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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-01-25 · 4 (25.1.1907) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
4 (25.1.1907)
Date
1907-01-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 56 Dr. JSlocb’s MlocbenscbrlN. Nr. 4 viel geschehen, damit die Wahrheit den Weg frei habe, .und wir mögen uns trösten mit dem altbewährten Worte: „Unser Recht geht siegreich hervor wie das Licht." * * * Noch vor wenigen Jahren, in einem gelegentlichen Gespräch sagte der greise Kopp ganz spontan: er zähle seine Mitwirkung bei dem Prozesse gegen Professor Dr. August Rohling und seine Intervention vor dem Wiener Schwurgerichtshof in dem Prozesse gegen Pfarrer Dr. Jos. D e ck e r t und Genossen zu den „interessantesten und wertvollsten Erinnerungen seines Lebens". Leider zeige der Prozeß H i! s u e r, wie wenig alle Anstrengungen fruchten denjenigen Mächten gegenüber, welche unermüdlich und systematisch auf die Betörung des Volkes hinarbeiten. „Die Kreise", so fügte er hinzu, „welche bei der Abwehr interessiert sind, verfügen nicht annähernd über die gleiche Energie und Ausdauer". An der Bahre Josef Kopps dürfen wir sprechen: „Das Andenken dieses Gerechten bleibe gesegnet!" Da» RaffeiworurteU. Von Dr. Franz Oppenheimer, Berlin. Die Rassenlehre ist heutzutage eine der einflußreichsten Theorien der gesamten Sozialwissenschaft. Man trifft sie als gepanzerten Wächter auf jedem Wege, der zu Frieden, Freiheit und Glück führen könnte. Sie ist das vergiftende Ferment des internationalen Lebens, indem fie Rasse gegen Rasse, Stamm gegen Stamm, Volk gegen Volk aufhetzt: die Weißen gegen Schwarze und Gelbe. („Die gelbe Gefahr"), die „Germanen" gegen „Lateiner" und „Slawen", und sie wühlt nicht minder das internationale Leben auf, indem sie z. B. den Deutschen gegen den Polen und überall den „Arier" gegen den „Semiten" mobil macht. Ja sie ist darüber hinaus im besten Zuge, die sozialen Klassenkampfe als Rassenkämpfe auszugeben: wenn man wunderlichen Schwärmern lvie Gobineau, H. St. Chamberlain, Ammon usw. glauben darf, dann spielt sich der soziale Kampf nicht zwischen begünstigten und unbegünstigten Elementen gleicher ethnischer Abstammung ab, sondern zwischen zwei kaum mehr als mechanisch durcheinandergemengten, gänzlich verschiedenen Raffen, einer zum Herrschen geborenen, langköpfigen, und einer zum Dienen erschaffenen, kurzköpfigen, eine Auffaffung, die in Björnsons „Ueber unsere Kraft" ihren künstlerischen Ausdruck gefunden hat. Durch diese letzte und tollste Zuspitzung hat sich die ganze Lehre jedermann als das enthüllt, was sie für scharfe Augen von jeher war: als eine Klaffenlehre der herrschenden Klasse, und zwar als die politische Klaffenlehre vorwiegend der auf Grund politischer Vorrechte herrschenden Feudalklasse, während die Klaffenlehre der durch ökonomische Dinge herrschenden Bourgeosie bekanntlich der Malthusianismus ist. Dabei ist übrigens nichts natürlicher, als daß die Großbourgeosie, je mehr sie im Konnubium und Kommerzium mit der alten Geburtsaristokratie sich feudalifiert, um so mehr der politischen Rassenlehre zuschwört. Einfache Mimikry! Also nichts als eine Klassentheorie, erfunden ad usum Delphini der herrschenden Klasse, um ihre de facto bestehenden Vorrechte in der Lenkung der Staatsgewalt und in der Usurpation eines übergroßen Teiles der Gesamtproduktion der Staatsbevölkerung nun auch vor dem Forum der Vernunft zu rechtfertigen. Früher wurde diese Rechtfertigung der Religion aufgebürdet, die für den Feudalstaat den Advocatus diaboli agieren mußte; das war die mystisch begründete Gottesgnadenlehre, der Legitimismus. Heute, wo dank der Minierarbeit der Bourgeoisie selbst, die den Legitimismus vernichten mußte, um den Adel zu entthronen, die Angst der Masse vor dem „Tabu" der Klassenpfaffen allzusehr dahingeschwunden ist, müssen logische Scheinbeweise, Schlüsse aus tendenziös ausgewählten Tatsachen, die Stelle des göttlichen Befehles ersetzen. Es ist nur ein schwaches Surrogat für die alte, sehr lange wirksam gebliebene Kugelhalbe, und