Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 4 (25.1.1907)
- Date
- 1907-01-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021710-3021715--16090-3040891- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 54 Dr. Blocb’s Mocbenscbrin. Nr. 4 souen ausfindig zu machen und von denselben legalisierte Vollmachten zu erhalten, um gegen den Urheber und Teilnehmer der Verleumdung die Klage zu überreichen. Die Vertretung der russischen Juden übernahm wiederum Dr. Josef KoPp. Am 16. September 1893 fand die Schlußverhandlung dieses Prozesses vor dem Wiener Schwurgerichtshofe statt. Die Geschworuen bejahten einstimmig die Hauptfragen. Paulus Meyer wurde zu einer viermonatlichen Arreststrafe, Pfarrer Deckert zu einer Geldstrafe von 400 fl. verurteilt. Während der Verhandlung wurde eine Anzahl längerer Artikel über den Prozeß Simon von Trient, welche Doktor Bloch gegen Pfarrer Deckert in den Spalten des „Vaterland" mit Hilfe des § 19 des Preßgesetzes erscheinen ließ, zur Verlesung gebracht und die beiden Verteidiger Dr. P a t t a i und Dr. P o r z e r erklärten Doktor Bloch für den Urheber und Anstifter dieses Prozesses. „Die russisch-polnischen Juden in Ostrowo wissen nichts von den Wiener Vorgängen und wurden von Dr. Bloch genötigt, sich für beleidigt zu erachten, den Klageweg zu beschreiten und zu diesem Behufe Vollmachten nach Wien zu senden." Dr. Ko pp antwortete darauf in seiner Rede: „Es darf als ein Glück gepriesen werden, daß die firchtbare Beschuldigung und die Männer, von denen sie ausgestrcut wurde, so rasch aus Licht des Gerichtssaales gebracht werden konnten, denn es hätte sonst namenloses Unheil entstehen können. Es wäre nur zu wünschen, daß sich jedesmal, wie in diesem Falle, alle rechtschaffenen Männer, finden mögen, welche es sich nicht verdrießen lassen, der Verleumdung und absichtlichen Irreführung auf allen krummen Wegen, die sie einschlägt, uachzugeben, sie in alle Schlupfwinkel zu verfolgen und sie womöglich dorthin zu bringen, wo sie sich nicht mehr verkriechen können: in den Gerichtssaal." Prinz L i e ch t e n st e i n, zu dessen Schützlingen Pfarrer Deckert zählte, übernahm es nunmehr vor allem Weitern, Dr. Bloch aus dem Parlament zu verdrängen, durch Entkleidung seiner Immunität unschädlich zu machen; er wartete nur einen günstigen Moment ab und dieser kam, als Herr von Z a l e s k i Obmann des Polenklubs wurde. -p * * Der Prozeß contra Deckert und Paulus Meyer, ist dem Gedächtnis der gegenwärtigen Generation nah?zu entschwunden. Seine Rekapitulation ist instruktiv und aufschlußreich für das nähere Verständnis späterer Vorgänge und enthüllt in greller Beleuchtung die Präludien zur Affäre Hilsner. Die „Jüdische Presse" in Berlin, hcrausgegeben vom Herrn Dr. Hirsch Hildelsheimer, zeichnete damals unter der Überschrift: „Ein Komplot und sein Ende" die Geschehnisse durch nachstehenden Artikel: Wien, 17. September. Wir in Wien haben keine Zeitungskolportage und kein Ruf schallt durch die Straßen, der den Inhalt der Preßerzeugnisse verkündigt. Wäre es anders, dann hätten wir in den Morgenstunden des Sonntag im breiten Wiener Dialekt und in der scharfen Tonart, wie sie bei unserer Straßenjugend beliebt ist, gehört: „Paulus Meyer verurteilt zu vier Monaten Gefängnis, Pfarrer Dr. Josef Deckert zu vierhundert Gulden Geldstrafe, der Redakteur des „Vaterland", Doll, zu zweihundert Gulden". Dieses Echo aus dem Gerichtssaale wäre durch irgend einen populären Refrain verstärkt worden, wie derselbe gerade zur Gelegenheit sich geschickt hätte. Bei uns sind jedoch solche Stimmen von der Straße gesetzlich verpönt und in aller Stille werden die Zeitungen in die Häuser getragen. Interessante Tagesereignisse haben hier in der Regel zur Folge, daß die Diskussion in den Kaffeehäusern sich lebhafter gestaltet. Bei dem Prozesse, der am Freitag den 15. September vor dem Wiener Schwurgerichte sich abspielte, bei dem Prozesse gegen Paulus Meyer und Genossen war dies nicht der Fall. Das