Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 3 (18.1.1907)
- Date
- 1907-01-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 46 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. S zenträltz Hilfsorganisation der gesamten deutschen Judenheit in der Durchführung unserer großen Aufgaben zu unterstützen. Herr Dr. Paul Nathan ergänzte die Ausführungen des Vorredners durch einen Bericht über das Hilfswerk in Rußland- Er schilderte rtt eindrucksvollster Weise die KatastrbHe öhue Gleichen, die Ende des Jahres 19Ö5 über die russischen Juden, hereinbrach und berichtete über die Aktion, die der Hilfsverein der deutschen Juden für Rußland organisiert hat. Er wies darauf hin, daß das gemeinsame Hilfswerk der gesamten zivilisierten Welt den Notstand in Rußland wohl etwas zu lindern vermocht hat, aber das furchtbare Problem des russischen Elends könne auf dem Wege der Wohltätigkeit überhaupt keine Lösung erfahren. Redner ging auf die Verhandlungen ein, die er mit russiicheu Staatsmännern, dem Ministerpräsidenten Witte, Stolypjn u. a. in der Judenfrage gepflogen und er kam zu dem Schluß, daß von der russischen Regierung und dem Zaren, der eine Reform der Judenfrage als unzeitgemäß abgelehnt habe» kein Heil zu erwarten sei. Ebenso sei von einer direkten Einmischung seitens einer auswärtigen Macht nichts zu erhoffen. Gegen die russische Unkultur müffe sich die Solidarität der Kultur geltend machen. Das einzige Mittel des Auslandes, einen Druck zur Zivilisierung Rußlands auszuüben, sei die Versagung von Krediten, solange das Zarenreich in seiner inhumanen Politik beharre. Die Darlegungen des Herrn Dr. Nathan fanden gleichfalls stürmischen Beifall und die erfreuliche Folge der Vorträge war, daß eine große Anzahl der Anwesenden dem Hilfsverein als Mitglieder beitrat, sowie daß namhafte Beiträge sogleich gezeichnet wurden. Der Hilfsverein der deutschen Juden hat gemeinschaftlich mit der Großloge für Deutschland in Hamburg eine besondere Abteilung seines „Zentralbureaus für jüdische Auswanderungs- Angelegenheiten" errichtet. Mit der Erweiterung der Fürsorgetätigkeit für die jüdischen Emigranten, die infolge der traurigen Verhältnisse in Rußland erforderlich geworden war und mit den neuen Aufgaben, die den Plan einer zweckmäßigen Verteilung der Einwanderer in den Bereinigten Staaten an den Hilfsverein stellt, war die Etablierung eines solchen Bureaus im Haupthafen der jüdischen Auswanderung notwendig geworden. Die Adresse des neuen Bureaus ist: „Zentralbureau für jüdische Auswanderungsangelegenheiten. (Hilfsverein der deutschen Juden, Großloge für Deutschland) Abteilung Hamburg, Kleine Bäckerstraße 21." Das Bureau untersteht dem Hamburger Lokalkomitee des Hilssvereins. das sich aus folgenden Herren zusammensetzt: 1. Vorsitzender A. Lewandowski, 2. Vorsitzender Moritz Marburg Schatzmeister Albert Wolf, Dr. I. Adam, Markus Beith, M. Deutschländer, D. Friedmann, Dr. R. Hinrichsen, Oberrabbiner M. Hirsch, Dr. R. Kalmus, Paul Laskar, Dr. H. C. Plaut, Dr. Hermann Samson. Mit der ehrenamtlichen Geschäftsführung wurde Herr Paul Laskar betraut, der in segensreicher Weise auch bisher die Arbeiten in Hamburg geleitet hat. Die Tätigkeit des Bureaus hat bereits am 1. Jänner begonnen. In Verbindung mit dem Hauptbureau in Berlin und mit den zahlreichen Schutzkomitces des Hilfsvereins an der Grenze und im Innern Deutschlands wird das Hamburger Bureau es als seine Aufgabe betrachten, die mit der Auswanderung verbundenen Härten und Beschwerlichkeiten für die Emigranten zu mildern und allen Auswanderern helfend und rettend zur Seite zu stehen. Der junge „Verein zur Förderung jüdischer Kunst" in Berlin stellte in seinem Vortragsabend einen Dichter vor, von dem seit einiger Zeit viel die Rede ist. Schalom Asch, der Dramatiker, der seine Stücke im jüdischen Idiom schreibt und den das „Deutsche Theater" demnächst in einem seiner für diesen Zweck übersetzten Dramen vorführen wird, begegnete uns in dieser Vorlesung mit seinen Prosaskizzen, die Kraft und Ursprünglichkeit zeigen. Der Oberlichtsaal der Philharmonie war auf den Ruf des neuen Vereines hin stark gefüllt. Dt. Älfreß Nossig leitete die Vorlesung mit einer fesselnden und gehalts vollen Studie über die neuere jüdische Literatur ein. Er wies daraus hin, wie dieser Strom hoch anschwillt und wie es sich jetzt auf allen Gebieten dichterischen Schaffens im Judentum Urkräftig regt. Er