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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-01-18 · 3 (18.1.1907) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
3 (18.1.1907)
Date
1907-01-18
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 3 Wr. Woü;rnfürrist. Gelte 49 Juden ihm blutige Rache geschworen hatten. Russische Männer, nun wißt ihr, wer die Mörder eurer treuen Verteidiger find." Offenbar hat man es hier mit einem Versuch zu tun, neue Pogrome hervorzurufen und die absolut unhaltbar gewordene Stellung der Reaktion nochmals zu befestigen. New-Dork. Ein Vertreter der jüdischen Emigranten- Hilfsgesellschaft auf Ellis Island, Alexander Harkany, ist auf einer Reise nach Europa begriffen, um mit den verschiedenen jüdischen Hilfsgesellschaften, die an der Auswanderung russischer Juden beteiligt sind, Fühlung zu nehmen. Es handelt sich hauptsächlich darum, den maßgebenden Faktoren eine genauere Kenntnis der Bedingungen, unter denen die Einwanderung in Amerika möglich ist, zu verschaffen, damit die Zahl der Unglücklichen, die zwangsweise zurückgeschickt werden, womöglich immer mehr reduziert wird. New-Nork. Der amerikanische Handelsminister Oskar Straus hat eine Kommission zum Studium der gesetzlichen Vorschriften über die Behandlung von Zwischendeck-Passagieren ernannt. Er glaubt, daß die zur Zeit in Amerika geltende Akte von 1882 einer zeitgemäßen Revision bedarf. Feuilleton. Kndapester Spaziergänge. Rassenmagyarentum. Wieder einmal spielte sich in meiner Redaktionsstube eine jener überraschenden Erkennungsszenen ab, deren geistiger Urheber, wie Sie wohl seit Längerem schon wissen, mein alter Redaktionsfreund zu sein pflegt. Eben erwog ich alle Spaziergangmöglichkeiten, dachte darüber nach, ob ich über Straßenkot oder Politik schreiben soll, und zerbrach mir sozusagen den Sonntagskopf meines geschätzten Lesers, — da pochte es ziemlich heftig an meiner Tür. Die Besuchsankündigungen meines Redaktionsfreundes vollzogen sich bisher immer im Zeichen der Bescheidenheit. Nie vorher noch ging der vortreffliche Mann über ein schüchternes Tippen des Zeigefingers am Türpfosten hinaus. Diesmal kam er mir ganz anders. Ein arrogantes Klopfen erscholl, die Tür öffnete sich angelweit und hereintorkelte ein Männchen, das es für unumgänglich nötig hielt, aus voller Lunge: „Eljen a haza!M zu schreien. Ich hatte nach dieser ungewohnten Einführung alle Mühe, in dem Äesuche meinen alten Genius aus loko zu erkennen, zumal an dem Manne, das Hemd ausgenommen, auch sonst Alles wie ausgewechselt schien. Er hatte einen ungarisch verschnürten Rock an, der, wie es schien, bereits mehrere politische „Wendungen" durchgemacht haben dürfte, nichtsdestoweniger aber im vollen Glanze seiner bewegten Vergangenheit schimmerte. Die zarten 0-Beinchen steckten in einer ditto verschnürten Hose, und auf den Kopfe meines Freundes thronte ein ungarischer Kalpag, welcher offenbar aus Verlegenheit die Farbe wechselte. Aus dem von mir zuletzt liebevoll beschriebenen, englisch zugestutzten Schnurbärtchen ist ein mächtig aufgezwirbelter Pandurenschnurbart geworden, und um den Hals bis an die beiden wegstehenden Ohren hinaus zog sich ein sogenannter „Kossuthbart", der an Authentizität und Ungepflegtheit nichts zu wünschen übrig ließ. Selbst der altgewohnte Regenschirm meines verehrten Freundes war verschwunden und hatte einem „Fokos" von ansehnlicher Schwere Platz gemacht. Nur die Nase, dieses in jeder Hinsicht bedeutende alttestamentliche Familienerbstück, strahlte noch in voller Pracht und lächelte mich an, als wollte sie sagen: mag mein Eigner auch des Lebens sämmtliche Narrheiten durchmachen, ich bleib ihm immer treu und — gebogen. An dieser Nase erkannte ich schließlich meinen Pappenheimer und beeilte mich, aus meinem Gesicht ein Fragezeichen zu machen. „Sie wundern sich, verehrter Herr Doktor, was? Aber ich will' Sie sofort aufklären und Ihnen auch den Zweck meines Daseins erörtern. Es ist mir in den letzten Monaten sehr schlecht gegangen, und als Familienvater und