Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 4 (25.1.1907)
- Date
- 1907-01-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3020846-3021710-3021715--16093-3040894- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 4 Dr. JBlocb s Mlocbenscbrm. Seite 57 gestellt, haben nichts, aber auch gar nichts Bestimmtes ergeben, was sich für die Rassentheorien verwerten ließe. Auf der anderen Seite übersehen die Rassenfanatiker gänzlich, was ich in einer Polemik gegen Chamberlain als „Plastizität der Rasse" bezeichnet habe, jenen Tatsachenkomplex, der zeigt, mit welcher verblüffenden Geschwindigkeit sich Anatomie und Psychologie der Völker veränderten Bedingungen der Umwelt, und zwar nicht nur des Klimas, der Nahrung und Behausung, sondern vor allem auch der sozialen Organisation und Schichtung anzupassen vermögen. Man kann, um zunächst vom Seelischen zu sprechen, eine allen Rassen, Klimaten und Weltteilen gemeinsame Psychologie der Jäger, der Nomaden, der niederen und höheren Ackerbauer, der Industrie- und Handelsvölker feststellen und ebenso eine überall gleiche Psychologie der einzelnen Klassen eines Volkes, des Adels, der Bourgeoisie, des Bauernstandes, der industriellen Arbeiterschaft usw. Und es ist andererseits sicher, daß wenigstens viele der anatomischen sogenannten Rassekennzeichen ebenfalls nur Anpassungen an das Milieu darstellen. Alle in Städten lebenden Völker zeichnen sich durch breitere Nasen (Staubinhalation!) und flachere Füße (Schuhzeug!) aus; überall ist der Nomade, dank vorzüglicher Ernährung bei geringer Arbeit, von hohem Wuchs, großer Körperkraft und unbezähmbarer Kriegslust; überall der Bauer plump und friedliebend, fast überall der Jäger, weil seine Nahrungsquellen unregelmäßig fließen, klein und muskelschwach. Die als so besonders charakteristisch betrachtete Gestalt und Größe des Unterkiefers ist sicherlich davon abhängig, ob die übliche Nahrung leicht oder schwer gekaut werden kann; daher wahrscheinlich haben die Norweger, die ein sehr hartes Fleisch kauen müssen, vielfach besonders grobe Kiefer, bis zum Prognathismus, während umgekehrt die in Amerika lebenden, von Haus aus stark prognathen Neger in wenigen Generationen europäische Kiefer erhalten. Sie werden übrigens auch hellfarbiger. Und wir haben noch gar keine Kenntnis davon, inwieweit etwa der größere oder geringere Druck mächtigerer oder schmächtigerer Unterkiefer die Schädelform ausschmiedet, ebensowenig wie wir wissen, ob und in welchem Maße etwa geistige Arbeit ursprünglich dolichocephale oder brachycephale Schädel in andere Form umschmilzt. Für diese Plastizität der Rasse, deren wissenschaftliche Untersuchung erst zu beginnen hat, bringt Finot eine unendliche Fülle der interessantesten und in der Tat schlagendsten Tatsachen bei. Die Meisterschaft, mit der er die Naturwissenschaft in ihren neuesten Ergebnissen beherrscht, gestattet ihm, gerade auf jenem Gebiete, auf dessen angebliche Tatsachen die Rassenfanatiker sich zu berufen pflegen, die stärksten Argumente gegen sie zu gewinnen, nämlich aus den Erfahrungen der Züchter. Nebenbei gesagt: auch hier unterläuft den Gobinisten regelmäßig ein fast unglaublicher Fehlschluß. Der Züchter denkt natürlich nicht daran, jemals von der ausreichenden Fütterung und pfleghaften Behausung und Behandlung seiner Zuchtprodukte zu sprechen. Denn das versteht sich für ihn von selbst, ist „konstanter Faktor" seiner Experimente, und nur die Blutkreuzung ist der variable Faktor, von dem er berichtet. Bei der „natürlichen Zuchtwahl" aber, die die Weltgeschichte mit den Völkern anstellt, find Fütterung, Behandlung und Behausung nichts weniger als gleich, nichts weniger also als „konstanter Faktor", sondern im Gegenteil ein Faktor von äußerster Variabilität. Die Raffetheoretiker aber sprechen, wie der Züchter, immer nur von der Blutkrcuzung, ohne zu merken, daß sie dadurch eine Potenz vernachlässigen, von deren ungeheurer Wichtigkeit gerade der Züchter auf das tiefste durchdrungen ist; es gibt keinen Züchter in aller Welt, der nicht ohne Besinnen erklären wird, daß sich die edelste Rasse durch schlechte Ernährung und Behandlung völlig ruinieren läßt, und umgekehrt, daß durch besonders ausgesuchte Ernährung und Behandlung auch