charakterisierte die Strömungen in hebräischen Dichtung wie die in der jüdischen, der Spräche, die man mit Unrecht einen „Jargon" nenntda an sieben Millionen Menschen sie sprechen, eine reiche Literatur sich ihrer bedientda sie viel wertvolles altdeutsches Sprachgut konserviert, einen Niederschlag jeder großen Phase der jüdischen Geschichte in sich birgt und aus Sprachmischung entstand wie etwa das heutige Französisch oder Spanisch. Der Vortragende verweilte auch bei den jüdischen Schriftstellern, die unserer allgemeinen Literatur angehören, seine kritische Analyse wendete sich aber insbesondere denen zu, die aus dem jüdischen Empfinden heraus dichten, die das Mitgefühl mit den Ihrigen, die das Leid der Stammesgenossen zu Poeten macht: Von denen angefangen, die, aus den Höhen des Lebens wandelnd und in 8er vornehmsten Gesellschaft heimisch, itt ihren Dichtungen doch ihr Mitleid Mit dtztt Verfolgten ausströmen lassen, wie Zangwill, bis zu den echten Volksdichtern, die selbst alle Verfolgungen und Leiden miterdulden, die sie so ergreifend schildern. Wie Morris Rosenfeld etwa, der erst in Amsterdam Diamanten schleift, dann in London in einer Schneiderwerkstatt arbeitet, der nun in New-Aork die Frohnarbeit für eine jüdische Zeitung leistet und dabei in den kargen Mußestunden jene ergreifenden Lieder anstimmt. Leb- Hafter Beifall dankte dem Vortragenden. Rudolf Schildkraut, der vortreffliche Darsteller vom „Deutschen Theater", der glänzende Sprecher, betrat nun das Podium, um eine Anzahl Lieder von Martin Buber, Feiwel, Zlocisti, Jungmantt, aus dem Hebräischen übersetzte Gesänge von S. Frug vorzutragen. Farbenreichtum, Kraft und ausgesprochene Eigenart der Anschauung verraten 'insbesondere die Dichtungen von Frug, ein warmes Leben pulsiert in der plastischen Schilderung von Buber, die Idee in Handlung umsetzt. Von besonderer Wucht und Größe ist aber „Der Sturm" von Morris Rosenfeld, ein Sang der starren Resignation. Ist in den Dichtungen — unter die sich freilich auch einige flache und banale mischen — die Empfindung zum Lied geworden, so setzen sich in Schildkrauts Vortrag die Lieder wieder in Empfindung um. Wie die Hörerschaft, ist auch der Vortragende selbst tief ergriffen. Wachsenden Beifall erntete Schildkraut auch im zweiten Teil des fast ermüdend reichen Programms mit den so lebendig wie eindrucksvoll vorgelragenen kleinen Erzählungen von Zangwill, Perez und Schalom Asch. Jüdische Universität in Philadelphia. Ans Amerika wird berichtet: In seinem letzten Willen hatte der im vorigen Jahre verstorbene Moses A. Dropsie. ein Rechtsgelehrter in Philadelphia, folgendes verfügt: „Da sich in den Vereinigten Staaten das wachsende Bedürfnis einer gründlicheren und systematischeren Erziehung in jüdischen Wissen längst fühlbar macht und allen wahren Israeliten, die die Religion ihrer Vorfahren lieben, Gegenstand der Besorgnis ist, soll eine Anstalt für das Studium der Bibel und der gesamten jüdischen Literatur gegründet werden. ES ist mein Wunsch, daß diese Lehranstalt den Studierenden leicht zugänglich sei; da ich glaube, daß der Zweig des Wissens, der in ihr gepflegt werden soll, in allgemeinen gelehrten Anstalten nicht leicht zugänglich ist und er mir auch für die große Gesamtheit sehr nützlich zu sein scheint, bestimme ich, daß bei der Zulassung von Studierenden kein Unterschied in Bezug auf Glaube- Farbe oder Geschlecht gemacht werde". — Nun meldet der „Amer. Hebrew" von 26. Oktober: Zum Zwecke dieser Lehranstalt hat M. A. Dropsie ein Kapital von ungefähr 800.000 Dollars (3,200.000 Mark) hinterlassen. Zu den Testamentsvollstreckern gehören Richter Sulzberger, Oskar S. Straus (der neue Handelsminister), Dr. Cyrus Adler, Dr. Harry Friedenwald, die besten Namen der amerikanischen Judenheit. Nach mehreren vorausgegangenen Beratungen hat das Komitee der Testamentsvollstrecker in einer am 21. Oktober v. I. in Philadelphia abgehaltenen Sitzung beschlossen, um die staatliche Bewilligung zur Gründung einer Lehranstalt unter dem Namen „The Jewish University, founded by Moses A. Dropsie“ anzusuchen. Mit der Gründung dieser Anstalt soll die letztwillige Verfügung Dropsies ausgeführt werden, und es ist nach der Ansicht des Komitees zu erwarten, daß die neue Anstalt in der Lage sein wird, gemeinsam mit den in Philadelphia und anderwärts bereits bestehenden Anstalten ähnlicher Art zur Forderung des jüdischen Wiffens beizutragen.