treuer Abonnent Ihres geschätzten Blattes habe ich eines Tages ernstlich darüber nachgedacht, wie man in Ungarn am leichtesten Karriere machen kann. Ehrlich gestanden, Hab' ich erst an das Ausland gedacht. Hauptsächlich hat Serbien meine Aufmerksamkeit erregt. Dort wird wieder einmal ein König gesucht, und man behauptet, daß sich die Serben diesbezüglich sogar in großer Verlegenheit befinden sollen. Ich war, wie Sie wissen, immer ein gefälliger Mensch. Warum hätt' ich nicht sollen einem benachbarten Staate beispringen? Die monarchischen Attribute find bei mir vorhanden, Ich Hab' elastische Schritte und Alles, was zum Majestätis hen sonst noch gehört. Und außerdem eine Dynastie — unberufen —, die nicht einmal in Serbien umzubringen ist. Aber ich Hab' mir's überlegt. Einerseits aus Gründen der persönlichen Sicherheit und dann auch aus Vaterlandsliebe. Ich sag' Ihnen, Herr Doktor, Sie haben keine Ahnung, wie weit man es jetzt in Ungarn mit ein bischen Vaterlandsliebe bringen kann. Ich Hab' mir das Rezept geben lassen, und — Gott sei Dank — ich bin zufrieden. Sie werden seh'n, in drei Monat' Hab' ich ein Mandat und bin Abgeordneter." „Wie das gekommen ist? — Sehr einfach. Sie wiffen doch, von Haus aus war ich Liberaler. Ich bin wohl nicht beim Fleischtopf gestanden, aber wenigstens habe ich mitriechen dürfen. Dann hat mich V a z s o n y eines Tages so hingerissen, daß ich staute xscle Demokrat geworden bin. Die Demokratie ist eine sehr bequeme, politische Gesinnung. Man kann sich volkstümlich geberden, man kann sogar mit den Händen essen, ohne die Prinzipien der Demokratie damit zu verletzen/ Ich war also mit Leib und Seele Demokrat und wäre für Vazsony durchs Feuer gegangen. Der Demokratenpartei verdanke ich auch meine ersten politischen Erfolge. Ich bin als Demokrat sozusagen populär geworden. Ich habe als Demokrat, wie Sie wiffen, auch den nationalen Widerstand mitgemacht und so lange keine Steuern bezahlt, daß ich mich nicht einmal heute noch daran gewöhnen kann, Steuer zu zahlen. Dann ist aber die große Verfaffungskrise gekommen, das Koalitionsminsterium und die Neuwahlen. Die Koffuth- Partei hat einen großen Sieg errungen und Ungarn hat ein neues Gesicht bekommen. Herr v. Rakovszky hat Vazsony nicht mehr geküßt und auch die siegreiche Unabhängkeitspartei hat an die Demokraten — ihre Pacemaker — vergessen. Ich aber, als politisch weitsichtiger Mensch, habe gleich bemerkt, daß man nicht mehr demokratische, sondern patriotische Saiten aufziehen muß, wenn man heute vorwärts kommen will. Und ich sage Ihnen ja, Herr Doktor, ich habe mir das Rezept geben lassen." „Vor Allem Hab' ich mir einen KoffuLhbart wachsen lassen, Hab' mir ungarische Kleider und einen Fokos angeschafft. Dann bin ich Mitglied bei 26 Koffuth-Tischgesellschaften geworden und Deputationsführer durch alle Ministerien. Jede Woche reicht mir ein anderer Minister die Hand, sogar Herr von S z t e r 6 n y i, der doch gewiß alle Hände voll zu tun hat. Außerdem lese ich jetzt nur ungarische Zeitungen, und zwar nur unabhängige oder klerikale. Das gehört erstens dazu und ist nebenbei auch ein gutes Mittel gegen Schlaflosigkeit. Dann geh' ich von Kaffeehaus zu Kaffeehaus und ruf' laut: „Lljen a haza!“ oder auch, wenn ich ein paar Juden deutsch reden hör', „Magyaml!“ So etwas macht einen sehr guten Eindruck in der Partei. Ueberhaupt Hab' ich die Absicht, langsam alle Parteigewohnheiten anzunehmen. Ich möcht' sogar, wenn es nur halbwegs möglich wär', endlich einmal ein echter Ungar, wissen Sie, so eine Art „Rassenmagyar", oder wie das heißt, werden. Dreißig Jahr lang Hab' ich verzweifelte Affimilationsanstrengungen gemacht, aber leider ohne Erfolg. Aber jetzt steht die Sache anders. Jetzt bin ich Patriot durch und durch, und einem Patrioten glaubt man heute, auch wenn er selbst jede Woche einen anderen Glauben hat. Ich habe mich zu diesem patriotischen Behufe taufen laffen. Mich, meine Frau und meine Kinder, sie sollen mir leben. Ich bin Katholik

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