es dient eigentlich nur noch dazu, um das empörte soziale Gewissen der heutigen Privilegierten einigermaßen einzuschläfern: den Unterworfenen imponieren weder die angeblichen Tatsachen noch die blendenden Trugschlüsse, und sie lehnen die Zumutung: crods, quia absurdum, der menschlichen Weisheit gegenüber mit der Hartnäckigkeit ab, wie sie sie der göttlichen Weisheit gegenüber jahrtausendelang befolgt haben. Es ist fast die einzige Einwendung, die der Gegner der Raffentheorien gegen Jean Finots jüngst erschienenes prächtiges Buch*) erheben könnte, daß ihm das innere Wesen dieser pseudo-wissenschaftlichen Doktrinen nicht ganz klar zum Bewußtsein gelangt ist. Er polemisiert gegen ihre Verfechter, als wären es verirrte Gelehrte, während sie nichts weiter sind als Klassenadvokaten, Rabulisten, die mindestens durch ihre eigenen Standesvorurteile bestochen, wenn auch zum großen Teil gutgläubig sind. Denn das ist das Merkwürdigste bei allen sozialen Klaffentheorien, vom Legitimismus der Herren bis zum Kommunismus der Enterbten, daß sie reine Emanationen des „Willens" und nicht des Verstandes sind. Der Klaffenwille spricht zu laut, als daß die schwache Stimme der individuellen Vernunft durchdringen könnte. Und in solchen Fällen ist der Versuch, mit Vernunftgründen zu widerlegen und zu überzeugen, den Trägern des Klaffenwillens gegenüber ein völlig aussichtsloses Beginnen; nicht, weil sie nicht sehen wollen, sondern weil sie in der Tat nicht sehen können. Der Klaffenwille zum Klassenleben schaltet die Logik aus; er ist eine echte fixe Idee. Das hat Finot nicht mit voller Klarheit erschaut und darum erweist er den Rassefanatikern zu viel Ehre und zeichnet fie nicht in ihrer vollen Gefährlichkeit. Man darf diese Leute nicht als wissenschaftliche Gegner auffassen, sondern hat sie als politische Feinde zu behandeln, die unter dem Deckmantel der Wissenschaft ihre oder ihrer Auftraggeber oder wenigstens ihrer Standesgenoffen Geschäfte betreiben. Dieses leise Verkennen führt auf die einzige Schwäche der Finotschen Abhandlung. Er ist Fachmann auf den Gebieten der Naturwissenschaft und der Medizin und beherrscht als solcher die an diese Gebiete grenzenden Teile der Gesellschaftswissenschaft mit Meisterschaft. Dagegen ist er in den übrigen Provinzen der Soziologie, die er als Anthropo-Psychologie und Anthropo- Soziologie bezeichnet, nämlich in den Reichen der Geschichtsphilosophie und der Nationalökonomie, nur Gast. Hier, in den letzten Teilen des Buches, wird die Darstellung nicht unselten etwas öde; eine gewisse, zwar ehrlich gemeinte, aber doch abgedroschene Phraseologie gewinnt Raum, weil eben die volle Beherrschung der Tatsachen und der sie verknüpfenden Gesetze mangelt. Hier wäre weniger mehr gewesen. Hätte Finot sich auf das von ihm beherrschte Gebiet beschränkt, so hätten wir eines jener seltenen Werke vor uns, das man in einem Zuge mit immer wachsendem Entzücken und dem festen Vorsatz durchstudiert, es noch oft zur Hand zu nehmen und ein wahres Zeughaus des Geistes sich daraus zu machen. Dennoch bleibt es eine köstliche Gabe, die ich auf jeden Tisch der gebildeten Welt gelegt wünschte und nicht zum mindesten auf die Bücherbretter unserer Pangermanen, Panäthiopier, Panmongolen, Slawophilen, Lateiner usw. Sie würden sich wenigstens ärgern, wenn auch das Schlüsselloch zum Verstehen bei ihnen hoffnungslos verrammelt ist. Die Hauptgrundlage der „wissenschaftlichen" Rassenlehre sollte bekanntlich die Kraniologie und Kraniometrie nebst der vergleichenden Messung einiger anderer Körperteile sein. Selbst Chamberlain hat jetzt zugeben müssen, daß nichts dabei herausgekommen ist. Finot macht den Schlußstrich unter dieses, tragikomische Kapitel. Es gibt noch nicht einmal eine einwandfreie Methodik der Schädelmessung, die in verschiedenen Händen gleiche Ergebnisse zeitigt; und einwandfreie, genügend große Untersuchungsreihen, von einem Forscher fest- *) Jean Finot: „Das Rassenvorurteil." Berlin 1906. Hiipeden & Merzyn Verlag. 428 Seiten. Uebersetzt von E. Müller-Roeder.

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