Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 4 (25.1.1907)
- Date
- 1907-01-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 4 Dr. Llocb s Mocbenscbrtrr. Sette 88 welche alles anstifte und den Gerichten sich zu entziehen wisse. Nach den Tagen - von Kolin erklärt der Antisemit Schneider in Wien, er müsse nach Kolin reisen, dort gebe es für ihn zu tun; Paulus Meyer aber wird nach Wien geschickt zur Unterstützung des Pfarrers Deckert. Ein Wiener Pfarrer, der ein Buch über das „Blutrituale" veröffentlicht! Da durfte nicht gezögert, es mußte zur scharfer, wohlgerüsteter Abwehr geschritten werden. Dr. Bloch hat in seiner „Wochenschrift" alles geleistet, was irgendwie erwartet werden konnte; Dr. Deckert sah sich gezwungen, den Boden der öffentlichen Diskussion zu betreten, und er wählte dazu das „Vaterland". Allein Dr.' Bloch verfolgte ihn in die Redaktion mit Berufung auf das Paßgesetz und seine als „Berichtigungen" im „Vaterland" publizierten Artikel hatten die Wahrheit für sich, und das war bestimmend für den Ausgang des Kampfes. Die Aktion auf slavischem Gebiete war mißglückt, das Buch des Dr. Deckert war widerlegt — aber Paulus Meyer war in der Nähe. Da griff man denn zu einem letzten Mittel: man veröffentlichte den Brief, in welchem Paulus Meyer einen „Ritualmord" als Augenzeuge schildert. Das war der Schlag, der den Dr. Bloch in den Grund schmettern sollte. Dr. Bloch antwortete, indem er eine nähere Beschreibung von dem „Augenzeugen" und nähere Aufschlüsse über die' Persönlichkeit des Paulus Meyer erteilte. Dann war man auch so frei, sich den Brief näher anzusehen. Der Stempel der Lüge war ihm unverkennbar aufgedrückt. Dr. Bloch ist nicht der Mann, der mit einem halben Erfolg sich begnügt. Die Staatsanwaltschaft lehnte es ab, eine Anklage von amtswegen einzuleiten. So mußte denn zur Privatklage geschritten werden. Hier fand Dr. Bloch Unterstützung bei dem Redakteur der in Warschau erscheinenden j,Hazephira" und so ist dieser Prozeß möglich gegeworden, dessen Ausgang Jeden, der noch gesund zu denken vermag, mit Befriedigung erfüllen muß. Ein einziger Tag im Gerichtssaale; aber dieser Tag verdient ein Buch! Nun sah man den P a u l u s Meyer und dieser Unglückliche präsentierte sich als die lebendige Selbstanklage. Der Paulus wurde plötzlich wieder zum Saulus; er stellte die Autorschrift des Briefes in Abrede und er bezeugte, daß das „Blutrituale" eine Erfindung sei, daß das Blutrituale nicht existiert. Konnte Paulus Meyer anders reden? Sollte er sich der Mitschuld an einem Morde anklagen? Sollte er eine falsche Anklage wider sich selber erheben! Er hatte ja auch den Brief nicht geschrieben; er verfügt nicht in dem Maße über die deutsche Sprache, wie eS für diesen Brief notwendig wäre; bricht ja zuweilen das Wienerische durch, wie man es in Ostrowo niemals hört, wohl aber in Weinhaus und Umgebung. Paulus Meyer hatte den Brief nicht geschrieben. Pfarrer Deckert lachte, um seine Enttäuschung zu verbergen. Das also war der Dank dafür, daß er dem Paulus Meyer gastfreundliche Aufnahme gewährt und ihm monatlich Ein Hundert Gulden für Blutstudien im Talmud gezahlt hatte! Man hat es ja schon erlebt, daß Räuber gute Kameradschaft hielten, daß sie, treu dem beschworenen Bunde, jeden Verrat verabscheuten. Aber hier war immer der Eine bemüht, die Schuld auf den Andern abzuwälzen. Die Antisemiten vor Gericht, sie boten ein wahrhaft klägliches Schauspiel! Schon die Wanderungen des Paulus Meyer sind von besonderem Interesse. Er zog von Berlin nach Leipzig,von Leipzig nach Prag und von Prag schickt ihn Rohling mit einer warmen Empfehlung nach Wien, weil es dort für ihn Arbeit gibt, „Studien und Forschungen" über das „Blutrituale". Dieser jämmerliche Paulus Meyer, er ist so ehrlich wie ein Zigeuner als Schatzgräber. Er lebt davon, daß er etwas suchen soll, wovon er sicher weiß, daß es nicht zu finden ist. Und dieser Pfarrer Deckert! Er veröffentlicht Berichtigungen, und der Verteidiger von Paulus Meyer weist ihm nach, daß