sonst so laute Echo der Wiener Kaffeehäuser war plötzlich stumm geworden. Gerade in diesem Schweigen aber kennzeichnet sich die ganz ungewöhnliche Bedeutung des in Rede stehenden Prozesses, und dieses Schweigen ist auch im hohen Grade charakteristisch für unsere Zustände. Die große Mehrheit des Publikums kann des Widerstreits der Gefühle nicht Herr werden und versucht es umsonst, einen klaren Standpunkt zu gewinnen. „In meiner vierzigjährigen Praxis", so sagte der Vertreter der Anklage, Dr. Josef Kopp, „ist mir ein Fall von solcher Einfachheit und Klarheit wie der heutige noch nicht vorgekommen"; gewiß, juristisch lag der Fall sehr einfach, hinsichtlich der Schuldfrage war jeder Zweifel einfach unmöglich gemacht. Aber die Wichtigkeit des Prozesses besteht ja nicht in dem, was vorgebracht, sondern in dem, was verschwiegen wurde, in dem, was schon vermöge der Bestimmungen der Prozeße ordnung nicht zur Sprache gebracht werden konnte. Der Prozeß war so einfach und doch hörte man das Knarren eines verborgenen Räderwerkes, meldeten die in der Tiefhauseuden Kräfte in unheimlicher Weise sich an, ahnte man das Treiben der Dämonen und Gespenster hinter der Szene. Und das antisemitische und kryptoantisemitische Publikum, das heißt in Wien di-: große Masse der Zeitungsleser, sie fühlten sich in ihrer Eitelkeit verlitzt, fühlten sich beschämt und gedemütigt durch die Enthüllungen des Gerichtssaales und durch die Rolle, welche die antisemitischen Persönlichkeiten spielten. Dabei kann man dem großen Publikum doch nicht ein so starkes Gedächtnis zumuten, daß es die Dinge in ihrem Zusammenhänge zu erfassen vermöchte. So war in diesem einfachen und klaren Prozesse dem Publikum Alles unklar und verwirrt. Erst aus der Geschichte des Prozesses ergibt sich dessen große Bedeutung. Die Strahlen der ersten Frühjahrssonne beglänzten mit spielenden Lichtern die Schreibstube des Herrn Dr. Josef Bloch. Auf dem Schreibtische lag das Buch des Dr. Josef Deckert, des Pfarrers von Weinhaus, über den Knaben Simon von Trient, über den Prozeß, der gegen die Trientiner Juden aller Wahrheit und Gerechtigkeit zum Trotz angestrengt und durchgeführt wurde. „Sehen Sie", sagte Dr. Bloch damals zum Schreiber dieser Zeilen, „diese alte Geschichte wird nicht umsonst als neue Entdeckung auf den Markt gebracht. Man will das Blutmärchen aktenmäßig begründen. Man plant eine große Aktion". Dr. Bloch hatte das Richtige vermutet; allein es zeigte sich durch die Tatsachen, daß in dem Antisemitismus eine Demoralisation sich ausspricht, die noch viel weiter geht, als irgend ein wohldeukeuder Mensch anzuuehmen vermag. Das Buch des Dr. Josef Deckert, das war die mißtönende, kreischende Musik, die der brandstiftenden Bande voranzieht. In den Negerländern haben sie für besondere Gelegenheiten eine mit Menschenhaut bespannte Trommel. Auch die Trommel des Dr. Deckert war mit der Haut der Juden bespannt, welche, frei von jeder Schuld, der Tortur in Trient zum Opfer fielen. Auf literarischem Wege wollte man das Publikum empfänglich stimmen für Attentate, welche gegen die Juden und das Judentum geplant waren. Ein Buch hat mehr Autorität als ein Zeitungsartikel. Das Blutmärchen tauchte in Holleschau in Mähren und in Kol in in Böhmen auf. Mau stellte die politische Unzufriedenheit, die leichtere Entzündlichkeit der slavischen Bevölkerung mit in Rechnung. Es fand sich das „Weib aus dem Volke", welches angesehene Juden, nützliche und wohlhabende Bürger der Gemeinde wie des Staates, beschuldigte, sie hätten schon das Schlachtmesser in Bereitschaft gehalten, um den „Ritualmord" zu vollziehen. In Kolin begeht ein bei Juden bedienstetes Mädchen einen Selbstmord. Es kommt zu bedenklichen Straßenexzessen. In allen diesen Fällen wird die Schuldlosigkeit der Juden zur Evidenz erwiesen. Zwei Weiber, welche die Gerichte zu H o l l e f ch a u irrezuführen suchten, werden verurteilt. Der Staatsanwalt spricht von „unsichtbaren Händen", von einer „mächtigen Persönlichkeit",