unedle Rassen sich außerordentlich heben lassen. Das wird von Gobinisten und Chamberlainisten regelmäßig vernachlässigt, und so wäre ihre Rassentheoretik schon a priori, als auf unvollständigen Prämissen beruhend, zurückzuweisen, selbst wenn sie nicht a posteriori durch tausend übereinstimmende Tatsachen vom Aufstieg und Niedergang der Rassen, je nach Gunst oder Ungunst der Lage, widerlegt würde. . Finot macht in diesem Zusammenhang mit Recht darauf aufmerksam, wie schwer die Stellung der Rassefanatiker durch den Frontwechsel erschüttert ist, den die Wiffenschaft angesichts der Darwinschen Theorie vorgenommen hat. Bekanntlich hat man die Theorie stark einseitig aufgefaßt und den „Kampf ums Dasein", die „Zuchtwahl des Paffendsten" als Rechtfertigung der gröbsten sozialen Brutalitäten mißbraucht. Heute darf die Darwinsche Erklärung der allmählichen Evolution alles Lebens durch den Kampf als ziemlich allgemein aufgegeben betrachtet werden; der ältere Lamarckismus mit seiner Lehre von der Anpassung an die umgebende Welt hat den Sieg über den Darwinismus davongetragen, und das muß auch auf die aus ihm abgeleiteten soziologischen Lehren seine Rückwirkung ausüben. Es sei mir gestattet, an dieser Stelle auf Kropotkins köstliches Buch „Gegenseitige Hilfe" hinzuweisen, das jener brutalen „Uebermenschen"-Weltanschauung gleichfalls ihre stärksten Stützen entzieht durch den Nachweis, daß zwischen Wesen gleicher Art nicht der Kampf ums Dasein, sondern die gegenseitige Hilfe im Daseinskämpfe gegen Feinde und Naturgewalten die weit überwiegende Regel darstellt. Und Menschen find nun einmal selbst für den Rassefanatiker von „gleicher Art"! Derart sind die aus dem — mißdeuteten — Darwinismus abgezogenen gesellschaftlichen Theorien von zwei Seiten her erschüttert, wenn nicht widerlegt. Die Betrachtungen über die „Plastizität" der Rasse betreffen nicht nur das Physische, sondern auch das Seelische. Um nur eines anzuführen: Selbstverständlich hat ein sechseinhalb Schuh hoher, im Waffenhandwerk und sozialer Hochstellung ausgewachsener riesenstarker Hirtenkrieger auch einen ganz anderen physischen Mut als etwa ein durch Unterernährung verkümmerter und durch Mißhandlungen demoralisierter Paria oder ein gehetzter Buschmann. Und der physische Mut ist wieder die Grundlage vieler anderer, als edel geschätzter Eigenschaften. Die vielgerühmte und in der Tat nicht zu leugnende Germanentugend ist ganz allgemeine Nomadentugend, Tugend des freien Kriegers. Sie findet sich mit allen Licht- und Schattenseiten überall unter gleichen Verhältnissen. Auch das muß für jeden, den die Rassentheorien nicht blenden, a priori klar sein, und Finot hätte sich für solche Unbefangene in der Tat die amüsanten Kapitel sparen können, in denen er die Völker- und raffenpsychologischen „Feststellungen" der einzelnen Autoren gegeneinander und gegen verbürgte Tatsachen der Geschichte und der Völkerkunde stellt, um zu zeigen, daß hier gleich geheimnisvoll für Weise wie für Toren der „vollkommene Widerspruch" waltet; übrigens eine Aufgabe, der sich auch Friedrich Hertz mit Erfolg gewidmet hat. Doch genug! Wir werden den Reichtum des Buches doch nicht ausschöpfen. Begnügen wir uns damit, mitzuteilen, daß vor der unerbittlichen, ebenso graziös-spöttischen wie eindringenden Kritik Finots das ganze Gebäude der Raffentheorie sich in eitel Dunst auflöst. Nirgends eine klare Definition als Werkzeug des logischen Aufbaues. Nirgends eine gesicherte Tatsache als Ausgangspunkt, nirgends eine brauchbare Methode der Untersuchung, nirgends eine vorurteilsfreie Würdigung der Dinge: nichts als Geschwätz, Vorurteil und pseudowissenschaftliche Anmaßung. Triebsand mit nicht einen Zoll breit sicherem Baugrund, reine Klassenadvokatie im Mantel des Gelehrten, Dunkel und Dünkel! Vom Zabrmarkt des Lebens. Bor einem halben Jahrhundert. Aus den Berichten eines Korrespondenten vom Jahre 1857, mitgeteilt von Dr. M. Grünfeld. III. Galizien nnd Ungarn. Ein Rückblick von 1907 auf 1857 gewährt demnach, wie wir gesehen, manche interessante Vergleichungspunkte. Wir wagen es doch, anzunehmen, daß ein Ehrentheil in unserer Zeit unmöglich wäre, oder er würde, falls er die Galuth- oder Konkordatsluft rings um sich verbreitete, durch einen Sturm