er falsch berichtigt hat! Er ist entzückt von der BildungShöhe der „Braut" des Paulus Meyer, er, der Pfarrer in W e i n h a u s, und dann weiß er nicht, ob Paulus Meyer bei seiner „Braut" wohnt oder nicht, denn er ist ja Pfarrer in Wein Haus! Und diese Blutantisemiten Rohling und Genossen, wir sehen sie Tag und Nacht beschäftigt, Schmachvolles zu ersinnen und niederträchtige Anklagen zu erdichten. Der Pfarrer Deckert muß im Gerichtssaale von dem Verteidiger des Paulus Meyer sich vorwerfen lassen, daß er dreimal die Unwahrheit gesagt hat, daß ihm die schönsten Tugenden des Priesterstandes fehlen. Und dieser Pfarrer, der eine Religion und Religionsgenossenschaft verleumdet, ans falschen Anklagen sich ein Handwerk macht und dessen Verdienst es nicht ist, wenn wir von blutigen Emeuten verschont geblieben sind, er spricht von „Polizeispitzeln", und er gebraucht dieses Schimpfwort von Leuten, die im Dienste der öffentlichen Sicherheit ehrlich ihre Pflicht erfüllen! Auch der Redakteur des „Deutschen Volksblatt" erschien als freiwilliger Zeuge auf dem Schauplatz, um gegen den Paulus Meyer auszusagen und um zu erklären, daß er hinsichtlich der Inserate weniger skrupulös sei, als hinsichtlich der Artikel, denn Inserate, wenn sie gut bezahlt werden, nimmt er auch von wirklichen Inden, Artikel, die er bezahlen soll, finden aber keine Gnade bei ihm, selbst wenn ein getaufter Jude sie geschrieben hat! Die Antisemiten hatten ihre besten Advokaten, Dr. Pattai und Dr. Porz er, ins Feld gestellt. Auch diesmal nützte es ihnen nichts; die riesengroße Blamage war nicht zu verhüten! Wer hat den Brief geschrieben! Dr. Josef Ko pp erklärte, er habe darüber Vermutungen, aber er vermeide es, dieselben auszusprechen. Niederösterreich hat manche gute Weinlager und Dr. Deckert ist als geborener Niederösterreicher davon überzeugt, daß „der Wein des Menschen Herz erfreut". Durchdrungen von dieser jüdischen Wahrheit, hat er mit Paulus Meyer eine Nacht durchgetrunken, bis die Glocken zur Frühmesse läuteten. Vielleicht hat damals — Asmodieden Brief geschrieben oder die „hochgebildete" „Braut" des Paulus Meyer. Wer hat inspiriert, wer referiert, wer diktiert? Wer hat verführt und wer ist, vom; Geiste des Weines betäubt, in die Falle gegangen? Deckert ist Faust, Paulus Meyer ist Famulus, die „Braut" ist Margarethe; aber mit wem verkehrt Mephisto? Mit Faust oder mit dem Famulus? Die Geschwornen ließen sich durch die Frage wegen der Autorschaft des Briefes nicht beirren, Deckert wurde schuldig gesprochen neben Paulus Meyer, schuldig mit 10 gegen 2 Stimmen. Die Verurteilung eines Pfarrers — das will in Wien etwas bedeuten! Und das ist der Humor davon; der literarische Vertreter des Blutmärchens hat die Aktion seiner Partei am gründlichsten kompromittiert. Wir wollen nicht behaupten, daß Dr. Deckert in das Geheimnis eingeweiht gewesen sei oder Paulus Meyer oder selbst Professor Rohling. Wir kennen weder das Zentrum, noch das Generalkommando. Aber so romanhaft sich auch die Sache ausnimmt, ist es eben dennoch wahr, daß ein Komplot existierte, um in Oesterreich durch Aufwärmung des Blutmärchens die Judenhetze in großem Maßstabe zu betreiben! Herrn Dr. Bloch ist es zu danken, daß die Geschwornen das letzte Wort in dieser Aktion und über diese Aktion gesprochen haben, wie denn auch die antisemitischen Advokaten im Laufe des Prozesses die Verdienste des Dr. Bloch hinreichend, wenn auch nicht in wohlwollender Absicht, beleuchtet haben. Dr. Josef K o p p als Vertreter der Anklage befleißigte sich einer strengen Reserve, was für den unmittelbaren Erfolg des Prozesses vorteilhaft erscheinen konnte. Die Antisemiten selber sehen, von wem sie am Leitseil geführt werden und durch welche Mittel und Werkzeuge man sie in Leidenschaft zu setzen sucht. Allzutief hat der Antisemitismus sich eingefressen, und es wäre töricht, optimistischen Erwartungen sich hinzugeben; die Hauptanstifter sind nicht bestraft, das innerste Geheimnis ist nicht enthüllt. Aber es ist immerhin