allerdings eine Anomalie, die auch noch in den Sechziger-Jahren des vorigen Jahrhunderts an jüdischen Schulen Mährens herrschte. Wir erinnern uns noch, wie der Propst des Olmützer Erzbischofs im vollen Ornate unserer Prüfung an der jüdischen Normalschule präsidierte und an die „Prämianten" niedliche Büchlein als Belohnung verteilte. Es waren dies Residuen aus der vormärzlichen Zeit der Patrimonialgerichtsbarkeit. — Sonst weiß der Berichterstatter aus Pest zu erzählen, daß es noch immer sehnsüchtig nach dem Manne ausschaue, der das göttliche Wort verkünden soll". Aber er fügt, sarkastisch wie er schon ist, die Bemerkung an: „Doch ich irre vielleicht, es mag die Sehnsucht nicht so außerordentlich sein". Wir hören auch, daß die Wahl der Vorsteher damals zum erstenmale erfolgen sollte und sie nicht mehr von den Behörden eingesetzt wurden. Also Regung des parlamentarischen Lebens innerhalb des Judentums. Der Berichterstatter wünscht, „daß Leben und Bewegung in die Verhältnisse komme, damit sie nicht ganz versumpfen". Diese „Bewegung" zu fördern, war auch Aufgabe der schon damals ziemlich blühenden periodischen Literatur. „Hechaluz" brachte Leben in das erstarrende Judentum Galiziens, oder sollte es wenigstens bringen. Eine theologische Zeitschrift in Ungarn begann aber damals Leopold Löw herauszugeben. Dieser erste Prediger in ungarischer Sprache (geb. am 22. Mai 1811 zu Ezernahora, gest. 13. Oktober 1875 zu Szegedin), der schon 1845, 1846 den ersten Versuch gemacht hatte, die Schicksale der Juden in Ungarn geschichtlich darzustellen, und auch sehr verdienstlich auf dem Gebiete der jüdischen Altertumskunde wirkte, begann mit der Herausgabe des „Ben Chananja", eines Journals, das 1858 und die folgenden Jahre als Monatsschrift, dann von 1861 als Wochenschrift erschien. 1867, also nach zehnjährigem Bestände hörte diese durch die Fülle und Reichhaltigkeit ihrer Artikel hervorragende Zeitschrift zu erscheinen auf. Wenn unser Berichterstatter auch dieser Zeitschrift in Bezug auf ihr Gedeihen pessimistisch gegenübersteht, hat er sich auch darin getäuscht. Freilich waren alle jene Zeitschriften etwas kurzlebiger Art. Das „allzuscharf macht schartig" scheint ihnen sehr angehaftet und geschadet zu haben. — — — Wir sind am Schlüsse unserer Wanderung und sagen unserem anonymen Mentor besten Dank. Längst weilt er im Reiche der Seligen, wo es kein Eifern und keinen Haß gibt, wo sie alle im Frieden miteinander wohnen, „Reformer und Chassidim". Wenn er jetzt nach 50 Jahren aufstände, würde er sehen, daß vieles von dem, was er einst sehnlichst dem Judentum wünschte, in Erfüllung gegangen ist, wenn auch nicht alle Synagogen Orgeln haben, die nach Meyerbeer christliche Instrumente sind. In einem aber gleichen sich noch immer unsere Glaubensbrüder, wie damals, so heute, — sie streiten. — Freilich handelt es sich bei diesem Streite nicht immer nur darum, ob man „Lamed madlikin oder Esuho Mekomen“ sagen soll oder nicht. Nationalismus, Assimilation, das sind Begriffe, die man 5617 nicht kannte. Sind wir deshalb glücklicher, als unsere Vorfahren, weil wir sie heute kennen? Diese Frage lassen wir unbeantwortet, — mögen die Antwort andere geben. Zur Geschichte der Juden in Böhmen. In Jaromßr erscheint schon das dritte Jahr unter dem Titel Lrackeek^ kraj (Königgrätzer Gegend) eine Museumszeitschrift. die sich mit dem ehemaligen und gegenwärtigen Kulturleben der genannten Gegend befaßt und oft sehr lesenswerte Aussätze bringt. In der Dezembernummer des verflossenen Jahres fährt der Bürgerschuldirektor G. I. Lasek aus Wamberg fort, die alte Ansiedlung Doudleby (Doudleb) zu besprechen. In einem besonderen Kapitel behandelt er die Judengemeinde in Doudleb. Die Juden siedelten sich in dem angeführten Orte unter Heinrich Grafen von Bubna und seinem Sohne Franz Adam Vratislav in den Jahren 1640 bis 1670 an. Die Genannten, deren Geschlecht 1644 in den Grafenstand erhoben wurde, bekleideten die Würde eines Landeshauptmannes in Glatz, das damals zur Krone Böhmens gehörte, und erfreuten sich besonderer kaiserlicher Huld. Ferdinand II. und Ferdinand* Ili. belohnten die guten Dienste des Adels unter anderem auch dadurch, daß sie ihnen die Juden (als Untertanen der löniglichen Kammer) schenkten; dafür konnten sie von den Juden allerlei Abgaben verlangen. Damals besaßen viele Städte in Böhmen das Privileg, judenfrei zu bleiben und den Herrschaftsbesitzern war es verboten, Juden auf ihrem Gebiete ohne höchste Erlaubnis anzusiedeln. Die Dawiderhandelnden wurden mit einer Strafe von 1000 Dukaten belegt. Dem. Grafen von Bubna ward es gestattet, 43 jüdische Familien oder sogenannte Familianten in Doudleb anzusiedeln. Manchmal wurde diese Zahl durch Versetzung einer jüdischen Familie von Senftenbe'rg oder einem anderen Orte nach Doudleb vergrößert; doch mußte dies dem Gubernium des Königreiches Böhmen gemeldet werden, da man dort eine sehr strenge Evidenz über die auf dem Lande ansässigen Juden führte. Kein Jude durfte früher heiraten, bevor er nicht die „Stelle" eines Familianten erlangt hatte, dies geschah dann, wenn er ein gewisses Vermögen Nachweisen konnte, damit er eine Familie zu ernähren imstande wäre. War ihm aber die Beamtenschaft des Gutsherrn geneigt oder wollte er sich von einem ordentlich erlernten Handwerke ernähren, wurde der Vermögensnachweis des öftern nachgesehen. Nun schildert der Verfasser das Leben der Juden im Doudleber Ghetto, ihre Sitten und Gebräuche, die Art, wie sie die verschiedenen Feiertage gefeiert u. s. w. Es deckt sich das nahezu vollkommen mit den von mir schon früher in den Mitteilungen des Israelitischen Landeslehrervereines zu Prag veröffentlichten Reminiszenzen an die Prager Judenstadt. — Interessant ist folgendes Ereignis: Im Jahre 1772 wurden eine